Clark, Mary Higgins – Denn vergeben wird dir nie

Das Stöbern in der Vergangenheit wird für die Journalistin Ellie Cavanaugh zu einem lebensgefährlichen Unterfangen, denn der vor 22 Jahren ihretwegen verurteilte und jetzt freigelassene Mörder ihrer Schwester gehört einer mächtigen Familie an – und er ist absolut skrupellos.

_Die Autorin_

Die US-Lady gehört zu den meistgelesenen Krimiautorinnen, verlautbart ihr Verlag, |Heyne|. Ihre Romane wurden in 15 Sprachen übersetzt. Ich habe bislang keinen einzigen gelesen.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, geboren 1964, hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen, ebenso „das Mädchen“ von Stephen King, „Die Kinder von Eden“ von Ken Follett, diverses von Patricia D. Cornwell und einige Dutzend anderer Produktionen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Später war sie Moderatorin und Sprecherin bei SAT.1, n-tv, SFB, Deutsche Welle TV und bei der BBC.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich gesprochen. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber. Sie hat u.a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“) synchronisiert sowie natürlich Gillian Anderson („Akte X“).

_Handlung_

Die Journalistin Ellie Cavanaugh ist außer sich: Nach 22 Jahren soll Rob Westerfield, der missratene Spross einer reichen und äußerst einflussreichen Familie in New York State, auf Bewährung aus dem Knast entlassen werden. Bis zum heutigen Tag schwört er, den Mord an der damals 15-jährigen Nachbarstochter, Andrea Cavanaugh, nicht begangen zu haben.

Andrea aber war Ellis geliebte ältere Schwester. Ellie war sieben, als Andrea tot aufgefunden wurde: von Ellie selbst. Andrea lag blutüberströmt in der Garage des Nachbarhauses, erschlagen mit einem Wagenheber. Bis zum heutigen Tag macht sich Ellie Vorwürfe, dass sie damals ihre Eltern nicht warnte, dass Andrea mit Rob ausgehen wollte. Denn sie hatte gesehen, wie sich Andrea einen goldenen Anhänger in Form eines Herzens umgelegt hatte, den sie von Rob hatte. Merkwürdig, dass der Anhänger verschwunden war, als man die Leiche fand.

Obwohl Ellies Aussage im Mordprozess entscheidend zur Verurteilung Rob Westerfields beitrug, liegt über ihrem Leben immer noch der Schatten der Vergangenheit. Sie selbst hat nie geheiratet, nie Ruhe gefunden, sich in ihre Arbeit vergraben. Und ihr Hass auf den Mann, den sie für das Zerbrechen ihrer Familie und den Selbstmord der Mutter verantwortlich macht, ist daher ungebrochen.

Sofort reist sie in ihre Heimat, die Kleinstadt Oldham-on-the-Hudson, die im idyllischen Hudson Valley liegt. Unter dem Vorwand, für ihre Zeitung in Atlanta berichten und ein Buch schreiben zu wollen, stellt sie Nachforschungen an, die dazu dienen sollen, Rob Westerfield endgültig und für den Rest seines Lebens hinter schwedische Gardinen zu bringen. Sie richtet eine Website ein, um im Internet sofort die wichtigsten Indizien und Neuigkeiten zu publizieren. Sie hat zwar ab und zu Zweifel, ob ihre Kindheitserinnerungen alle stimmen, doch sie findet mehr und mehr Bestätigungen dafür, dass sie Recht hatte. Und sie stößt auf Hinweise auf einen weiteren Mädchenmord, der auf Robs Konto geht.

Doch die Gegenseite schläft nicht. Denn für die Westerfield geht es um alles oder nichts. Dorothy Westerfield, Robs Großmutter, droht damit, das gesamte Familienvermögen wohltätigen Stiftungen zu vererben statt ihrer Familie, falls sich Rob als schuldig erweisen sollte. Der Anwalt der Familie, William Hamilton, engagiert Zeugen, die Robs Unschuld beweisen sollen. Eine Anti-Website bewirft Ellie Cavanaugh mit Dreck, und eines nachts wird das Haus, in dem sie übernachtet, in Brand gesteckt.

Ellie ahnt allmählich (und bekommt es ständig von allen Freunden gesagt), dass sie sich mit einem mächtigen und skrupellosen Gegner eingelassen hat. Doch sie ruht nicht und gibt nicht nach. Was sie nicht ahnt: Rob Westerfield ist derartig in die Enge gedrängt worden, dass er nur noch einen Ausweg sieht: Ellie muss sterben.

_Mein Eindruck_

Na, das klingt doch schon ganz passabel für einen Krimi, bei dem die Vergangenheit die Hauptrolle spielt. Bloß gut, dass die meisten Leute, die Ellie befragt, über so ein tolles Erinnerungsvermögen verfügen – es ist so gut, dass man sich nach einer Weile schon wundert. Immerhin ist Ellie aber auch Reporterin und setzt ihre Recherchefähigkeiten dazu ein, alle möglichen Leute über Rob Westerfield auszufragen.

Ihre Hartnäckigkeit führt dazu, dass sie aufdeckt, dass Rob unter dem Schauspielerpseudonym „Jim Wilding“ an einem Anschlag auf das Leben seiner Großmutter beteiligt gewesen war. Na, da wundert jetzt fast nichts mehr, als noch eine weitere Mädchenleiche auftaucht und um Gerechtigkeit fleht. Wenn Ellie jetzt schlappmachen würde, wäre nicht nur der Roman vorzeitig aus, sondern sie könnte sich gleich aufhängen: Sie hat ihre Schuld nicht abbezahlt. Aber so weit lässt es die Autorin denn doch nicht kommen, was für ein Glück! Vielmehr taucht Ellies Halbbruder Teddy als Retter in der Not und Ritter in schimmernder Rüstung auf – auch wenn Ellie das gar nicht will. And there’s always daddy…

Ich glaube, allmählich wird klar, warum ich keine Romane von Mary Higgins Clark lesen mag. Hier schlägt das, was man in Frauenromanen obligatorisch „Schicksal“ nennt, denn doch ein wenig zu häufig zu – und immer zugunsten der gebeutelten Heldin. Außerdem wird unheimlich viel gequasselt, habe ich den Eindruck. Das ist bei Frauen sicher nicht verwunderlich, schließlich hat Mutter Natur sie dafür hervorragend ausgestattet. Glücklicherweise werden die meisten Hörbuchfassungen von Romanen so gekürzt, dass mann sich auf die Handlung konzentrieren und so ein wenig Spannung genießen kann.

_Die Sprecherin_

Pigulla ist seit „Die Leopardin“ eine meiner bevorzugten Sprecherinnen. Bei „Denn vergeben wird dir nie“ setzt sie ihre dunkle, samtweiche Stimme sehr flexibel ein, um sowohl tiefe Männer- als auch hohe Frauenstimmen wiederzugeben.

Ja, sie geht noch wesentlich weiter, indem sie die Stimmen von Besoffenen (Will N.) und von mental Beeinträchtigten (Paulie) realistisch intoniert, ohne sie bis ins Lächerliche zu übertreiben. Anders als ihre männlichen Kollegen, die es sich zuweilen einfach machen und nur vom Blatt ablesen, spricht Pigulla, wie man eben auf der Bühne sprechen würde: mit Atemholen, Seufzern, Aufatmen usw. Dieses Sprechen mag manchem theatralisch erscheinen, doch wenn Frauen unter sich sind, dürften sie genau so sprechen.

_Unterm Strich_

Es ist vor allem Franziska Pigullas Vortrag, der diesen figurenreichen und verschlungenen Krimi zu einer wahren Freude macht. Man möchte ihr am liebsten noch viel länger lauschen. Aber auch die Story ist nicht übel. Zwar werden in der Hauptfigur durchaus Zweifel laut, doch die meiste Zeit gelingt es ihr, Indizien gegen ihren Erzfeind zu sammeln. Das ist durchaus befriedigend, auch wenn aus Ellie Cavanaugh dadurch noch kein Sherlock Holmes wird. Als ganz besonders raffiniert erweist sich aber der Umstand, dass jede CD mitten in einer wichtigen Szene abbricht. Um den Rest zu erfahren, muss man sofort die nächste CD einlegen. Die 330 Minuten vergehen auf diese Weise wie im Fluge.

_Michael Matzer_ © 2003ff