Arthur C. Clarke – Im Mondstaub versunken

Clarke Mondstaub Cover 1983 kleinDas geschieht:

In einer inzwischen nicht mehr allzu fernen Zukunft (um eine exakte Datierung drückt sich der Verfasser; gewissen Andeutungen lässt sich entnehmen, dass wir uns etwa im Jahre 2040 aufhalten) ist der Mensch nicht nur auf den Mond zurückgekehrt: Er hat ihn besiedelt, Stützpunkte errichtet und schließlich Städte gebaut, deren stolze Bürger bereits nach Zehntausenden zählen. Bei den Erdmenschen steht der Nachttrabant als Reiseziel hoch im Kurs. Inzwischen gibt es in Port Clavius, der ältesten Mondstadt, eine eigene Touristenbehörde, die von Direktor Davis straff und erfolgreich geführt wird.

Die neueste Attraktion ist der Staubkreuzer „Selene“, eine Art Mondbus, der zwanzig gut betuchten Passagieren eine eindrucksvolle Fahrt über das „Meer des Durstes“ beschert. Da der Mond eine luft- und wasserlose Felsenkugel ist, wird dieses Meer von feinem Staub gefüllt, der sich allerdings unter Weltraum-Bedingungen wie eine Flüssigkeit verhält und so etwas wie eine Mond-Schifffahrt ermöglicht.

Kapitän der „Selene“ ist der Pat Harris. Ihm zur Seite steht die energische Stewardess Sue Wilkins. Beide sind gefordert, als die aktuelle Fahrt der „Selene“ durch ein Mondbeben unterbrochen wird, das den Kreuzer im „Meer des Durstes“ versinken lässt. Dort sitzt man fest, gefangen vom Staub, der die Kommunikation mit der Basisstation verhindert und einen Ausstieg verhindert; es gibt (aus dramaturgischen Gründen) ohnehin nur einen Raumanzug an Bord.

Das Verschwinden der „Selene“ erregt weltenweites Aufsehen. Die Rettung gestaltet sich schwierig, da es technisch völlig unmöglich ist, schweres Bergungsgerät an die Unglücksstelle zu schaffen. Es muss improvisiert werden, wobei sich immer wieder fatale Fehler einschleichen. Die Zeit läuft langsam ab für Passagiere und Besatzung der „Selene“. Dort weiß man dies auch, und während an der Oberfläche des Staubmeers fieberhaft gearbeitet wird, breiten sich darunter langsam, aber sicher Verzweiflung und Todesangst aus …

Abenteuer eines zukünftigen Alltags

„Im Mondstaub versunken“ zählt die strenge Literaturkritik nicht zu den großen Werken Clarkes. Dies kann leicht nachvollzogen werden, da die Handlung gar zu vertraut klingt und klingen muss, da die Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, in der ein an unzugänglicher Stelle havariertes Gefährt die Hauptrolle spielt, naturgemäß begrenzt sind. Umsichtiger Kapitän, schiefgelaufene Rettungsversuche, durchdrehende Passagiere (eventuell mit Bombe), Wettlauf gegen die Zeit: Wer einen der vielen „Airport“-Thriller gesehen hat, kann die „Mondstaub“-Story mit schlafwandlerischer Sicherheit voraussagen. (Aber wurde „Airport“ nicht erst 1970 gedreht, sodass Clarke das Recht der geistigen Erstgeburt für sich beanspruchen kann? Im Prinzip ja, gäbe es da nicht „The High and the Mighty“, dt. „Es wird immer wieder Tag“, von 1954, der John Wayne als Kapitän eines vom Absturz bedrohten Flugzeuges voller unberechenbarer Passagiere präsentiert.)

An Bord der „Selene“ beherrscht denn auch Panik das Bild. Sie lässt recht kalt: Gerade der frühe Arthur C. Clarke ist nicht als Meister der differenzierten Figurenzeichnung bekannt. Er bemüht sich, aber der Erfolg hält sich in engen Grenzen. Mit der „Selene“ fahren jedenfalls ausschließlich Fleisch (bzw. Papier) gewordene Klischee-Figuren in die Tiefe.

Dass Clarke durchaus über die Gabe der Selbstironie verfügt, belegt die Figur des geistig derangierten UFO-Jüngers Wilfried Radley, der außerdem als betrügerischer Buchhalter auf der Flucht entlarvt wird: Der junge Arthur hatte in den 1930er Jahren einen ‚vernünftigen‘ Beruf erlernen müssen und arbeitete einige Zeit als Rechnungsprüfer in einer Finanzverwaltung, obwohl die Naturwissenschaft und die Science Fiction seine echte Passion waren. Der Schock dieser Erfahrung muss wohl tief gesessen haben, wenn Clarke mehr als zwei Jahrzehnte später schildert, was aus ihm womöglich geworden wäre. (Und dann gibt es im Rettungsteam noch einen vorlauten Zeitgenossen, der stets besser weiß, was auf dem Mond und überhaupt zu tun ist, und auf den schönen Namen „Anson“ hört. Wer sich erinnert, dass so der Mittelname des großen Robert A. Heinlein lautet, wird den kleinen Spaß zu würdigen wissen.)

Was hätte sein können

Da ist es nur gut, dass Clarke dem psychologischen Drama nicht allzu viel Raum bietet. Sobald er nämlich das Leben auf dem Mond beschreibt, ist er einfach unschlagbar. Clarke gehört zu jenen Science-Fiction-Autoren, die nicht nur über schriftstellerisches Talent, sondern auch über ein naturwissenschaftliches Rüstzeug verfügen, das ihnen die Schilderung astronomischer Phänomene und künftiger Technik auf der Basis realer Fakten ermöglicht. Der (sogar studierte) Mathematiker und Physiker Clarke sah 1945 mit einer Studie über die Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation per Satellit die Zukunft tatsächlich voraus, während SF-Autoren mit ihren Prognosen oft noch schiefer als die normalsterblichen Zeitgenossen liegen.

Wir finden Clarkes Konzept leicht abgewandelt auch im vorliegenden Roman wieder. Allerdings ist die den Mond umkreisende „Lagrange II“ eher ein Zwischending, halb Nachrichtensatellit, halb Raumstation, die mit charmanter Naivität von der Zuversicht des mittleren 20. Jahrhunderts kündet, dass der Mensch der Zukunft auch im All persönlich überall vor Ort sein und erst den Mond und dann den Rest des heimischen Sonnensystems wie einst den Wilden Westen kolonisieren werde.

Hart und spannend an der Realität

Ganz auf der Höhe des Wissensstandes von 1961 lässt Clarke vor dem geistigen Auge des Lesers anschaulich eine plausible Welt entstehen. Acht Jahre vor der ersten Mondlandung kannte sich der Mensch bereits erstaunlich gut auf dem Nachbargestirn aus. Natürlich gibt es Diskrepanzen: Auf einen Staubozean, wie ihn Clarke sich hier des Plots wegen ausgedacht hat, sind die Astronauten nie gestoßen. Ansonsten gibt sich der Autor große Mühe, noch das kleinste Detail des Geschehens mit dem Ort der Handlung abzustimmen. Eine Mondreise haben sich (allzu) viele SF-Schriftsteller ausgedacht, ohne die faszinierenden physikalischen Verhältnisse zu berücksichtigen. Clarke tut es, und den Unterschied wird auch der wissenschaftliche Laie sofort bemerken!

Vom pädagogischen Eifer beflügelt, übertreibt es Clarke hier und da sogar ein wenig mit seinen Lektionen. Man merkt daran, dass er ab 1960 als Romanschriftsteller eine längere Pause eingelegt hatte und nun bevorzugt allgemeinverständliche Sachbücher schrieb Erst Stanley Kubrick holte ihn mit „2001 – Odyssee im Weltall“ zur fiktiven Science Fiction zurück.

Mit diesem Meisterwerk kann sich „Im Mondstaub versunken“ natürlich nicht messen, kann sich aber als handfeste Abenteuergeschichte problemlos behaupten. Liest man diesen Roman heute, sorgt der Nostalgie-Faktor für weiteres Vergnügen, in das sich leichte Wehmut im Gedenken an eine Zukunft mischt, in der vor gar nicht allzu langer Zeit noch alles möglich schien, und die dann so rasch verloren ging.

Autor

Normalerweise füge ich an dieser Stelle einige Zeilen über Autor und Werk an. Was Arthur C. Clarke (1917-2008) angeht, hieße das Eulen nach Athen tragen, denn als einer der ganz Großen des Genres wurde und wird er im Internet ausgiebig und oft kundig gewürdigt, sodass ich auf einige von mir zu Rate gezogene und für informativ befundene Websites verweise:

The Arthur C. Clarke Foundation
Website 2
Website 3
Website 4
Website 5

Taschenbuch: 189 Seiten
Originaltitel: A Fall of Moondust (London : Victor Gollancz 1961)
Übersetzung: Tony Westermayr
http://www.randomhouse.de/goldmann

eBook: 510 KB
ISBN-13: 978-3-641-12673-5
http://www.heyne-verlag.de

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