Arthur C. Clarke – Rendezvous mit Rama

Spannende Erforschung einer unbekannten Welt

Das rätselhafte Objekt, das die Astronomen auf den Namen Rama taufen, gibt allen Rätsel auf. Es ist noch sehr weit entfernt, deutlich außerhalb der Jupiter-Umlaufbahn. Etwas, das auf eine solche Entfernung auf dem Radar erscheint, muss riesig sein. Seltsamerweise ist es jedoch weder ein Asteroid noch ein Planetoid. Es ist nicht einmal ein natürlicher Himmelskörper. Während es auf seinem kometenartigen Weg zur Sonne rast, zeigt sich, dass es wie ein perfekter Zylinder geformt ist – ein Artefakt.

Die Erde setzt das Raumschiff Endeavour in Marsch, um Rama abzufangen, bevor das Objekt die Sonne erreicht. Im Inneren des 50 Kilometer langen Zylinders stoßen die Forscher auf geheimnisvolle Kräfte und Wesen, die ihnen mehr über die Erschaffer dieses Flugobjekts verraten …

Der Autor

Sir Arthur C. Clarke, geboren 1917 in England, lebte seit den fünfziger Jahren in Sri Lanka, wo er im Jahr 2008 starb. Seine besten und bekanntesten Werke sind „Die letzte Generation “ (Childhood’s End) und „2001 – Odyssee im Weltraum“. Ebenfalls empfehlenswert ist der hier besprochene Startband des RAMA-Zyklus, der ursprünglich den deutschen Titel „Rendezvous mit 31/149“ trug und von dem Morgan Freemans Filmproduktionsfirma seit Jahren eine Verfilmung vorbereitet. Übrigens erfand der Ingenieur Clarke schon 1947 das Konzept eines künstlichen Satelliten und später das eines Fahrstuhls in die Erdumlaufbahn.

Der RAMA-Zyklus:

1) Rendezvous mit Rama (Rendezvous with Rama, 1972)
2) Rendezvous mit Übermorgen (1989)
3) Die nächste Begegnung (Garden of Rama, 1991)
4) Nodus (Rama revealed, 1993)

Handlung

Nach einem verheerenden Meteoriteneinschlag in Norditalien anno 2077 wird das Projekt Spaceguard (Raumpatrouille) gegründet. Schon 50 Jahre später wird die Patrouille auf die Probe gestellt. Im Jahr 2130 beobachten Astronomen auf dem Mars die Annäherung eines sehr ungewöhnlichen Asteroiden, der sich dem inneren Sonnensystem nähert. Das Objekt 31/439 ist mit 200 Kilometern Durchmesser so groß wie ein Planetoid vom Ceres-Typ, überschlägt sich jedoch und reflektiert somit das Sonnenlicht auf ungewöhnliche Weise. Das Riesenobjekt rotiert um seine eigene Längsachse. Ist es ein Raumschiff von Aliens?

Nun, da die inneren Welten des Sonnensystems, bis auf die Venus, dicht besiedelt sind und selbst auf den Monden der Gasriesen Kolonien bestehen, ist es keine Kleinigkeit, wenn sich ein Raumschiff von Außerirdischen nähern würde. Kontaktversuche werden nicht beantwortet, daher schickt der Rat der Vereinigten Planeten (UP) das nächstgelegene Schiff der Raumpatrouille los, um den Eindringling abzufangen. Die UP richten einen Beirat aus Wissenschaftlern ein, um die Krise zu bewältigen. Allerdings ist dieser Ausschuss sehr unterschiedlich besetzt und meist zerstritten, aber es gibt einen brillanten Wissenschaftler namens Perera darunter, welcher der nun folgenden Expedition wertvolle Tipps gibt.

Rama

Das UFO, das inzwischen den Namen Rama erhalten hat, wird von der Endeavour Captain Nortons erst innerhalb der Merkurbahn abgefangen. Folglich haben Norton und seine Leute nur wenige Wochen Zeit, bevor die Hitze der sich nähernden Sonne sie vertreiben wird. Ramas schwarzer Zylinder ist 200 Kilometer lang und misst 50 Kilometer im Durchmesser. Norton kann keinerlei Antriebssystem entdecken, wie also wird das Ding gesteuert? Er beschließt, es durch eine Schleuse im Nordpol des Zylinders zu betreten. Es ist sogar ziemlich einfach.

Im Innern breitet sich eine ganze Welt vor den irdischen Forschern aus: Es gibt sogar Beleuchtung, die die Gäste willkommen heißt. Durch die „Zentrifugalkraft“, von Ramas schneller Drehung erzeugt, bleiben alle Objekte am Boden, so dass dort unten die Schwerkraft mit etwa 0,5 g am größten ist. Aber weit und breit findet sich kein Lebewesen. Erkundungstrupps stoßen auf siedlungsähnliche Strukturen und erkunden sie. An einem breiten Streifen Wasser müssen sie stoppen: die Zylindrische See. Dahinter erhebt sich eine 500 Meter hohe Klippe aus Metall. Doch was mag jenseits davon liegen? Und mitten in der See liegt eine Siedlung auf einer Insel. Sie nennen sie New York.

Ein unternehmungslustiger Bursche namens Jimmy Pak hat eine geniale Idee. Mit einem Ultraleichtsegler will er den Südpol erreichen, um dort zu erforschen, ob diese Gegend anders aufgebaut ist als der Nordpol. Norton genehmigt den verrückten Plan, lässt aber parallel dazu ein Floß bauen. Norton fühlt sich wie der Kapitän der ersten Endeavour“, James Cook.

Jimmy Pak gelingt es tatsächlich, mit seiner Libelle auf den Südkontinent zu gelangen. Neben geheimnisvollen Gebäuden stößt er auf kilometerlangen Masten, die aus dem Südpol herausragen. Deren Funktion wird ihm erst klar, als es zu spät ist. Sie erzeugen eine elektromagnetische Strahlung, die so stark ist, dass sie Blitzgewitter hervorrufen kann. Jimmy Pak gerät in einen Orkan! Denn die erhitzte Außenhülle Ramas hat das Eis der Zylindrischen See schmelzen lassen und genügend Temperaturunterschiede entstehen lassen, dass warme auf kalte Luft trifft – ein Sturm fegt Jimmy von den Füßen und zerstört sein zerbrechliches Gefährt.

Kaum am Boden, taucht der erste Ramaner auf. Oder das, was Jimmy dafür hält. Leider ignoriert die Maschine ihn völlig, sondern kümmert sich nur darum, die Trümmer der Libelle zu entsorgen. Doch bei diesem Pseudolebewesen, einem Bioten, bleibt es nicht. Die Flößer auf der Zylindrischen See sehen sich pseudolebendigen Haien gegenüber – und einer gigantischen Flutwelle, die auf sie zurollt …

Das ist erst der Anfang. Denn die Merkurbewohner haben beschlossen, dass ihnen Rama feindlich gesonnen ist, und schießen eine Gigatonnen-Atomrakete ab, die dem UFO den Garaus machen soll. Kann Kapitän Norton die Bedrohung abwenden?

Mein Eindruck

Mit „Rendezvous mit Rama“ heimste Arthur C. Clarke, der 2008 verstarb, alle wichtigen SF-Preise ein, und es ist auch leicht zu erkennen, warum und wofür. Er hat in Rama eine komplette Welt gebaut, die völlig autark ist und, weil von biologischen Lebewesen unbewohnt, von biotischen Kreaturen (vulgo: Roboter auf Bio-Basis) gepflegt und gewartet wird. Mithin könnten sich Passagiere, seien es Ramaner, seien es Menschen, über sehr lange Zeit hier aufhalten und überleben. Damit rückt Rama in die Nähe eines alten Konzepts der SF: des Generationenraumschiffs.

Das Generationenraumschiff hat, wie sein Name es schon besagt, die Aufgabe, seine Passagiere auf einer sehr lange Reise zu transportieren. Weil Menschen (normalerweise) nicht jahrhundertelang leben, können nur Generationen die Reise überstehen, damit Lebende die Ankunft am Ziel erleben. Heinlein und Gene Wolfe haben dazu sehr schöne Romane geschrieben.

Das Problem mit Rama ist allerdings, dass es keine Passagiere enthält oder aufnimmt. Welchen Zweck also erfüllt Rama? Dieses Rätsel gilt es zu lösen, und dazu müssen Norton und seine Leute diese Welt erforschen, als wäre es ein anderer Planet. Folglich liefert der Roman zwei Storys in einer: Generationenraumschiff und Planetenabenteuer – für den Fan optimal.

Clarke ist ein schlauer, aber auch menschenfreundlicher Physiker und nimmt seinen Leser an der Hand, um so wichtige Konzepte wie die Schwerelosigkeit, Elektromagnetismus, künstliche Lebewesen, Newtons drei Gesetze und viele weitere Dinge zu demonstrieren. Er tut dies nicht als Oberlehrer, sondern durch Anschauungsunterricht. Als Stellvertreter haben wir unterschiedliche Figuren, in deren Lage wir uns hineinversetzen können.

Charakterisierung

Im Gegensatz zur gängigen Kritikermeinung, die Clarke in eine Reihe mit Asimov stellt, ist Clarke durchaus in der Lage, seine Figuren zu charakterisieren. Norton beispielsweise sieht sich in der Tradition James Cooks, wie erwähnt. Erstaunlicher ist vielleicht, dass er zwei Ehefrauen und folglich zwei Familien hat. Sie befinden sich auf verschiedenen Planeten. Und am Schluss der Geschichte hat Norton sogar Sex mit der Bordmedizinerin, die auf den klingenden Namen Laura Ernst hört. Willkommen in den libertären Siebzigern! (Die deutsche Übersetzung gibt sich allerdings prüde. Mehr dazu weiter unten.)

Ein Mannschaftsmitglied ist ein Fan des 20. Jahrhunderts und liebt Kriminalfilme und -autoren. Das trifft sich gut, denn mehr oder weniger handelt es sich bei Ramas Erkundung um eine Ermittlung. Zwar gibt es (noch) keine Leiche, aber einen geheimnisvollen Tatort, der zahllose Indizien liefert. Andere Crewmitglieder sind sehr praktisch veranlagt und müssen alles messen, wieder andere, wie Jimmy Pak, sehr abenteuerlich und ungestüm. Jeder kommt zu seinem Recht und darf seine Meinung zum Besten geben. Diese Interaktion ist etwas ganz anderes als ein hierarchisches Kriegsschiff, sondern fast schon eine Demokratie. Entsprechend vielfältig sind die Untersuchungsergebnisse und Abenteuer in Ramas Innenwelt.

Natürlich kann keiner Kapitän Norton die schwerste Entscheidung seiner Laufbahn abnehmen. Soll er es hinnehmen, dass die Merkurbewohner Rama zerstören und sich in Sicherheit bringen? Aber wenn Rama keine Waffe, sondern eine Art Botschafter von den Sternen ist, dann würde er, Norton, zulassen, dass er den ersten interplanetarischen Krieg anfangen würde. Kann er dies vor der Geschichte, vor Milliarden von Fernsehzuschauern und der Geschichtsschreibung verantworten? Die Antwort soll hier nicht verraten werden.

Stil

Was mir schon immer an diesem Buch gefiel, ist seine Aufgeräumtheit. Die Präsentation überfordert den Leser an keiner Stelle, weil sie in so kleinen Häppchen verabreicht wird, dass er sie stets leicht verdauen kann. Kein Kapitel ist (im Original) länger als fünf Seiten, jedes hat einen sehr knappen Titel, der schon ein kleines Rätsel enthält, das zum Weiterlesen animiert. Obwohl also klar ist, dass der Autor genau weiß, was er tut, fühlt sich der Leser doch an keiner Stelle bevormundet. Vielmehr weiß er nie mehr als die Figuren und ist von den Phänomenen Ramas ebenso überrascht wie sie. Ganz leicht kommt hier der berühmte „sense of wonder“ auf.

Wissenschaftskritik

Wer feine Antennen für Ironie hat, dürfte wiederholt einen ungewöhnlich kritischen Unterton in Clarkes Beschreibungen gewisser Wissenschaftler im Beirat heraushören. Dieser Eindruck ist völlig korrekt. Clarkes hatte selbst enge Bekanntschaft mit wissenschaftlichen Bürokraten gemacht und ließ in „Rendezvous“ keine Gelegenheit, sie dem Spott preiszugeben. Besonders an dem bornierten Astronomen Anderson lässt er kein gutes Haar. Auch an dem amerikanischen Beirat hat er einiges auszusetzen und deutet an, dass diesen Typen nur der Sex der Ramaner interessiert. Als keine Ramaner aufkreuzen, ist der Kerl denn auch ganz schnell verschwunden.

Ramas Zweck

Was ist nun Ramas Zweck? Wie schon in „2001 – Odyssee im Weltraum“ und „Childhood’s End“ präsentiert Clarke das Universum als einen Ort, dessen Wunder uns Menschen erziehen und aufklären sollen, um besser miteinander zusammenleben zu können. Wir werden immer wieder auf die Probe gestellt, nicht einmal von wohlmeinenden Besserwissern, sondern einfach von den Anderen.

Rama ist in diesem Sinne eine Sonde, die uns auf die Probe stellt. Werden wir den Besucher bewirten oder vernichten? Sind wir freundlich oder paranoid? Sicherlich ist Rama nicht die einzige Sonde in diesem riesigen Universum. Lohnt es sich also für die Ramaner, ausgerechnet die Erdlinge mit einem bemannten Raumschiff zu besuchen – oder sie mit einer weiteren Rama-Sonde abzuholen? Dies geschieht in den drei Fortsetzungen. Die Erdlinge haben sich bewährt.

Die deutsche Übersetzung

Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahr 1975 und wurde nicht einmal von Heyne angefertigt, sondern vom Marion von Schröder-Verlag. In jener grauen Vorzeit nahm man auf die Ansprüche der Fans auf Authentizität einer Textgestalt noch nicht so große Rücksicht wie heute (meistens). Vielmehr nahm man sich ganz selbstverständlich Freiheiten gegenüber dem Original heraus.

Wie ich schon anhand von Lustbaders Roman „Der Ninja“  nachgewiesen habe, wurde damals, also noch Anfang der achtziger Jahre, rücksichtslos zensiert und gekürzt. Das ist leider auch bei „Rendezvous mit Rama“ der Fall. So fand ich etwa auf Seite 300 durch Vergleich mit dem Original eine Lücke.

Wie erwähnt, kommen sich Kapitän Norton und die Bordmedizinerin Laura Ernst menschlich sehr nahe. Dass sie nicht die Einzigen an Bord sind, wird in der Übersetzung ebenso verschwiegen wie die Natur ihrer Annäherung. Das Original wird ganz deutlich:

„This situation, he [Norton] knew, was doubtless repeated throughout the ship. Even though they were weeks from home, the end-of-mission ‚orbital orgy‘ would be in full swing.“

Das entscheidende Wort ist „orgy“. Mehr ist nicht nötig, um dem Leser des Originals klarzumachen, welcher Art die Annäherung zwischen Ernst und Norton ist. Der deutsche Leser darf jedoch weiter rätseln, falls er die Lücke, angedeutet durch eine Leerzeile, überhaupt bemerkt.

Auch manche Fachausdrücke wie etwa „collier“ für Kohlenfrachter (S. 104) wurden einfach übernommen. So kann sich der deutsche Leser nichts unter dem 370-Tonnen-Whitby-Collier Endeavour vorstellen, mit dem James Cook die Südsee und Australien entdeckte. Dass mit Collier keine Halskette gemeint ist, dürfte schon klar sein, oder?

Fazit: höchste Zeit für eine Neuübersetzung der vollständigen Textfassung.

Unterm Strich

Heute steht „Rendezvous“ unter Sir Arthurs Werken im gleichen Rang wie „Childhood’s End“ („Die letzte Generation“) und „2001 – Odyssee im Weltraum“. Im Hinblick auf den astronomisch-physikalischen Ideengehalt erweist sich „Rendezvous“ sogar als wesentlich zufriedenstellender als Bowmans Auseinandersetzung mit dem Bordcomputer HAL9000 an Bord der Discovery. In „Rendezvous“ liefert Clarke ein Planetenabenteuer, einen Beinahekrieg und die Idee eines Generationenschiffs in einem hübsch komprimierten Päckchen – was will man mehr?

Da diese Idee Lust auf mehr macht, hielt sich der Autor schon 1972 ein Hintertürchen offen, indem er im letzten Satz schrieb, die Ramaner täten alles in dreifacher Ausfertigung. Will heißen: Wir dürfen auf eine Wiederkehr Ramas hoffen. Ab 1989 veröffentlichte Clarke zusammen mit Gentry Lee denn auch drei Fortsetzungen zu diesem erfolgreichen Konzept. Allerdings handelt es sich weniger um eine astronomisch-physikalische Entdeckungsreise als vielmehr um eine Art Familienunterhaltung im Weltraum. Das fand ich dann weniger interessant.

Die Übersetzung, obwohl zu 99 Prozent korrekt, ist allein durch die Tatsache der Kürzung nicht völlig akzeptabel. Ich rate zur Lektüre des Originals. Das Englisch Clarkes ist recht einfach, aber keineswegs langweilig, sondern stilistisch einwandfrei.

Wem dieser Roman gefällt, der könnte übrigens auch an Gregory Benfords Roman „Im Meer der Nacht“ Gefallen finden.

Taschenbuch: 302 Seiten
Originaltitel: Rendezvous with Rama, 1972
Aus dem Englischen von Roland Fleissner (1975)
ISBN 978-3-404-24371-6
www.luebbe.de