Clifton Adams – Ein Grab in Texas

Rancher Frank Gault jagt den Mörder seiner Frau. Der wurde gerade beerdigt, aber Gaults Rachedurst und Misstrauen lassen ihn weiter nachforschen, wodurch er in ein ganz anderes Verbrechen verwickelt wird, dessen Nutznießer den lästigen Störenfried definitiv loswerden wollen … – Obwohl die Geschichte im „Wilden Westen“ spielt, ist sie eher ein Krimi. Die völlige Abwesenheit von Genre-Klischees und Sentimentalitäten sorgen zusammen mit beachtlichen Figurenzeichnungen für spannende, zeitlose Unterhaltung.

Das geschieht:

New Boston ist ein Nest irgendwo in Texas. Aktuell (d. h. im Frühjahr 1886) herrscht hier ungewöhnliche Aufregung, denn der berüchtigte Räuber Wolf Garnett wurde zu Grabe getragen. Man fand seine Leiche in einem Tümpel und brachte sie rasch unter die Erde, denn selbst seine Schwester Esther konnte Garnett nur noch anhand seiner Kleidung und Waffen identifizieren.

Frank Gault kann oder will nicht an das Ende des Outlaws glauben. Vor einem Jahr starb seine Frau, als Garnett die Kutsche überfiel, in der sie saß. Seither hat Gault sein Leben der Rache geweiht. Dass Sheriff Olsen das ausgeschriebene Kopfgeld in Höhe von 1000 Dollar für sich beansprucht, lässt sein Misstrauen steigen, weshalb Gault nächtlich sogar die Leiche ausgräbt. Anschließend ist Gault speiübel und Olsen stinksauer, weshalb er den allzu neugierigen Besucher aus der Stadt jagt.

Hartnäckig setzt Gault seine Nachforschungen fort. Er will Garnetts Schwester Esther befragen, die weiterhin die Familienfarm betreibt. Auf dem Weg dorthin gerät Gault in eine Falle und wird angeschossen. Esther, die um ihren Bruder trauert, verarztet ihn, doch von Wolfs Tod überzeugen kann sie Gault nicht. Zudem beobachtet er verdächtige nächtliche Aktivitäten, die u. a. den Sheriff von New Boston auf die Garnett-Farm führen.

Gault ist in ein Komplott gestolpert, das weit über Wolf Garnett hinausgeht. Ein alter Weidedetektiv und ein trunksüchtiger Jurist erzählen ihm von einem Goldschatz, der vor acht Jahren beim Überfall auf einen Armeetransport verschwunden ist. Auf dieses Geld haben es Olsen, Esther und ihre Spießgesellen abgesehen. Auch Gaults Begleiter lockt der Reichtum, weshalb Verfolger und Verfolgte dorthin ziehen, wo sie irgendwann aufeinander treffen werden …

Mehr als „Kuh-Jungens“, „Rothäute“ und „Banditen“

Cowboys gegen Indianer, Sheriff gegen Bank- und Postkutschenräuber, zwischen ihnen eine schöne Frau, die mehrstimmig bebalzt wird; am Ende liegen die Bösen tot im Staub, und die Guten ernten die Früchte geradliniger Gerechtigkeit: So simpel (und dumm) KANN, aber muss der Western nicht sein. Er hat so viel mehr zu bieten, wenn ihn der Mainstream nicht instrumentalisiert.

Die Geschichte der USA war ebenso bunt wie gewalttätig. Noch während der Westen wild war, haben sich Wissenschaftler und Literaten aller Qualitätsebenen mit ihm beschäftigt. Es dauerte jedoch lange, bis die wirklich unangenehmen Aspekte der ausgiebig verherrlichten Pionierzeit zur Sprache kamen. Die brutale Vernichtung der indianischen ‚Konkurrenz‘ im Zuge der Besiedlung ließ sich auf Dauer ebenso wenig leugnen wie die Sklaverei oder die Zerstörungen einer gierig ausgebeuteten Umwelt, zu denen sich unzählige weitere große und kleine Missstände und Ungerechtigkeiten addierten.

Auch der moderne „Spät-Western“ thematisierte seit den späten 1960er Jahren verstärkt solche Aspekte. Das Kino sprang auf diesen Zug auf, während im Fernsehen weiterhin selige „Bonanza“-Bräsigkeit verbreitet wurde. Der „Wilde Westen“ wurde als historische Ära mit Licht- und Schattenseiten wahrgenommen. Autoren wie Clifton Adams sorgten dafür, dass historische Realitäten Teil der ‚trivialen‘ Unterhaltung wurden.

Der Rächer als Rädchen

Zwar setzt unsere Geschichte sehr klassisch ein: Ein Mann will tun, was ein Mann tun muss, wenn ein Unrecht begangen wurde, das bisher ungeahndet blieb. Frank Gault sieht sich als Rächer, aber eigentlich ist er ein Getriebener. Er leidet unter Schlaflosigkeit und Albträumen, in denen ihm seine tote Gattin erscheint. Wolf Garnett soll nicht unbedingt sterben, weil er ein Gesetzesbrecher und Mörder ist: Gault will endlich einen Schlussstrich ziehen und wieder schlafen können.

Von Anfang an konterkariert Autor Adams jene Rache-Geschichte, die wir erwarten und an deren Ende das Duell zwischen Held und Strolch steht. Als Gault nach langer Verfolgung Garnett ‚stellen‘ kann, liegt dieser bereits in seinem Grab. Gault ist mit der Situation überfordert; seine Rachsucht kann er nicht abschalten, weshalb er sogar zum Grabschänder wird. Reine Selbstsucht treibt ihn zu weiteren Ermittlungen, da er keinen Plan B für eine Zeit nach Wolf Garnett hat.

Schon hier weist „Ein Grab in Texas“ Züge eines sehr ‚schwarzen‘ Krimis auf. Adams kannte sich auch in diesem Genre aus. Er hatte kein Problem damit, „Crime-Noir“- Elemente in den Wilden Westen zu transportieren. Immer unwichtiger wird die Rache. Nicht einmal die (rhetorische) Frage, ob Wolf Garnett womöglich noch lebt, spielt eine echte Rolle. Stattdessen tappt Gault wie ein Elefant im Porzellanladen in ein Komplott, das ihn erst recht überfordert. Er erkennt das spätestens, als er niedergeschossen wird; dies nicht, weil er darauf beharrt, den Verbleib von Wolf Garnett zu klären, sondern weil er lästig wird. Hinter den Kulissen sind Geschehnisse in Gang gekommen, die höchstens marginal mit Garnett zu tun haben.

Das Leben kennt selten Gewinner

Gault, der an seine Rache klammert, ist er eher ein passiver Zeuge der Ereignisse. Von dem, was vorgeht, erfährt er nur Bruchstücke. Er beobachtet, fragt, schlussfolgert – und irrt dennoch ratlos umher. Potenzielle Helfer sind doppelzüngige Intriganten. Sie belügen Gault, dem die Anhaltspunkte fehlen, Wahrheit und Täuschung sicher zu trennen. Andere Zeitgenossen fürchten sich vor Repressalien. Der klassische Cowboy ist bei Adams ein rechtloser Lohnarbeiter ohne Altersabsicherung. Seinen Arbeitgeber kennt er nicht, weil dieser seine Farm nicht selbst der Wildnis entrissen und aufgebaut, sondern sie gekauft hat und fremdverwalten lässt, ohne sie jemals zu betreten.

Das entspricht keineswegs einschlägigen Western-Klischees, die Adams immer wieder aufbricht. So tritt zwar einmal ein Indianer auf, doch der einst stolze und gefährliche Krieger ist ein gebrochener Mann, den die übermächtige US-Regierung zur Sesshaftigkeit und in ein Reservat zwingt, wo er ein kümmerliches Dasein als Bauer fristet.

Den ‚weißen‘ Siedlern geht es nicht wirklich besser: „Im Südwesten der Staaten wurde die Haut einer Frau braun und ledern. Mit dreißig waren die meisten Frauen alt. … Mit vierzig verloren sie allmählich ihre Zähne, oft auch ihr Haar.“ Die Eltern von Wolf und Esther Garnett starben vor ihrer Zeit verbraucht und krank. „Ehrliche Arbeit“ oder gar der „Amerikanische Traum“ stellen in diesem Umfeld Illusionen dar. Verbrecher wie Wolf Garnett suchen nach einem Ausweg, der ihnen legal verschlossen bleibt.

Der schmale Grat

Das Elend ist bei Adams ansteckend. Gault trifft ausschließlich ausgebrannte, verzweifelte Menschen, die entweder irgendwann aufgegeben haben oder ohne Rücksicht nach einem Zipfel der Wurst haschen. Angesichts der bleischweren Düsternis, die über dieser Geschichte hängt, ist es nur konsequent, dass solche Pläne und Vorstellungen scheitern. Am Ende muss sich selbst der einzig überlebende Gault fragen, was er nun mit seinem Leben anstellen soll. Seine Suche hat ihm keinen Frieden gebracht; der tatsächlich noch lebende Wolf Garnett war kein Objekt der Rache, sondern des Mitleids.

In dieser hoffnungsfreien Welt ist es gefährlich, die Bewohner zu bedrängen. Unter einer dünnen Kruste toben mühsam gebändigte Gefühle. Der Übergang zum Wahnsinn ist fließend. Adams fokussiert dies in der Figur der Esther Garnett, deren obsessive ‚Liebe‘ zum Bruder in eine Richtung weist, die unschöne Fragen aufwirft. „Olsen schrie ihr ein Wort ins Gesicht, das sie erbleichen ließ.“ Deutlicher konnte Adams 1972 die Antwort nicht formulieren, doch aus dem Zusammenhang kann sich der Leser durchaus zusammenreimen, was Olsen Esther vorgeworfen hat.

Dass ein Western, der eher einem nihilistischen Drama gleicht, ungemein spannend sein kann, stellt Autor Adams nicht zum ersten Mal unter Beweis. Er war ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler, der mit dafür verantwortlich ist, dass der Western (er-) wachsen (werden) konnte. In den USA ist Adams nicht in Vergessenheit geraten. Hierzulande ist der literarische Western seit vielen Jahren tot. Das ist schade, denn Romane wie „Ein Grab in Texas“ bieten Lesestoff, der einmal mehr belegt, dass „trivial“ keineswegs bedeutungsidentisch mit „anspruchslos“ sein muss.

Autor

Clifton Adams wurde am 1. Dezember 1919 in Comanche, Oklahoma, geboren. Ein Studienversuch an der University of Oklahoma Business School in Norman folgte bald die Erkenntnis, dass sich Adams lieber als professioneller Schriftsteller versuchen wollte. Der II. Weltkrieg, eine Ehe und die Gründung einer Familie ließen ihn jedoch davon Abstand nehmen, bis er es ab 1950 erneut und ernsthaft mit dem Schreiben versuchte.

Adams verfasste Western, die bei Kritik und Publikum gut ankamen. Außerdem schrieb er als „Jonathan Gant“ in den 1950er Jahren einige Kriminalromane. Ein weiteres Pseudonym – wieder für Western – war „Clay Randall“. Adams verfasste außerdem 125 Artikel für die „Saturday Evening Post“, das „American Legion Magazine“, „Argosy“ u. a. Publikationen.

Gleich in zwei aufeinander folgenden Jahren (1969 und 1970) wurde Adams der „Spur Award“ der „Western Writers of America“ verliehen. Am 7. Oktober 1971 erlitt der Schriftsteller in San Francisco einen Herzanfall und starb im Alter von nur 51 Jahren.

Taschenbuch: 128 Seiten
Originaltitel: The Last Days of Wolf Garnett (Garden City/New York : Doubleday 1970)
Übersetzung: Norbert Wölfl
www.randomhouse.de/goldmann

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)