Colin Dexter – Mord am Oxford-Kanal

Chefinspektor Morse liegt im Krankenhaus und langweilt sich. Ein altes Buch führt ihn auf die Spur eines seit 150 Jahren ungeklärten Mordes, dem sich der Polizist als Ablenkung und mit überraschenden Folgen widmet … – Der 8. Morse-Krimi ist einer der schönsten der Serie und ein großartiger Rätselkrimi überhaupt, weil spannend, witzig, berührend aber unsentimental, kurz: ein Lesegenuss!

Das geschieht:

Chefinspektor Morse von der Thames Valley Police wird nach heftigen Blutungen in Magen und Zwölffingerdarm ins Krankenhaus eingeliefert. Dort liegt er nun und ist den unangenehmen Fragen der Ärzte nach seinen Trinkgewohnheiten, den wenig freundlichen Krankenschwestern und vor allem seiner Angst und der Langeweile ausgeliefert.

Der Zufall fügt es, dass der Mann im Nebenbett, mit dem es das Schicksal noch schlechter als mit Morse meinte, diesem ein Büchlein hinterlässt, das sich mit einem ungelösten Mordfall des Jahres 1859 beschäftigt. Im Sommer dieses Jahres war Joanne Franks tot und offensichtlich erdrosselt oder erschlagen in den Fluten des Oxford-Kanals gefunden worden. Die nicht mehr ganz junge, wenig begüterte Frau hatte für eine Reise von Liverpool nach London (wo sie von ihrem Gatten erwartet wurde) eine Passage auf der „Barbara Bay“ erworben, einem der zahlreichen Lastkähne, die damals Waren aller Art über den genannten Kanal in die Hauptstadt beförderten. Die Besatzung des Kahns stellte die Hauptverdächtigten; eine vierköpfige Gruppe rauer Kerls, die sich Zeugen gegenüber höchst ungebührlich über ihren Passagier geäußert hatten.

Die gerichtliche Untersuchung konnte den Fall nicht wirklich klären. Sie endete trotzdem für zwei der Angeklagten mit einem Todesurteil; die Justiz des 19. Jahrhunderts ging stets lieber das Risiko ein, zwei Unschuldige hinzurichten, als einen Mörder entkommen zu lassen. Viele Fragen blieben offen im Mordfall Franks, auch wenn die Akte offiziell geschlossen wurde.

Fast anderthalb Jahrhunderte später beschließt Morse, den Mord an Joanne Franks neu aufzurollen; es ist dies die gerade richtige Aufgabe für den langsam genesenden, hochintelligenten Polizisten, der Rätsel über alles liebt. Weniger begeistert ist der treue Sergeant Lewis, der wieder einmal nicht weiß, wie ihm durch seinen sprunghaften Vorgesetzten und Freund geschieht. Aber der hat mehrfach Feuer gefangen. Die zart erblühende Romanze zwischen Morse und der Bibliothekarin Christine Greenaway ist ein weiterer guter Grund, sich dem Franks-Fall weiterhin zu widmen. Immer tiefer dringt Morse in die Geheimnisse der Vergangenheit ein und enthüllt ein viktorianisches Komplott, das eindrucksvoll bestätigt, wie einfallsreich die Menschen zu allen Zeiten in ihrem Bemühen waren, sich ungesetzlich zu bereichern …

Der „bedsite detective“ – Kriminalistik mit Hindernissen

Der achte Fall des Chefinspektors Endeavour Morse ist wohl der einer der besten und sicher der außergewöhnlichste dieser großartigen Reihe. Es gibt keine mehr oder weniger detailliert beschriebenes „police procedural“, kein schaurig schwarzhumoriges Intermezzo in der Leichenhalle, keine Verfolgungsjagd.

Der Kriminalist liegt krank und hilflos auf dem Rücken, und das Mordopfer wurde vor mehr als einem Jahrhundert von seinem Schicksal ereilt. Doch was eigentlich gegen sämtliche Regeln der Krimispannung zu verstoßen scheint, bringt eine von der ersten bis zur letzten Zeile ebenso spannende wie witzige und sogar bewegende Geschichte hervor. Inspektor Morse und Colin Dexter entdecken das Handicap als Herausforderung, die beide glänzend meistern.

Der wahre Forschergeist kann selbst auf dem Krankenbett keine Ruhe geben; er findet immer eine Möglichkeit, sich den Beschränkungen zu entziehen, denen der Körper unterliegt. Es ist ein Riesenspaß zu verfolgen, wie der matt gesetzte Morse im Krankenhaus recherchiert, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Helfer und Hilfsmittel einsetzt, sie geschickt instrumentalisiert, dabei improvisiert, sich irrt, einem Geistesblitz nachgibt und sich unbeirrbar der Lösung seines eigentlich sinnlosen Falles nähert.

Neugieriger Mann mit verborgenen Saiten

So gut wie in „Mord am Oxford-Kanal“ ist es Dexter wohl nie gelungen seinen Lesern deutlich zu machen, wie sein Inspektor Morse funktioniert. Genie, Irrtum und allzu Menschliches liegen eng zusammen im Hirn dieses seltsamen Mannes, der klassische Musik und Literatur, komplizierte Rätsel und billige Softpornos liebt.

Morses Leben ist stets auch ein Kampf gegen die Tücke des Objekts, die allgegenwärtige Einsamkeit und den Stolz. Dieses Mal wird er in allen Punkten gefordert, denn als Patient ist Morse hilflos und sieht sich ganz anderen Kräften ausgesetzt als in ‚seinem‘ Polizeirevier. Dort hat er sich in langen Jahren einen Freiraum erkämpft, den ihm nicht einmal die Vorgesetzten streitig zu machen wagen. Doch im Krankenhaus ist Morse nur eine Nummer. Vor allem leidet seine Selbstachtung, denn er ist weitaus empfindsamer, als er die Welt wissen lassen möchte. Freilich dauert es nicht allzu lange, bis er sich mit der neuen Umgebung arrangiert hat, und dann ist er bald wieder der alte.

Alte Geschichte wird aufpoliert

Der Plot von ist ebenso schlicht wie genial, sodass rasch die Vermutung aufkeimt, Dexter stütze sich hier auf eine wahre Begebenheit. Dem ist in der Tat so, und der Verfasser gibt in seinem Dankeswort selbst den Hinweis auf die Geschichte der Christine Collins, die im Jahre 1839 auf dem Trent and Mersey Canal (auch „Grand Trunk“ genannt) nahe Rugely in Staffordshire einem Mord zum Opfer fiel. Allerdings ist die Realität ein wenig nüchterner als Dexters Version; die unglückliche Collins wurde wohl wirklich von einigen Kanalschiffern missbraucht und anschließend umgebracht. Dexter arrangiert die Fakten neu und entwirft ein wesentlich komplexeres Bild, das dem angeblichen Opfer eine neue Rolle in einem düsteren Spiel zuweist.

Und wie er dies macht, verdient Bewunderung. Selten hat man die Möglichkeit, einen wahren Meister bei der Arbeit zu beobachten. Dexter verschränkt nicht nur die historische Wahrheit nahtlos mit der Fiktion, sondern lässt es auch trügerisch oder besser spielerisch einfach aussehen! Die Verfasser der heute so beliebten ‚historischen‘ Kriminalromane prunken gern mit mühsam angelesenen Wissen und vergessen darüber, dass dies die Mehrheit der Leser nur insoweit interessiert, wie es der Geschichte nützt. Auch Dexter gestattet sich Abschweifungen, aber er weist sie geschickt seinem Inspektor Morse zu, dessen Haken schlagenden Gedankengänge wir auf diese Weise besser kennenlernen.

Ansonsten trifft absolut zu, was der Dichter Thomas Carlyle einst in Worte fasste: „Alles, was die Menschheit je getan, gedacht oder erreicht hat, und alles, was sie je gewesen ist, findet sich wundersam bewahrt auf den Seiten von Büchern.“ (Dexter zitiert ihn auf der Seite 109.) Hier mag des Rezensenten Begeisterung mit ihm durchgehen, denn er ist selbst Historiker und kann bestätigen, was Morse erstaunt registrieren muss: Die Vergangenheit ist ein aufgeschlagenes Buch, in dem sich noch nach vielen Jahren mehr nachlesen lässt, als dies der Laie denkt, wenn man nur weiß, wie man es anstellen muss. Seit vielen Jahrhunderten gibt es Menschen, die von Berufswegen oder aus Passion niederschreiben, was um sie herum geschieht. Mit dem nötigen Fachwissen und ein bisschen Glück sind daher Enthüllungen, wie sie Morse hier gelingen, durchaus möglich. Umgekehrt ist es gar nicht so einfach bis unmöglich, jeden Beleg für ein Ereignis zu tilgen; es hinterlässt stets mehr Spuren, als man ahnen würde.

Polizist und Historiker

Insofern gibt es eine enge Verbindung zwischen dem Polizisten oder Detektiv und dem Historiker. Inspektor Morse ist ohnehin beides, denn er stammt zwar aus einfachen Verhältnissen, kam aber in den Genuss einer klassischen Ausbildung, doch leider nicht zu einem Vermögen, sodass er sich nach einem Brotjob umschauen musste und die Polizeiarbeit wählte, die seinen Neigungen noch am ehesten entsprach.

Colin Dexter wiederum ist in gewisser Weise ein Alter Ego seines Inspektors. Ihm gelang, was Morse versagt blieb bzw. weniger interessierte als die gesetzlich sanktionierte Möglichkeit, im Privatleben anderer Menschen herumzustochern: eine (mehr oder weniger) geruhsame Gelehrten-Karriere, die durch den Erfolg der Morse-Romane und der nach ihnen entstandenen TV-Serie für Dexter von einem Ruhestand in Wohlstand und Ansehen gekrönt wurde.

Leider veranlasste ihn dies dazu, Morse im Verlauf seines 13. Falls im Jahre 1999 kurzerhand umzubringen, was die Krimifreunde hart traf. Andererseits trat Morse – anders als Inspektoren wie Pitt, Jury, Lynley und allzu viele andere – ab, als es am schönsten war und man ihn noch richtig vermisste.

Autor

Norman Colin Dexter, geboren am 29. September 1930 in Stamford in der englischen Grafschaft Lincolnshire, studierte klassische Sprachen und Literatur in der Universitätsstadt Cambridge. Nach dem Abschluss lehrte er zunächst an einer Oberschule. Mitte der 1960er Jahre begann Dexter sein Gehör zu verlieren, was ihn für den Schuldienst disqualifizierte. Er wechselte an ein philologisches College in Oxford, wo er vor allem für die Ausarbeitung der Prüfungsangaben zuständig war.

Als Schriftsteller wurde Dexter Anfang der 1970er Jahre aktiv. Sein Werk blieb schmal und beschränkt sich auf 13 Romane und diverse Kurzgeschichten um das Polizeigespann (Chief) Inspector Morse und Sergeant Lewis, die deutlich in der Tradition von Sherlock Holmes und Dr. Watson stehen, denen Dexter jedoch sehr eigenständige Wesenszüge verleiht, die sie zu einem der beliebtesten Detektiv-Duos der Neuzeit werden ließen. Verzwickte und wunderbar ziselierte Plots und ein trockener, sehr britischer Humor trugen zum Erfolg bei, den eine ganze Flut von Buchpreisen auch faktisch belegte. Zwischen 1987 und 2000 entstanden 33 Folgen einer Inspector-Morse-TV-Serie, die als ein Höhepunkt der britischen Fernsehgeschichte gilt. Seit 2007 ermittelt Morses ehemaliger Assistent Lewis in einer eigenen, ebenfalls erfolgreichen Serie.

Ungeachtet der sich erhebenden Proteste brach Dexter seine Serie 1999 ab, weil ihm die Ideen ausgingen. Inspector Morse gehört zu den seltenen prominenten Gestalten der Kriminalliteratur, die definitiv sterben. Dabei ist es tatsächlich geblieben. In seinem 87. Lebensjahr ist Colin Dexter am 21. März 2017 in Oxford gestorben.

Taschenbuch: 186 Seiten
Originaltitel: The Wench Is Dead (London : Macmillan London Ltd. 1989)
Übersetzung: Christiane Friederike Bamberg
www.rowohlt.de

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