John Connolly – Die weiße Straße [Charlie Parker 4]

Im Süden der USA wecken Rassisten die Geister der Vergangenheit, die Sühne für einen vor langer Zeit begangenen Lynchmord fordern. Zwischen allen Fronten versucht Privatdetektiv Charlie Parker, den aktuellen Tod eines Mädchens zu klären – und dabei am Leben zu bleiben … – Ungemein spannender, mit drastischen Gewaltszenen nicht sparender, atmosphärisch intensiver Thriller, in den sich Elemente des Phantastischen mischen. Wo es funktioniert, entsteht eine ebenso unheimliche wie poetische Zwischenwelt, in der die Lebenden und die Toten Seite an Seite existieren.

Das geschieht:

Nachdem vor drei Jahren ein irrer Serienkiller seine kleine Familie auslöschte, versucht Charles ‚Bird‘ Parker, einst Polizist in New York und nun Privatdetektiv im US-Staat Maine, einen Neuanfang. Im Städtchen Scarborough hat er sich mit seiner Lebensgefährtin Rachel niedergelassen; ein Kind ist unterwegs. Auch beruflich hat er Fuß gefasst und gerade den Fall einer vor Jahren spurlos verschwundenen jungen Frau übernommen. Auf keinen Fall will Parker sein neues Glück gefährden. Er sieht es ohnehin durch den mörderischen „Prediger“ Faulkner bedroht, den er vor einiger Zeit ins Gefängnis gebracht hat. Aufgrund der unsicheren Beweislage könnte es jetzt geschehen, dass Faulkner auf freien Fuß gesetzt wird. Er hat bereits gedroht, sich an Parker zu rächen, und spinnt aus seiner Zelle entsprechende Intrigen.

Parker will vor Ort die weitere Entwicklung abwarten. Deshalb gerät er moralisch in die Zwickmühle, als ihn ein alter Freund dringend um Hilfe bittet. Elliot Norton ist als Anwalt in der Südstaatenmetropole Charleston tätig. Sein aktueller Klient ist der neunzehnjährige Atys Jones aus dem kleinen Ort Grace Falls. Er wird beschuldigt, seine Freundin vergewaltigt und erschlagen zu haben, was er heftig bestreitet und Norton ihm glaubt. Doch Jones ist schwarz, und die ermordete Marianne Larousse war nicht nur weiß, sondern die Tochter des Industriemagnaten Earl Larousse. Der zornige Vater will Rache, Lynchjustiz liegt in der Luft. Norton steht allein. Als man ihm sein Haus über dem Kopf anzündet, kann Parker Norton seine Unterstützung nicht mehr verweigern.

Wie er es befürchten musste, gerät er umgehend in einen Hexenkessel. Noch immer ist der weiße Rassismus der Südstaaten lebendig. Wer sich dem Plan, den „Nigger“ zu strafen, in den Weg stellt, lebt gefährlich. Parker muss außerdem feststellen, dass Geister umgehen: Das Phantom einer Frau im weißen Mantel mischt sich in den Konflikt ein. Als auch noch Parkers unheimliche Freunde, die Berufskriminellen Louis und Angel, in South Carolina, auftauchen, ist die Lunte des Pulverfasses abgebrannt …

Kalte Heimat im heißen Süden

Die Südstaaten der USA bilden nicht nur aber vor allem in der Kriminalliteratur einen Hort einschlägiger Klischees. Stets ist es heiß und feucht, die Natur wuchert üppig, die menschlichen Gefühle wallen entsprechend hoch. Meist sind sie unerfreulicher Natur, denn der Süden gilt als Brutstätte krankhaft stolzer, schwer bewaffneter, notorisch gewalttätiger, geistig unterbelichteter Zeitgenossen, die sich krampfhaft an eine angeblich große Vergangenheit klammern, die auf der gewerbsmäßigen Ausbeutung schwarzhäutiger Mitmenschen basiert.

Der Rassismus der Südstaaten ist eine historische Tatsache. Dass er auch heute existiert, ist leider nicht zu bestreiten. Ob er sich so manifestiert, wie John Connolly ihn uns in seinem hier vorgestellten Roman – dem vierten der Charlie-Parker-Reihe – präsentiert, ist freilich fraglich. Allzu plakativ lässt er es in ‚seinem‘ Süden zugehen, in dem die Zeit irgendwann in den frühen 1960er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Der Rassismus sei nicht verschwunden, sondern einfach nur älter geworden, lässt er einen seiner Protagonisten bitter sagen B dieser Prämisse ist die Handlung angeglichen. Jedes entsprechende Klischee kommt vor, doch muss man dem Verfasser zugestehen, dass man als Leser vom Strom der außerordentlich spannenden Handlung rasch an ihnen vorbeigetrieben wird. (Wie man die weiterhin aktuelle Rassenproblematik überzeugender in Worte fassen kann, zeigt James Lee Burke mit seiner großartigen Serie um den Privatermittler Dave Robicheaux.)

Wobei diese Spannung nicht unbedingt aus dem Plot entsteht. Der ist bekannt: Idealistischer Detektiv versucht im Kampf gegen die Zeit und den erdrückenden Widerstand gesetzloser Machtmenschen einen Unschuldigen zu retten, während im Hintergrund der Henker schon den Elektrischen Stuhl ölt. Connolly weiß, was er aus dieser Story herausholen kann, und erzählt sie routiniert und rasant.

„Southern Gothic“ – buchstäblich

Was „Die Weiße Straße“ im Positiven wie im Negativen von einem ‚normalen‘ (Südstaaten-) Thriller unterscheidet, sind zwei Eigenheiten, die den Schriftsteller Connolly ziemlich einzigartig machen. Da ist zum einen sein enormes Geschick Stimmungen zu erzeugen. Durchaus pathetisch beschwört der Verfasser Gefühle wie Zorn, Verbitterung und Trauer, aber auch Liebe und Freundschaft. Dafür findet er gleichermaßen einfache wie starke Worte. Eine wichtige Rolle spielt dabei stets die Landschaft. Connollys Süden ist eine seltsam belebt oder besser beseelt wirkende Natur, in der sich die Tragödien der Vergangenheit widerzuspiegeln scheinen.

Denn die Vergangenheit ist für Connolly ebenso aktuell wie die Gegenwart. Deshalb stellt für ihn die Präsenz von Geistern kein Problem dar (auch wenn ihr Erscheinen manchen Krimifreund verwirren dürfte). Zwischen dem Einst und Jetzt, dem Jenseits und dem Diesseits kann es in der Welt, wie Connolly sie sieht, zu einem Austausch kommen. Vor allem mächtige Emotionen können Pforten zwischen den Sphären aufreißen, die an manchen magischen Orten ohnehin sehr dicht nebeneinander liegen. Was auf dieser Welt an Konflikten ungelöst bleibt, bleibt in der nächsten eine schwärende Wunde. Die Seelen der Toten kommen zurück, wenn sie nach Sühne oder Erlösung suchen. Mit ihnen kommen manchmal schreckliche Kreaturen aus unmenschlich fremden Regionen der jenseitigen Welt. Sie sind auf Leid und Tod aus, denn daraus ziehen sie ihre Befriedigung.

Was als Konzept für einen Thriller recht seltsam klingt, funktioniert besser als erwartet oder befürchtet. Connollys Figuren sind primär gefühlsgesteuert. Charlie Parker versucht es anfänglich mit Logik, als er sich auf seine Rolle als Familienvater besinnt. Doch als ein Freund zu einem Kreuzzug für die Gerechtigkeit aufruft, stürzt er sich sogleich ins gefährliche Getümmel. Er kann nicht anders, und so ergeht es auch den übrigen Personen unseres Dramas – denn ein Drama ist es, das Connolly manchmal übertreibt, wenn er düstere Ahnungen & Visionen allzu sehr mit der realen Handlung verquirlt oder Menschenschicksale wie auf Schienen einem vorherbestimmten Ende entgegensteuert.

Anti-Held u. a. Klischees

Parker selbst ist weniger Kriminalist als Seher. Schon in seinen ersten beiden Abenteuern hat er sich auf seine Intuition gestützt. Ihm fehlt die schützende oder abstumpfende Membran, die uns übrige Menschen vor dem Einfluss des Übernatürlichen bewahrt. Seit „In tiefer Finsternis“ vermag Parker Dinge zu sehen, die ihm als Detektiv helfen, ihn aber gleichzeitig erschrecken und belasten. In „Die weiße Straße“ drängt ihn Aaron Faulkner endgültig auf die ‚andere‘ Seite – er speit ihm in den Mund und öffnet ihm endgültig die Augen für die Präsenz von Geistern und Ungeheuern in der Welt. Parkers Dilemma wird jetzt vor allem, dass er sein auf diese Weise erworbenes Wissen nicht mitteilen kann, ohne von seinen Mitmenschen, seinen Freunden, seiner Frau für verrückt gehalten zu werden.

Das Stichwort „Klischee“ ist bereits gefallen. Es lässt sich im Zusammenhang mit der Zeichnung der negativen Figuren oft anwenden. Nehmen Typen wie „Little Tom Rudge“, „Clyde Benson“ oder „Willard Hoag“ womöglich an einem Wettbewerb teil, in dem der überzeugendste Vertreter dummen, verstockten „weißen Abschaums“ gesucht wird? Müssen quasi sämtliche Gegner Parkers von allen guten Geistern verlassen, d. h. „verrückt wie Scheißhausratten“ sein (wie Stephen King es einst anschaulich ausgedrückt hat)?

Immerhin: Atys John ist kein schwarzer Märtyrer, an dem Connolly die Verbrechen des Rassismus‘ abarbeitet, sondern ein ganz normaler Mensch – ein Kotzbrocken sogar, wie ihn sein eigener Verteidiger tituliert. Das wirkt glaubhaft und realistisch, wird jedoch umgehend relativiert, indem der Verfasser eine mysteriöse Fehde zwischen den Jones‘ und den Larousses inszeniert (in der erneut Geister mitmischen).

Drama mit Vorgeschichte

Die Handlung von „Die weiße Straße“ schließt unmittelbar an die Geschehnisse von „In tiefer Finsternis“ an. Connolly setzt die Kenntnis dieser Vorgängergeschichte voraus, selten greift er sie erläuternd auf. Das ist wichtig, denn die Motive mancher Figuren erklären sich aus dem, was sie zuvor erlebt oder erlitten haben. Das gilt natürlich für Charlie Parker selbst, aber auch für die wichtigen Nebenfiguren Angel und Louis, die man auch als dunkle Spiegelbilder Parkers bezeichnen könnte. Immer noch sind sie für manchen zynischen Gag gut, doch sie sind nicht länger nur Charlies letzte Rettung, wenn es hart auf hart geht, sondern müssen ihr eigenes Päckchen tragen. Das weckt Interesse an ihren Schicksalen, und es übertüncht die Unwahrscheinlichkeit der Tatsache, dass praktisch sämtliche Ereignisse dieses Buches sich schließlich zu einem Knoten schürzen.

John Connolly hat in Interviews mehrfach betont, dass er an der Kombination von Thriller und Phantastik festhalten wird. Das Konzept ist wie gesagt interessant, doch es relativiert die bedrückende Intensität, mit der Charlie Parker ursprünglich in die verbrecherischen Abgründe der menschlichen Seele hinabgestiegen ist. Geister und Dämonen verwässern diesen Eindruck, denn sie übernehmen quasi die Schuld, die ansonsten die Figuren selbst an ihrem Handeln trugen. Der Mensch benötigt keine übernatürlichen Stellvertreter, die ihn zu grausamen Untaten inspirieren; das schafft er selbst sehr gut.

Auf diese Weise bleiben die aktuellen Charlie-Parker-Romane des John Connolly vor allem spannende, sehr gut geschriebene, in einzelnen Szenen bemerkenswerte, sogar mit trockenem Humor glänzende Geschichten, die eine Lektüre lohnen, auch wenn sie ihre Eindringlichkeit weitgehend eingebüßt haben.

Autor

Obwohl er die Odyssee eines US-amerikanischen Privatermittlers beschreibt, wurde John Connolly 1968 im irischen Dublin geboren, wuchs dort auf, studierte und arbeitete (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs) als Journalist (für „The Irish Times“), was er fortsetzt, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-„Bird“-Parker-Thriller kennt Connolly aber durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

Taschenbuch: 461 Seiten
Originaltitel: The White Road (London : Hodder & Stoughton 2002)
Übersetzung: Georg Schmidt
http://www.ullsteinbuchverlage.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Schreibe einen Kommentar