Donn Cortez – CSI Miami: Der Preis der Freiheit

Bizarr und peinlich ist der Tod des Kellners Phillip Mulrooney, der auf der Toilette des vegetarischen Restaurants „Earthly Garden“ sitzend vom Blitz erschlagen wurde. Da das CSI-Team um Lieutenant Horatio Caine diesen Fall untersucht, dauert es nur kurze Zeit, bis Zweifel aufkommen. Die Toilette wurde anscheinend zur Todesfalle umgebaut, der Blitz durch eine kunstreiche Vorrichtung zum Pechvogel Mulrooney geleitet.

Die Ermittlungen ergeben, dass „Earthly Garden“ ein Unternehmen der „Vitality Method“-Klinik ist, die vom charismatischen Dr. Sinhurma geleitet wird. Der hat sich einen Namen als neuer Guru gemacht, der seinen meist prominenten und gut betuchten ‚Patienten‘ seine Lebensphilosophie verkauft. Für Caine ist „Vitality Method“ eine Sekte, die ihre Mitglieder per Gehirnwäsche und Drogen kontrolliert.

Bei Phillip Mulrooney versagten des Doktors Kräfte allerdings; er lehnte sich gegen die Regeln des Meisters auf und wurde in besagtes Restaurant ’strafversetzt‘, was ihn freilich nicht davon abhielt zu ’sündigen‘. Hat ihn deshalb die Strafe seines ‚Gottes‘ Sinhurma getroffen?

Caines Team sammelt die wenigen Tatort-Indizien und wertet sie aus. Ein raffinierter Mordplan wird aufgedeckt, doch gibt es keine Hinweise auf den oder die Täter. Als eine Zeugin aus dem Umfeld von Dr. Sinhurma auftaucht, verspricht sich Caine viel von ihren angekündigten Aussagen über die dunklen Seiten von „Vitality Method“. Aber ein weiterer Mord lässt diese Quelle versiegen.

Dem CSI-Team bleibt nur die Möglichkeit, mit den spärlichen Indizien zu arbeiten. Dies wird zum Wettlauf mit der Zeit, als sich herauszukristallisieren beginnt, dass Sinhurma zusehends dem Cäsarenwahn verfällt, sich den Gesetzen der profanen Welt nicht mehr verpflichtet fühlt und stattdessen mit gottgleichem Zorn gegen ‚Verräter‘ vorgeht …

„CSI“ ist Fernsehen in Kino-Qualität. Darüber vergisst der Zuschauer gern, dass den meisten der inzwischen zur stattlichen Zahl angewachsenen Folgen eine gemeinsame inhaltliche Struktur zugrunde liegt. Anders ausgedrückt: Viele Handlungselemente wiederholen sich, wobei sie so variiert werden, dass dies hoffentlich nicht negativ auffällt. Diese ‚Normierung‘ betrifft alle drei „CSI“-Serien.

Wobei „CSI: Miami“ seit einiger Zeit mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Fälle verlassen allzu sehr den Boden der Tatsachen bzw. der Hightech-Labors, in denen Horatio Caine und sein Team jene Wunder wirken, die reale Naturwissenschaftler und Ermittler mit Neid (oder Spott) erfüllen. Man darf es weder mit dem Zufall noch mit der Action übertreiben, sondern sollte sich an das Erfolgsrezept der Serie halten, das da lautet: Aus winzigen Indizien schmiedet eine Gruppe trickreich zusammenarbeitender Männer und Frauen nach und nach eine stabile Beweiskette.

Donn Cortez führt uns das in „Der Preis der Freiheit“ exemplarisch vor. Er beschränkt sich nicht darauf, die TV-Welt von „CSI: Miami“ möglichst authentisch als Roman aufleben zu lassen, sondern hat sich einen richtig guten Plot ausgedacht, der verfilmt der Serie Ehre machen würde! Die Handlung ist rasant und nimmt bis zum spannenden Finale an Tempo ständig zu. Ausgedehnte Labor-Sequenzen wirken nicht bremsend, sondern sind Teil des Geschehens. Sie bestätigen, dass Caines Team nie auf Vermutungen angewiesen ist, sondern auf Fakten bauen kann, was sich wiederum positiv auf die Handlung auswirkt, deren manchmal gewagte Richtungsänderungen gut begründet werden können. Der Leser wird nie für dumm verkauft, Cortez spielt mit offenen Karten, auch wenn die Regeln, nach denen diese gespielt werden, nur dem versierten Naturwissenschaftler und Kriminologen bekannt sein dürften. Aber das erwarten wir vom „CSI“, und das mögen wir, also steigert es das Lektürevergnügen zusätzlich.

Erstaunlich viel Mühe hat sich Autor Cortez mit der Recherche für seinen Roman gegeben – erstaunlich deshalb, weil „Der Preis der Freiheit“ doch ’nur‘ ein „Buch zur TV-Serie“ ist. Normalerweise gehören solche Werke, die Teil des Franchises sind, nicht zu den vorderen Gliedern der Verkaufskette. Sie zielen auf den Fan, der sich auch mit Mittelmäßigem zufriedengibt, wenn nur seine Lieblingshelden Berücksichtigung finden. In dem Wissen darum, wie miserabel der ’normale‘ „tie-in“-Roman viel zu oft geschrieben bzw. zusammengebastelt wurde, schätzt man Cortez‘ Leistung noch höher ein. Wie konstruiere ich eine Rakete, mit der ich einen Blitz ‚einfangen‘ kann, wie verwandle ich eine Kloschüssel in einen elektrischen Stuhl, wie ‚funktioniert‘ Gehirnwäsche, wie ‚arbeitet‘ eine Sekte: Solche und andere manchmal sehr exotische kriminalistische Fragen werden seriös beantwortet. Nie opfert der Autor die Glaubwürdigkeit dem Effekt, eine Tugend, die sogar die TV-Serie manchmal aus den Augen verliert …

Schon die bisherigen Äußerungen machen deutlich, dass Donn Cortez ein gleichwertiger ‚Ersatz‘ für den Schriftsteller-Veteranen Max Allan Collins ist, der zwischen 2001 und 2005 Romane zu den „CSI“-Serien schrieb und dabei hervorragende Arbeit leistete. Cortez nimmt seinen Job nicht nur in Sachen Plot-Konstruktion ernst. Er hat auch ein feines Gespür für die Figuren. Kein „tie-in“-Roman wird überzeugen, wenn die dem Film- oder Fernsehzuschauer bekannten Darsteller sich anders ‚benehmen‘ als auf der Leinwand oder dem Bildschirm. Die „CSI: Miami“-Schauspieler sind sehr bekannt für ihre Eigenarten, die David Caruso alias Horatio Caine sogar in echte Manierismen verwandelt. Das kann leicht lächerlich wirken, doch Cortez findet die Lösung: Er entwirft einen komplexen Caine-Charakter, dessen Verhalten begründet ist. Gleichzeitig vertieft Cortez gewisse Eigenschaften, die in der TV-Serie nur eine untergeordnete Rolle – falls überhaupt – spielen: Als Freund des trockenen Humors kennt man Horatio Caine dort jedenfalls nicht unbedingt!

Die Zeichnung der Figuren, mit denen es das „CSI“-Team zu tun bekommt, kann sich ebenfalls sehen lassen. Dr. Sinhurma ist beileibe nicht der schurkisch-verlogene, dazu geile Sektenboss, der in viel zu vielen US-Fernsehserien sein Unwesen treibt. Cortez hat sich über das Phänomen des Sektenwesens informiert und ist über plumpe Agitation erhaben. Stattdessen skizziert er das komplizierte und komplexe Netz, das über Menschen geworfen wird, die nach neuen Lebenszielen suchen – ein Netz, das auch die Selbsttäuschung derer einschließt, die es werfen, denn Sinhurma gehört zu den ‚Heiligen‘, die tatsächlich an sich und ihre Taten glauben. Er ist ein interessanter Charakter, und sein Ende ist deshalb nicht der moralisierende ‚Triumph‘ nach dem Motto „Crime doesn’t pay“, sondern realistisch – realistisch wie dieser rundum erfreuliche Roman.

Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Science-Fiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin „Locus“ als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für „Marvel Comics“, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.

Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren diese Websites:

Hardcover: 310 Seiten
www.donncortez.com
www.sfwa.org/members/DeBrandt
www.vgs.de