Alison Croggon – Das Baumlied (Die Pellinor-Saga 4)

Die Pellinor-Saga:

Band 1: „Die Gabe“
Band 2: „Das Rätsel“
Band 3: „Die Krähe“
Band 4: Das Baumlied“

Von dem abschließenden Band der Pellinor-Saga habe ich mir eine Verbindung der Handlungsstränge um den Winterkönig Arkan aus „Das Rätsel“ und um die schwarze Armee – beziehungsweise die Probleme des Namenlosen mit den Generälen derselben – aus „Die Krähe“ erwartet. Doch Alison Croggon schafft es in geradezu verblüffender Weise, beide Bände vollständig zu ignorieren. „Das Baumlied“ schließt inhaltlich direkt an „Die Gabe“ an; was dazwischen vorgefallen ist, verkommt zur reinen Makulatur. Selten hat ein Autor sein eigenes Werk dermaßen ignoriert, sich der Möglichkeit gesteigerter Komplexität beraubt. Schade! Doch damit nicht genug; das vermeintlich grandiose Finale, welches auf dem Buchrücken angekündigt wird, entpuppt sich als Strohfeuer. Von wegen |Die schwarze Armee marschiert nach Norden. Die sieben Königreiche stehen vor dem Untergang.|

Solch schlimme Dinge spürt man nicht in diesem Buch. Die schwarze Armee ist weit entfernt, mit der plakativen Beschreibung von Gräueltaten hält sich Croggon diesmal zurück. Sie setzt wieder auf die Wohlfühlatmosphäre, die schon „Die Gabe“ ausgezeichnet hat. Es wird wieder ordentlich schnabuliert, edelste Getränke und erlesenste Speisen finden sich in Edil-Amarandh an jeder Straßenecke. Allerdings sieht es mit der Handlung ganz anders aus, hier herrschen literarische Hungersnot und Dürre. Es passiert rein gar nichts. Saliman wird krank, Hem steht ihm zur Seite. Maerad … nun, ich habe schon die halbe Handlung verraten, und belasse es dabei. Alison Croggon pflegt einen emotionalen Schreibstil, der allerdings in der Handlungsarmut dieses Bandes zum belanglosen Schwulst mutiert.

Der dem Bösen verfallene oberste Barde aus „Die Gabe“ – er taucht auch im Abschlussband nicht mehr auf. Arkan aus „Das Rätsel“? Er hat ein paar Zeilen, mehr nicht. Die Rebellion von Sharmas Generälen aus „Die Krähe“ ist anscheinend auch beendet und hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Die Kindersoldaten sind ebenfalls Geschichte. Allerdings hat Maerad jetzt golden glühende Hände, und Hem kennt auch einen Teil des Baumlieds. Das reicht, um Sharma zu besiegen. An irgendeiner Straßenecke taucht er auf und wird … wie eigentlich … vernichtet. Einfach so.

Das etwas magere Finale des „Herrn der Ringe“ bot immerhin den dramatischen Kampf Frodos und Gollums um den Ring und gegen ihre eigene Gier. Eine bekannte Parodie spielt darauf an, dass man den Ring auch gleich von einem Riesenadler aus in den Vulkan hätte werfen können. Trotzdem ist dieser Schluss Gold verglichen mit dem des Baumlieds. Was Maerad dem Namenlosen antat, muss allerdings wesentlich grausamer gewesen sein. Sie hat gesungen, der Namenlose ist daraufhin sofort restlos vernichtet. Reichlich unspektakulär – eine gewisse Assoziation zu „Deutschland sucht den Superstar“ drängt sich hier leider unwillkürlich auf.

Fazit:

Der Preis für den antiklimatischsten und langweiligsten Abschlussband einer Fantasyserie seit mehreren Jahren geht an Alison Croggon. Er ist auch entlarvend, denn die ganze Komplexität ihrer Welt entpuppt sich als reine Heuchelei, ein Tolkien-Abklatsch ohne eigenen Charakter. Allerdings scheint die Autorin den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Ihr Wohlfühl-Fantasy-Stil ist gefällig, allerdings nur, wenn man seine Fantasy am liebsten leicht und seicht haben möchte. Ich muss mich ganz klar zu dem kernigeren Stil von Joe Abercrombie oder Richard K. Morgan bekennen, in Sachen Komplexität und Weltenbau kann es Croggon mit J. R. R. Tolkien, George R. R. Martin, Steven Erikson und R. Scott Bakker nicht aufnehmen.

Sie pflegt wie gesagt das, was man so schön einen emotionaleren Schreibstil nennt. Das Buch spricht tatsächlich auch vornehmlich eine weibliche Leserschaft an, wie man aus begeisterten Amazon-Kritiken entnehmen kann. Bevor ich mich in die Rolle des ignoranten Mannes drängen lasse, möchte ich darauf hinweisen, dass ihre Kolleginnen Trudi Canavan und Sara Douglass wesentlich stärkere Charaktere liefern und bewegend schreiben können, ohne dass die Handlung darunter leidet. Die Entwicklung von Maerad und Hem wird ebenfalls nicht weiter vorangetrieben; was bleibt, ist ein sehr fader Ausklang der Reihe.

Ich hatte bis zu diesem Band Hoffnung, die Pellinor-Saga würde sich steigern. Doch dieser Abschlussband enttäuscht auf ganzer Linie. Alle vielversprechenden Ansätze aus „Die Krähe“ und „Das Rätsel“ wurden nicht aufgegriffen, viele Fragen offen gelassen und die angedeutete Komplexität mit Landkarte, Anhang und Zitaten aus fiktiven Werken entpuppt sich als aufgesetzte Täuschung. Wer Freude an den Dialogen Cadvans mit Maerad oder Salimans mit ihrem Bruder Hem gefunden hat, wird auch diesen Band ertragen können. Bei mir überwiegt jedoch die Enttäuschung über die Mogelpackung, als die sich die Pellinor-Saga entpuppt hat.

Taschenbuch: 528 Seiten
Originaltitel: The Singing
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