Alison Croggon – Das Rätsel (Die Pellinor-Saga 2)

Die Pellinor-Saga:

Band 1: „Die Gabe“
Band 2: „Das Rätsel“
Band 3: „Die Krähe“
Band 4: „Das Baumlied“

Die Bedrohung durch den Namenlosen zwingt die Gruppe um Maerad zur Teilung. Während Cadvan und Maerad weiter nach dem Ursprung des Baumlieds suchen, soll Saliman ihren Bruder Hem nach Turbansk in Sicherheit bringen und dort zum Barden ausbilden. Doch auch dort gibt es keine Sicherheit, denn Imank, der Feldherr des Namenlosen, rückt unaufhaltsam vor.

Maerads Flucht und Suche führt sie von der Bardenschule der warmen Südmeerinsel Thorold bis in die eisigen Gefilde des Nordens, der Heimat der Pilanel, unter denen Maerad Verwandte väterlicherseits hat. Doch dort lauert auch Arkan, der Winterkönig. Es gelingt dem Elementar, Maerad in seine Gewalt zu bekommen. Beide entdecken Gefühle füreinander, und es zeigt sich, dass der Elementar keineswegs ein loyaler Verbündeter des Namenlosen ist, sondern eigene Pläne verfolgt. Doch das macht ihn bei aller Zuneigung nicht zwangsweise zum Verbündeten, bestenfalls zu einem sehr wohlwollenden Kerkermeister.

Getrennte Wege

Alison Croggon bedient sich eines bewährten Musters: Die Gemeinschaft löst sich auf in mehrere kleine Gruppen, die an verschiedenen Orten zeitgleich agieren. Allerdings wechselt Croggon nicht kapitelweise, sondern hat die komplette Handlung rund um Hem und Turbansk in den dritten Band „Die Krähe“ verlegt. Cadvan und Maerad selbst steht eine lange Reise bevor, ständig auf der Flucht vor exotischen See-/Nacht-/Eiskreaturen. Der Aufenthalt in der Bardenschule von Busk auf der Insel Thorold ähnelt dem in Inneil: schöne Frauen, gutes Essen, Friede, Freude … Eierkuchen habe ich allerdings vermisst. Dafür gibt es einen unheimlich weisen Ziegenhirten, der das Klischee bis ins Unerträgliche überspannt, um schließlich doch nur als Stichwortgeber zu funktionieren: Ab in den Norden, in dem Maerad ihr völlig unbekannte Verwandte väterlicherseits (ihr Vater Dorn war ein Pilanel) hat, die sie dennoch liebevoll und hilfsbereit aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits von Cadvan getrennt, den sie nach einem der zahlreichen Überfälle des Namenlosen für tot hält.

Der folgende Handlungsabschnitt gegen Ende des Romans ist sehr kurz, aber dennoch der einzige für den Gesamtfortschritt der Trilogie relevante, zudem wartet er mit einer kleinen Überraschung auf: Anstatt die vermutete Romanze zwischen Cadvan und Maerad zu entwickeln, knistert es zwischen Maerad und ihrem Entführer Arkan, dem Eiskönig. Der Elementar sieht die Welt aus ganz anderen Augen als die Menschen und bringt ihnen im Gegensatz zu der Maerad wohlgesonnenen feenhaften Elementaren Ardina nur Verachtung entgegen. Die Beziehung zwischen den beiden kann durchaus mit der von Hades und Persephone verglichen werden. Auf Croggons Webseite und Originalcovern wird Maerad passenderweise stets in wallenden Gewändern mit Aquarellfarben dargestellt, stark angelehnt an die Darstellung der Persephone von Dante Gabriel Rosetti und den das Griechentum nachahmenden Klassizismus. Der verliebte Arkan wird Maerad seinen Teil des Baumlieds offenbaren, was sie allerdings nicht von Fluchtplänen abhalten kann …

Zu meinem Bedauern wird dieser Handlungsstrang rasch beendet, dafür werden hunderte Seiten zwischenmenschlichen Gefühlen eingeräumt; selbst der kleinste Nebencharakter darf einmal auf die Tränendrüse drücken, bevor er für immer aus der Handlung entschwindet. Nun gut, ausufernde Landschaftsbeschreibungen und eine gewisse überdetaillierte Langatmigkeit der Charakterisierung sind Stilmerkmale dieser Tetralogie und mögen sicher manchen Leser eher ansprechen und von diesem positiver bewertet werden. Der eklatante Mangel an Handlungsfortschritt und der nicht vorhandene Spannungsbogen, der durch sich wiederholende Monsterangriffe auf fragwürdige Weise erzeugt werden soll, führen zu gepflegter Langweile und Desorientierung, denn echter Fortschritt oder auch nur die geringste Andeutung darauf, wie die Gesamthandlung sich weiterentwickeln könnte, fehlen zu meinem Bedauern. Das macht Croggon im Folgeband „Die Krähe“, in welchem Hem die Hauptrolle spielt, bedeutend besser; so wie die Handlung bisher vor sich hintröpfelt, muss der vierte und abschließende Band dennoch massivst – der Superlativ ist hier fast noch untertrieben – im Tempo anziehen, um noch zu einem befriedigenden Ende zu kommen.

Fazit:

Maerad reist um die halbe Welt – und kommt doch nur einen Schritt voran. Man muss die Detailverliebtheit und den Hang zur Romantisierung der Autorin schätzen, um damit leben zu können. Leider bleiben die Charaktere trotz allen Aufwands stets klischeehaft und flach, auch trotz der Mühe, sie zu differenzieren. Insbesondere Maerad bleibt zugunsten von Nebencharakteren auf der Strecke und ausschließlich – und unerklärlicherweise – als naiver Liebling aller in Erinnerung. Schade, denn bereits im Folgeband „Die Krähe“ zeigt Croggon mit Hem, wie man aus dem vermeintlich prototypischen Außenseiter dennoch einen interessanten und vielschichtigen Charakter entwickeln kann, ohne dabei Handlung und Rahmenhandlung derart eklatant zu vernachlässigen. „Die Gabe“ hatte Schwächen, war aber dennoch wesentlich unterhaltsamer als dieser Lückenfüller. Zum Glück rafft sich Croggon wieder auf und wird mit dem dritten Band „Die Krähe“ und spannenderen Abenteuern in Turbansk für diesen mäßigen und sehr handlungsarmen Mittelband entschädigen.

Taschenbuch: 496 Seiten
Originaltitel: The Riddle
Besprochene Auflage: April 2008
www.alisoncroggon.com
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