Dean Koontz – Schwarze Fluten (Odd Thomas 5)

Die Methusalem-Maschine

Eigentlich ist Odd Thomas ein bescheidener, sympathischer Schnellimbisskoch. Doch er hat besondere Fähigkeiten: Er kann die Geister der Toten sehen. Diesmal ist es eine ermordete Frau, die seine Hilfe sucht. Er soll ihren kleinen Sohn retten – vor dem eigenen Vater.

Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Begleiterin Annamaria gelangt Odd Thomas auf den Landsitz eines mächtigen Filmproduzenten. Da Odd geradezu körperlich angezogen wird von dunklen Geheimnissen und unmenschlicher Gewalt, überrascht ihn eine unheilvolle Geistererscheinung dort nicht: Eine ermordete Frau erscheint ihm und fleht ihn an, ihr Kind zu retten, das in tödlicher Gefahr schwebt.

Also durchstreift Odd das Anwesen, findet aber zunächst statt eines Kindes nur weitere Schrecken: ein Mausoleum voller ermordeter Frauen, am helllichten Tag einbrechende Nacht und dunkle, menschenähnliche Kreaturen, die gnadenlos Jagd auf ihn machen. Offensichtlich hat sich der Hausherr mit bösen Kräften verbunden. Aber zu welchem Zweck? (Verlagsinfo)

Der Autor

Dean Koontz wurde 1945 in Pennsylvania geboren, musste in seiner Jugend hungern, schrieb Schundromane für einen Hungerlohn, lernte seine Frau Gerda kennen und konnte schließlich mit ihr nach Kalifornien ziehen, wo das Ehepaar seither stets mit einem Golden Retriever zusammenlebt. Es gibt kein einziges Koontz-Buch der letzten Jahrzehnte – etwa seit „Geschöpfe der Nacht“ -, in dem nicht mindestens ein Loblied auf diese Hunderasse angestimmt wird. „Schwarze Fluten“ bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

Die zahlreichen Thriller und Horror-Romane des schärfsten Konkurrenten von Stephen King wurden sämtlich zu Bestsellern und in über 30 Sprachen übersetzt. Weltweit hat Koontz laut Verlag über 400 Mio. Exemplare verkauft. Leider wurden bislang nur wenige von Koontz’ Büchern verfilmt, so etwa „Watchers“. Die beste Verfilmung ist meiner Meinung nach „Intensity“, aber der Film strapaziert die Nerven derart, dass er nur höchst selten gezeigt wird. Immerhin ist inzwischen der erste Roman um Odd Thomas verfilmt worden (siehe meinen Bericht).

Die Reihe um Odd Thomas

1) Odd Thomas (Die Anbetung)
2) Forever Odd (Seelenlos)
3) Brother Odd (Schattennacht)
4) In Odd We Trust (Graphic novel)
5) Odd hours (Meer der Finsternis)
6) Deeply Odd (2013)
In Odd We Trust (2008) (mit Queenie Chan)
Odd Is on Our Side (2010) (mit Fred Van Lente)

Odd Interlude
1. Odd Interlude Part One (2012)
2. Odd Interlude Part Two (2012)
3. Odd Interlude Part Three (2012)
Odd Interlude (2012, deutsch als „Lichtlos“ im E-Book)

Handlung

Odd Thomas ist ein Grillkoch, der die Geister von Toten sehen kann. Nach seinem letzten Abenteuer hat er sich zusammen mit der jungen Frau Annamaria zu dem geheimnisvollen kalifornischen Anwesen Roseland aufgemacht und bei dem reichen Hedgefonds-Manager Noah Wolflaw Obdach erhalten. Er weiß weder, worin hier seine eigene Aufgabe hier besteht noch was die Mission Annamarias ist, die sich im achten Monat einer Schwangerschaft befindet. Sie braucht seinen Schutz, und das ist der Grund, warum er trotz aller Vorkommnisse in Roseland nicht weiterreist.

Schon in einer der ersten Nächte erlebt er den lebhaften Traum von einer verzweifelten toten Frau auf einem großen Pferd, die ihn stumm auffordert, sich um einen Jungen, ihren Sohn, zu kümmern. Doch wer ist dieser junge Mann? Der einsilbige Koch Mr Shilsom ist es sicher nicht, und der philosophisch-melancholische Wachmann Henry Lolam wohl auch nicht. Der hat ihn davor gewarnt, sein Zimmer nicht zwischen Abend- und Morgendämmerung zu verlassen. Odd dachte, die Gefahr rühre vielleicht von Pumas und Luchsen her.

Doch schon die erste Nacht belehrt ihn eines Besseren. Ein Wachmann, der sich Kenny Mountbatten nennt und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Tod ist Heilung“ trägt, rückt Odd auf die Pelle und drückt ihm seine Uzi auf die Brust. Odd gelingt es, seine Anwesenheit zu erklären und Kenny zum Reden bringen. Der hatte offenbar die übliche traurige Kindheit und befreite sich auf amerikanische Art davon: Er verduftete und nahm einen anderen Namen an.

Während sie so gemütlich klönen, geht eine unheimliche Röte vor den Fenstern des leeren Pferdestalles auf. Doch dies ist nicht der Sonnenaufgang, denn der wäre etliche Stunden zu früh dran. Kaum ist Kenny mit angstvollem Blick auf dieses Licht verschwunden, linst Odd durch die schmutzigen Fenster hinaus: Alle Dinge werfen nun zwei Schatten, und die Röte am Horizont ist keine zweite Sonne, sondern trägt die Farben des Höllenfeuers.

Wie als Begleiter dieser gruseligen Erscheinung tauchen Humanoide auf, die Scweineköpfe und Waffen tragen. Sie schnuppern eindeutig hungrig nach Menschenfleisch. Es gelingt Odd, sich in einem stabilen Futterkasten des Pferdestalls zu verstecken und diesen gegen die Versuche der Ungeheuer, an das „Futter“ heranzukommen, zu verteidigen. Wie auf ein Zeichen verschwinden sie wieder. Der echte Tag ist angebrochen.

Als er Henry, den Wachmann, nach Kenny, dem Wachmann mit der Uzi, fragt, stellt sich heraus, dass es Kenny in Wahrheit nicht gibt – er war also der Geist eines Verstorbenen, ein Odd wohlbekanntes Phänomen. Wenn später taucht wieder die Frau auf dem Hengst auf und sie wirkt verzweifelt: Als Odd ihrer nach oben weisenden Hand folgt, klettert er in eine Eiche – gerade noch rechtzeitig, um den Monstern aus der vergangenen Nacht zu entgehen, die schon wieder nach ihm suchen. Allmählich fragt sich Odd, was an Roseland so Besonderes ist, dass sich hier die Toten und die Hölle treffen …

Mein Eindruck

Die Odd-Thomas-Romane sind eine Kombination aus übernatürlichem Horror, weltlicher Action und Odds ureigener Zutat: schräge Philosophie über die Welt und seine Mitmenschen. Alle diese Bauteile finden sich auch in der fünften Romankonstruktion wieder. Woran Band 4 der Reihe krankte, hier gelingt die Mischung aus Drama, Horror und Komödie. Die entscheidende Zutat ist nämlich Zukunftsphantasie à la H. G. Wells. Und damit kulminiert die Handlung in einem phantastischen Höhepunkt, der mich durchaus zu fesseln wusste.

Doch der Reihe nach. Was Odd, wie in allen Abenteuern zuvor, herausfinden ist: Worin besteht das Unheil, das ihm die Reiterin vorhersagt, und wie kann er es verhindern? Denn die Macht, die ihn per psychischem Magnetismus hierhergezogen hat, muss sich wohl etwas dabei gedacht haben. Annamaria ist das rätselhafte Orakel für diese Sendungsmacht: Odd müsse jemanden retten, und die Zeit werde knapp.

Die Ermittlung, um welche Person es sich dabei handeln könnte, führt unseren Ich-Erzähler kreuz und quer über das weitläufige Grundstück des anno 1922 erbauten Anwesens eines Hollywood-Filmmoguls. Immer wieder stößt Odd auf Kupferstäbe, die in Mauern und Böden eingelassen sind und das Zeichen für Unendlichkeit tragen: eine liegende 8.

Einem Hinweis folgend drückt er auf den Öffnungsmechanismus im Mausoleum des Erbauers und macht dahinter mehrende bedeutende Entdeckungen. Eine riesige Maschine unbestimmten Zwecks. Wie sich herausstellt, wurde sie von dem genialen Erfinder Nicola Tesla erbaut, und zwar zu einem sehr merkwürdigen Zweck: die Zeit anzuhalten. Die Bewohner von Roseland altern nicht. Kein Wunder, dass sie ihr Territorium nur im äußersten Notfall verlassen. Und sie haben eine Möglichkeit bekommen, sich sogar zu verjüngen.

Diese Methusalem-Maschine ist die Verbeugung des Autors vor dem Steampunk. Dieser feiert fröhliche Urständ nicht nur in der Literatur – seit den achtziger Jahren -, sondern auch in Mode und Design. Zahnräder und Zeppeline sind sogar schon als Tätowierungsmotiv gesichtet worden. Von H. G. Wells stammt denn auch die entscheidende Zutat: eine Zeitmaschine. Nichts weiter darf darüber verraten werden. Der Leser sei gewarnt: Überall, wo sie eingesetzt wird, kommt es zu Zeitparadoxa, die ihn dazu angetan sind, ihn zu verwirren. Ich fand das jedenfalls geistig sehr anregend.

Zweitens bemüht der Autor zahlreiche Analogien zu Edgar Allan Poes Erzählungen. Die offensichtlichen Analogien zu Roseland, dieser schützenden Zeitkapsel, sind das Haus Usher und die Burg von Fürst Prospero, wo er Zuflucht vor der Seuche des Roten Todes sucht – vergeblich, wie wir wissen. Die Ironie, die Kritik ermöglicht, ist offensichtlich.

Odd ist belesen genug, nicht nur diese Parallele zu sehen, sondern sie auch zu kritisieren. Er kennt seinen Shakespeare aus dem Effeff, und wann immer Wolflaws Philosophie zitiert wird, erkennt er sie als ein Zitat aus Shakespeares Dramen. So lässt er dieser Philosophie die Luft raus. Wolflaws Jünger sind wie in einer Sekte zusammengeschweißt. Doch zu welchem Ziel und Zweck?

Dies wird in der zweiten Entdeckung enthüllt, die Odd im Mausoleum-Keller macht: Leichen, unzählige Leichen von jungen, blonden Frauen. Und das Seltsamste an ihnen ist: Keine einzige ist vom Zahn der Zeit angenagt, so dass sie aussehen wie im Moment ihres gewaltsamen Todes …

Philosophisches Beiwerk

Nach Mystery, Steampunk und Action bleibt noch die Odd-Philosophie übrig, den es zu würdig gilt. Der „Oddismus“ ist eine typisch amerikanische Mischung aus lebensnaher Erfahrung, schrägen Ansichten über das Leben, besonders das nach dem Ableben des Körpers, und schließlich über den Sinn und Zweck des menschlichen Lebens an sich.

Odd gibt an keiner Stelle vor, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Er hat sie auch nicht mit der Muttermilch eingesogen, denn seine Mutter war eine verrückte Schreckschraube (sie tritt im zweiten Band auf). Aber wie ihm schon sein Ozzie, der Krimiautor, geraten hat, vermischt er jede grausige Zuspitzung mit ironischen und (mehr oder weniger) humorvollen Betrachtungen. Außerdem ersetzt er auf witzige Weise alle [Kraftausdrücke] und [Schimpfwörter] durch Klammern, wie ich es hier tue. Das macht den Text auch für ältere Leser leicht verdaulich, die sich von solche Vulgarismen abgestoßen fühlen könnten.

Viel wichtiger für den Oddismus ist Stormy Llewellyn, Odds interessante Freundin, die bereits im 1. Band ihr junges Leben lassen musste. Sie hat nicht nur ganz eigene Ansichten über ihre Aufgabe im Diesseits, sondern begreift sich auch als Wanderin auf dem Weg zum endgültigen Jenseits.

Die Stationen auf diesem Weg zur Endstation erklären auch die Anwesenheit von Geistern in Odds Leben. Als Geister treten Hunde auf (der unvermeidliche Golden Retriever, der jeden Koontz-Roman ziert), aber auch Mr. Alfred Hitchcock (wegen der Verbindung zum Filmgeschäft) und Mr. Nicola Tesla persönlich. Teslas Experiment von 1899, das er in Colorado zeigte, ist dem Filmkenner aus Christopher Nolans Film „Prestige“ bestens bekannt.

Annamaria, das Orakel

Die rätselhafte Frau vom Strand in Band 4, Odds hochschwangere Verbündete, gibt nicht nur unserem Helden eine Menge Rätsel auf. Sie hat eine eindeutige Verbindung zum Jenseits, denn das silberne Glöckchen, das sie Odd gibt, bannt die Geister und kündigt einen weiteren Notfall an. Auch die Weisheiten und Kenntnisse, die sie wie selbstverständlich preisgibt, verraten einen Kontakt zu jemandem, der schon längst aus Odds Leben verschwunden ist: Stormy Llewellyn. Doch wie sagt Annamaria so schön? „Alles zu seiner Zeit.“ Annamaria ist die Madonna, die als Odds Schutzheilige und Seelenführerin fungiert.

Die Übersetzung

98% des Textes sind fehlerfrei und sehr flüssig zu lesen, aber es haben mich doch ein paar Fehlerchen gestört. Die üblichen Flüchtigkeitsfehler will ich kurz aufzählen.

S. 46: „eine von diesen New-Age-Spinnerin entpuppst.“ „Spinnerin“ sollte den Plural haben, also „Spinnerinnen“ lauten.
S. 69: „was da seinen verzerrter Schatten warf“. Korrekt wäre „verzerrten“.
S. 147: „durch das große Haus[e]“. Richtig wäre „Haus“.
S. 205: „Wie kommen Sie den[n] darauf?“ Das zweite N fehlt.
S. 243: „dass sich mich wichtig genug fanden“. Statt „sich“ müsste es „sie“ heißen.
S. 272: „zu[r] dem Gewebe… aufstiegen“. Das R ist überflüssig.
S. 290: „Er taucht[e] auf vier Bildern auf.“ Das E fehlt.
S. 312: „sagte [d]er alterslose Junge“. Das D fehlt.
S. 318: „bleib“ statt „blieb“. Ein simpler Buchstabendreher, aber dennoch verwirrend.

Unterm Strich

In mehreren Schüben entwickelt der erste Teil des Romans eine unterschwellige Spannung, die von den rätselhaften Phänomenen herrührt, auf die Odd stößt. Auch die Bewohner von Roseland wirken nicht ganz koscher. Die Frage, wer der Mensch ist, der seine Hilfe braucht, treibt Odd an, das weitläufige Feudalanwesen zu durchsuchen. Er muss bald feststellen, dass es ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Wie in einem neuen Spielszenario muss er diese Gesetze und Regeln lernen, um überleben zu können.

Alle Vorbilder, die für Odd gelten, werden vom Autor fein säuberlich auf S. 263 aufgezählt. Dazu gehören, wie erwähnt, „Der Fall des Hauses Usher“ von E. A. Poe, „Das Durchdrehen der Schraube“ von Henry James, „Das Höllenhaus“ von Richard Matheson (auch Roseland verändert sich auf unerklärliche Weise) und schließlich der erste „Poltergeist“-Film, in dem ein gefährdetes Kind in einem solchen Haus gefangen ist und wie weiland Dornröschen befreit werden muss. Odd Thomas ist der unwahrscheinlichste Ritter, den man sich vorstellen kann, um dieses Kind zu befreien.

An vielen Stellen findet sich die feine Ironie, die Odd kennzeichnet, die aber bodenständig daherkommt. Anspielungen auf Literatur, Philosophie und Film sorgen für assoziative Untertöne und ermöglichen es dem Leser, sich seinen eigenen Reim auf das Geschehen zu machen. Alle diese Anspielungen sind jedoch an die verblendeten Landsleute Odds völlig verloren, auf die er in Roseland trifft.

Roseland ist eine Gated Community, die über hundert Jahre lang in ihrer geschützten Isolation eine spezielle Geisteshaltung entwickelt hat, die sich nur als vampirhaft bezeichnen lässt: Alle „Ticker“, die dem Lauf der zeit unterworfen sind, sehen die Roseländer als Untermenschen an, als Beute, die sie ungestraft in ihre Burg locken und dort zu ihrem Vergnügen abschlachten dürfen. Ein soziales Gewissen sieht anders aus.

Dieser gewissenlose Vampirismus ist die Ursache für die klassische Tragödie, die zu einem Unrecht geführt hat, das Odd nun, rund hundert Jahre später, wieder ausgleichen muss. Dieses Drama einer betrogenen, beraubten und ermordeten Mutter – der Reiterin – wird von Odd in kleinen Bausteinchen zusammengesetzt und seiner Vollendung zugeführt. Erst wenn ihm dies gelingt, kann er seine Aufgabe als erfüllt betrachten. Doch bis es soweit ist, legen ihm die lebenden wie auch die toten Bewohner Roselands etliche Steine in den Weg.

Wer sich intensiver mit diesem und den anderen Odd-Romanen befasst, dürfte Koontz’ eigene, ziemlich kritische Sicht auf das zeitgenössische Amerika herausschälen können, doch in dieser Rezension ist nicht der geeignete Ort dafür. Dieses Amerika macht Angst – und genau das will Koontz ja. Seine Absicht zu erkennen, macht die Lage an sich zwar nicht besser, aber die Erkenntnis ist immerhin der erste Schritt zur Veränderung.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Originaltitel: Odd Apocalypse (2012)
Aus dem US-Englischen von Bernhard Kleinschmidt
ISBN-13: 978-3453267954

www.heyne.de

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