Delalande, Arnaud – Vermächtnis von Mont Saint-Michel, Das

Frankreich im Jahre des Herrn 1099: In der Krypta der Benediktinerabtei Mont Saint-Michel, gelegen an der Atlantikküste auf einem Felsen, der sich bei Flut in eine Insel verwandelt, versteckt sich der Ritter Hildebert von Ravelle. Drei Jahre ist er fort gewesen, ein Kreuzfahrer unter vielen, die Papst Urban II. und König Philipp I. von Frankreich auf einen Kreuzzug nach Palästina gesandt haben, um die heidnischen „Muselmanen“ aus dem Heiligen Land der Christenheit zu vertreiben. Die schauerliche Grausamkeit der angeblich für Gott kämpfenden Kreuzfahrer, denen der im eigenen Land attackierte „Feind“ nicht das Geringste schuldig blieb, haben ihn in einen gebrochenen, todkranken Mann verwandelt, der zudem vom eigenen König schmählich hintergangen und vom Papst vergessen wurde. Hildebert sieht daher keinen Grund, diesem zu präsentieren, was er allen Qualen zum Trotz aus Jerusalem fortschaffen ließ: die Menora, jenen siebenarmigen Leuchter, den Moses einst auf Geheiß Gottes anfertigte, ein Kunstwerk, das in der Bibel Erwähnung fand und eine der kostbarsten Reliquien der Christen und vor allem der Juden darstellt. Stattdessen übergibt er diesen Schatz seinem Bruder Elvio, der in der Krypta verstecken soll, was der Kirche nach Hildeberts Ansicht nicht mehr zusteht. Kurze Zeit später stirbt er, und wenige Jahre darauf folgt ihm auch der Bruder ins Grab, während das Geheimnis der Krypta scheinbar endgültig in Vergessenheit gerät.

900 Jahre später taucht in den unergründlichen Gewölben der vatikanischen Archive ein uraltes Bild auf, das dem renommierten Kunsthistoriker Professor Itzhak Witzberg von seinem alten Freund, dem Kardinal Leonardo Spinelli di Rosace, zur Begutachtung übergeben wird. Elvio hat es einst gemalt, um einen verschlüsselten Hinweis auf den verborgenen Leuchter zu hinterlassen. Das weiß Witzberg natürlich nicht, als er gemeinsam mit seiner Lieblingsstudentin, der angehenden Nonne Judith Guillemarche, zu ermitteln beginnt.

Ahnungslos hat Spinelli in ein Wespennest gestochen: Das Gemälde gehört eigentlich seinem alten Rivalen und Erzfeind Kardinal Angelico, der wesentlich mehr über seine Geheimnisse weiß, als er offenbart wissen möchte. Angelico ist ein zwielichtiger und gefährlicher Mann, der nicht nur mit Spinelli um die Gunst des moribunden Papstes Clemens XV. buhlt, sondern auch enge Kontakte zum Mafia-Fürsten Francesco Alfonsi unterhält. Dieser schickt seine Schergen aus, die Witzberg das Bild entwenden sollen; ein Unternehmen, das zwar gelingt, aber dem Professor das Leben kostet.

Doch Witzbergs Aufzeichnungen haben die Räuber nicht gefunden. Judith nimmt nun mit ihrer Hilfe die Spur erneut auf. Ihr zur Seite steht bald der fachkundige Professor Bertrand Contarine, aber wie sich rasch herausstellt, ist historisches Wissen kein Schutzschild vor den Attacken eines ehrgeizigen Mannes, der zum Oberhaupt der Christenheit aufsteigen will, koste es, was es wolle; und sei es das Leben einiger gar zu neugieriger Wissenschaftler …

Wer hätte jemals gedacht, dass es zwei Männern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, weil sie räumlich nicht nur ein Ozean, sondern kulturell sogar eine ganze Welt trennte, gelingen würde, einen eigenen Themenkreis der Unterhaltungsszene ins Leben zu rufen? Aber Umberto Eco, Verfasser von „Der Name der Rose“, und Steven Spielberg, geistiger Vater von Indiana Jones, schufen beide auf ihre Weise und ziemlich zeitgleich die Quelle, aus der sich auch das vorliegende Werk speist. Seit den frühen 80er Jahren ist die Welt also bevölkert von allerlei geheimen Bünden, die über mystischen Schätzen aus dunkler Vergangenheit glucken. An ihrer Spitze aber steht die (katholische) Kirche, eine Institution mit 2000-jähriger, höchst farbiger Geschichte und vielen Schattenseiten, die wie geschaffen ist, wüstes Abenteuergarn daraus zu spinnen. Macht korrumpiert, und angemaßte Unfehlbarkeit reizt an der Schwelle zum dritten Jahrtausend die skeptischen Zeitgenossen erst recht, nachdem sich mehr als einmal herausgestellt hat, dass nicht nur Politiker chronische Lügenbolde und Betrüger sein können, sondern auch die Kirchenfürsten des Vatikans, die es eigentlich besser wissen und entsprechend handeln sollten; schließlich maßen sie sich ja seit ewigen Zeit Vorbildfunktion an.

Auch Armand Delalande fand reichlich von dem Stoff, aus dem die trivialen Träume sind. Nur rattert sein literarischer Webstuhl leider trotzdem die meiste Zeit im Leerlauf. Die Ausgangsidee ist gut und wird gelungen entwickelt; das ist eigentlich die halbe Miete für eine Geschichte, die sich um ein historisches Rätsel rankt. Aber sobald Delalande den Sprung in die Gegenwart wagt, wird es unerfreulich, weil platt. Das betrifft in erster Linie die Figurenzeichnung, die einem ausnahmslos die Tränen in die Augen treibt. Klischee reiht sich an Klischee und soll psychologische Tiefe suggerieren, was aber an keiner Stelle auch nur ansatzweise gelingt. Der Ärger darüber hält sich die Waage mit dem Erstaunen, wie konsequent der Autor in seinem Versagen ist: Wirklich keine Figur kann ihre Herkunft aus der Mottenkiste des Trivialen verhehlen.

Nun gut, dann werten wir „Das Vermächtnis von Mont Saint-Michel“ eben als leichte Entspannungs-Lektüre ohne Tiefgang! Klappt aber auch nicht, obwohl Ihr Rezensent z. B. gerade den aktuellen Clive-Cussler-Roman gelesen hat und von daher durchaus im Bilde darüber ist, wie unterhaltsam guter Trash sein kann. Doch hier springt dem Leser die Kluft zwischen Wollen und Können etwas zu offensichtlich ins Auge. Delalande war klug genug, sich eng an den realen politischen, wirtschaftlichen und juristischen Skandalen zu orientieren, die in den vergangenen Jahren den Vatikan erschütterten. Was er daraus gemacht hat, spottet jedoch jeder Beschreibung. Seine Unkenntnis der Mechanismen, die vor und vor allem hinter den Kulissen die aktuelle Weltgeschichte bestimmen, wirkt wie ein Schlag ins Gesicht seines Publikums. Es ist nicht einmal die deutlich zu tiefe Verbeugung vor König Zufall, die ärgerlich stimmt. (Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass der Erzschurke die Nummern seiner Schmiergeld-Konten ausgerechnet auf jenem Gemälde verstecken lässt, das gleichzeitig den Weg zum siebenarmigen Leuchter aus der Bibel weist?) Nein, es ist primär die Gewissheit selbst für den, der (oder die) sich im Dickicht des Zeitgeschehens überhaupt nicht auskennt, dass sich die Ereignisse, mit denen Delalande unterhalten will, so einfach nicht abgespielt haben können. So etwas ist aber schlicht der Tod jedes Geschichtenerzählers!

Am Ende fällt diese Geschichte sogar völlig auseinander. Während der ach so mythenbefrachtete Leuchter über (allzu) viele Seiten vergessen in der Erde steckt, versucht Delalande unbeholfen, ein Intrigenspiel um den Papstthron als spannenden Thriller zu inszenieren. Aus den genannten Gründen misslingt ihm auch das allerdings völlig. Die Action-Elemente (wenn man sie überhaupt so nennen darf) scheinen dem fadenscheinigen Höhepunkt einer billigen TV-Serie entlehnt worden zu sein. Selbstverständlich schaltet sich dann auch noch von Wolke Sieben eine höhere Macht in das lächerliche Finalduell zwischen dem Bösewicht und dem Über-Bösewicht ein. So plump wie hier hat man den HERRN und seine Sendboten seit den Tagen des Alten Testamentes nicht mehr walten sehen!

Aber der gute Neu-Papst setzt sich schließlich durch; er wird ändern, was falsch läuft in und mit der Katholischen Kirche. Welche Missstände das sind, wissen wir genau, denn Delalande hat es in dem (wieder einmal misslungenen) Versuch, seinem Historien-Thriller eine Botschaft einzuhauchen, lang und breit vor dem missvergnügten Leser ausgewalzt. Auch der Leuchter wird schließlich ausgegraben und kehrt – Halleluja! – nach Jerusalem zurück, wo bald die frommen Gesänge der darob (fast) geeinten Christenheit gen Himmel schallen; aber das ist eine ganz andere Geschichte, wie Delalande sehr richtig selbst bemerkt; zumindest mit dieser verschont er sein Publikum …

Was ist wann schief gegangen mit diesem Roman? Er ist ein Erstlingswerk, das darf man nicht vergessen, und sein Verfasser ist im Jahre 1972 geboren, also noch recht jung. Mangelnde Lebenserfahrung ist ein hässlicher Vorwurf, zumal er allzu gern von jenen erhoben wird, die zwar älter an Jahren, aber nicht zwangläufig weiser, sondern oft einfach nur überfordert vom nie einhaltenden Fortschritt und verkrustet im Denken sind. Hier lässt sich dieses Argument trotzdem nicht von der Hand weisen, denn gar zu eindimensional sind Delalande nicht nur seine Figuren, sondern auch die Handlung geraten. Das betrifft in erster Linie die in der Gegenwart spielenden Sequenzen, während die Rückblenden auf historische Ereignisse überzeugender wirken. Kein Wunder: Die Vergangenheit ist die Domäne weniger Spezialisten, während die Gegenwart den meisten Zeitgenossen immerhin so vertraut ist, dass sie instinktiv merken, wenn etwas nicht stimmt, auch ohne Delalandes Fehler und Versäumnisse beim Namen nennen zu können.

Wenn es stimmt, was der Klappentext vermerkt, und Arnaud Delalande hauptberuflich als Drehbuchautor arbeitet, ist sein Debütwerk keine Empfehlung. Der stolze Romancier hat offensichtlich vergessen, dass sich formale und inhaltliche Schwächen in gedruckter Form nicht durch bunte Bilder und laute Musik übertünchen lassen. Anscheinend hat ihm das aber auch niemand gesagt. „Das Vermächtnis von Mont Saint-Michel“ wurde zwischen Buchdeckel gepresst, bevor viel Zeit und Hirnschmalz in eine dringend erforderliche Überarbeitung investiert wurden. Das Ergebnis ist entsprechend: ein historischer Thriller der schlichten Art, bei dem der deutsche Leser zumindest zur preisgünstigeren Taschenbuch-Ausgabe greifen sollte, damit Lektürespaß nicht in offenen Ärger über aus dem Fenster geworfenes Geld umschlägt.