Dick, Philip Kindred – Nach der Bombe

Warum wird Philip K. Dick außerhalb des Science-Fiction-Genres kaum wahrgenommen? Eigentlich unbegreiflich, denn seine Romane und Kurzgeschichten handeln von Menschen und ihren Beziehungen zueinander. Seine Beobachtungen sind dabei derart präzise, dass wohl jeder Leser sich selber in den Figuren seiner Geschichten wiedererkennt. Wie in einem Comic sind die Verstrickungen, in denen sich die Protagonisten bewegen, überspitzt dargestellt. Das mag der Grund sein, weshalb der Autor sich in dieses Genre „geflüchtet“ hat. Ein Roman über die Welt, in der wir leben, könnte schwerlich den tiefen Einblick in das Wesen des ganz normalen Menschen tragen, den Dick uns in seinem Werk schenkt.

So verhält es sich auch in diesem Buch. Einige sprechen von Dicks düsterstem Roman, da er die Welt nach dem Atomkrieg beschreibt. Der schwarze Buchumschlag verstärkt diesen Eindruck. Der Begriff „düster“ entbehrt dabei jeder Grundlage. Es ist die Welt der Menschen, die in ihr zu leben versuchen. Jede Figur erfährt dabei eine Entwicklung, eine Selbstfindung. Was leuchtet heller in unserem Leben als die Gewissheit, dass wir uns entwickeln?

1972 wird ein überirdischer Atombombentest durchgeführt. Doch der radioaktive Staub entweicht nicht wie berechnet in den Weltraum, sondern senkt sich durch die Gravitation zurück auf die Erde. Eine weltweite Verseuchung ist die Folge, und dem verantwortlichen Atomphysiker Bruno Bluthgeld wird nach einhelliger Meinung die gesamte Schuld zugeschoben.

1981 dann die Katastrophe. Ein globaler Atomkrieg stürzt die Erde ins Chaos. Dieser Teil liest sich fast wie ein Drehbuch zum apokalyptischen Film „Der Tag danach“. Doch der Inhalt des Romans könnte kaum verschiedener sein.

Erst ist die Welt noch in Ordnung, alles bewegt sich im gewohnten Rahmen. Dann kommt der große Schnitt im Schicksal aller Menschen: DIE BOMBE. Nach der Bombe geht das Leben weiter. Die Notsituation bringt die Fähigkeiten und den Charakter der Akteure erst richtig zum Vorschein. So wird die vormals unbedeutende Tippse June Raub zu einer matriarchalischen Führerfigur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Der erfolgreiche, selbstbewusste Verkäufer Stuart McConchie erweist sich als nicht sozialisierter pathologischer Fall, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sein früheres Leben wieder aufnehmen kann. Bruno Bluthgelds Schuldgefühle verstärken sich durch den Abwurf der Bombe ins Unermessliche, seine Paranoia entwickelt sich zu einem psychotischen Wahn. Hoppy Harrington, ohne Beine und Arme, jedoch mit übersinnlichen Fähigkeiten auf die Welt gekommen, lässt die Menschen bezahlen für die Entbehrungen und die Verachtung, welche diese ihm vor der Bombe zuteil werden ließen. Er entwickelt sich zum Prototypen des größenwahnsinnigen Machtbesessenen. Walt Dangerfield (treffender Name), der eigentlich zum Mars auswandern wollte, erlebt eine neue Karriere als Radiomoderator. Der erste Superstar nach der Bombe.

Viele andere Figuren scheinen sich gar nicht verändert zu haben. Ihr Leben geht fast unverändert weiter, dieselben Lebensinhalte sind wichtig, lediglich der Kontext hat sich geändert.

Dick beschreibt den Menschen in seiner Umgebung. Dabei benutzt er die geschaffene Situation lediglich als Bühne, um die tiefen Beweggründe der Figuren zu erforschen. Die extremen Lebensumstände sind nötig, damit die menschlichen Denk- und Lebensweisen der Personen überhaupt in ihrer Tragweite zur Kenntnis genommen werden können. Die psychologischen Skizzen, die er liefert, sind einzigartig in ihrer Direktheit, ohne intellektuellen Ballast, ohne die Überbewertung von Fachbegriffen.

Gleichzeitig werden im Leser Fragen aufgeworfen, welche auch heute nichts an Aktualität verloren haben. Wie weit darf die Forschung gehen und welchen Zwecken hat sie zu dienen? Was ist von der Einführung des nicht getesteten Präparats Contergan im Jahre 1957 zu halten, das so viele missgestaltete Neugeborene und irreparable Schäden an Nervensträngen Erwachsener zur Folge hatte? Wie stehe ich zur Diskriminierung von Minderheiten oder „Rassen“? Dick bleibt dabei strikt urteilsfrei und verzichtet auf eine Moralisierung, was wohl exakt seinem Denken entsprach, einer Art von kognitivem Beobachterstatus, den er in der von ihm geschaffenen Welt seiner Geschichten einnimmt.

Durch die Verstrahlung entstehen verschiedene Mutationen von Tieren und auch Menschen. Es bleibt die Frage, ob diese Mutationen jeweils als Evolutions-Sprung gewertet werden oder ob es sich ganz einfach um Abscheulichkeiten handelt. Der Leser muss sich auch zu dieser Frage sein eigenes Bild machen.

Bei alldem liest sich das Buch fast wie von selbst. Es herrscht eine emotionale Dichte, welche die Kunst des Autors ausgezeichnet hat. Man lebt sich förmlich in die Geschichte hinein und wird gezwungen, sich selbst mit seiner eigenen Meinung innerhalb der Welt des Philip K. Dick zu behaupten. Im Gegensatz zu Romanen wie „Marsianischer Zeitsturz“ sind die Wahrnehmungen der einzelnen Protagonisten sehr einfühlsam und verständlich erzählt. Die individuellen Schicksale werden etappenweise verwoben, dabei gibt es einige etwas holprige Zeitsprünge, die aber leicht verdaut werden. Der Leser muss jedoch auf das Echo seiner eigenen Gefühle achten, welche die Geschichte hervorruft. Ansonsten bliebe das Buch eine Sammlung einzelner Fragmente ohne Beziehung zueinander.

Die Nachbemerkungen des Autors reflektieren zusätzlich die Charaktere und geben Aufschluss über einige nicht offensichtliche Gedankengänge. Das etwas intellektualisierte Nachwort von Jonatham Lethem gibt einen guten Überblick über Herkunft und Motivation vieler bildnerischer Elemente des Romans.

Wer auf der Suche ist nach einem spannenden Roman ist, der Einblicke vermittelt in die Gefühle des Menschen, der überraschende Betrachtungen birgt, der das Schicksal von Ausgestoßenen und Vergessenen beschreibt, der Geheimnisse des Lebens birgt, der hat hier ein erlesenes Exemplar entdeckt.

|Originaltitel: Dr. Bloodmoney|

_Philipp Wigert_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|