Die drei ??? – Grabesstimmen (Dreifachband)

Leichenfledderei

Pünktlich zum 50. Jubiläum der wohl erfolgreichsten Jugendkrimiserie, erschien bei KOSMOS jüngst ein weiterer Dreifachband mit den Geschichten: „Stimmen aus dem Nichts“ (André Minninger, 1997), „Die Karten des Bösen“ (André Minninger, 1998) sowie „Die Villa der Toten“ (André Marx, 2003), welche inhaltlich prinzipiell nichts miteinander zu tun haben, außer dass der Tod jedes Mal eine große und wichtige Rolle spielt. Dem trägt auch das stimmungsvolle Titelbild Rechnung, welches Silvia Christoph eigens dafür schuf, ohne auf bereits existente Motiv-Versatzstücke der originalen Coverbilder zurückzugreifen. Der Sammelband bevölkert seit Dezember 2013 die Händlerregale.

Die Storys


Stimmen aus dem Nichts

Justus hat einen ungewöhnlichen Arztbesuch, bei welchem eine alte Dame schreiend und vollkommen aufgelöst aus der Damentoilette flüchtet. Als Grund hierfür gibt sie an, die Stimme ihrer Schwester dort vernommen zu haben – allerdings ist diese seit einem Vierteljahr tot. Es stellt sich heraus, dass Mrs. Holligan wohl auch genau deswegen, Verfolgungswahn nämlich, in Behandlung ist. Daher wiegelt man in der Praxis ab, auch als Justus und andere Patienten darauf bestehen zumindest einmal auf der Toilette nachzusehen. Justus kommt mit Mrs. Hollister ins Gespräch, findet die Frau eigentlich überhaupt nicht wirr, obwohl sie ihm eine abenteuerliche wie haarsträubende Geschichte über ihre derzeitige Situation schildert, für die sie ihre verstorbene Schwester Metzla verantwortlich macht, und bietet daraufhin spontan die Dienste der drei ??? an – schließlich haben die Jungs sehr viel Erfahrung mit mysteriösen Begebenheiten und vermeintlichen Spukerscheinungen. Als die drei Detektive jedoch bei Mrs. Hollister zuhause auftauchen, um ihre Ermittlungen zu beginnen, werden sie von ihr schroff abgewiesen. Ist die gute Frau doch verrückt, wie Peter und Bob mutmaßen, oder tut Justus gut daran hartnäckig dran zu bleiben?


Die Karten des Bösen

Es sieht nach einer langweiligen Routineangelegenheit aus. Auf Empfehlung von Mrs. Hollister (siehe „Stimmen aus dem Nichts“) meldet sich Mrs. Milva Summer mit einem Auftrag bei den drei Fragezeichen. Ihr heißgeliebter Karthäuserkater „Come In“ ist verschwunden. Mrs Summer ist eine ziemlich verschrobene, recht bekannte Astrologin, die bis vor kurzem noch unter Pseudonym bei der ‚Los Angeles Post‘ (Dem Blatt, bei dem Bobs Dad arbeitet) als Horoskopschreiberin tätig war. Schon als sie das Anwesen im Nobelviertel Westwood betreten, scheint der Fall augenscheinlich bereits zum Teil gelöst. Der Kater baumelt nämlich aufgeknüpft im Ginster. Mrs. Summer ist außer sich vor Trauer und Fassungslosigkeit – Wer tut einem Tier so etwas nur an? Doch damit nicht genug. Ihre Tarot-Karten zeigen, dass ihr eigenes Ende sehr nahe sei. Am nächsten Tag folgt die Sensation: Kater „Come In“ lebt wieder! Professor Steed, der Tierarzt, hat die vermeintliche Formel dafür gefunden, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Während Mrs. Summers vor lauter Freude bereits die Presse verständigt hat, wiegelt der Professor ab, die Forschungen seien noch nicht abgeschlossen. Fauler Zauber? Justus ist und bleibt skeptisch.

Die Villa der Toten

Die Aufgabe ist so ungewöhnlich, wie sie leicht zu bewältigen scheint: Die drei ??? sollen beweisen, dass es in der Villa der verstorbenen Operndiva Dora Manstrantonio NICHT spukt. Ihre drei Freundinnen – Mrs. O’Donnell, Mrs. Jones und Mrs. Adams – wollen dort gemeinsam einziehen. Ausgerechnet Letztere, die engste Freundin der Toten und testamentarische Erbin des Hauses, hat die Sorge, dass der Geist der Verstorbenen noch immer durch das Gemäuer streift. Die beiden anderen halten das für Unfug, sind aber Willens eine Séance abhalten zu lassen, die zeigen soll, dass Mrs. Adams‘ Befürchtungen haltlos sind. In Ermangelung eines richtigen Mediums, kann Justus seine Tante Mathilda für die spiritistische Fake-Sitzung gewinnen. Was soll schon passieren? Es gibt schließlich keine Geister – auch wenn Peter davon bekanntlich nicht hundertprozentig überzeugt ist. Dementsprechend groß ist die allgemeine Verblüffung als der Hokuspokus einen unerwarteten Verlauf nimmt, da sich der vermeintliche Geist Doras meldet und behauptet umgebracht worden zu sein. Und wer ist der Unbekannte, der versteckt im Garten herumlungert?


Eindrücke

Wie eingangs bereits kurz angeklungen, haben die drei Geschichten lediglich den Tod als gemeinsamen Nenner, sind aber ansonsten inhaltlich ganz anders gelagert und haben nur den einen Berührungspunkt, dass sich in „Die Karten des Bösen“ nur kurz auf eine Figur aus „Stimmen aus dem Nichts“ (beide übrigens von André Minninger, der seit Mitte der Neunziger das Skript-Mastermind bei den EUROPA-Hörspieladaptionen ist) bezogen wird. Doch Halt! Eine weitere Gemeinsamkeit gibt es: Vergleichsweise düster sind nämlich alle drei Storys angehaucht. Daher war die Wahl des Verlages sehr trefflich ausgerechnet diese in einen Sammelband zu packen. Die Atmosphäre ist gleichbleibend spannend wie leicht morbide. Insbesondere André Marx‘ „Die Villa der Toten“ präsentiert sich gegenüber der etwas mau umgesetzten Hörspielfassung als rundum gelungener und mysteriöser Fall. Ähnliches gilt für „Karten des Bösen“ zu sagen, dessen teils skurriler Wiederbelebungsplot in der Buchform ebenfalls seine Wirkung besser entfalten kann, als in der Audiofassung. Vielleicht ein wenig zu abgehoben, doch im Grunde bleibt die Handlung nachvollziehbar und muss sich nicht vorwerfen lassen, nicht originell zu sein.

Bei den „Stimmen aus dem Nichts“ ist das Ganze doch bodenständigerer Natur, obwohl auch hier ein vermeintlicher Geist seine untoten Hände im Spiel haben soll, ist der Kern des Pudels eher ein psychologisches Lehrstück – durchaus nicht unspannend und auch in Bezug auf die Ausleuchtung einer der Hauptfiguren – in diesem Falle Bob – sehr interessant. Hier hat allerdings das Hörspiel die Nase etwas weiter vorn: Katharina Brauren, Marianne Kehlau und Judy Winter sind selbst dem sonst so überlegenen Kopfkino gegenüber unschlagbar. Vielleicht liegt’s aber auch daran, dass der Rezensent die Hörspielfolge vor dem Roman kannte und sich diese exzellente, charismatische Darbietung seither schlichtweg fest im Oberstübchen manifestiert hat (die unvergessene Elisabeth Volkmann alias Milva Summer bei „Karten des Bösen“ ist auch so ein Beispiel hierfür). Naturgegeben fallen die Romane wesentlich ausführlicher und ein gerüttelt Maß geschliffener aus, als ihre Pendants. Man kann es ruhig noch einmal wiederholen, dass auch die Kenntnis der Hörspiele kein Grund ist, die zugrundeliegenden Vorlagen zu verschmähen. Es gibt eine Menge wieder und neu zu entdecken.

Fazit

Thematisch ist dieser Sammelband sehr gut aufeinander abgestimmt, seinen größten Vorteil bezieht das Buch aber sicherlich aus dem attraktiven Preis für drei spannend-mysteriöse Fälle, deren gemeinsamer Nenner der Tod in irgendeiner Form ist. Ansonsten sind die Geschichten aber sehr unterschiedlich und bestimmt auch nicht jedermanns Geschmack, das ist wie immer im Leben oft eine Frage der jeweiligen Vorlieben. Wer auf verschwurbelte Rätseltexte und ausufernde Schnitzeljagden steht, ist hier jedenfalls vollkommen fehl am Platz. Diese Drei-???-Klientel wird mit den vorliegenden Storys in keinster Weise bedient. Alle anderen dürfen gerne einen Blick riskieren und sich über – das kann man mit Fug und Recht behaupten – ungewöhnliche Geschichten freuen. Besonders hervorzuheben ist hierbei „Die Villa der Toten“ von André Marx, doch auch die anderen beiden sind durchaus keine Lückenbüßer, wobei „Stimmen aus dem Nichts“ wiederum die Nase leicht vorne hat. Der scheintote Rezensentendaumen hebt sich insgesamt wohlwollend aus seiner Gruft empor.

386 Seiten, Hardcover / Dreifachband
Erzählt von André Minninger und André Marx
nach Figuren von Robert Arthur
Redaktion: Anja Herre
© 2013 – Franckh-Kosmos, Stuttgart
ISBN 9783440135587

www.kosmos.de

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