Duve, Karen – entführte Prinzessin, Die

Ritter und Drachen begegnen einem heute noch am ehesten in den Werken von Fantasyautoren. Karen Duve muss man da sicherlich eher als Ausnahme betrachten, denn zum Fantasygenre mag man sie nach ihren ersten beiden Romanen „Regenroman“ und „Dies ist kein Liebeslied“ nun wirklich nicht zählen. „Die entführte Prinzessin“ mag da auf den ersten Blick nicht so recht in das Bild passen, das der geneigte Leser sich zwischenzeitlich von der Autorin gemacht hat, doch beweist Karen Duve mit ihrer neuesten Publikation, dass sie durchaus vielseitig ist. „Die entführte Prinzessin“ kommt als unterhaltsames, mitunter außerordentlich gewitzt geschriebenes Märchen daher, das beim Lesen wirklich Spaß macht. Und wann bekommt man heutzutage von zeitgenössischen Autoren noch mal Märchen vorgesetzt, Walter Moers vielleicht einmal außen vor gelassen?

„Die entführte Prinzessin“ erzählt die Geschichte von Prinzessin Lisvana aus dem Königreich Snögglinduralthorma, gemeinhin auch Nordland genannt. In der „aktuellen Liste heiratsfähiger Königs- und Fürstentöchter“ wird sie als die Prinzessin mit dem goldenen Haar und der popeligen Mitgift geführt. Keine allzu gute Partie für all die aufstrebenden jungen Prinzen der Welt, zumal das Nordland obendrein eine höchst unwirtliche Gegend ist, der niemand freiwillig einen Besuch abstattet. Und so scheinen auch die ersten zarten Annäherungsversuche von Bredur von Wackertun, seines Zeichens Ritter mit Heldenmut am nordländischen Hofe, recht erfolgsversprechend. Bis eines Tages die Liste heiratsfähiger Königs- und Fürstentöchter aktualisiert wird und eine neue Lobpreisung des Minnesängers Pennegrillo Berücksichtigung findet, die so manchen Prinzen Lisvanas popelige Mitgift vergessen lässt.

Prinz Diego vom baskarischen Hofe ist dermaßen angetan, dass er fortan an nichts anderes mehr denken kann – Mitgift hin oder her, schließlich ist seine Familie steinreich. Zusammen mit seinem Vater König Leo sticht er in See in Richtung Nordland, mit dem Ziel, um die Hand der Prinzessin anzuhalten. Doch als sie nach abenteuerlicher Fahrt endlich dort ankommen, verläuft am nordländischen Hof so einiges anders als geplant. Als sich abzeichnet, dass Diego ohne Prinzessin zurück gen Heimat segeln soll (wobei sich ein Verschulden Bredurs nicht ganz ausschließen lässt), lässt der verschmähte Liebhaber das holde Weib kurzerhand auf sein Schiff entführen. Lisvana, die eigentlich doch schon drauf und dran war, sich in Diego zu verlieben, sieht einer Zeit der Gefangenschaft und der Entsagungen am baskarischen Hof entgegen, verlangt es doch die Ehre, dass sie sich Diego verweigert. Derweil schmiedet Ritter Bredur auf eigene Faust Befreiungspläne …

Auch wenn an Karen Duves Art, ein Märchen zu erzählen, einiges etwas gewöhnungsbedürftig ist – eines wirkt doch recht klassisch: Eine Frau, die zwischen zwei Männern steht, die gleichermaßen um sie werben, während sie ein wenig damit überfordert scheint, sich für einen davon zu entscheiden. Wie eine Grimmsche Bridget Jones hadert Lisvana mit ihrem Schicksal und dem Leben, das sie immer wieder vor so schwierige Entscheidungen stellt und es ihr immer wieder schwer macht, dem Ruf ihres Herzens zu folgen.

Duves Märchen ist ein Potpourri verschiedenster Einflüsse. Manches wirkt klassisch, mal wie in alten Märchengeschichten, mal wie in antiken Abenteuerromanen, mal wie bei Shakespeare, mal wie bei 1001 Nacht. Dennoch ist „Die entführte Prinzessin“ weit davon entfernt, als biederes Märchen zu enden. Immer wieder spielt Duve mit der Erwartungshaltung des Lesers, stößt ihn durch die unmärchenhafte Sprache ihrer Protagonisten vor den Kopf und spielt frech mit den Klischees – sehr zur Freude des Lesers. Mit feinsinnigem Humor skizziert sie Figuren und Handlungsorte und schmückt das Ganze hier und da mit einem Einfallsreichtum aus, der an Walter Moers‘ „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erinnert.

Was dabei auffällt ist, dass Duves Charaktere, obwohl sie nicht sonderlich tief gezeichnet sind, gleichzeitig kaum plakativ daherkommen. Sie arbeitet nicht mit gängigen Gut- und Böse-Klischees, sondern verwischt die Grenzen so, dass auch der Leser nicht so recht weiß, wer denn nun die beste Wahl für Lisvana ist, Ritter Bredur oder Prinz Diego. Heldentum und Schurkendasein liegen eben dicht beieinander.

Auffällig ist auch die Art des Humors. Duve erzählt ihre Geschichte nicht nur mit Charme, sondern auch mit Witz und der kommt nicht als platter Schenkelklopfer daher, sondern größtenteils eher leise tretend, ironisch oder zwischen den Zeilen, oft durch Überspitzung. Manches läuft ab wie in einer verkehrten Welt: Die Prinzessin, die am baskarischen Hof die Wäsche wäscht, der kuschelbedürftige Drache Grendel, das nicht ganz einwandfrei funktionstüchtige Zauberglöckchen oder der durchtriebene Hofzwerg, der zum Günstling der Königin aufsteigt – Karen Duve stellt in ihrem Märchen so einiges auf den Kopf. So spielt sie mit den Klischees und weiß mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer Liebe zum Detail zu überzeugen.

Sprachlich wirkt das Ganze mitunter etwas abenteuerlich. Einerseits schreibt Karen Duve in Wortwahl und Satzbau so, wie sich das für ein Märchen gehört, andererseits aber sprechen ihre Figuren immer mal wieder ein so modernes, umgangssprachliches Deutsch, dass der Kontrast einen gewissen Reiz hat (|“Dummes Zeug“, schnaufte König Rothafur, „du schenkst dem tapferen Helden ein und damit basta. Kein Mensch denkt an Heirat.“|). Gewürzt wird dieser Mix mit einigen Wortkreationen (|Ehrpusseligkeit|), so dass der Roman im Endeffekt schon auf sprachlicher Ebene Spaß macht.

Der Verlauf der Geschichte ist dabei gar nicht so platt und durchschaubar, wie man im ersten Moment denken mag. Es ist weit mehr als eine „Verschmähter Prinz entführt Prinzessin, bis tapferer Ritter sie befreit“-Geschichte. Der Plot entwickelt sich komplexer, als man anfangs erwartet und entwickelt neben der humoristischen Seite durchaus auch eine gewisse Spannung, die besonders mit Ritter Bredurs Eintreffen in Baskarien steigt und am Ende natürlich in der Befreiung der Prinzessin ihren Höhepunkt findet.

Einzige Schwäche des Romans, die sich aus meiner Sicht finden lässt, ist die Gesamtkomposition. Die Zutaten stimmen ganz eindeutig, auch die Figurenzeichnung ist gut angelegt, wie der ganze Plot dann allerdings zusammengefügt ist, wirkt es hier und da doch etwas bruchstückhaft. Manches wirkt ein wenig aneinandergereiht, wenngleich die einzelnen Szenen durchweg zu überzeugen vermögen.

Alles in allem ein wirklich schön zu lesendes Buch: unterhaltsam, gewitzt und ungewöhnlich. Ungewöhnlich gerade auch dann, wenn man einen Blick auf Karen Duves Vorgängerromane wirft, zu denen dieser schon rein thematisch nicht so ganz passen mag. Aber dennoch unterstreicht „Die entführte Prinzessin“ das Erzähltalent der Autorin, denn wer mit so spielerischer Leichtigkeit so souverän das Genre wechselt, dem kann man ein gewisses Talent schließlich nicht absprechen. „Die entführte Prinzessin“ ist eine schöne Erzählung, der man noch so manchen Leser wünscht. Eine perfekte Sommerlektüre: leicht, erfrischend und humorvoll.