Edgar Pangborn – Westlich der Sonne. SF-Roman

Eine Utopie namens Luzifer

Eine Forschungsexpedition landet anno 2056 auf dem Planeten Luzifer und findet zwei humanoide Rassen auf primitiver Kulturstufe vor: Rothäutige Pygmäenvölker, die untereinander grausame Vernichtungskriege führen, und gutmütige pelzige Riesen, die von den Pygmäen systematisch ausgerottet werden.

Sollen die Forscher sich isolieren und einen Rest menschlicher Kultur bewahren oder ihre technische Überlegenheit nutzen, den Eingeborenen zu einer höheren Zivilisation zu verhelfen? Bald stellt sich heraus, dass dies eine rein akademische Frage ist, denn unversehens geraten sie zwischen die Fronten… (gekürzte Verlagsinfo)

Der Autor

Edgar Pangborn wurde am 25.2.1909 in New York geboren, studierte in Harvard Musik, wurde Schriftsteller und starb in New York City am 1.2. 1976.

Er war ein US-amerikanischer Autor, der Mystery, Science-Fiction und historische Romane schrieb. Pangborn stammte aus einer literarisch vorbelasteten Familie: Seine Mutter, Georgia Wood Pangborn, war Autorin von Gespenstergeschichten, die in Zeitschriften wie Scribner’s, Harper’s Magazine und The Woman’s Home Companion erschienen.

Sein Vater, Harry Levi Pangborn, war Mitarbeiter beim Wörterbuch Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary. Zusammen mit seiner älteren Schwester Mary wurde Edgar bis 1919 zu Hause unterrichtet und besuchte anschließend die Brooklyn Friends School der Quäker. Im Jahre 1924 begann er ein Studium der Musik an der Harvard University, schied aber 1926 ohne Abschluss aus. Anschließend studierte er am New England Conservatory of Music, gleichfalls ohne Abschluss. Beim Ausscheiden bekundete er öffentlich seinen Abschied von der Musik und verlegte sich aufs Schreiben.

Für seinen Roman „Der Beobachter“, der sowohl sowohl poetische Prosa als auch leidenschaftliches Plädoyer für die menschliche Rasse darstellt, erhielt er 1955 den „International Fantasy Award“. Seine frühe Novelle „Angel’s Egg“ aus dem Jahr 1951 wird bis heute nachgedruckt, und mit „Davy“ schuf er einen Klassiker des Post-Holocaust-Untergenres.

Der DAVY-Zyklus:

1) Ein glorreicher Haufen (The Company of Glory, 1975, dt. 1985 bei Heyne)
2) Davy (Davy, 1964, dt. Bei Heyne)
3) Die Prüfung (The Judgment of Eve, 1966, dt. 1979 bei Heyne)

Werke

Tales of a Darkening World / Davy

• The Golden Horn (1962, Kurzgeschichte)
• A War of No Consequence (1962, Kurzgeschichte)
• Davy (1964, Roman)
o Deutsch: Davy. Heyne SF&F #3593, 1978, ISBN 3-453-30499-3.
• The Judgment of Eve (1966, Roman)
o Deutsch: Die Prüfung : Ein klassischer Science-fiction-Roman um eine menschliche Frage. Übersetzt von René Mahlow. Heyne SF&F #3637, 1979, ISBN 3-453-30549-3.

• Tiger Boy (1972, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Tiger Boy. In: Tiger Boy. 1986.
• The World Is a Sphere (1973, Kurzgeschichte)
• My Brother Leopold (1973, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Mein Bruder Leopold. In: Tiger Boy. 1986.
• The Freshman Angle (1973, Kurzgeschichte)
• The Company of Glory (1974, Roman)
o Deutsch: Ein glorreicher Haufen. Übersetzt von René Mahlow. Heyne SF&F #4166, 1985, ISBN 3-453-31124-8.
• The Children’s Crusade (1974, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Der Kinderkreuzzug. In: Tiger Boy. 1986.
• The Legend of Hombas (1974, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Die Legende von Hombas. In: Tiger Boy. 1986.
• The Night Wind (1974, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Der Nachtwind. In: Tiger Boy. 1986.
• The Witches of Nupal (1974, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Der Hexer von Nupal. In: Tiger Boy. 1986.
• Harper Conan and Singer David (1975, Kurzgeschichte)
o Deutsch: Harfner Conan und Sänger David. In: Tiger Boy. 1986.
• Mam Sola’s House (1975, Kurzgeschichte)
• Still I Persist in Wondering (1978, Sammlung)
o Deutsch: Tiger Boy. Heyne SF&F #4283, 1986, ISBN 3-453-31293-7.
(Quelle: Wikipedia.de)

Andere Werke:

1) Der Beobachter (A Mirror for Observers, 1955, dt. bei Heyne)
2) Westlich der Sonne (West of the Sun, 1953, dt. 1989 bei Heyne)
3) Gute Nachbarn und andere Unbekannte (Good Neighbors and Other Strangers, Stories, 1972, dt. 1973 bei Goldmann )
4) Tiger Boy (Still I Persist in Wondering, Stories, 1978, dt. 1986 bei Heyne)

Handlung

Das Erkundungsraumschiff „Argo“ erreicht nach elf Jahren endlich sein Ziel: die erdähnliche Welt, die die sechs letzten Überlebenden „Luzifer“ nennen, den „Sohn des Morgens“. Paul Mason, der Pilot, muss in Ermangelung von Treibstoff mit einem der zwei Beiboote eine Notlandung hinlegen. Das andere Beiboot wird von Ingenieur Ed Spearman gesteuert und enthält zudem Sears Oliphant und die Ann Bryan, die zweite Frau. Immerhin ist keiner verletzt, besonders nicht Pauls schwangere Geliebte Dorothy Leeds, die Ärztin, und auch nicht Doc Wright, der zum Leiter der Expedition ernannt wird. Kapitän Jensen starb schon vor zehn Jahren – und verbrauchte bei seiner letzten Tat unnötig viel Treibstoff.

In der neuen Welt

Diese Welt ist bedeckt von Wäldern Steppen und Savannen, geradezu idyllisch. Aber schon am ersten Abend bekommen die Menschen einen fremden Besucher zu Gesicht: einen sanften, pelzigen Riesen. Am nächsten Morgen ist er fort. Chris Wright, Paul Mason und Dorothy suchen das andere Trio. Die „Argo“ ist im nahen See versunken und hat mit ihrem Treibstoff die Fische vergiftet. Das Seewasser muss abgekocht werden.

Die Fauna ist meist feindselig: Geflügelte Wölfe, zahnbewehrte Schlangen lassen nur mit Mühe abwehren. Eine solche Schlange hat sich den sanften Riesen verbissen, doch Mason befreit ihn davon. Wright verbindet dem Riesen die blutende Wunde und schließt Freundschaft. Mijok wird zum Menschen ehrenhalber ernannt.

Riesen

Auf einer ersten Erkundung haben Mason und Wright zwei mit Pfeilen erschossene Pygmäen entdeckt, ein Männchen und ein Weibchen. Offenbar herrscht unter den Pygmäen Krieg. Dies als Warnung nehmend, errichten die sechs Überlebenden beim intakten Beiboot ein stachelbewehrtes Heim unter einer Baumgruppe. Ihre Beiboote lassen sich nicht mehr verschließen. Schon bald, wissen sie, wird ihnen der Proviant ausgehen. Aber Mijok ist ein freundlicher Helfer. Er bringt ihnen Essbares, dankbar dafür, dass sie ihn ihre Sprache und Lieder lehren. Schnell erkennt er, was für ein philosophischer Anführer Doc Wright ist. Er ernennt zum Gott ehrenhalber.

Kannibalen

Paul Mason, Ed Spearman und Ann Bryan haben die Aufgabe, Abro Pakriaa, die „Königin“ des lokalen Pygmäenstammes, zu besuchen. Weil bei den kleinen Kriegern die Frauen das Sagen haben, ist Pakriaas Auftreten immer von großer Autorität, und da sie stets bewaffnet und beschützt ist, nehmen sich die Menschen vor ihr in Acht. Pakrias „Palast“ weist nicht nur einen männlichen Harem auf, sondern auch eine menge männliche Hofschranzen, die die menschliche Konkurrenz im Auge behalten. In einem abgeschlossenen Kraal werden fette Menschen gezüchtet und gemästet: Die Pygmäen sind offenbar Kannibalen. Als Spearman durch Respektlosigkeit einen Skandal auslöst, müssen die drei Botschafter schnellstens verduften. Mijok & Co. bewahren sie vor Verfolgung.

Ein Jahr später

Dorothy hat ihr erstes Baby, Helen, geboren und Mijok ein halbes Dutzend Riesen, Riesinnen und Riesenkinder angeworben, um ihr Gesellschaft zu leisten. Die Menschen leben nun sowohl auf ihrer Insel am Argo-See als auch in einer Festung, die ein Ende des Sees beherrscht. Doch Lantis, die Königin der feindlichen Pygmäenstämme des Reiches Vestoia, bläst zum Angriff. Sie will Königin der Welt werden.

Der Beleidigungen sind genug getauscht, findet Pakriaa. Sie schließt ein Bündnis mit den Menschen, die offensichtlich über überlegene Technologie verfügen. In einer offenen Abstimmung wählen Pygmäen, Riesen und Menschen Paul Mason anstelle von Ed Spearman zum Oberbefehlshaber. Paul, der Maler und Musiker, ist selbst überrascht von der Wahl. Und er fragt sich mit Recht, wie 1200 Pygmäen-Kriegerinnen und eine Handvoll Riesen und Menschen gegen die zehntausend Kriegerinnen, die Lantis aufbieten kann, bestehen können sollen….

Mein Eindruck

Vordergründig handelt es sich um einen klassischen Expeditions- und Siedlungsbericht im Stil von Robert A. Heinlein. Doch wo Heinleins Ingenieure durch Technologie aller Schwierigkeiten überwinden, breitet Pangborn vor dem Auge des erstaunten Lesers eine Utopie aus: Es ist das, was wir heute integrative Demokratie nennen: eine auf Gesetzen, die Wright formuliert hat, basierende Multi-Kulti-Gesellschaft, die heute für Länder wie Deutschland das Ideal sind, für andere, wie China, hingegen ein Gräuel.

Diese ideale Gesellschaft sieht sich zwei Herausforderungen ausgesetzt, von außen und von innen. Die erste äußere Herausforderung besteht zunächst in der Integration der Riesen, was keine große Schwierigkeit ist, denn der dankbare Mijok hilft ja mit. Die Integration von Pakriaas Pygmäen ist da schon schwieriger, zumal Spearman das Standbild ihrer Göttin demoliert. Aber um die Bedrohung durch Lantis abzuwehren, muss sich Pakriaa an die Menschen wenden: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Es fällt ihr dennoch schwer, sich mit den Gesetzen, denen die Menschen folgen, anzufreunden bzw. sie zu übernehmen. Aber auf S. 237 (im 3. Teil) zitiert sie Wright mit den Worten: „Gesetze sind lebendige Wesen: die Menschen sollten sie vor Krankheiten und Verkrüppelungen bewahren.“ Die Abstimmung über den Oberbefehlshaber folgt demokratischen Regeln – mit erstaunlichem Ergebnis: Nicht der Heinlein’sche Ingenieur Spearman führt das Kommando, sondern der Künstler Mason. (Der Autor war selbst Musiker, Komponist und Maler.)

Die dritte äußere Herausforderung ist natürlich die Abwehr von Lantis‘ Angriff, der perfiderweise aus verschiedenen Richtungen erfolgt. Mason hat jedoch eine List ersonnen, seine Streitmacht aufzuteilen und obendrein auch die feindseligen Flugwölfe und die rattenartigen Wühler in den Hügeln als fünfte und sechste Kolonne einzuspannen. Den Großteil seines Plans bestimmt jedoch, angesichts der feindlichen Übermacht, ein geordneter Rückzug auf sicheres Gelände. Hier kann dann das letzte flugfähige Beiboot die Verfolger in Schach halten. Leider ist dieser Rückzug verlustreich. Mason zieht daraus ebenso wie der Leser einige Lehren.

Zehn Jahre später

Der dritte und letzte Teil des Roman befasst sich mit der inneren Gefahr für diese utopische Gesellschaft. Worin sie eigentlich bestehen, ist einige zeit nicht klar, doch als Ann, die zweite, traumatisierte Frau nach einer hunderttägigen Flucht gefunden wird, erschließt sich im Rückblick, was Ed Spearman, der klassische Ingenieur, angerichtet hat. Er hat unter Pygmäen das Gegenteil einer offenen Gesellschaft errichtet und sich selbst zum Gottkönig erhoben (also ungefähr wie Ivar Ragnarsson in „Vikings 5. Staffel).

Spearman ist das bis 1953, als der Roman erschien, propagierte Ideal des technischen Machers und Planers. Was Ann aber schildert, ist eine soziale Katastrophe: das Ende von Demokratie und Menschlichkeit. Neun bis zehn Jahre hat sie es mit dem Kontroll-Freak ausgehalten, dann musste sie ausreißen – er sollte nicht auch noch ihr neugeborenes drittes Kind bekommen. Die Gefahr besteht nun darin, dass er für jemanden in der Wright & Mason-Kolonie ein Vorbild darstellen könnte. Tyrannei funktioniert, wenn auch mit gewissen opfern.

Die zweite Landung

Ein zweites Raumschiff von der Erde landet. Zwei Personen, ein Mann und eine Frau, begeben sich auf die Erdoberfläche und werden empfangen. Zum Empfangskomitee gehören nicht nur Wright, Mason & Co., sondern auch Ed Spearman, der seine zwei Söhne mitgebracht hat. Einer von den beiden gerät seinem Vater nach, der andere seiner Mutter. Welcher Gesellschaftsform werden die Neuankömmlinge den Vorzug geben – den Demokraten oder dem Tyrannen? Die Antwort wird erneut akademisch, als sich die Rakete des Raumschiff auf einmal in den Himmel erhebt. Sie wird von Ed Spearman gesteuert, der sich schlicht gekapert hat. Wie diese Sache ausgeht, soll hier nicht verraten werden.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist gespickt mit kleinen Druckfehlern, die aber auf die Dauer nerven.

S. 14: „Spe[a]rman“ statt „Spearman“.

S. 81: „Stil“ statt „Stiel“ (wie bei Blumen üblich).

S. 103: „lang[s]amer“ statt „langsamer“

S. 126: „Serars“ statt „Sears“.

S. 153: „ech[t]er“ statt „echter“.

S. 171: „ihr[e] Gewehr tanzte herum“. Das E ist überflüssig.

S. 196: „Brooda“ statt „Brodaa“.

S. 211: „brachte“ statt „brachten“, bezogen auf „Regengüsse“.

S. 220: „Pankriaa“ statt „Pakriaa“.

S. 238: „Vestolia“ statt „Vestoia“.

Unterm Strich

Der Roman ist angesichts seines Veröffentlichungsjahrs 1953 ein pazifistischer Gegenentwurf zum Kalten Krieg und zu den Heinlein-Ingenieuren. Er stellt die Ingenieure als potentielle Tyrannen da, die wegen ihrer Machermentalität die Rechte von andersartigen Wesen wie etwa Pygmäen oder Riesen mit Füßen treten. Der Krieg, den der Roman schildert, verläuft ebenfalls ziemlich ungewöhnlich. Nicht die vermeintliche Überlegenheit genialer Feldherren wird hier gepriesen, sondern die freundschaftliche Zusammenarbeit von drei verschiedenen Spezies, mit unfreiwilliger Mithilfe von zwei oder drei weiteren.

Überhaupt: Wie kommt man auf einen Namen wie „Luzifer“ für eine neue Welt? Nun, das lateinische Wort „lucifer“ bedeutet keineswegs „Satan“, wie uns gewisse Bibelautoren weismachen wollen, sondern „Sohn des Morgens, Lichtbringer“. (Dazu lese man auch mal das Versepos „Paradise Lost“ von John Milton). Man muss schon humanistische Wissenschaften und alte Sprachen gelernt haben, um diese Bedeutung ohne weiteres zu akzeptieren. Humanistisch ist auch der Grundansatz von Wrights Ideen und Gesetzen: „Die Andersartigen haben ebenso ein Recht auf Leben wie wir“, würde er formulieren, aber er sagt stattdessen ganz schlicht: „Gebt dem Protoplasma eine Chance!“

Gekürzt

Sicher mag es den einen oder anderen Leser erstaunen, dass Pygmäen, Menschen und Riesen sich auf einer Kulturstufe gemäß gemeinsamen Gesetzen zusammenraufen und als Multi-Kulti-Gesellschaft gedeihen können. So manches Mal kam mir die eine oder andere Beschreibung etwas gekürzt oder gar lückenhaft vor. Das liegt jedoch am Original, das erst nach Pangborns Tod in vollständiger Fassung (2001 von Old Earth Books) veröffentlicht wurde.

Die Übersetzung bietet also einen gestrafften Text, in dem die Handlung flott voranschreitet, unterbrochen durch anrührende (etwa der tragische Tod von Sears) oder humorvoll-ironische Szenen (z.B. die Ernennung Mijoks zum Menschen ehrenhalber und die von Wright zum Gott ehrenhalber). Dennoch fehlt ein Eindruck von Rundheit und Vollständigkeit.

Wer einen ungewöhnlichen Roman der fünfziger Jahre lesen möchte, der aufgrund der jüngsten sozialen Entwicklungen an Aktualität ständig gewonnen hat, der ist mit „Westlich der Sonne“ bestens bedient. Ich habe den Roman in wenigen Tagen bewältigt (mit Pausen). Die Übersetzung ist gelungen, auch wenn es ein paar Fehler weniger hätten sein dürfen.

Taschenbuch: 286 Seiten
Originaltitel: West of the Sun, 1953.
Aus dem Englischen von René Mahlow.
ISBN-13: 9783453031623

www.heyne.de

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