Edward L. Ferman (Hrsg.): 30 Jahre Magazine of Fantasy and Science Fiction

Die Tücken der Saurierjagd: klassische Science-Fiction-Geschichten

Anno 1979 feierte eines der renommiertesten SF-Magazine seinen dreißigsten Geburtstag. „Ed Ferman, sein langjähriger Herausgeber, hat aus diesem Anlass in Zusammenarbeit mit seinen Lesern und den Autoren einen Band der schönsten Erzählungen zusammengestellt, die in drei Jahrzehnten in diesem Magazin erschienen sind.“

So tönt der Klappentext. Aber in der Tat versammelt der schmale Band, den es anno 1981 für schlappe 5 Mark 80 zu kaufen gab, eine Vielzahl klassischer Storys sowie die Vorlagen zu den besten SF-Romanen aller Zeiten, darunter „Blumen für Algernon“ von Daniel Keyes und „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ von Walter M. Miller. Zwar sind auch die US-Giganten wie Asimov, Heinlein und Silverberg vertreten, aber es gibt auch auffallend gute weibliche Autoren, die 1979 gerade ihre erste Phase abgeschlossen hatten: Ursula K. Le Guin, James Tiptree jr. (= Alice Sheldon) und Zenna Henderson.

Das Magazin

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 64 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C.S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abgelöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

Die Erzählungen

1) Alfred Bester: Geliebtes Fahrenheit (1954)

Wie schon in seinem fulminanten Roman „Demolition“ greift der Autor ein psychologisches Motiv auf: Paranoia und Projektion, also die Übertragung des eigenen Wahns auf einen anderen. Zunächst denkt der Leser, er habe es mit drei Figuren zu tun, dann sogar mit vier, aber das stimmt nicht. Es geht immer nur um zwei Figuren: um James Vandaleur und seinen „vielseitig anwendbaren“ Androiden, der sich als wahrer Killer herausstellt. Auf dem Planeten Paragon III ermordet er sogar ein kleines Mädchen, danach eine Erpresserin, schließlich zwei Studenten, die ihm auf die Schliche kommen. Doch der Android ist alles, was Vandaleur geerbt hat und noch besitzt. Er will nicht von ihm lassen.

Doch was stimmt nicht mit dem Androiden? Anscheinend entspricht seine ursprüngliche Programmierung den drei Asimovschen Gesetzen der Robotik, doch unter einer bestimmten Bedingung versagen die entsprechenden Schaltkreise: wenn die Temperatur 90° Fahrenheit übersteigt. Dann beginnt er zu singen und zu tanzen, dass einem angst und bange wird. Das Ende des Androiden in einem brennenden Schilfgürtel ist höchst bizarr. Aber es ist noch die Frage, ob sein Herr, James Vandaleur, nicht ebenfalls eine Schraube locker hat.

Der Grund, warum diese Story so verwirrt, ist der perfide Umstand, dass die Identität dessen, der gerade ICH sagt, wechselt: mal ist es Vandaleur, dann wieder sein Android. Projektion, Q.E.D. Am besten liest man die Geschichte mehrmals.

2) Theodore Sturgeon: Es folgen die Nachrichten (1956)

Der Mann namens MacLyle führt vierzehn Jahre lang eine ganz normale Ehe, mit Frau Esther und ein paar Kinder in einem schönen Heim in der Vorstadt. Allerdings hat er die Obsession, jede Stunde die Nachrichten im Radio hören zu müssen – auf drei verschiedenen Sendern. Hinzukommt seine gründliche Lektüre der Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite. Denn er weiß, dass das, was der Dichter John Donne schrieb, wahr sein muss: „Mit jedem Tod verringerst du mich, deinen Gott, denn ich bin in jedem von euch.“

Im Jahre 14 also hatte seine Frau Esther die Nase voll und schraubte in jedem Radio und sogar im Fernseher die Röhren heraus. Sie bestellte die Zeitung ab. Nun würde sie hoffentlich wieder mit ihm reden können. Was sie nicht bedacht hat, ist seine radikale Reaktion: Er zieht aus, verflüssigt all sein Kapital, versorgt seine Familie teils damit und zieht in die Gegend, wo er in seiner Jugend glücklich war: in die Rocky Mountains. Er hat festgestellt, dass er nicht mehr lesen kann. Und jetzt verliert er auch die Fähigkeit des Sprechens.

Esther beauftragt einen Psychiater, ihn zu finden und zurückzuholen. Dem gelingt dieses Kunststück und verfällt auf einen Trick, wie er MacLyle zurückholen kann. Der zum Kunstmaler mutierte Totalaussteiger erliegt den Medikamenten und der Hypnose, findet Sprache und Lesefähigkeit wieder. Doch er zieht auf fatale Weise einen völlig falschen Schluss aus dem, was er nun in der Welt vorfindet…

Mein Eindruck

Ein ganz tolle Sturgeon-Story! Wieder mal beschreibt er auf sympathische und spannende Weise einen einzigartigen Charakter, nämlich den News-Junkie MacLyle. Leider wird er von seiner Umgebung völlig missverstanden, und so kommt es zu zwei fatalen Fehlern. Seine Frau vertreibt ihn, weil sie mal wieder mit ihm reden möchte, und der Psychiater, der auf Esthers Geld schielt, behandelt MacLyle nur mit Medikamenten, statt mit ihm zu reden. Dieser Schuss geht wahrlich nach hinten los: MacLyle beschließt, die Erde von den überzähligen Menschen zu befreien… Eine sehr ironische, aber leider auch plausible Wendung der Dinge.

3) Grendel Briarton: Durch Raum und Zeit mit Ferdinand Feghoot (1956)

Die Raumexpedition von Ferdinand Feghoot landet anno 2778 auf der Welt Dallas XIX. Leider wird der angeblich unbesiedelte Planet von wilden Ureinwohnern bewohnt, die die Mannschaft sofort gefangennimmt und beginnt, ihre teuflischen Experimente mit ihr anzustellen – allen voran ein Kerl, der wie ein riesiger Braunbär aussieht, aber eine große Spritze schwingt.

Zur Konsternation der Mannschaft scheint ihr Captain den Ernst der Lage noch nicht so ganz erfasst zu haben…

Mein Eindruck

Diese kleine Mikro-Story ist nicht mal einen halbe Seite lang, aber sie wirft ein bezeichnendes Licht auf die Naivität so mancher Spacer-Storys. Feghoot ist wie ein kleiner Junge, der plötzlich in ein Spiel nur für Erwachsene geraten ist.

4) Damon Knight: Ohne Knall (1950)

Der Dritte Weltkrieg ist seit zehn Monaten vorüber, und in Denver, Colorado, sitzen sich die beiden letzten Menschen auf der Erde in einem Restaurant gegenüber. Es sind zwei sehr verschiedene Menschen. Rolf Smith ist etwa 35 Jahre alt und hat als Funktechniker gearbeitet – er hat die schlechten Nachrichten mitbekommen. Leider leidet er an einer Auswirkung der Seuche, die viele Menschen dahingerafft hat: Er verfällt ab und zu unvermittelt in Starre. Er plant, in der ihm verbleibenden Zeit Kinder zu bekommen.

Ihm gegenüber sitzt die etwa 40-jährige Louise Oliver, die potentielle Mutter eben dieser Kinder. Sie hat Rolf das Leben gerettet, indem sie ihn mit einer Spritze von einer plötzlichen Lähmung befreit hat. Doch Louise ist eine fundamentalistische Christin – und weit und breit gibt es keinen Pastor mehr. Sie will nicht in Sünde mit einem Mann leben, also muss geheiratet werden, egal wie. Rolf verspricht es ihr, mit Brautkleid und allem Brimborium. Endlich sagt sie „ja“. Hurra!

Gerade als Rolf frohlockt, dass er sie herumgekriegt hat, packt ihn ein Lähmkrampf – auf der Herrentoilette…

Mein Eindruck

Eine klassische Adam-und-Eva-Story, die die Angst der Menschen in den fünfziger Jahren widerspiegelt, dass sich die Menschheit selbst ausrotten könnte – die Atombombenversuche der Amis, Franzosen und Sowjets wollten gar nicht mehr aufhören. Andererseits ist es auch eine Story, die das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern widerspiegelt, wie man es Anfang der 1950er Jahre noch für angebracht hielt. Das heißt, es sind einige ziemlich sexistische Ansichten zu finden, die hoffentlich längst überwunden sind.

5) Daniel Keyes: Blumen für Algernon (1959)

Charlie Gordon schreibt Fortschrittsberichte, fast jeden Tag einen. Sie beginnen Anfang März. Der Hauswart in einer Bäckerei ist schon 32 Jahre alt, verfügt aber nur über einen IQ von 68. Als er in der Schule für retardierte Erwachsene für ein Experiment getestet wird, glaubt er, dass er in allen Tests durchfällt. Man hat ihm gesagt, man wolle seine Intelligenz erhöhen. Und weil Charlie davon überzeugt ist, dass er mit höherer Intelligenz auch mehr Freunde haben kann, strengt er sich an. Sogar die Labormaus Algernon ist intelligenter als er, denn sie gelangt viel schneller durch den Irrgarten als er. Sie wurde bereits per OP intelligenter gemacht. Das findet Charlie unfair.

Dank seiner „Motor Watjon“ (Motivation) wird er als erster ausgewählt, per Chirurgie einen höheren IQ zu bekommen. (Worin die OP genau besteht, erfährt Charlie zunächst nicht.) Professor Nemur ist dagegen, aber der Psychologe Dr. Strauss bewegt ihn dazu, Charlie eine Chance zu geben. Der graduierte Student Burt steht natürlich auf der Seite von Dr. Strauss. Er kümmert sich um Charlie nach der Operation. Erstaunlich, dass Charlies scharfsinnige und unschuldige Fragen eine der Krankenschwestern nach der anderen in Verlegenheit bringen – seine Fortschrittsberichte verraten sie, wenn die beiden über Gott reden oder übers Kinderkriegen.

Monate später hat sich Charlies Leben radikal geändert. Durch seine immer klüger werdenden Fragen wird er seinen früheren Kumpels in der Bäckerei richtiggehend unheimlich. Als er eines Tages auch noch einen von ihnen beim Betrügen erwischt, erhebt sich für Charlie eine schwierige moralische Frage. An wen soll er sich wenden? Jeder sagt etwas anderes. Seine Freundin Alice, die auch im Institut arbeitet, meint, er solle auf sein Herz hören. Doch die Gelehrten meinen, er solle sofort zur Polizei gehen. Beides ist nicht dienlich, findet Charlie und geht einen dritten Weg.

Dieser dritte Weg besteht darin, dem Betrüger eine letzte Chance zu geben, sich vor dem Auffliegen zu bewahren. Doch die ausgestreckte Hand wird nicht ergriffen, sondern ausgeschlagen. Sein langjähriger Freund und Arbeitgeber muss ihn auf Betreiben der anderen Angestellten entlassen. Und da Charlie auch noch Streit mit Alice hat, die sich ihm zunehmend geistig unterlegen fühlt, vereinsamt er zusehends.

Es kommt soweit, dass er Trost von fremden Frauen anzunehmen bereit ist. Er trifft eine junge Frau, deren Mann zur See fährt und die von ihren Eltern verstoßen wurde, weil sie mit einem Matrosen durchgebrannt ist. Charlie findet sie nett, doch er hat ein generelles Problem mit bestimmten Frauen. Immer wenn sie ihn an seine herrische Mutter erinnern, wird er höchst unsicher und bekommt eine Panikattacke: Wird sie ihn schlagen, wie es seine Mutter immer getan hat, wenn er sich vor Angst in die Hose gepisst hatte? Als sich die Matrosenfrau als schwanger zu erkennen gibt, stößt er sie so heftig von sich, dass sie zu schreien beginnt. Die herbeilaufenden Parkbesucher meinen, es handle sich um eine Vergewaltigung und verfolgen Charlie. Er entkommt, aber mit einem gewaltigen Schrecken. Ist er ein Ungeheuer?

Mein Eindruck

Trotz seiner scheinbar einfachen Handlung entpuppt sich „Blumen für Algernon“ als ein vielschichtiger und sehr engagierter SF-Roman – und diese Erzählung ist die Keimzelle dazu. In Tagebuch- und Berichtsform verfasst, ist er stilistisch-orthografisch den jeweiligen Intelligenzstufen des Verfassers Charlie Gordon angepasst. Macht er am Anfang noch viele Fehler, so drückt er sich in der Mitte sehr gebildet aus, was sich auch in seiner fehlerlosen Grammatik äußert

Dann kehrt sich das Ganze wieder um, um schließlich auf das niedrige Niveau des Anfangs zurückkehren. Wir können also hautnah miterleben, wie es um Charlie bestellt ist. Das macht die Handlung besonders eindringlich. Sein Aufstieg und Fall birgt eine besondere Tragik in sich, und die Fallhöhe im zweiten Teil bestimmt das Ausmaß der Tragik.

Isolation

Während wir uns in Charlies Lage hineinversetzen können, gelingt dies den Personen aus seiner Umgebung nicht. Die Ärzte Nemur und Strauss sehen ihn ihm (Strauss etwas weniger) nur einen weiteren Probanden, seine Freunde aus der Bäckerei können ihm auf seinem Höhenflug nicht folgen, und besonders seine Freundin Alice fühlt sich durch seine hohe Intelligenz gedemütigt – so paradox dies klingt. Seine zweite Freundin benutzt ihn lediglich als guten Fick – bis sie einen Ersatz findet.

So ist Charlie eigentlich immer allein. Als Schwachsinniger wird er gehänselt, als Genie treibt ihn seine Superintelligenz in die Isolation – kann man es den Menschen überhaupt irgendwie recht machen? Deshalb wunderte es mich nicht, dass Charlie ein besonderes Verhältnis zu der Maus Algernon entwickelt, die ihm durch das gleiche Schicksal näher ist als alle Menschen. Wie er selbst ist sie ein Opfer der Wissenschaft geworden, das trotz seines intellektuellen Durchbruchs Höllenqualen erleidet.

Die Botschaft des Autors ist überdeutlich: Der Mensch zeichnet sich nicht allein durch Intelligenz aus. Und Philip K. Dick würde ihm beipflichten und ergänzen: Was uns von den Denkmaschinen unterscheidet, ist das menschliche Mitgefühl („kindness“).

Aspekte des Sex

Besonders hat mich die für das Jahr 1966 recht deutliche und ungeschminkte Darstellung von Sexualität erstaunt. Mehrere Spielarten und Beziehungsebenen der Sexualität erlebt Charlie auf seinem Höhenflug. Mehrere negative Aspekte werden in seiner Kindheit und Jugend aufgezeigt, denn ständig ist er Verdächtigungen und Missbrauchsversuchen ausgesetzt. Diese verfolgen ihn bis heute in seinen Albträumen, und so kommt es, dass es ihm nicht gelingt, eine unbelastete Beziehung zu Frauen aufzubauen – der Schatten seiner Mutter droht über allem.

Er sieht dies sehr wohl selbständig ein, denn seine Berichte und die durchforschte Fachliteratur klären ihn darüber auf, was mit ihm los ist. Weder mit den Ärzten noch den Assistenten kann er über dieses heikle Thema sprechen, und Alice flippt deswegen regelmäßig aus. Eine verbreitete Psychotherapiekultur gab es damals offenbar noch nicht. Als er eine Frau – die Nachbarin, eine Malerin – kennenlernt, die mit ihm ohne Hemmungen schlafen will, ist das wie eine Befreiung. Doch als er merkt, dass sie ihn anderweitig ausnutzt, merkt er, dass auch Sex nur ein Teilaspekt von dem sein kann, was ein menschenwürdiges Dasein ausmacht. Aber das tabuisierte Thema ist einer der Hauptkritikpunkte, mit denen der Autor die Verklemmtheit und Heuchelei der Gesellschaft angriff.

Aspekte der Wissenschaft

Wissenschaft wird besonders von den Amerikanern und ihren SF-Autoren als Allheilmittel für alle möglichen Probleme der Menschheit angesehen oder zumindest hingestellt. Sobald die Wissenschaft den einzelnen Menschen jedoch als Mittel zum Zweck betrachtet und ihn für ihre egoistischen Ziele – Selbstdarstellung, Ruhm, lukrative Verträge etc. – benutzt, wird sie menschenfeindlich. Denn dann ist der Einzelne nicht mehr wert als eine Ware, ein Objekt. Man denke an Dr. Mengele in Auschwitz… Es heißt also, stets auf der Hut zu sein: Die wissenschaftliche Methode kann schnell ein Opfer fordern.

6) Walter M. Miller, jr.: Ein Lobgesang auf Leibowitz (1955)

Dieser erste Teil des gleichnamigen Romans (1955) schildert die Welt 600 Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg, der den größten Teil der Menschheit vernichtet hat. Bruder Francis Gerard ist Novize im „Albertinischen Orden von Leibowitz“ in einem Kloster im Südwesten der ehemaligen USA.

Eines Tages hat er in der Wüste eine merkwürdige Begegnung mit einem Pilger, durch den er einen alten Bunker entdeckt. In diesem findet er eine Blechschachtel mit alten Papieren, darunter eine offensichtlich wertvolle Blaupause mit dem Namen I. E. Leibowitz darauf. Isaac Leibowitz war ein Physiker, der nach dem Holocaust und der darauf folgenden Zeit der Simplifikation, einer antiintellektuellen Bewegung mit Bücherverbrennungen, sein Heil in der Religion suchte und einen Orden gründete, der sich die Konservierung des menschlichen Wissens zur Aufgabe machte. Zur Zeit Bruder Gerards hegen und pflegen die Mönche Vorkriegsdokumente, wissen aber kaum noch, was sie da tun.

Die Blaupause von Leibowitz erregt im Kloster großes Aufsehen, und da man den Klostergründer gern als Heiligen sähe, wird auf die Duplikation des Fundes großer Wert gelegt. Francis verbringt mit dem haargenauen Abzeichnen 15 Jahre. Schließlich bricht er nach New Rome an der Ostküste auf, um dort sein Fundstück zu präsentieren, was die Heiligsprechung von Leibowitz nach sich zieht.

Mein Eindruck

„Leibowitz“ gilt als Meisterwerk der modernen Science-Fiction. Das liegt einerseits an dem großartigen Stil, zum anderen aber auch am folgerichtigen, dreistufigen Aufbau und am Thema des Romans. Millers Helden sind nicht etwa die agierenden Personen, sondern die Menschheit und ihre Geschichte im Allgemeinen. Der Autor transponiert die Geschichte der letzten 2000 Jahre einfach in die Zukunft, von den Fünfzigern aus gesehen.

Ironischerweise weist er der römisch-katholischen Kirche eine ähnliche Rolle zu, nur dass ihre Reliquien diesmal wissenschaftlichen Ursprungs sind. Entsprechend von zentraler Bedeutung ist daher das Verhältnis Kirche – Wissenschaft. Miller teilt sarkastische Seitenhiebe nach beiden Seiten aus.

Das zyklische Geschichtsbild – im 3. Teil bricht erneut ein Atomkrieg aus – ist als sehr pessimistisch, ja geradezu deterministisch aufgefasst worden. Doch man bedenke: „Leibowitz“ entstand zu einer Zeit Mitte der Fünfziger als der Widerstand gegen das atomare Wettrüsten immer stärker wurde. Hiroshima warf lange Schatten. Von daher ist das Buch auch als Warnung zu verstehen. Dieser Roman gewann 1960 den HUGO Award (ironischerweise ein Jahr nach dem Debakel mit Heinleins „Starship Troopers“) und wird von vielen Kritikern als einen der besten Science Fiction-Romane überhaupt angesehen.

7) Shirley Jackson: Ein gewöhnlicher Tag – mit Erdnüssen (1954)

Mr Johnson spaziert gern durch seine Stadt und verteilt Erdnüsse. Er vernetzt seine Mitmenschen, verkuppelt sogar junge Leute, gibt Wohnungstipps weiter, ein wahrer Wohltäter also. Aber seine Frau ist das genaue Gegenteil: Sie stiftet Streit, wo sie nur kann. Morgen soll Mr Johnson mal ihren Part übernehmen.

Mein Eindruck

Eine kleine, feine Erzählung mit sehr genauen Detailbeobachtungen aus der großen Stadt. Shirley Jackson (1919-1965) ist am bekanntesten für ihren Roman „The Haunting of Hill House“ (1959), der von der „Encyclopedia of Science Fiction“ als „superbe Geistergeschichte“ eingestuft wird. Bemerkenswert ist das Konzept des Ausgleichs zwischen konstruktiv und zerstörerisch, das in den beiden Johnsons verkörpert ist. Es finden sich keine Angaben darüber, welcher Grund sie dazu bewegt hat – und woher Mr Johnson all das viele Geld nimmt, das er verteilt.

8) James Tiptree, jr.: Die unscheinbaren Frauen (1973)

Don Fenton aus St. Louis reist nach Mexiko auf die Halbinsel Yucatan, um dort zu angeln. Aber die Maschine, die er bei Estéban, einem reinrassigen Maya-Piloten, gebucht hatte, ist defekt und er muss diejenige nehmen, die schon zwei amerikanische Frauen gebucht haben. Er hat die beiden, eine Miss und Mrs. Parsons aus Bethesda, Maryland, schon auf dem Flug bemerkt, allerdings nur als verschwommenen Fleck. Ihm fällt auf, dass sie ihn nicht mal ansehen, als sie ihm gestatten, mit ihnen zu fliegen.

Das Wetter ist schlecht, der Zustand des Fliegers noch schlechter, aber Estéban schafft es, eine fantastische Bruchlandung in den Mangrovensümpfen an der Küste hinzulegen. Während alle anderen unverletzt sind, scheint er sich eine Rippe gebrochen zu haben. Die zwei Frauen geraten aber weder in Panik noch bejammern sie ihr Schicksal. Mrs. Parsons, eindeutig die Mutterhenne der beiden, behauptet, sie sei bei den Pfadfinderinnen gewesen. Erklärt das ihren kühlen Kopf, fragt sich Don.

Am nächsten Tag brechen Don und Mrs. Parsons auf, um Hilfe zu holen. Sie stoßen auf Süßwasser, an dem sie sich laben, und erbeuten Fische, die sie roh verzehren. Aber Mrs Parsons weiß Don auf Abstand zu halten. Eine Bibliothekarin, die sich für Maya-Ruinen interessiert, aber trotzdem fortwährend nach etwas Ausschau hält – das kommt Don mehr als spanisch vor. Ruth, wie sie sich nennt, schmettert alle Fragen und Anzüglichkeiten gekonnt und höflich ab. Ihre Tochter mag sich ja vielleicht von Estéban schwängern lassen, doch sie hat andere Pläne…

Sie sind nicht allein in der Mangrovenwildnis, muss der inzwischen am Knie verletzte Don feststellen. Eines Abends taucht ein Boot auf, das mit drei menschenähnlichen Aliens besetzt ist. Sie greifen mit zwei Meter langen Armen nach Mrs Parsons – denn sie hat etwas, was sie zurückhaben wollen. Im Austausch für dieses Objekt verlangt Ruth Parsons eine Mitfluggelegenheit auf dem Raumschiff der Aliens. Don Fenton riskiert den Verstand und sein Bein, doch es gelingt ihm nicht, Ruth Parsons und ihre Tochter von der Abreise zu einem anderen Stern abzuhalten…

Mein Eindruck

In dieser berühmten Novelle sind ein paar üble Tiefschläge für das Ego der Männerwelt versteckt. Ruth und Althea Parsons haben zwar nichts gegen Männer, wohl aber gegen deren absolute Herrschaft über Frauen. Sie haben sich in Nischen wie dem National Institute of Health (NIH) eingerichtet, wo eine Freundin sie deckt. Sie vermehren sich dadurch, dass sie Männern deren Samen abluchsen, indem sie sich schwängern lassen, ohne den Vätern Bescheid zu geben.

Natürlich sind die beiden Parsons keine Bibliothekarinnen, sondern mehr eine Art Agentinnen im Außendienst – darüber wusste die CIA-Mitarbeiterin Alice Sheldon bestens Bescheid. Während sie meist in unscheinbaren Abteilungen der Bürokratie unsichtbar sind (darauf bezieht sich der Titel der Erzählung), arbeiten die Parsons zuweilen an der Front: so wie jetzt.

Sie wollen lieber woanders sein als noch länger auf einer von Männern dominierten „Welt-Maschine“ ein rechtloses Dasein fristen, sagt Ruth in einem sehr bedeutenden Monolog. Dieses Woanders-sein wird Don bald klar: mit den Aliens mitfliegen. Ein weiterer Tiefschlag für sein männliches Ego.

Die Story ist gespickt mit sexuellen Anspielungen und Bildern, doch es findet kein Sex statt. Die Männer, für die Don steht, haben nämlich ausgespielt: Sein geschwollenes Bein ist wie eine riesige Erektion, aber völlig nutzlos. Die deutsche Übersetzung unterdrückt anstößige Formulierungen wie „taking a pee“ (umschrieben als „ein Geschäft verrichten“), aber wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, bekommt viel von der sarkastischen Bissigkeit mit, die die Autorin in den Text gelegt hat.

9) Richard Matheson: Menschenkind (1950)

Das achtjährige Kind lebt bei seinen Eltern – soweit, so schön. Aber es wird im Keller versteckt. Was es uns berichtet, ist alles andere als schön. Mutter und Vater schämen sich seiner, und sollte es sich mal auf die Treppe wagen, wo man es sehen könnte, wird es sofort gescholten und weggescheucht.

Einmal wird es nach einem Kindergeburtstag am Fenster des Kellers entdeckt. Ein Kind kommt die Treppe herunter und hetzt sein Kätzchen oder Hündchen auf das Kellerkind, das sich unter den Kohlen versteckt. Als es sich entdeckt sieht, zerfetzt es das Tier, und das Kind rennt plärrend weg. Fortan darf das Kind nie wieder zu Mami und Daddy.

Aber es schwört Rache, sobald es größer ist. Während es an der Wand hoch und über die Decke läuft, spuckt es vor Wut grünen Geifer: „Wartet’s nur ab!“

Mein Eindruck

Offensichtlich handelt es sich bei dem Kind in dieser Horror-SF-Story um einen Mutanten. Diese abnormen Wesen waren in der SF der Nachkriegszeit sehr verbreitet, denn die Autoren hatten Angst vor den Folgen der radioaktiven Verstrahlung auf das Erbgut des Menschen. Berichte aus Hiroshima und Nagasaki dürften für entsprechendes Grauen gesorgt haben. Und die Atombombenversuche der Amis und Russen hielten weiter an. Dass das Kind über die Decke laufen kann, erinnerte mich an die verfilmte SF-Geschichte „Die Fliege“ von George Langelaan.

10) Robert A. Heinlein: Entführung in die Zukunft („All you zombies…“, 1964)

1980 kommt ein Mann in die Kneipe von „Pop’s Place“, wo unser Zeitagent als Barkeeper arbeitet. In einer Wette um eine Flasche Whisky erzählt der Neuankömmlung, ein Schriftsteller vom Typ „Ledige Mutter“, seine Lebensgeschichte.

Geboren anno 1955 als Mädchen Jane, wurde er im Jahr 1973 in einem Park von seinem / ihrem ersten Mann geschwängert, woraufhin der Vater verschwand. Neun Monate später, also 1974, brachte unser Mädel einen strammen Sohn zur Welt, doch zwei unerwartete Dinge passieren: Die Mutter wird in einen Mann umgewandelt, um die Verletzungen der Geburt überleben zu können; und zweitens wird das Baby von einem Unbekannten entführt. Nun würde der Besucher der Bar sonst was drum geben, um diesen fiesen Kerl erwischen zu können.

1980 rekrutiert der Zeitagent seinen Kunden und erfüllt ihm seinen Wunsch, indem er ihn mit seiner Zeitmaschine ins Jahr 1973 mitnimmt, also in das Jahr, in dem Jane geschwängert wurde. Der Zeitagent jedoch reist in Jahr 1974, um das neugeborene Baby zu rauben. Dann beginnen die Dinge, kompliziert zu werden …

Mein Eindruck

Eine der irrsinnigsten Zeitreisegeschichten, die je geschrieben wurden. Es kommt nur ein einziger Mensch darin vor, aber in drei Versionen. Der Zeitagent ist die gleiche Person wie sein Kunde, ist sein eigener Vater, seine eigene Mutter und natürlich deren Baby. Davon zeugt beispielsweise die Kaiserschnittnarbe an seinem Bauch. Als wäre er müde von so viel Verwirrung, begibt er sich ins Jahr 2003, um den Job zu wechseln. Aber wie gerne hätte er die anderen bei sich.

11) Harlan Ellison: Jeffty ist fünf (1977)

Don Horton wächst mit Jeffty Kinzer auf, seinem besten Freund. Zusammen lauschen sie den aufregenden Hörspielserien um The Lone Ranger, Captain Midnight und viele andere Helden der Kriegszeit. Doch aus kleinen Leuten werden schließlich große – nur Jeffty nicht. Er hat zwar die Körpermaße eines kleinwüchsigen 22-Jährigen, aber sein Geist ist immer noch der eines Fünfjährigen. Sein Freund Donny lässt ihn zwar nicht im Stich, aber seine Eltern sind das Inbild stiller Verzweiflung.

Das wäre alles nicht so wahnsinnig interessant, wenn Donny nicht eines Tages das Wunder entdecken würde, das Jeffty darstellt. In seinem Geheimversteck unter der Veranda des Elternhauses sammelt Jeffty immer noch Comics seiner Serienhelden – und sie sind aus neuester Produktion! Ebenso die Hardware wie etwa der „Codeograph“, den die Hörer von „Captain Midnight“ bis anno 1949 gewinnen konnten – und er trägt das Datum des aktuellen Jahres!

Nicht genug damit, gelingt es Jeffty auch, moderne Fortsetzungen der alten Hörspielserien auf seinem Radio zu hören. Donny beginnt zu weinen, als ihn diese Erlebnisse an die alten Tage seliger Unschuld erinnern, dabei ist er längst ein erfolgreicher Geschäftsmann mit Familie. Zusammen schauen sie Fortsetzungen oder Neuverfilmungen alter Kinofilme, und an einem dieser Abende, als sie ins Kino wollen, vergisst Donny die Regel Nummer eins: Jeffty niemals der Gegenwart auszusetzen…

Mein Eindruck

Die wunderschöne und mit den wichtigsten SF-Preisen (Hugo, Nebula) ausgezeichnete Erzählung beschäftigt sich in ganz konkreten Bildern mit dem Thema Nostalgie. Jeffty ist ein Junge, der nicht nur aus der Zeit gefallen ist, sondern die Vergangenheit auch noch weiterspinnt. Sein Freund Donny, der Ich-Erzähler, muss sich damit auseinandersetzen, ob er seiner Nostalgie frönt oder doch lieber dem Fortschritt huldigt.

Die Gegenwart ist die tödliche Feindin der Vergangenheit, und dass er dies noch nicht gelernt hat und lieber der Gegenwart und dem Fortschritt (in Gestalt neuester TV-Geräte) huldigt, bringt seinem Freund Jeffty, der Verkörperung der Vergangenheit, den Tod. In einem unbeobachteten Moment wird Jeffty von Halbstarken zusammengeschlagen und schwer verletzt. Dann begeht Donny einen zweiten Fehler: Er bringt seinen Freund nicht ins Krankenhaus, sondern ins Haus seiner Eltern. Schon bald dröhnt Rockmusik aus Jefftys Radio. Rockmusik?!!…

Die beiden Helden sind keine direkten Alter Egos des Autors. Ellison wurde bereits 1934 geboren, war also fünf Jahre alt, als es „Captain Midnight“, der ab 1940 Heldentaten beging, noch gar nicht gab. Dennoch beschreibt er jene Kinderzeit ganz genau in vielen Details und vergleicht sie mit dem, was als „Fortschritt“ durchgeht. So wird die Lektüre für den Leser zur Entdeckungsreise. Tolle SF-Autoren wie Stanley Weinbaum und Henry Kuttner, die viel zu früh verstarben, leben hier wieder auf, und selbst Edgar Rice Burroughs schickt seinen John Carter von Barsoom zu den Monden des Jupiter – ein Fest für den Freund von wundersamen Zukunftserzählungen. „Jeffty ist fünf“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten in der Phantastik.

12) Zenna Henderson: Ararat (1952)

Der Cougar Canyon ist der Lebensraum des VOLKES, einer Population von Psi-Begabten. Ihr Raumschiff ist hier nach der (wahrscheinlich Psi-gesteuerten) Überquerung des Kosmos abgestürzt und die Trümmer werden seitdem als Mine für Metalle benutzt, die die Schürfer an das DRAUSSEN verkaufen.

Damit sie sich gegen Übergriffe von unverständigen Bewohnern außerhalb der kleinen Kolonie schützen können, haben die Ältesten beschlossen, dass alle so tun müssen, als wären sie nicht anders als die da draußen, also ganz „normal“. Nur mit den betagten Lehrern, die die Behörde ihnen schickt, gibt es regelmäßig Schwierigkeiten: Sie machen es nicht lange, weil die Psi-Kinder sich oft nicht beherrschen können. Die Kinder lieben es zu schweben.

Doch die neue Lehrerin Valancy Carmody ist jung und hübsch und irgendwie anders. Karen, die fast schon erwachsene Ich-Erzählerin, will unbedingt, dass die neue Lehrerin länger bleibt als ihre vier Vorgänger, die allesamt auf dem Friedhof liegen. Zunächst scheint alles gutzugehen und Karens Bruder Jemmy verliebt sich sofort in Miss Carmody, doch die weist ihn ab: Sie sei anders, sagt sie. In welcher Hinsicht, fragt sich Karen.

Karen, die Empathin, kann normalerweise jeden SICHTEN, doch Miss Carmody hat einen sehr starken mentalen Schild. Was stimmt bloß nicht mit ihr, fragen sich Karen und ihr Vater, ein Mitglied des Ältestenrates. Sie erfahren es im Dezember, in der Zeit der Dürre. Bei einem Schulpicknick gerät das Heidekraut in Brand, rasch sind die Kinder ringsum von Flammen bedroht. Da ergreift Miss Carmody die Initiative und schickt alle Schulkinder unter eine Plastikplane. Karen wundert sich, warum dieses Plastik nicht brennen soll, als sie sieht, wie sich Miss Carmody den Flammen entgegenstellt und Regen zu beschwören beginnt…

Mein Eindruck

So wie in der Bibel Noah die Arche zum Berg Ararat gesteuert hat, um eine rettende Heimat zu finden, so strandeten auch die Psi-Begabten auf dieser Welt und gründeten in Cougar Canyon ihre abgeschottete, scheinbar normale Kolonie. Es wird nie gesagt, ob die hier geschilderte Welt die Erde ist und ob die Psi-Begabten Menschen sind oder Fremdlinge – das ist auch unerheblich, solange wir nachvollziehen können, was sie fühlen, denken und empfinden.

Und das können wir durchaus, denn Karen, die Chronistin, lässt uns trotz neu definierter Begriffe wie „Volk“, „Gruppe“ und „Älteste“ nachempfinden, wie es bei den Bewohnern dieser Kolonie zugeht. Es geht um die Weitergabe des Wissens und der GABEN der Kolonisten an ihre Kinder. Dabei spielt die Schule eine Schlüsselrolle, und natürlich die Lehrerin. Die Kinder machen Unsinn wie alle Kinder und triezen die Lehrerin. Aber Karen hat ein echtes Anliegen: Um eine richtige SICHTERIN mit einer Ausbildung sein zu können, braucht sie selbst eine Lehrerin – aber bei der Bruchlandung des Raumschiffes sind die Lehrerinnen ebenso wie die Bücher dafür verlorengegangen.

Als sich dann Valancy Carmody in einem Moment größter Not als eine Psi-Begabte herausstellt, ist es, als würde die Gemeinschaft den vermissten Schlüssel zum Schloss entdecken. Und Jemmy bekommt endlich die Frau, die er sich schon immer gewünscht hat. So wird aus dieser Mutantengeschichte unversehens eine menschlich anrührende Liebesgeschichte.

Unter all den vielen Geschichten, die die fünfziger Jahre über Mutanten hervorgebracht haben, ist dies mit Abstand eine der besten. Denn sie ist die positive Antwort auf John Wyndhams 1960 und 1995 verfilmte Horrorvision „The Midwich Cuckoos“ von 1957.

13) Robert Silverberg: Schicksalsgefährten (Sundance, 1969)

Tom Two Ribbons ist Mitglied einer Expedition auf einen Planeten, der für die Besiedlung behandelt wird. Die Behandlung besteht darin, die einheimische Bevölkerung auszurotten. Die Esser, wie die Spezies genannt wird, sind bestimmt nicht intelligent. Und so können die Bomben auch keine intelligenten Wesen vernichten, oder? Aber eine Frage des Kollegen Herndon beginnt, Tom zu beschäftigen: Was, wenn sie doch intelligent wären und eine Kultur hätten?

Toms Vorfahren waren Sioux und somit ein Volk, das einst selbst ausgerottet wurde. Seine ganze Familie hat sich selbst zerstört: durch Alkohol, durch Halluzinogene, durch fortwährende Gedächtniskorrekturen. Tom hat nicht vor, sich zu so einem Fall machen zu lassen. Er beginnt, die Esser zu studieren, entdeckt ihr vertrautes Ritual der Sonnenanbetung – und wird zu einem von ihnen. Er tanzt den Sonnentanz der Sioux mit ihnen und partizipiert an ihrem Tischgebet.

Er sieht, wie weitere Bomben abgeworfen werden, die die Esser vernichten, und wird wütend. Doch dann sagen ihm seine besorgten Kollegen, dies sei nur Teil seiner Therapie und finde eigentlich gar nicht statt: Es sei nur eine Gedächtniskorrektur für seine Verhaltensstörung. Ihre Expedition diene nur der Forschung, sagt auch Ellen, seine Geliebte. Leider erweist sich Toms Realität anschließend als ein System aus Falltüren, durch die er zu fallen beginnt …

Mein Eindruck

Dieser Protest gegen die Ausrottung der Indianer war im Jahr 1969 eng verknüpft mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg, in dem sowohl Nordvietnamesen als auch Kambodschaner von der US-Luftwaffe ausgerottet werden sollten – was nicht ganz klappte. Aber um das Jahr 1969, als diese Erzählung veröffentlicht wurde, fanden erste Indianerproteste statt, die in der Besetzung der Insel Alcatraz, von Wounded Knee und in der Ablehnung des OSCARs durch Marlon Brando gipfelten – alles Tiefschläge für das kollektive Ego des weißen Amerika.

Die Erzählung feiert das Gemeinschaftserlebnis des indianischen Sonnentanzes (den es so vielleicht nie gegeben hat, denn es gibt auch andere Definitionen für „Sonnentanz“). Dies sind die schönsten, weil gefühlvollsten Passagen der Story. Aber im Zuge der Dialektik des Themas (These, Antithese, Synthese) folgt die harte Landung des Helden sogleich – mit einem faulen Kompromiss seitens des Autors: alles nur Täuschung und Einbildung, ätsch!

14) Reginald Bretnor: Die Geheimwaffe (The Gnurrs Come from the Voodvork Out, 1950)

Der Krieg der Vereinigten Staaten mit Bobovia ist bislang alles andere als glorreich verlaufen. Noch setzen die Amis keine Atomwaffen ein, aber das ist nur eine Frage der Zeit – Zeit für die Geheimwaffe, die die Bobovianer endlich in die Knie zwingt. Schließlich tritt damit Papa Schimmelhorn auf den Plan.

Doch im Amt für Geheimwaffen wiehert der Amtsschimmel, den Colonel Pollard gerade reitet, höchst vernehmlich. Col. Pollard ist nämlich der Ansicht, dass ein Krieg nur mit Tieren gewonnen werden kann, insbesondere mit jenen Pferden, die er selbst züchtet. Gerade diktiert er der WAC-Soldatin Katie Hooper (WAC: Women’s Army Corps) seine neueste Ansicht über einen glorreichen Kavallerieangriff mit Säbel und Lanze, als sein junger Leutnant Hanson hereinplatzt – ohne Hose! Während Miss Hooper aufkreischt und Pollard sich empört, folgt Papa Schimmelhorn mit einem fröhlichen „Hallo, Soldier-Boy“ auf den Lippen. Schuld an Hansons Zustand sind die Gnurrs.

Sogleich darf er demonstrieren, wie seine Geheimwaffe funktioniert: Sie sieht aus wie ein Holzblasinstrument namens Fagott, nur mit dem Unterschied, das ein ultrageheimer Kristall als Blättchen dient, das die Töne erzeugt. Und dieser Kristall lockt mit der von Schimmelhorn gespielten Melodie „Come to the Church in the Wildwood“ die Gnurrs aus der hölzernen Wandtäfelung.

Die Gnurrs – nun, sie sind etwa mausgroß, aber rasend wie ein Keiler und mit drei Reihen scharfer Haifischzähne bewaffnet. Und natürlich treten sie niemals alleine auf, sondern stets in Massen – und stets hungrig. Auf diese Weise hat also Lt. Hanson seine Hosen verloren. Col. Pollard sieht die Effektivität der Geheimwaffe ein, als es Schimmelhorn gelingt, die Gnurrs mit der rückwärts gespielten Melodie des Liedes wieder verschwinden zu lassen.

Die Frage ist nun: Werden die Gnurrs die Bobovianer fressen oder die Amerikaner? Doch auch darauf weiß Papa Schimmelhorn eine – wie stets geniale – Antwort …

Mein Eindruck

Dies ist die erste Geschichte mit der Hauptfigur des Schweizer Erfinders Papa Schimmelhorn, die Reginald Bretnor je veröffentlichte. Sie ist ein wunderbar schnurriger Auftakt zu einer ganzen Reihe humorvoller Geschichten – möglicherweise Satiren – um dieses Genie mit dem verdrehten Unterbewusstsein. Schimmelhorn tritt in dieser Militärsatire als moderner Rattenfänger von Hameln auf.

Die Gnurrs sind keine Aliens, nein, sie kommen nur aus dem Gestern. Die Gnurrpfeife holt sie ins Heute, das für sie aber morgen ist. Die Umkehrung schickt sie zurück ins Gestern, das für sie heute ist. Alles klar? Nun, Papa Schimmelhorn könnte es besser erklären. Er hat bei den Physikern von Genf gelernt – als Hausmeister.

Ebenso wichtig ist die Satire auf das Militär, das immer noch in Kategorien von Kavallerieangriffen und Atomexplosionen denkt – wie rückständig dies ist, wird klar, als im Finale ein großer Pferdeangriff gestartet werden muss: gegen die Invasion der Gnurrs, die in Los Angeles von ein paar uninformierten Wissenschaftlern herbeigeführt wurde…

„Um Los Angeles ist es nicht schade“ – ein bissiger Seitenhieb des Autors aus dem Munde seines schrägen Helden. Denn wer wohnt in Los Angeles? Genau: Hollywood-Stars! Und was fressen Gnurrs? Die Kleider von Hollywood-Stars! Unversehens nimmt die Story einige schlüpfrige Untertöne an. Doch keine Bange: Um Katie Hooper müssen wir uns keine Sorgen machen.

15) Isaac Asimov: Die Träumer (Dreaming is a Private Thing, 1955)

Der alte Jesse Weill erlebt einen rabenschwarzen Tag für seine Firma Dreams Incorporated. Die vertreibt Träume bester Qualität und unterhält damit Millionen von Amerikanern: eine echte „Traumfabrik“. Erst schleppt sein Talentsucher Joe einen unerfahrenen Schuljungen als Träumer an. Dann tritt ein Beamter aus dem Informationsministerium ein und zeigt Weill einen billigen pornografischen Traum, der neuerdings vertrieben wird. Wegen dieses „Mülls“ droht er, einen Zensur auf Träume zu verhängen. Weill gelingt es, ihm diesen Irrsinn auszureden.

Dann tritt ein Traumredakteur ein und zeigt ihm ein Traumprodukt der Konkurrenz von Luster Think. Es spricht die Massen an, weist kaum Qualität auf, soll aber in großen Traumpalästen, die Luster baut, gezeigt werden. Eine ernstzunehmende Konkurrenz also. Weill winkt ab und setzt weiter auf Qualität: „Träumen ist Privatsache“.

Aber als wäre das noch nicht Ärger genug, kündigt nun auch noch Sherman Hillary, sein bester Träumer. Er wolle wieder ein richtiges Leben führen, klagt Sherman, denn sonst verliere er seine Familie. Weill zerreißt eine Vertragskopie vor seinen Augen und lässt ihn gehen. Er weiß: Sherman wird nicht zur Konkurrenz gehen, sondern zurückkommen. Der Grund ist ganz einfach: Man kann nicht leben, ohne zu denken, und wer denkt, träumt auch …

Mein Eindruck

Ein typischer Asimov: Es gibt keine Handlung, aber jede Menge Dialoge. Doch hier sprechen nicht Menschen, sondern Pappnasen, die Argumente austauschen. Trotzdem ist die Story gut, weil es ums Träumen geht – siehe auch die unten folgende Erzählung von Philip K. Dick.

Indirekt beschäftigen sich die Argumente, die Asimov vorbringt, mit modernen Phänomenen des Medienkonsums: individuell oder massenhaft – was ist besser bzw. lukrativer? Ist Pornografie von vornherein schlecht und moralzersetzend? Hält professionelles Träumen bzw. der Traumkonsum vom „richtigen Leben“ ab? In der Figurengalerie fehlen eigentlich nur der Traumsüchtige und sein Dealer.

16) Brian W. Aldiss. Armer kleiner Krieger! (1958)

Claude Ford, der gelangweilte Gatte von Maude Ford, hat sich aus dem Jahr 2181 zwecks Abenteuer 150 Mio. Jahre in die Vergangenheit versetzen lassen. Zweck der Reise: das Erlegen des größten Landlebewesens aller Zeiten (wie man noch 1958 glaubte), eines Brontosaurus. Sein Instrument: eine doppelläufige, computergesteuerte, garantiert rostfreie und absolut treffsichere Flinte.

Das Viech, das ihn hirnlos anschaut, ist groß wie ein Berg, aber mit einer Haut bedeckt, die feiner ist als die eines Elefanten. Zahllose Parasiten, groß wie Löwen, leben darauf und haben wiederum ihre eigenen Parasiten, groß wie Hummer. Das Wummern des riesigen Herzens ist bis zu Claude zu hören. Er feuert seine Doppelladung ab. Treffer!

Das Riesenvieh fällt alles andere als dramatisch, geradezu in Zeitlupe, auf die Seite. Das Licht in den Augen erlischt, und die Nickhaut verbirgt die Pupille. Das Herz kommt langsam zum Stillstand, bis Ruhe eintritt. Die ersten Vögel kapieren, was passiert ist, und fliegen zum nächsten Wirt. Claude will gerade zurück zur Zeitmaschine, als auch schon der erste Parasit begreift, was los ist, und sich auf Claude stürzt. Er ist nur der erste von vielen…

Mein Eindruck

Der Reiz der Erzählung liegt nicht so sehr in der fast nicht vorhandenen Handlung, sondern in der Sprache. Deren poetische Eigenart kommt besonders im Original zum Tragen, wo sich die Wörter vielfach stabreimen und paarreimen. Abgewandelte Zitate aus der Lyrik wie etwa aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“, aber auch aus Shakespeares Stücken werden eingeflochten. Doch wozu dieser Aufwand für einen so banalen Vorgang?

In einer Vorwegnahme des kritischen New-Wave-Stils legt ein allwissender Du-Erzähler der ach so heroischen Figur Claude Ford seine Gedanken und Gefühle dar, um sie fein säuberlich zu sezieren und ihrer Lächerlichkeit preiszugeben. Der Versuch Claudes, seine eheliche Langeweile zu durchbrechen, indem er ein heldenhaftes ABENTEUER erlebt, mündet ins Betrachten des glorreich angekündigten Stuhlgangs des Brontosaurus. Nie wurde Saurier-Scheiße showbusinessmäßiger präsentiert.

Auch der Tod des Biests ist alles andere als bühnenreif – ein dénouement. Der Gipfel der Ironie wird erreicht, als die Parasiten sich einen neuen Wirt suchen: Claude. Auf diese Weise gesellt sich der „arme kleine Krieger“ des Titels zu seiner Beute und taucht wohl 150 Mio. Jahre später als Versteinerung irgendwo in den Rockies wieder auf.

17) Philip K. Dick: Mr. Quails Erinnerungen (1966)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus. Und so geht Dougie zur Memoria GmbH (von „memory“: Erinnerung). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster…

Mein Eindruck

Die Story, die der Verfilmung „Total Recall“ als Inspiration diente, ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte – und in Nordkorea wohl auch getan hat. (Vergleiche dazu „The Manchurian Candidate“.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Wissensarbeiter namens Donald Hogan vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

Der Name der Agentur, die die Erinnerungsimplantate einpflanzt, wechselt von Übersetzung zu Übersetzung: Mal ist es die Endsinn AG (von „entsinnen“), dann die Rekal AG, hier ist es die Memoria GmbH. Ich finde den Namen eindeutig und deshalb gelungener als etwa Rekal (vom englischen „to recall“ = sich erinnern) oder das gezwungene Endsinn.

18) Thomas M. Disch: Probleme der Kreativität (1967)

Der farbige Birdie Ludd lebt in New York City in der Zeit nach der Einführung der genetischen Eignungsgesetze. Er liebt Milly, die (vermutlich weiße) Stewardess, von Herzen, doch wenn er ein Kind mit ihr haben will, braucht er eine höhere Einstufung, denn sein Vater ist Diabetiker – ein dicker Minuspunkt. Nur ein paar Pluspunkte würden schon reichen, sagt ihm Mr. Mack, sein Personalberater. Leider fällt Birdie in zwei von drei Testreihen durch. Er erreicht seine 100 Punkte nur im physischen Ausdauer- und Krafttest.

Da Mr Mack ihm das College empfohlen hat, besucht er die Kurse, doch er fehlt bei den Tests. Wieder mal, denn ihm fehlt Milly, die ihn motivieren würde. Schließlich bleiben ihm nur noch zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder liefert er einen Beweis persönlicher Eignung durch einen Essay – oder er geht als Soldat in den Krieg, um eine Heldentat zu begehen.

Als sein Essay über „Probleme der Kreativität“ von einer Maschine als unzureichend abgelehnt wird, meldet sich Birdie noch am gleichen Tag, an dem er den negativen Bescheid erhält, zur US-Guerilla in Burma …

Mein Eindruck

Diese Erzählung findet sich als Auftakt zu Dischs Roman „Angoulême“ (O-Titel: 334) wieder, allerdings in wesentlich veränderter und erweiterter Form (und Übersetzung). Der Roman ist das umfassende, facettenreiche Porträt eines New Yorks der nahen Zukunft, und Birdie Ludd ist einer ihrer Bewohner. Die Entwicklung der Gesellschaft wird ab 1998 streng wissenschaftlich gelenkt, besonders im Hinblick auf die Übervölkerung. Empfängnisverhütungsstoffe sind dem Trinkwasser beigemischt, und man muss schon einen Spezialcocktail auf dem Schwarzmarkt kaufen, damit eine Frau ein Kind empfangen kann. Sex dient jetzt nicht der Fortpflanzung, sondern dem Gelderwerb, so wie bei Birdies Nachbarin Fran.

Dieser tristen Systemrealität stellt der Autor die Philosophie gegenüber. Da gab es Sokrates, der von seinen Athener Mitbürgern wegen Verderbens der Jugend zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde. Da war Aristoteles, der über Kreativität und Schönheit schrieb, und da war Plato, dessen Höhlengleichnis Birdie zu Tränen rührt. Alle drei erwähnt er in seinem kurzen Essay von rund 200 Wörtern (eine empfohlene Länge). Es sind sehr intelligente Fragen, die er stellt. Die bittere Ironie besteht darin, dass ausgerechnet eine Maschine sie bewerten soll – Zufall oder Absicht?

Das Ende vom Lied läuft auf eine bittere Anklage des Autors gegen den Vietnamkrieg (der seit 1965 von den USA geführt wurde) hinaus. Weil ihn das neue Eignungssystem zum Scheitern verurteilt, zwingt es Birdie, seine Kreativität nicht zum Guten einzusetzen, sondern zum Destruktiven: als Soldat im Dschungel.

19) Anthony Boucher: Auf den Spuren des hl. Aquin (1951)

3000 Jahre nach Christi Geburt ist das Ende seiner christlichen Kirche gekommen: Der Papst lebt im Untergrund von San Francisco, bedroht von den atheistischen Vertretern des Weltreiches der Technarchen. Nur Technik ist noch erlaubt. Selbst wenn ein explodierter Teilchenbeschleuniger östlich der Sierra Nevada für eine radioaktive Wüste gesorgt hat.

Nun herrsche große Not an Heiligen und Wundern, findet der Papst und sendet seinen Pater Thomas (den Zweifler) aus, nach den Gebeinen jenes als Heiligen verehrten Aquinus zu suchen, die sich irgendwo im Osten in einem Grab befinden sollen. Als Transportmittel stellt er Thomas einen Robesel zur Verfügung, also einen Roboter. Dieser erweist sich als mit einem „gemäßigten Psi-Faktor“ versehen und kann sich sehr gut auf seinen Passagier einstellen. Tatsächlich ist der Robesel sogar in der Lage, Streitgespräche mit ihm zu führen.

So gelangen sie in ein Nest, in dem die Wirtin, eine Mars-Amerikanerin, sehr attraktive Kurven aufweist und guten, wenn auch herben Wein einschenkt. In einer denkwürdigen Nacht des Besäufnisses wird Thomas‘ Identität als „gottverdammtes Christenschwein“ entdeckt, er übel zugerichtet und unbekleidet in den nächsten Straßengraben geworfen. Ausgerechnet ein Jude namens Abraham flickt ihn wieder zusammen und päppelt ihn auf.

Und Abraham kennt auch den Ort, wo sich die Gebeine des hl. Aquin befinden: eine Höhle, zu der Christen nur sehr heimlich pilgern. Getragen von seinem Robesel wie einst der Prophet Balaam macht sich Thomas auf den Weg…

Mein Eindruck

Die geistige und stilistische Nähe zu Millers „Lobgesang für Leibwowitz“ ist unverkennbar, ebenso das Grundthema: Kann nach dem Abwurf der Atombombe – die Story stammt aus dem Jahr 1951 – und dem dabei offenbar gewordenen Fluch der Technologie noch Hoffnung für den Fortbestand von Mensch und Gott bestehen?

Die Frage wird positiv beantwortet, aber der Inhalt so modernisiert, das Technologie und Glaube ein und dasselbe werden können – dann nämlich, wenn die Technik dazu beiträgt, den Glauben an Gott zu stärken. Das klingt nebulös, aber die Lösung zu verraten, hieße, den Ausgang von Thomas‘ Suche zu verraten.

Wer in Sachen Theologie beschlagen ist, dürfte in den Streitgesprächen zwischen Thomas und seinem Robesel sehr viel humorvolle Ironie feststellen. Leider kennt kaum noch jemand außer den Experten die Leitsätze des hl. Thomas von Aquin, geschweige die anderen Kirchenväter wie Augustinus. Deshalb steht zu befürchten, dass ein Großteil der Pointen, die der Autor hervorzaubert, mittlerweile wirkungslos verpufft.

Die Übersetzung

Die Qualität der Übersetzungen, die von verschiedensten Übersetzern stammen, schwankt beträchtlich. Allenthalben sind Druckfehler zu finden. Aber es gibt auch Fehler, die das Verständnis beeinträchtigen.

S. 196: „Das […] Geheimschwadron war seit 20 Jahren nicht mehr gesendet worden.“ Hier fehlt offenbar „Hörspiel um die“, dann ergibt der Satz einen Sinn.

S. 200: „Liffle Orphan Annie“. Diese wohlbekannte Figur der amerikanischen Volkskultur heißt eigentlich „Little Orphan Annie“.

S. 273: „Es ist eine geschäftliche Abmahnung, Mr. Slutsky.“ Ein Vertrag ist jedoch eine „Abmachung“, keine „Abmahnung“.

Unterm Strich

Die Auswahl deckt die Zeit zwischen 1950 und 1977 ab. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der besten Zeit der Magazin-SF, den fünfziger Jahren. Das MFSF, „Galaxy“ und „Astounding/Analog“ veröffentlichten damals die inzwischen als Klassiker geltenden Werke der amerikanischen Zukunftsliteratur. Was an der vorliegenden Auswahl auffällt, ist die Beschäftigung mit den Folgen der Atombombe.

Wird uns die Bombe eher den nächsten, Ditten oder Vierten Weltkrieg bringen – oder wird sie uns Mutanten bescheren, die unsere Rettung sein könnten? Die Bandbreite der Interpretationen dieser Fragen ist erstaunlich. Pessimisten kommen ebenso zu Wort wie Optimisten, und letzten Endes muss man die ganze Sache wohl nicht so bierernst sehen, wie man erwarten würde: So manche Story wie die um Leibowitz oder um den Aquinus wird mit eine kräftigen Prise Ironie serviert.

Daneben gibt es natürlich weitere Themen, so etwa Sex und Erotik – Heinlein und Bretnor präsentieren höchst schlüpfrige Texte, doch Tiptree (= Alice Sheldon) tritt den Herren kräftig ans Schienbein: Ihre Frauen hauen lieber mit den Aliens ab als sich weiter unterdrücken zu lassen. In den sechziger Jahren spielte auch der Vietnamkrieg und der Indianerprotest eine Rolle, wie Silverbergs Story zeigt.

Meine Lieblingserzählungen sind eindeutig „Die Geheimwaffe“, „Jeffty ist fünf“ und „Ararat“ – mal nostalgisch-tragisch, mal humorvoll-satirisch, mal nur anrührend mit einer positiven Perspektive versehen. Alle drei stellen den Menschen, und sei er noch so mutiert, in den Vordergrund, entgegen aller Widerstände.

Neben „Fernes Licht“ und den beiden „Ikarus“-Bänden von Wolfgang Jeschke ist dies wohl die wichtigste Auswahl klassischer SF-Erzählungen, und das nicht nur beim Heyne-Verlag.

Broschiert: 366 Seiten
Aus dem US-Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453307322

www.heyne.de

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