Elizabeth A. Lynn – Die Frau, die den Mond liebte. Erzählungen

Ausgezeichnete Fantasy-Erzählungen – für Frauen

Dieser Band von Fantasy- und Science-Fiction-Erzählungen vereint die zwischen 1976 und 1981 entstandenen Texte der preisgekrönten Autorin des Romans „Die Zwingfeste“, für den sie den World Fantasy Award erhielt. Den gleichen Preis errang sie mit der Titelgeschichte dieses Bandes. Lynn ist eine Meisterin der kurzen Erzählform.

Die Autorin

Die US-Autorin Elizabeth Anne Lynn (*1946) erregte mit ihrer überdurchschnittlich guten Fantasy-Trilogie „Die Chronik von Tornor“ weltweit Aufsehen. Für „Die Zwingfeste“ (weitere Bände waren „Die Tänzer von Arun“ und „Die Frau aus dem Norden“) wurde sie 1980 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Lynn brachte in ihren Fantasy-Romanen neue Blickwinkel in das alte Thema der Gleichberechtigung und Selbstbehauptung von Mann und Frau in der Gesellschaft ein. Viel später erschien ihr Fantasy-Roman „Dragon’s Winter“, der mit „Dragon’s Treasure“ eine Fortsetzung fand.

Mit „Sardonyx Netz“ bewies sie, dass sie auch packende Science Fiction schreiben kann. Darin kritisiert sie diverse Formen der Sklaverei. Mit größtem Bedauern wurde Mitte der achtziger Jahre ihr Rückzug aus diesen beiden Genres zur Kenntnis genommen, denn sie litt unter einer schweren Schreibblockade. Stattdessen unterrichtete sie Kampfsport.

Fans finden einen Querschnitt ihres Könnens in der Storysammlung „Die Frau, die den Mond liebte“ (1981/84, Heyne 06/4119). Wie schon in ihrem Erstlingsroman „A Different Light“ (1978; dt. Titel: „Das Wort heißt Vollkommenheit“) versieht Lynn eine Geschichte, deren moralische Seiten offenbar entschieden sind, stets mit einer ironischen Wendung.

„Ihre Geschichten zeichnen sich durch eine einfühlsame psychologische Zeichnung ihrer Figuren aus. Oft wird sie als Vertreterin einer „feministischen Science-Fiction“ bezeichnet. Häufig wiederkehrende Themen in ihren Geschichten sind Geschlechtsidentität und Homosexualität.“ (Wikipedia)

Lynn arbeitet als Rezensentin für die „San Francisco Review of Books“ und lehrt innerhalb des Woman Studies Program an der San Francisco State University.

Die Chronik von Tornor

1) Die Zwingfeste (1979, dt. 1983)
2) Die Tänzer von Arun (1980)
3) Die Frau aus dem Norden (1981)

Ab 2000 brachte Knaur die Trilogie als Neuauflage unter dem Titel „Die Türme von Tornor“ heraus:

Die Winterfestung. 2000 ISBN 3-426-70210-X (Watchtower. 1979)
Der Rat der Hexer. 2001 ISBN 3-426-70211-8 (The Dancers of Arun. 1980)
Die Träumer von Kendra. 2001 ISBN 3-426-70212-6 (The Northern Girl. 1981)

Die Erzählungen

1) Zauberers Reich

Die Welt von Ryoka wird von Vulkanausbrüchen und Seepiraten bedroht. Shae, der magiebegabte Herr über das Element Wasser, zwingt seinen Flottenmeister Rhune, der ihn betrogen hat, dazu, in den Kampf gegen Seramir, den magiebegabten Herrn des Feuers, zu ziehen, der diese Plagen über Ryoka gebracht hat. Da Rhune bereits seinen Listenreichtum bewiesen hat, ziehen die beiden getarnt zur Vulkaninsel, auf der Seramis grausam herrscht: Rhune sucht Asyl, und Shae spielt seinen Diener.

Der Schwindel fliegt schnell auf, weil der stets misstrauische Seramir Rhune mit Glühwein abfüllt, der bekanntlich mit in Feuer behandelten Gewürzen versetzt ist. Sofort wird Rhune willenlos und verrät den ganzen Plan. Seramir verkuppelt ihn mit einem Feuergeist, der schönen, geilen Melissa, die nur eines im Sinn hat – und gleich darauf wieder verschwindet. Rhune verliert beinahe seine Erinnerung, und Monate vergehen.

Doch eines Tages erhascht er einen Blick auf das Meer, und allmählich kehrt seine Identität zurück. Nun muss er noch seine Wärter überlisten und Shae, der in einem Verlies von Flammen gefoltert wird, befreien. Einfach gedacht als getan…

Mein Eindruck

Die zunächst widerwillige Partnerschaft von Rhune und Shae wird durch den gemeinsamen Kampf gegen Seramir zunächst auf eine harte Probe gestellt. Immerhin hat Shae seinen Flottenmeister zu dieser Unternehmung gezwungen. Aber er hätte ihn auch noch länger im Ozean bleiben lassen können. So aber hat Rhune wenigstens die Chance, sein leben zu verbessern und sich womöglich sogar an Shae zu rächen.

Am besten fand ich die Kampfszenen, erst mit dem Messer, dann mit den Kampfstäben, schließlich, im Finale, im Ringen. Die Autorin betreibt selbst Kampfsport und weiß genau, wie sie eine Szene schildern muss und worauf es ankommt. Alle Details wirken stimmig. Auch in ihrem Tornor-Roman „Die Zwingfeste“ werden solche Kämpfe ausgefochten. Sie dienen der Bewältigung von Aggressionen und führen meist zu besserem Verständnis und gegenseitiger Anerkennung. Denn jeder muss sich an Regeln halten – oder er ein Outlaw.

An das Fantasiereich „Erdsee“ von Ursula K. Le Guin erinnert die Zweiteilung Ryokas in viel Ozean und wenig Land, das meist auf Inseln verteilt ist. Die Magie ist jedoch mit einem ganz anderen Konzept umgesetzt: Sie basiert auf den Elementen, nicht auf irgendwelchen magischen Wörtern oder „wahren Namen“. Die beiden Zauberer Seramir und Shae sind Herren der Elemente und somit eher den Göttern verwandt als den Menschen. Umso kontrastreicher ist die Auseinandersetzung, wobei Rhune genau zwischen den Fronten steht.

2) Die Götter von Reorth

Jael ist eine Menschenfrau, die auf ihrer Insel als Göttin verehrt wird. Als Agentin der Weltraumbehörde von Reorth verfügt sie über fortschrittliche Technologie, die auf die Inselbewohner wie Magie wirkt, so etwa die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Eines Tages erhält sie per E-Mail die Anweisung den kommenden Krieg ihrer Insel mit dem Nachbarreich Rys zuzulassen. Sie hat Gewissensbisse, wie schon damals, als sie auf Anweisung Pest und Cholera über ihre Schützlinge bringen musste. Als sie jetzt den Befehl hinterfragt, bekommt sie keine Antwort.

Nahe eines Teiches am Fuße des Bergs, wo die Göttin angeblich ihren Sitz hat, hört Jael, wie eine Kräuterfrau und Heilerin auf einer selbstgemachten Flöte spielt. Sie freundet sich mit Akys unter dem Vorwand an, ein Flüchtling von der fernen Insel Cythera zu sein. Mit ihren Kräften fällt es ihr leicht, der stets hungernden Heilerin, die von Almosen und vom Fallenstellen lebt, Nahrung zu beschaffen. Aber aus den Zusammenkünften wird bald Anziehung und daraus Liebe. Doch sie verrät nie, wer sie in Wahrheit ist, nämlich die Göttin selbst.

Als das Heer aus Rys eines Morgens eintrifft, ist Jael, von düsteren Vorahnungen erfüllt, in ihrer Höhle. Draußen riecht sie kalten Rauch. Sie findet ihre Freundin Akys ermordet in ihrer Hütte, die Gassen und Häuser des Hafens sind voller Leichen, meist weibliche. Mit finsteren Gedanken kehrt sie in ihre Höhle zurück, zerstört ihre Bildschirme und setzt ihre Rache ins Werk: Kein Mann, der dem Herrscher von Rys dient, soll je wieder Kinder zeugen.

Jahre später kehrt sie als alte Frau auf ihre Insel zurück. Die Leute hier glauben wieder an die Göttin, die alle Männer außerhalb der Insel mit Unfruchtbarkeit gestraft habe, und heißen die Heilerin und Kräuterfrau als Dienerin der Göttin willkommen…

Mein Eindruck

Jael steht als mächtige Frau vor der endgültigen Wahl, ob sie lieber eine menschenverachtende Göttin sein will, die den „Göttern“ von Reorth dient, oder eine Menschenfrau, die Menschen in Schutz nimmt. Sie wählt letzteres, was bedeutet, dass sie feindliche Männer, die das Leben allgemein geringschätzen und bedrohen, unfruchtbar macht. Für diese Wendung der Story wurde die Autorin, wie sie im Geleitwort verrät, heftig von männlichen Redakteuren kritisiert – die die Story deshalb ablehnten.

Entscheidend für die Wahl Jaels ist die Liebe zu der Menschenfrau Akys. Wieder taucht das Motiv der gleichgeschlechtlichen Liebe auf, wie so häufig bei der Autorin. Jael freundet sich mit der Menschenfrau an, weil diese etwas Anrührendes an sich hat: Sie spielt Musik, um ihre Emotionen auszudrücken. Letzten Endes hört Jael also mehr auf ihre „innere Stimme“ als auf äußere, anonyme Befehle. Dieses Verhalten macht sie, trotz oder gerade wegen des Verlusts von Akys, menschlich – und sehr sympathisch.

3) Wir müssen alle einmal fort

Jordan Granelli ist eine seltsame Art von Fernsehprediger. Er sammelt mithilfe seiner TV-Sendung Spendengelder von Fernsehzuschauern ein, die seine „Reportagen“ über trauernde Angehörigen von Verstorbenen gesehen haben. Die Spendengelder sackt er natürlich großenteils selbst ein, nur ein Bruchteil fließt an die Angehörigen. Kurzum: Er macht Geschäfte mit dem Mitleid.

Christy, die ihm als Aufnahmeleiterin assistiert, findet das bislang nur zwielichtig, doch immer wieder plagen sie Albträume aus ihrer Zeit in Dakka, der Hauptstadt von Bangladesch: Dort gab es wirklich Mitleid erregende Bilder zu sehen, die sie wirklich ergriffen. Ihre Lebenspartner Paul weiß um ihre Albträume. Sie sorgt sich auch um ihn: Er arbeitet an Baustellen von Hochhäusern in Chicago, die über 200 Stockwerke hoch sind – als sogenannter „Himmelshaken“.

Nach einer teils heißen, teils verzweifelten Liebesnacht bietet er ihr an, sie zum nächsten Aufnahmeort zu begleiten. Widerstrebend nimmt sie an. Vor Ort kommt es mit dem Aufnahmewagen zu einem Unglück, in dessen Verlauf Paul sich Paul für Christy opfert, um sie zu schützen. Christy ist am Boden zerstört. Als Jordan Granelli auch bei ihr seine Mitleidsnummer abziehen will, rastet sie aus, schnappt sich einen von Pauls Himmelshaken und geht auf Granelli los…

Mein Eindruck

Die Geschichte liest sich ein bisschen wie ein traditioneller Chicago-Krimi, aber aus der weiblichen Perspektive (die in den 1970er Jahren noch die Ausnahme war). Die Heldin weiß, dass das, was ihr Arbeitgeber tut, moralisch fragwürdig ist, ein Betrug an den Hinterbliebenen, ein Geschäft mit dem Tod. Doch erst, als sie selbst von diesem Fehlverhalten persönlich betroffen ist, ergreift sie endgültige Maßnahmen, um ihn zu stoppen. Ob sie Erfolg hat, darf hier nicht verraten werden. Eine gewisse satirische Hintersinnigkeit kann man der Geschichte nicht absprechen.

4) Die Heiligen von Driman

Auf dem fernen Planeten Ares-ak leben die Driman, die von einem terranischen Forschertrio studiert werden sollen. Alexandra ist die Chronistin. Seit kurzem ist Mary krank, wird aber von einheimischen Ärzten kuriert. Als es ist gut zu gehen scheint, ist Alex froh, doch sie hat sich zu früh gefreut. Der Dritte im Bunde, Morgan, ist zu nichts nutze, findet Alex, aber immerhin hat er ein Raumschiff angefordert, um sie hier rauszuholen.

Unterdessen beschäftigt sich Alex als Kulturwissenschaftlerin und Xenologin mit dem Phänomen der Heiligen auf Driman. Sie findet es seltsam, dass sie nur regungslos auf der Straße stehen, nichts essen und zusehends abmagern, bis sie verdurstet sind, klaglos, lautlos. Eines Tages verrät ihr der Einheimische Sokoto das Geheimnis der Heiligen: Sie nehmen eine Droge, die sie unempfindlich gegen so weltliche Bedürfnisse wie Wasser und Nahrung macht.

Sie fragt den Einheimischen Pir, ob Heilige Träume hätten. Er weiß es nicht. Um das herauszufinden, unternimmt Alex, die bereits um die verstorbene Mary trauert, einen riskanten Selbstversuch, indem sie die Droge selbst einnimmt. Während sie mit dem Raumschiff durch den Hyperraum fliegt, verändert sich ihr Geist…

Mein Eindruck

Der Vorbemerkung der Autorin ist zu entnehmen, dass sie vor Verfassen dieser Geschichte um ihren Freund, den SF-Autor David Mason, trauerte, der mit nur 50 Jahren verstarb. Deshalb tauchen die Motive Tod, Krankheit und Trauer auf, begleitet von der Suche nach einem erlösenden Faktor. Diesen findet die Chronistin Alexandra auch wirklich, allerdings erst, als sie selbst stirbt. Fazit: Es gibt eine Transzendenz, also etwas, das für den einzelnen bleibt und seinen Tod wert ist – ein Licht, umgeben von umfassendem Dunkel.

5) Ich träum von einem Fisch, ich träum von einem Vogel

Nach einem Atomkrieg leben Menschen in einem stählernen Turm im ehemaligen Vancouver, der direkt am Meer steht. Die Krankenschwester Janna hatte schon sechs Fehlgeburten, deshalb ist ihr ihr Sohn Illis besonders kostbar. Der Zehnjährige darf aber nie raus, weshalb er davon träumt, mal ein Vogel zu sein und davonfliegen zu können.

Eines Tages gelingt ihm der Ausbruch aus der gesicherten Wohnung, bis er in die Gemeinschaftsküche des Wohnturms gelangt. Dort passiert ein Unglück, infolgedessen er fast alle seine Haut verliert. Janna, die natürlich bestürzt über das Unglück ist, darf aus hygienischen Gründen nicht zu ihrem Sohn, was sie sehr unglücklich macht. Der Arzt Lazlo, ihr Freund, verbietet ihr den infektiösen Zugang, versucht aber alles, um Illis‘ Leben mit Hauttransplantationen zu retten.

Nichts fruchtet, doch eines Nachts hat Janna einen merkwürdigen Traum, in dem sie von einem Fisch träumt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion bestreicht sie Illis‘ eine Körperhälfte mit einer von Lazlo entwickelten Spezialfarbe, die die Funktion von Fischschuppen ahmt – nicht ohne zuvor einen Selbstversuch unternommen zu haben. Sie hat Erfolg: Die Farbe wird nicht abgestoßen, und nach ein paar Wochen sieht Illis unterhalb des Kopfes aus wie ein Fisch. Doch was nun?

Mein Eindruck

Die Geschichte zeigt auf, wie Mutterliebe Grenzen überschreitet und so dem Leben zu neuer Hoffnung verhilft. In diesem Fall bedeutet dies, dass Jannas Sohn seine Beschränkung auf menschliche Grenzen verliert und sich der Existenz als Fisch annähert. Und wenn dies möglich ist, warum dann nicht auch das Fliegen? Darauf bezieht sich wohl der Titel dieser kleinen, feinen Story.

6) Die Insel

Douglas Murdoch hat bei einem Autounglück seine geliebte Frau Laura verloren. Natürlich gibt es sich selbst die Schuld. Deshalb sühnt er, indem er seine Liebe seiner Tochter Janna angedeihen lässt. Im Urlaub am Cape Cod in Neuengland lässt er Janna das Segelboot steuern und Seemannslieder singen. Die hatte ihr einst Laura beigebracht, was Doug sofort an seine verlorene Frau denken lässt.

Als sie sich der verbotenen Insel nähern, die stets von Nebel umgeben ist, erblickt Doug eine erwachsene Frau, doch ihr schwarzes Haar fällt über ihr Gesicht, was das Erkennen verhindert. Janna sieht die Frau jedoch nicht und wird ganz aufgeregt, fängt an zu weinen. Bloß weg hier, denkt Doug.

Bei einer zweiten Fahrt erkennt er in der Frau ganz deutlich Laura, doch Janna sieht sie nicht. Obwohl er ihr versprochen hat, nicht mehr zur Insel zu segeln, spürt Doug einen inneren Zwang: Er muss Laura wiedersehen. Sein Boot zerschellt an den scharfen Felsen, und auch die Knochen schrecken ihn nicht ab, sich an die Felsen zu klammern…

Mein Eindruck

Es ist eine Gespenstergeschichte in der Tradition von Shirley Jackson, wie die Autorin erläutert. Ich musste trotz der realistisch evozierten Stimmung sofort an Homers „Odyssee“ denken. Die Sirenen locken den Seemann – siehe das Lied über die Jungs und Mädels von Cape Cod – auf die einsame Insel, in die Irre und ins Verderben geführt von einem Trugbild, das die verlorene Liebe heraufbeschworen hat.

7) Der Drachen, der im Meer lebte

Es lebte einst ein Feuerdrachen in der See, der die Fischersleute in Furcht und Schrecken versetzte. Nicht nur das, er zerschmetterte ihre Boote und vertrieb die Fische, so dass ihre Familien schließlich hungern mussten. Die Ältesten um Hilfe, und eines Tages wanderte eine Frau mit scharfen Augen ins Fischerdorf, die fragte, was die Not der Fischer sei. Die Ältesten sagten es ihr, doch sie schüttelte den Kopf – sie könne ihnen mit Kräutern, Sprüchen und Heilmitteln nicht gegen den Drachen beistehen. Nur so viel sagte sie der Ältesten: „Das Unheil flieht das Kind, das keine Furcht kennt.“

Die schwangere Fischersfrau Tace hat ihren Mann, Mor, an den Drachen verloren und schwört sich, aus ihrem Ungeborenen jenes Kind der Hoffnung zu formen, das keine Furcht kennt. Sie nennt das Mädchen Elkas, als es ohne Geschrei aus ihrem Bauch flutscht und auf ihre Brüste krabbelt. Das ganze Dorf beteiligt sich daran, seine Furcht vor dem Drachen zu unterdrücken und Elkas zu einem glücklichen Kind heranwachsen zu lassen. Und so geschieht es.

Aber an seinem siebten Geburtstag wird das Mädchen von seiner Mutter und den Fischern hinaus aufs offene Meer gefahren, wo der Feuerdrache nicht lange auf sich warten lässt. Doch während den Männern die Knie schlottern, fordert Elkas keck den Drachen auf: „Komm, spiel mit mir!“

Mein Eindruck

Der verblüffte und zutiefst in seinem Stolz verletzte Drache ward nie wieder gesehen. Die Fischer und Tace waren froh, dass ihre Erwartung eintraf, doch Elkas war betrübt, denn noch nie hat sich jemand geweigert, mit ihr zu spielen… So hat jede Erlösung ihren Preis.

8) Mit den Augen der Seele (Mindseye)

Philippa gelangt an Bord eines Raumschiffs durch den Hyperraum zu einer ungewöhnlichen Welt: M-427 ist deutlich in je eine dunkle und eine helle Hälfte geteilt. Der Grund dafür ist die extrem langsame Rotation: Ein Tag hier dauert etwa tausend Jahre, ein Jahr neun Erdjahre. Infolgedessen liegen die Temperaturen auf der dunklen Hälfte etwas unter dem Gefrierpunkt, während es auf der hellen Hälfte rund 76° C heiß ist.

Entgegen den Warnungen ihres Piloten Xavier beschließt Philippa, einen ersten Erkundungsgang zu unternehmen. Sie stößt auf ein Wesen, das sich als nackter Mann präsentiert. Er ist wie Philippa ein Telepath: Ein Blick aus seinen schwarzen Augen, und ihr Geist stürzt in Bewusstlosigkeit. Als sie erwacht, entschuldigt er sich. Er ist der einzige seiner Rasse auf dieser Welt, die anderen sind auf jeweils eigenen Welten stationiert. Sein Name sei Kalter und natürlich entnimmt er die Sprache ihrem Geist. Dann ruft sie über Interkom nach Xavier.

Etwas genesen, stellen sich bei ihr die Träume ein, und eine Sehnsucht, den Fremden wiederzusehen. Sie folgt einem Exkursionsteam in den dunklen Teil der Welt, bis sie wieder auf kalter stößt. Er führt sie in seine Höhle, wo Statuen aus Eis stehen. Das erinnert sie an das Märchen von der Eiskönigin, die kein Herz hat, aber nach der alle Männer streben – nur um auf ihrem Eisberg zugrundezugehen. Wird es nun ihr genauso ergehen?

Mein Eindruck

Die dunkle und helle Hälfte der Welt M-427 entsprechen den Bewusstseinszuständen des Menschen, seinen „Mustern“, wie Philippa sagt. Die helle Hälfte beherbergt den Verstand, die dunkle die Träume, Triebe und Sehnsüchte, aber auch die Phantasien, wie etwa die von der Eiskönigin. Auf diese ist Philippa nun gestoßen, in Gestalt von Kalter. Dass dieser als nackter Mann auftritt, dürfte auf ihre sexuelle Unerfülltheit schließen lassen – Xavier hat alles im Kopf, nur keine Liebe.

Die Autorin bietet aber neben dieser relativ Freudianischen Erklärung eine Alternative an: Vielleicht ist Philippa, die Telepathin, durch die Auswirkungen der Reise durch den Hyperraum bzw. den Rücksturz in den Normalraum geschädigt. Dies ist jetzt schon die vierte Welt, die sie besuchen, und der ständige Wechsel führt zum Phänomen des „Hype“, der den Realitätsverlust zur Folge hat. Philippa, so viel sei verraten, erleidet den ultimativen Realitätsverlust, ein Wachkoma.

9) Der Mann, der schwanger wurde

Der Mann, ein arbeitslos gewordener Drucker, wird ohne ersichtlichen Grund schwanger, so dass sein Bauch anschwillt. Alle Ärzte, die er konsultiert, sind ratlos und würden ihn am liebsten im Krankenhaus behalten. Auch seine beiden Schwestern sowie seine Freundinnen sind etwas perplex. Der Mann beginnt sich zu versteckt und seinen fortschreitenden Zustand zu verbergen, erst mit einem T-Shirt, dann mit einem weiten, orangefarbenen Kaftan.

Als er sich dem Ende der Schwangerschaft nähert, beginnt sich sein Körper drastisch zu verändern: Der Penis verschwindet in einer Spalte, so wie es sein sollte, um dem Baby den Weg zu bereiten. Nach der Geburt, die von einer Hebamme und den Schwestern geleitet wird, steht auch Milch rechtzeitig zur Verfügung, und man rät ihm, dass sein Baby ihn Papa nennen soll. Das leuchtet ihm ein, denn sein Körper bildet sich zu dem eines Mannes zurück. Wie ihm das aber passieren konnte, wird ihm immer ein Rätsel bleiben.

Mein Eindruck

In der quasi satirischen Umkehrung erklärt die Geschichte, wie es kommt, dass eine Frau durch ihre Schwangerschaft quasi zu einem Alien transformiert wird. Na, wenigstens gibt es für die meisten weiblichen Schwangerschaften eine erklärliche Ursache: Befruchtung, sei es „natürlich“ oder „künstlich“.

Parthenogenese ist vielleicht die Antwort auf das Rätsel der männlichen Schwangerschaft, also Jungfernzeugung. Aber es spricht im Grunde wirklich nichts dagegen, warum Männer nicht doch Kinder austragen könnten, und eines nicht allzu fernen Tages wird es soweit sein. Und was machen dann die Frauen?

10) Die Besessenen (Obsessions)

San Francisco hat schon mal bessere Zeiten gesehen. Das große Beben hat die Bay Bridge und viele Gebäude, die Wahrzeichen waren, einstürzen lassen. Nun ist Stadterneuerung angesagt, doch statt mit Bulldozern und Baggern rückt die Stadtverwaltungsabteilung unter der Leitung von Mary Riordan den leidenden Vierteln mit gelegten Bränden zu Leibe – das geht schneller und ist billiger. Solange man vorsichtig genug ist.

Joe Dellara ist der Zündler, der die Brände fachmännisch legt. Doch der Mann, der ihm neuerdings auf die Finger schaut, ein gewisser Jake Susman, beschwert sich bei seiner Kollegin, eben jener Mary Riordan, dass Joe Dellara ein auffällig pyromanisches Verhalten an den Tag lege: Es bereite Joe offenbar Lust, ein Haus brennen zu sehen.

Doch Mary verteidigt Joes Einsatz vehement und Jake solle die Finger von ihm lassen. Jake ahnt nichts von der Jahre zurückliegenden Kooperation zwischen Dellara und Riordan, die andauert. Erst als er nach einer aufgeflogenen Observation Dellaras sein eigenes Haus in Flammen aufgehen sieht, kapiert er den Zusammenhang – das Licht in Marys Augen ist das eines Pyromanen…

Mein Eindruck

Diese kleine, feine Krimi-Story wurde einst von Fachleuten publiziert. Bill Pronzini war selbst Krimiautor, und nicht der schlechteste. Sie trug damals den irreführenden Titel „The Fire Man“, irreführend insofern, als gewöhnlich Feuerwehrleute als „fire men“ bezeichnet werden. Spannend ist die Geschichte nicht so sehr durch die vorhersehbare Action, sondern durch die psychologischen Zusammenhänge. Die Enthüllung, dass auch Mary eine Feuersfreundin ist, verleiht der Geschichte die nötige Pointe – und dem Leser Genugtuung über den miesen Loser Jake Susman.

11) Die Frau in der Telefonzelle

Eines Tages, wie er so durch die Stadt streift, erblickt er eine Frau, die auf dem Boden einer Telefonzelle aus durchsichtigen Plastik kauert. Andere Leute wollen ebenfalls telefonieren, desto ist das hockende Wesen da drin eher ein Ärgernis als eine Attraktion: Die Frau tut nämlich nichts. Er fragt sie einfach, was sie da macht. „Ich warte auf meinen Freund, denn ich bin zu früh dran“, lautet die Antwort.

Da wird es dem Typen zu bunt, und er wirft eine kleine Münze in den Schlitz des Telefonapparats. Die Frau fährt auf: Sie ist über zwei Meter groß – und außer sich. „Jetzt kommt das Raumschiff, um mich abzuholen!“ Wie das, will unser Freund wissen. Die Frau antwortet, sie gehöre zu einer Studiengruppe von einer anderen Welt, die die Erdkulturen erkundet habe.

Als sich ein Schatten über die Telefonzelle senkt, nimmt unser Chronist Reißaus. Verblüfft verfolgt, wie die Telefonzelle mitsamt ihrer scheinbar menschlichen Fracht verschwindet. Schon wieder so eine Sache, die er keinem erzählen kann, denn man würde ihn für verrückt erklären.

Mein Eindruck

Eine kleine Beobachtung hat, wie beim schwangeren Mann, den Einfall zu dieser kleinen Story geliefert. Frei nach dem Motto: Die Aliens sind unter uns, man muss sie nur zu entdecken wissen. Dass es heutzutage noch irgendwo öffentliche Münztelefone gibt, halte ich allerdings für sehr unwahrscheinlich – es gibt sie nun noch in Hollywoodfilmen.

12) Sieh mich nicht an!

Der zwergwüchsige Kartenzauberer Mischa Dramov fliegt mit seiner Assistentin Chaka zu der schönen Vergnügungswelt Zoll, wo sie hoffen, mit seinen Tricks und ihren Fähigkeiten ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Auf dem Flug dorthin lernen sie die junge Telepathin Elsen Zekar kennen, die auf der Welt der Teleportierer lebt. Auf Zoll lebt ihr Vater, wie Mischa von ihr erfährt, als er sie das erste Mal im Hotel liebt. Sie hasst ihren Vater, der sie nicht als das akzeptiert, was sie ist. Hier auf Zoll sind alle Telepathen, sie aber hat sich dem Gruppenzwang entzogen.

Der Besitzer des Hotels ist der Riese Yoshio Atawak, der zeitgleich auch ein Schachturnier organisiert hat. Er stellt den Champion, einen kleinen Menschen namens Vadek Amrill Mischa vor. Vadek durchschaut Mischas Trick sofort und bittet ihn, damit aufzuhören; dennoch werden sie Freunde, weil Vadek gerne zu Mischas Vorstellungen kommt, ebenso wie Elsen. Wie sich herausstellt, soll Vadek gegen Elsens Vater antreten.

Doch am Morgen nach dem entscheidenden Turnier wird Mischa von Chaka aus dem Schlag gerüttelt: Mischa habe Zekar mit einem Brieföffner umgebracht und sitze nun in einer Gefängniszelle! Er verlange nur nach Mischa…

Mein Eindruck

Dies ist eine Geschichte über Andersartige, die keineswegs Aliens sind, sondern dem Menschengeschlecht zuzuzählen sind. Doch allein schon Zwergenwuchs, Telepathieverweigerung und dergleichen Abweichlertum reichen bereits aus, um sie zu diskriminieren. Als Reaktion haben sich die Abweichler verschiedene Strategien angeeignet.
Die Strategie Mischas, des Zwergs, besteht darin, den Blick des Betrachters von sich selbst abzulenken, hin auf die Karten spielenden Hände und Finger Mischas. Es ist eine Illusion, Täuschung, die auf Selbstschutz basiert, aber nun zu einer Geschäftsbasis umfunktioniert worden ist. Bei Vadek, dem Schachspieler, kommt diese Taktik gar nicht gut an, den Vadek ist es gewohnt, ganz genau hinzuschauen – das Gegenteil von dem, was in Mischas liegt. Dass Elsen ihre Fähigkeit des indirekten Spiels auf Vadek anwendet, darf hier nur angedeutet werden, sonst würde ich die Pointe verraten.

13) Die Geschichte von Jubiläa (Jubilee’s Story)

In der kargen Zeit nach dem atomaren Holocaust sind die USA wieder auf eine frühchristliche Entwicklungsstufe zurückgefallen. Fast alle Frauen sind Sklavinnen, Ehefrauen sowieso, aber es gibt auch Freie Frauen, und die werden von Männern gar nicht gern gesehen. Solche Freien Frauen sind die Ordensschwestern Elsbeth, ihre Tochter Jubiläa, Ruth, aber auch die Amazone Corinna.

Jubiläa berichtet ihrem Geschichtslehrer von jener Begebenheit, deren Zeuge sie damals war, als sie erst 15 Lenze zählte. Eigentlich sollte Elsbeth nach Ephesus reisen, um einer Josepha bei der Entbindung ihres vierten Kindes beizustehen. Doch ein rotbärtiger junger Mann namens Jonathan bat die Freien Frauen, in einem Ort namens Oberelend seiner Frau Kathy bei der Entbindung zu helfen.

Der Weiler ist verfallen und nur noch von vier Menschen bewohnt: von Jonathan, seiner Kathy, deren Wehen eingesetzt haben, von Simon, seinem Bruder, und ihrem Vater, einem mürrischen alten Bibliothekar. Jonathan verteidigt die Anwesenheit der Freien Frauen gegen die anderen Männer, doch nach 24 Stunden der Wehen ist die Geduld aller Männer am Ende und es kommt zu einer folgenschweren Auseinandersetzung: Simon behauptet, der Vaters von Kathys Kind zu sein…

Mein Eindruck

Die kurze Erzählung ist in einfache Worte gefasst, doch das täuscht nicht über den vielschichtigen Sachverhalt hinweg. Freie Frauen, Hüterinnen geheimen, verlorenen Wissens, sind in dieser Zukunftsvariante die Ausnahme, Amazonen müssen sie gegen Männer verteidigen. Unfreie Frauen hingegen müssen sich gegen die Ansprüche mehrerer Männer durchsetzen – wenn sie können und wollen. In diesem Konfliktfeld kommt es schließlich zu einer schweren Krise und Auseinandersetzung.

Die kleine, aber vielfach abgedruckte Erzählung (u.a. bei Heyne in „Futura“ von Herausgeberin Virginia Kidd) grenzt an die großen Romane der Autorin an, die Tornor-Chronik und „Sardonyx Netz“, in denen Freie Frauen wie Männer agieren und unfreie Frauen Mühe haben, sich zu behaupten. Ich empfehle auch den Roman „Amerika der Männer“ von Suzette Elgin (siehe meinen Bericht) sowie dessen Fortsetzung „Die Judasrose“.

14) Der Zirkus, der verschwand

Der Zirkus von Marvel dem Magier ist wirklich nur ein kleiner, herumziehender Wanderzirkus auf dem Lande, und seine Mitglieder – Zwerge, Riesen und Homos – sind überall von den großen Unternehmen wie Ringlings abgelehnt worden. Das tut dem Spaß, den sie an ihren Kunststücken haben, keinen Abbruch. Angelo, der Kraftmensch, etwa führt die zahme Löwin Lila mit nur einer Hand durch den Käfig in der Manege, offensichtlich furchtlos.

Am vorletzten Tag an diesem Ort will Susie Green sich dem Zirkus anschließen. Sie ist gerade mal sechzehn. Angelo hat seine Zweifel, ob die Behörden ihre Anwesenheit billigen würden, aber er schickt sie zu Marvel, und Marvel, so Susie überglücklich, hat ja gesagt. Als sich Angelo deswegen an Marvel wendet, wird er niedergeschlagen und bekommt Hiebe mit der Peitsche.

Am letzten Tag sieht er daher Marvels Zugabe mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Artistennummer hat geklappt und Susies „Beiträge“ verliefen ohne Pannen. Doch Marvels Auftritt zeigt allen, wer der Herr in der Manege ist. Er scheint sich in eine bedrohliche Kobra zu verwandeln. Am Ende der Vorstellung fällt Angelo in Ohnmacht…

…und erwacht nackt in einer Zelle, vor deren Fenster die Sterne funkeln. Fremde Sterne, wohlgemerkt. Die anderen stellen sich nacheinander ein, und Susie Green, das arme Ding, ist das heulende Elend. Schließlich erwarten sie alle das Auftauchen Marvels, doch statt dessen erscheint nur ein Unsichtbarer, der mit Marvels Stimme spricht. Sie wären jetzt für immer beim Zirkus, aber nicht mehr allein, sondern bei all den anderen Zirkussen, die zwischen den Sternen schweben…

Mein Eindruck

Die Atmosphäre des Zirkusses ist gut eingefangen, er ist halb Kuriositätenschau, halb Aussteigerrefugium. Aber Marvel, der Direktor, ist ein Mysterium und erinnerte mich sofort an „Grimm“, die TV-Serie, in der sich hinter „normalen“ Gesichtern horrormäßige Wesen verbergen. Dass der Zirkus zwischen die Sterne entführt wird, ist eine unerwartete und nicht gerade erfreuliche Wendung. Aber dies qualifiziert diese Erzählung gerade noch so als Science-Fiction.

15) Der Traum des Weißen Königs

Luisa liegt im Seniorenheim auf der Station für diejenigen, die sich nicht artikulieren können. Zu gerne würde sie sterben, doch sie wird künstlich beatmet und ernährt. Die Pflegerin Helen, die sie vornehm „Louis“ nennt, kümmert sich um sie, doch der neue Pfleger Mark Wald löst Helen in der Nachtschicht ab. Allerdings ist er ein Alkoholiker, der nur noch hier eine Stelle bekommen hat. Er überlegt, ob er Luisa den Tubus für die künstliche Beatmung herausnehmen soll, lässt es dann aber doch sein.

Es kommt draußen vor der Anstalt zu sonderbaren Unfällen. Erst erwischt es den schwulen Pfleger Morton in einer dunklen Seitengasse, dann wird auch Mark Wald in einem Tunnel überfahren. Nur Helen bleibt, ob es Luisa gefällt oder nicht…

Mein Eindruck

Der Titel der Story verweist laut Autorin auf Lewis Carrolls Buch „Alice hinter den Spiegeln“. Dort träumt der ROTE König die Welt, aber was träumt dann der WEISSE König? (Manche Bewohner dieser Welt sind Schachfiguren.) Auf jeden Fall ist dies eine recht unerfreuliche Geschichte, die nur wenig Fantasy-Anteil aufweist. Deshalb frage ich mich, was sie hier zu suchen hat.

16) Die Frau, die den Mond liebte (The Woman Who Loved the Moon)

In den Mittleren Grafschaften von Ryoka (s. o.) liegt der Herrschaftsbereich der Talvelas. Fürst Roko von Issho ist stets in Kriege verwickelt, in deren Verlauf er sein Reich ausdehnen will. Seine Frau Lia ist zaubermächtig und kräuterkundig, während ihre drei Töchter hervorragende Kriegerinnen sind, die allabendlich den Grenzbereich patrouillieren. Kai Talvela ist die älteste, Tei die mittlere und Alin die jüngste der Schwestern. Jede ist mit ihrer jeweiligen Waffe, sei es Schwert, Stock oder Keule, die beste ihrer Zunft in ganz Issho. Kein Freier wagt es daher, um ihre Hand anzuhalten, sehr zum Kummer von Vater Roko.

Der närrische Page, der auf seiner Flöte Kinderlieder spielt, bewundert die drei Grazien unendlich: „Zusammen kommt eure Schönheit der des Mondes gleich!“ schwärmt er. „Sag so etwas nicht“, warnt Kai düster. Wenig später nähert sich eine schwarze Gestalt auf einem Pferd der Gruppe. Es ist offenbar ein Ritter auf einem Rappen, doch nein: eine Kriegerin. Auf Anfrage nennt sie ihren Namen: Sedi, das poetische Wort für Mond. Und sie nennt sich unbesiegt, was sofort eine Herausforderung seitens Alin provoziert. Kai aber fragt sich, ob diese Kriegerin nur ein Trugbild sei.

Der kurze Kampf endet für Alin tödlich, und die Trauer im Hause Talvela ist groß. Nachdem der Winter vergangen ist und der Sommerkrieg vorüber ist, ziehen die Schwestern erneut auf Grenzpatrouille. Wieder taucht Sedi auf und nimmt die Herausforderung an, diesmal von Tei. Doch auch Tei unterliegt der gewandten Sedi und wird zu Hause in Issho bestattet. Ein halbes Jahr später begibt sich Kai allein in die Östlichen Grafschaften, um Sedi zu stellen und ihre Schwestern zu rächen.

Im Silberschein des Mondes taucht Sedi erneut auf und stellt sich Kai zum Kampf. Dieser ist außerordentlich lang, doch am Schluss erweist sich Sedi als zu selbstsicher und unterliegt. Doch statt sie zu töten, erbarmt sich Kai der Unterlegenen: Sie ist zu schön für den Tod. Und so kommt es, dass sie einander umarmen und küssen und Sedi die Menschenfrau in ihre Höhle unter der See führt, wo sie 50 Menschenjahre verbringt.

Endlich vernimmt Kai den Traumruf ihrer Mutter, der Zauberin Lia, und beschließt, wieder in die Außenwelt zurückzukehren. Zum Abschied gibt ihr Sedi einen Silberspiegel mit. Spiegelt sich der Mond darin und spricht Kai ein paar magische Worte, so werde Sedi zu ihr kommen, wo auch immer sie sei.

Doch die Außenwelt hat sich in einem halben Jahrhundert erheblich verändert, muss Kai bald feststellen, ebenso wie die Tatsache, dass die Mondin eine wankelmütige Liebhaberin ist

Mein Eindruck

Schon in ihrem ersten Roman „A Different Light“ (1978) ließ die Autorin einen homosexuellen Menschen auftreten, und in der Erzählung mit dem irreführenden Titel „Die Frau, die den Mond liebte“ schildert sie ebenfalls eine gleichgeschlechtliche Beziehung. Kai wird quasi ins Reich der Elfenkönigin entführt, wo die Zeit anders verläuft, wie man aus vielen Legenden weiß (z.B. Thomas der Reimer und eine Story von Tolkien).

Kai gelangt durch ihre außergewöhnliche Liebe in einen ungewöhnlichen Status: Durch den Spiegel verfügt sie über Magie, doch diese ist nur ein schwacher Trost für den Verlust ihrer alten Mutter, ihres Vaters, ihrer Schwestern und bald auch des Pagen. Daher verwundert es nicht, dass ihr Tod nicht ihr Ende ist. Als „Spiegelgespenst“ feuert sie die hasenfüßigen Soldaten von Issho an, um sie gegen den Feind zu führen. Was natürlich sehr zur Bildung ihrer eigenen Legende beiträgt. Jeder möchte seinen Anteil an ihrer Erhöhung haben, und für die Töchter von Issho ist Kai ein leuchtendes Vorbild.

Die Übersetzung

Roland Fleissner verwendet für die Fantasy-Erzählungen eine hohe, poetische, geradezu epische Sprache, wo es ihm angebracht erscheint. In den Gegenwartserzählungen befleißigt er sich hingegen häufig einer saloppen Umgangssprache, die eindeutig norddeutsch geprägt ist. Infolgedessen verwendet er ein Vokabular, das heute, fast 40 Jahre später, nur noch sehr gebildeten oder norddeutsch geprägten Menschen vertraut ist.

Das ist sehr schade, denn es ist bei den Fantasygeschichten genau dieser hohe Ton, der viele der oftmals tragisch endenden Geschichten auf eine anrührende Ebene hebt, wo sie ihre Wirkung plausibel entfalten können. Märchen erzählt man ja auch nicht in einem realistischen Ton voller Details, sondern in einem kindgerechten Tonfall, mit möglichst wenigen Hauptdetails. In den Storys, die in der Gegenwart spielen, ist es genau umgekehrt: viele „realistische“ Details, aber Umgangssprache.

S. 54: „Halte dein Temperament im Zügel!“ Schlechter Stil. Üblicherweise lautet der Ausdruck: „Halte dein Temperament im Zaum!“

S. 65: „Die zitzernden klaren Töne…“ Es sind wohl eher „zitternde“ Töne gemeint.

S. 71: Es gibt auch Buchstabendreher. „Anstrum“ statt „Ansturm“.

S. 104: „Neubeu“ statt „Neubau“.

S. 118: „Mein Mund ist s[t]ändig trocken.“ Das T fehlt.

S. 130: „Experimentierstatium“ statt „Experimentierstadium“.

S. 141: „Laura was das nun auch, ein Relikt.“ Es müsste „war“ statt „was“ heißen.

S. 162: Manchmal fehlen ganze Wörter. „Dieser Planet sollte eigentlich eine Januswelt sein. Ist [er] aber nicht.“ Das Wörtchen „er“ fehlt. So auch auf S. 198:

„Die [Frau] steht mitten in dem Ding ((der Telefonzelle)).“

S. 267: „mö[r]derliche Fremde?“ Das R fehlt.

S. 270: „Apfelschimme[l]hengst“. Das L fehlt.

Es gibt noch viele weitere Fehler, aber dies sind wirklich die gröbsten, auf die ich stieß.

Unterm Strich

Der Erzählband ist in erster Linie für Fans der Autorin der TORNOR-trilogie von Interesse. Allerdings gibt es auch Fantasy-Freunde, die immer wieder auf die Titelgeschichte stoßen und nun auch andere, aber ähnliche Geschichten der Autoren lesen wollen. Die Titelgeschichte ist in der Tat das Highlight der Sammlung, denn hier sind starke Frauen in Kampf und Liebe vorzufinden, denen ein seltsames Schicksal zuteilwird.

Diese Erzählung wird aber beinahe auch von den Fantasy-Geschichten „Zauberers Reich“ und „Die Götter von Reorth“ sowie von „Der Drachen, der im Meer lebte“ erreicht. In ihnen spielen Motive wie Gerechtigkeit, Verpflichtung, Hoffnung und Menschlichkeit eine zentrale Rolle. „Die Geschichte von Jubiläa“ ruft gewöhnlich ein gespaltenes Echo hervor, denn hier werden in einem postapokalyptischen Mittelalter Frauen meist als unfrei dargestellt (keine ungewohnte Vorstellung für Fans von John Norman), mit ganz wenigen Ausnahmen wie der Chronistin, die quasi als Ordensschwester außerhalb der sozialen Hierarchie steht. Interessanter sind indes die Konflikte unter den Männern, die über diese Frauen bestimmen.

Unter den reichlich kurzen Erzählungen aus dem SF-Bereich ragt wohl „Mit den Augen der Seele“ heraus. Sie schildert stimmungsvoll die Entwicklung einer Alienforscherin, die von einem telepathischen Proteus-Wesen seelisch in dessen Sphäre entführt wird. „Die Heiligen von Driman“ geht ähnlich vor, wobei die Alienforscherin in einem Selbstversuch eine transzendente Erfahrung macht. Es ist, als würden diese Frauen heiraten und auf einmal die Persönlichkeit wechseln. Das ist ja auch in der Titelgeschichte der Fall sowie in „Götter von Reorth“.

Die dritte Kategorie von Erzählung spielt vorwiegend in der Gegenwart, entweder in San Francisco oder in Chicago. Diese Stories haben mich am wenigsten interessiert. Die Zirkusgeschichte ist dabei noch am interessantesten und stimmigsten, während „Die Besessenen“ unvollständig wirkt, weil die Rückblende auf die New Yorker Zeit der beiden Hauptfiguren Joe und Mary fehlt. Deshalb wirkt sie sehr geradlinig, wird zudem auch von dem Dritten im Bunde, jake Susman, erlebt. Die Autorin ist mit dieser Story völlig zu Recht unzufrieden.

Man sieht also: Die Fantasy-Erzählungen sind die besten, die SF-Geschichten die zweitbesten und die Gegenwartsgeschichten die schwächsten. Zweifelsohne ist die Autorin eine tolle Schriftstellerin, aber manche dieser Beiträge hätte sie weglassen sollen.

Taschenbuch: 282 Seien
Info: The Woman Who Loved The Moon And Other Stories, 1981
Aus dem US-Englischen von Roland Fleissner.
www.heyne.de

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