Erhard Ringer / Hermann Urbanek (Hg.) – Ashtaru der Schreckliche. Fantasy-Erzählungen

Sherlock in Walhalla und andere gewitzte Aktionen

Diese illustrierte Story-Sammlung umfasst zehn Fantasy-Erzählungen von wirklichen Könnern ihres Fachs: Theodore Sturgeon, H.P. Lovecraft, Katherine Kurtz, Lyon Sprague de Camp, Alan Burt Akers, Poul Anderson, Thomas Burnett Swann und Roger Zelazny sowie zwei AutorInnen aus Deutschland, nämlich Iny Klocke und Stephan de la Motte.

Für die Fans von K. Kurtz dürfte ihre Erzählung „Des Marluks Untergangs“ (1977) von besonderem Interesse sein. Die Handlung spielt einige Jahre vor Beginn des späten Deryni-Zyklus und nach dem Ende des Frühen Deryni-Zyklus, stellt also eine Art Bindeglied dar. Nach Angaben der Wikipedia ist dies der einzige Abdruck der Erzählung in deutscher Sprache.

Diese Ausgabe ist von Johann Peterka illustriert und mit Landkarten von Erhard Ringer versehen worden und stellt ein echtes Sammlerstück dar. Hier findet der Cthulhu-Fan auch eine Landkarte vom „unbekannten“ Kadath.

Die Herausgeber

Die beiden Herausgeber wählten die Geschichten aus und Urbanek schrieb das erhellende Vorwort über den Ursprung des gewaltigen Erfolgs des Fantasy-Genres in Deutschland nach 1970.

Erhard Ringer zeichnete die Landkarten der erfundenen Länder. Sie sind in dieser Form sehr selten zu finden, am ehesten noch in den Fantasy-Titeln des Heyne-Verlags. Aber die Karte von Lovecrafts Phantasiewelt habe ich bislang nirgendwo sonst gefunden, weder in den Suhrkamp-Bänden noch in Klett-Cottas „Die Fahrt zum unbekannten Kadath“. Kadath ist nicht auf der Karte, es muss wohl hinter Leng im Norden liegen. Wer genügend sucht, findet Ulthar, wo die Katzen heilig sind, und ein Küstenkaff namens Thalarion. Dieser Name taucht in John Normans Gor-Romanen häufig auf, aber als Bezeichnung für ein reptilisches Reittier.

Hermann Urbanek ist ein Phantastik-Fan und Publizist, der seit vielen Jahren für das Heyne-SF-Jahrbuch und andere Publikationen schreibt, so etwa Marktberichte über die deutsche, amerikanische und britische Szene.

Die Erzählungen

1) Das Vorwort

Hermann Urbanek zeichnet zunächst eine Chronik der Fantasy-Literatur, die gar nicht so alt ist, wie man denken würde. Nach ein paar Anfängen im 18. Jahrhundert und Ende des 19. Jahrhunderts gab es erste professionelle Magazine in den USA erst in den 1930er Jahren. Dann wurde sie von der SF-Welle in die Ecke gedrängt, bevor sie Mitte der 1960er Jahre wieder zum Vorschein kann: Lancer Books veröffentlichte R.E. Howards CONAN-Bücher und „Der Herr der Ringe“ erschien in den USA als Raubkopie im Taschenbuch, um Millionen Leser zu begeistern.

In Deutschland sah es Urbanek zufolge mit Fantasy eher düster aus, bis 1970 die CONAN-Bücher bei Heyne erschienen und 1969/1970 auch die erste Übersetzung des „Herrn der Ringe“. Heyne brachte mehr CONAN und Fritz Leibers Abenteuer vom Grauen Mausling und seinem Freund Fafhrd. Pabel Moewig wollte eine Heftreihe etablieren, die aber erfolglos blieb und von den Storybänden der „Terra Fantasy“ abgelöst wurde – die aber nach 90 Ausgaben ein Ende fand. Aber seitdem vergeht kein Monat mehr ohne Fantasy-Publikation, freut sich Urbanek.

Das war anno 1982, und für so manchen Phantastikleser war Fantasy noch Neuland. Daher soll die vorliegende Auswahl solche Leser an die zahlreichen Facetten und Spielarten der Fantasy heranführen, von „Heroic Fantasy“ bis zum modernen Märchen (Lovecraft). Wer schon ein Fan ist, soll mit diesem Sammelband neue Abenteuer seiner Helden präsentiert bekommen, etwa bei Dray Prescotts Heldentaten auf Kregen, aus der Deryni-Saga von K. Kurtz und aus dem Poseidonis-Zyklus von Lyon Sprague de Camp. Zu guter Letzt sollen zwei deutsche Newcomer mit ihren Geschichten belegen, dass auch in der „Bundesrepublik Deutschland“ erzählerische Talente existieren, die sonst nur schwer veröffentlicht werden können.

2) Theodore Sturgeon: Das Rätsel Ragnaröks (1955)

Baldur, der nordische Gott alles Schönen, ist getötet worden und alle Geschöpfe weinen um ihn. Alle? Mitnichten! Unter den tatverdächtigen gibt es zwar die offensichtlichen Täter, doch Hödur, Baldurs Bruder, ist viel zu dämlich, um auch nur die Absicht zum Mord gehabt zu haben, weiß seine Mutter Frigg. Wer also hat ihn dazu angestiftet, einen Pfeil aus Mistelzweig auf seinen Bruder abzufeuern? Es muss Loki gewesen sein, der teuflische Halbriese, der seine Gestalt wechseln kann. Loki wird gefangen und muss eine schreckliche Strafe erleiden: Das Gift einer Schlange tropft auf das Haupt des angeketteten Gottes (siehe Flokis Strafe in „Vikings“.

Munin, einer der beiden Raben Odins, zweifelt an Lokis Urheberschaft und fliegt zu seinem Kollegen Hugin, dem Raben, der fürs Denken zuständig ist. Munin ist für die Erinnerung eingeteilt und erinnert sich, dass Frigg während ihres Rundschreibens, man möge doch ihren Sohn verschonen, eine Abfuhr erteilt bekam. Es war die junge Riesin Thökk. Aber welchen Grund hatte sie, einen derartigen Groll gegen Baldur, der doch keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, zu hegen? Steckt etwa mehr dahinter?

Munin kann Hugin dazu überreden, eine Ermittlung aufzunehmen. Zusammen fliegen sie durch den Schornstein des Häuschens der jungen Riesenlady, die gerade schlummert. Um sie zu täuschen, steckt Hugin seinen schmalen hals in eine Flasche und verstellt seine Stimme. Auf einmal wird Thökk von den Stimmen ihrer beiden Liebhaber Baldur und – ist es möglich? – Loki geweckt…

Mein Eindruck

Der Hintergrund dieser scharfsinnigen Ermittlung ist höchst ernst: die Götterdämmerung. Ragnarök ist den Asen prophezeit worden und zwar von keinem Geringeren als dem orakelhaften Riesen Mimir, dem Odin für seine Weissagungen ein Auge geopfert hatte. Ja, Ragnarök werden den Asen den Untergang bringen, denn die Riesen werden siegen, das sei beschlossene Sache.

Nun jedoch erlangen Hugin und Munin durch Überlisten der jungen Riesin Thökk eine ganz andere Deutung des Orakels: Der Sieg der Riesen ist ihren letzten Worten, die sie per Abschiedsbrief an Daddy richtet, keineswegs beschlossene Sache, sondern völlig offen! Das bedeutet, dass die Asen und alle Menschenwesen in Walhalla wieder hoffen dürfen, den Sieg über den Tod davonzutragen.

Hugin und Munin erinnern an Sherlock Holmes und Dr. Watson, ein dynamisches Duo, das zusammen mehr leisten kann als nur jeweils einer allein. Und die gewitzte Art, wie sie die junge Riesin hinters Licht führen, ist ein wahrer Leseschmaus.

3) Iny Klocke: Die steinernen Krieger (1982)

Sorku ist ein Söldner, der sich im fernen Perita an den König von Pryth verdingen, denn der kämpft ständig gegen die Amazonen von Synd. Leider langt Sorku ein, zwei Tage nach der Sperrung der Passstraße durchs Gebirge in der Stadt an, die als Zollstation dient. Die Sperrung wird stets zu beginn der sogenannten Rho-Saison gesperrt. Doch Sorku glaubt nicht an Geister in den Bergen und umgeht die Sperre einfach. Sein Reittier gerät während eines Gewitters in Panik und wirft ihn ab. Er landet in der Wildnis, doch er muss lachen: Vor ihm liegt der Eingang zur Rasthöhle der Karawanen, die diese Straße entlangzuziehen pflegen.

Zu seinem Leidwesen ist die Höhle schon besetzt: Eine jener rothaarigen Amazonen hat es sich hier mit ihrem Reittier, einer riesigen Echse, gemütlich gemacht und schläft. Er zögert, sie auf der Stelle zu töten, und tritt auf einen trockenen Zweig. Das Geräusch weckt sie, gewandt zieht sie Dolch und Schwert. Ein munteres Katz-und-Maus-Spiel hebt an, und er verfolgt sie durch das Labyrinth, das sich hinter der Höhle auftut: Es ist von Kristall, und in seiner Mitte stößt die flüchtende Kriegerin Joreth auf eine Statue, die ein leuchtendes Juwel hält. Das Juwel zu schnappen und einzusacken, sind eins, dann läuft sie weiter.

Sorku folgt dem Licht durch mehrere Höhlen, bis er schließlich zwischen mehreren merkwürdig lebensechten Statuen anlangt. Dort erwartet die Kriegerin ihn bereits. Es kommt erneut zum Schwertkampf, den sie aber diesmal verliert. Gerade als die Spitze seines Schwertes ihre Kehle berühren soll, erstarren beide zu Stein. So hat e sich der wahre Bewohner dieses Labyrinths seit altersher gewünscht. Während er sein Juwel wieder an sich nimmt, labt er sich an den menschlichen Emotionen, die die beiden Wesen, die sich in seinem magischen Gespinst verfingen, von sich geben wie Honig. Ah, welch ein Genuss…

Mein Eindruck

Zusammen mit Katherine Kurtz hält Iny Klocke die Fahne für die Autorinnen hoch. Ihr Beitrag schlägt sich im männlich dominierten Umfeld recht beachtlich. Die zwei Hauptfiguren verfügen über eine eigene Biografie, und ihr Gegenspieler wird in einem Prolog eingeführt, so dass der Leser gleich gespannt ist, wie es den beiden Figuren in der Auseinandersetzung mit ihm ergeht. Der Haken dabei ist, dass der Mann die Kriegerin auch dann noch verfolgt, als beiden bereits das Aus droht. Kein Bündnis wird geschmiedet, um die Überlebenschancen zu erhöhen.

Das Ergebnis dient vielmehr als Warnung an das Lesepublikum: Wenn Mann und Frau sich weiterhin so bekriegen, werden beide den Spinnenfäden bzw. Fallstricken des Schicksals in die Hände fallen und untergehen. Der Fehler der beiden Hauptfiguren besteht vor allem darin, in ihren Stereotypen und Vorurteilen gefangen zu sein. Joreth hat den Männern entsagt und ist Amazone geworden, ständig verfolgt von den Schergen des Landesherrn. Sorku ist ein Söldner, der sich eben dieser Verfolgung anschließen will, um den einen oder anderen Silberling einzustreichen, sozusagen Kopfgeld. Klar, dass zwischen beiden keinerlei Brücke gebaut werden kann.

4) Lyon Sprague de Camp: Der Stein der Hexenkönigin (1977)

Gezun der Freigelassene erbeutet durch eine List von der Prinzessin Plotia einen Zauberstein, der die Potenz eines Partners beeinflusst. Diesen Potenz-Peridot gedenkt er seiner ursprünglichen Besitzerin Königin Bathyllis zurückzubringen und dafür die ausgesetzte Belohnung einzuheimsen: ein Gemach voll Gold. Gezun ist eben ein Abenteurer. In die Händel zwischen Stadtstaaten und Königreichen will er sich ebensowenig einmischen wie mit einer hochwohlgeborenen Prinzessin Streit anfangen. Doch bestohlene Väter von Prinzessinnen können sehr nachtragend sein, findet er zu seinem Leidwesen heraus.

Er freundet sich mit dem jungen Philosophen Aristax an, der schon einmal von einem gewissen Gezun aus Lorsk gehört hat. Es ging da um eine junge Dame – „ja hatte zu heißes Blut“, wirft Gezun ein und geht zu einem anderen Thema über. Zusammen müssen sie ihren Verfolgern entkommen. Aristax hat die rettende Idee und verkauft den zwei Wächter eine einschläfernde Kanne Wein.

Doch schon in Kolovra tauchen die Verfolger wieder auf. Aristax hat seinen Freund, den Philosophen Theoro gefunden und gleich einen Disput angefangen. Das gibt dem gelangweilten Gezun Gelegenheit, sich abzuseilen und weibliche Gesellschaft zu suchen. Der Wirt sagt ihm, er habe eine Einladung zu der Seherin Laia erhalten, die am Südtor wohne.

Laia ist zwar ausnehmend hübsch und verlockend, doch ihr Vertrauter ist es weniger: ein Gorilla, in dem angeblich die Seele eines Menschen stecke. Sie, Laia, habe von Königin Baryllis den Auftrag erhalten, Gezun den Peridotstein abzukaufen. Als sie lediglich lumpige zehn Unzen Gold bietet, lacht Gezun und beginnt zu feilschen, bis er sie auf 500 Unzen hochgehandelt hat. Das war sein Zielpreis. Doch als er da Gold schneidet, verwandelt sich der goldene Schimmer in das Grau von Blei!

Auf einmal verwandelt sich die schwarzhaarige Laia in eine üppige Blondine: die Hexenkönigin Baryllis höchstselbst! Sie hetzt ihren Gorilla auf Gezun, um ihm den Stein abzuluchsen. Doch da treten Theoro und Aristax ein, die alle drei Wachen überwunden haben. Theoro legt mit einem in die Nase geblasenen Pulver den Gorilla schlafen und wehrt den Bann der Hexenkönigin ab. Doch nun fangen ihre Probleme erst richtig an: Gezuns Verfolger rücken ihnen auf die Pelle. Und wo ist jetzt der Stein der Königin abgeblieben!?

Mein Eindruck

In dieser amüsanten Action-Komödie kommt das Genre „Schwerter & Zauberei“ voll zur Geltung. Die Ironie ist unsichtbar, aber braucht keine Kristallkugel, um vorauszusehen, dass Gezuns Abenteuer noch lange nicht zu Ende sind. So ergeht es ja auch immer wieder Conan dem Kimmerier, vom der Autor zahlreiche Abenteuer berichtet hat. Der wichtigste Unterschied Gezuns zu Conan ist wohl seine leichtsinnige Art, mit Frauen anzubandeln, die von meist gefährlichem Charakter sind – Hexen, Prinzessinnen und dergleichen. Obwohl: Auch Conan hat seine Erfahrungen mit Zauberinnen, wie man im ersten Conan-Film nachschauen kann.

5) Thomas Burnett Swann: Die Nacht des Einhorns (1975)

Auf der Insel Cozumel, die der mexikanischen Halbinsel Yucatán vorgelagert ist, wird die Nacht des Einhorns gefeiert. Viele Jungfrauen haben sich versammelt, denn der Legende nach soll das herrliche Tier, das zuletzt vor einem Jahr gesehen worden ist, sich nur diesen ausgewählten Geschöpfen nähern. Alle Frauen sind geschmückt, und es spielt Musik.

Maria steht mit dem erst 17 Jahre alten Jüngling Mico abseits, denn sie ist das Gegenteil einer Jungfrau. Sie erwarb sich ihren bescheidenen Wohlstand mit dem Gunstgewerbe, das sie in Mérida auf dem Festland betrieb. Inzwischen hat sie einen Korbwarenladen eröffnet, doch die lokalen Frauen verachten eine gefallene Frau und kaufen nichts. Wie alle anderen wartet sie auf das Eintreffen der amerikanischen Touristen, die nicht so pingelig sind.

Da! Das Einhorn! Sie ist sicher. Und es trabt aus dem umgebenden Dschungel direkt auf sie zu. Maria eilt auf es zu, quer durch die Menge der Jungfrauen. Sie lachen bloß: Es sei nur ein weißer Esel und das Horn sei nur angeklebt. Doch das stimmt nicht, wie ihr Mico versichert. Zusammen tragen sie das Horn, das sich vom Einhornkopf gelöst hat, in ihr kleines Haus und waschen es: pures Gold!

Mein Eindruck

Maria ist eine Verkörperung von Maria Magdalena. Wie einst Jehoschua von Nazareth ist sie dennoch eine gesegnete Frau: „Wer würde den ersten Stein auf sie werfen?“ Das Einhorn ist die Verkörperung der göttlichen Macht des Übernatürlichen (mit dem sich der 1976 früh verstorbene Autor zeit seines Lebens beschäftigt hat). Dass seine Segnung nicht nur Reichtum bedeutet, sondern auch Freude, ist der zweitwichtigste Aspekt dieser Geschichte. Der wichtigste ist jedoch der Glaube an das Übernatürliche und an dessen Naturgeister.

6) Roger Zelazny: Die Glocken von Shoredan (1966)

Die Festung Dilfar steht vor dem Fall. Sie wird belagert von den feindlichen Truppen eines Lords, die das Land von König Malacar erobern wollen. Malacar wendet sich an seinen Oberst Dilvish, der zur Hälfte von dem Elfenlord Selar abstammt. Das berechtigt ihn, die Glocken von Shoredan zu läuten, die die Armee der toten Verlorenen herbeirufen. Es gibt nur einen Haken: Die Festung Shoredan liegt in Roringhast, wo es kein Leben gibt. Das macht nichts, wie sich erweist, denn weder Dilvish noch sein stählerner Rappe zählen zu den Lebenden.

Als er endlich die Mauern von Roringhast erreicht, begrüßt ihn ein Mönch vom Orden des Jelak. Dilvish spuckt auf diesen elenden Gott. Der Mönch Kolar darf ihn jedoch auf seiner Mission begleiten. Es gibt diverse höllische Hindernisse zu überwinden, doch Kolar ist ein guter Helfer. Es ist nicht die allgegenwärtige Finsternis, die Dilvish aufzuhalten versucht, sondern die Tatsache, dass den Glocken von Shoredan das Glockenseil fehlt. Verwundet und in Finsternis muss Dilvish zu ihnen hinaufklettern…

Mein Eindruck

Diese Geschichte gehört zum umfangreichen Zyklus um Oberst Dilvish von Dilfar, den der Autor Mitte der 1960er Jahre begann. Der Oberst war 200 Jahre in der Hölle und kehrt wie einst König Artus oder Kaiser Barbarossa zurück, um sein Land gegen eine Invasion zu verteidigen – mit der unsichtbaren Klinge seines Vaters Selar.

Die Geschichte ist äußerst düster, aber sehr einfallsreich geschildert. Unerwartete Beschreibungen und bizarre Gestalten jenseits des Lebens warten auf den nicht gerade sympathischen Helden. Doch gegen alle Widerstände gelingt ihm das schier Unmögliche. Die Aufgabe hat mich an die von Aragorn in „Herr der Ringe Band 3“ erinnert: die Armee der eidbrüchigen Totengeister zur letzten, erlösenden Schlacht zu Hilfe zu rufen.

7) Howard Phillips Lovecraft: Die Sehnsucht Iranons (1939 posthum)

Ein junger Mann, der sich Prinz Iranon nennt, trifft in der Stadt Teloth ein. Er möchte hier seine Lieder und Träume vortragen. Doch die Stadtherren halten wenig davon, vielmehr soll er sich beim Schmied melden, denn jeder Mann hier in Teloth habe einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Iranon lehnt betrübt ab. Er suche das im Mondlicht strahlende Aira, wo er sicherlich geboren worden sei. Nur ein Junge namens Nomrod schließt sich ihm auf der Suche nach Aira an. Möglicherweise ist das schöne Oonai, die Stadt des Tanzes und der Lieder, identisch mit Aira. Mal sehen.

Zusammen wandern Iranon und Nomrod viele Jahre, ohne Aira zu finden, doch während Nomrod zu einem Mann heranwächst, zeigt die Stirn Iranons keine einzige Falte und sein Haar keine einzige graue Strähne. Und so gelangen sie nach Oonai, und tatsächlich kann hier der Sänger seine Träume und Lieder vortragen, wofür ihn der König mit einem alten Purpurmantel belohnt. Unterdessen wächst Nomrod dick und fett und lässt es sich wie Dionysos gutgehen. Bis zu einem frühen Tod.

Da zieht Iranon weiter, lässt allen Tand hinter sich und durchquert die Weiten der Welt, bis er zur Hütte eines alten Mannes kommt, der auf einem Abhang über einem tückischen Sumpf wohnt. Und von diesem Alten erfährt Iranon von seiner eigenen Herkunft und der sagenhaften Stadt Aira…

Mein Eindruck

Die Geschichte schildert im Grunde die eigene Suche des Autors nach seiner Herkunft. Zeit seines Lebens war Lovecraft auf Rhode Island und in den Bergen von Neu-England auf der Suche nach seinen Vorfahren sowohl mütter-, als auch väterlicherseits. Er wünschte sich angeblich sehr, von adeliger Abkunft zu sein. Das würde ihn in eine Art Märchenreich emporheben und seine von Krankheiten geplagte Existenz erleichtern. Lovecraft starb mit nur 47 Jahren an Darmkrebs und chronischem Nierenversagen. Rund 40 Jahre lang hatte er seine Phantasie in der Geisterwelt wandern lassen, seitdem ihn sein Großvater Whipple Van Buren Phillips (geboren 1833) dort mit seinen Geistergeschichten eingeführt hatte.

Der Text selbst ist ziemlich kurz, enthält kaum Dialoge und ist in einem raunenden, gleichnishaften Ton erzählt, der an Lord Dunsanys Stil erinnert. Ihn zu lesen erfordert eine Menge Geduld.

8) Katherine Kurtz: Des Marluks Untergang (1977)

König Brion Haldane, Herr der sieben Reiche von Gwynedd, steckt dauernd in Schwierigkeiten. Erst muss er den Aufstand des Grafen der Ostmark niederschlagen und den Rebellen in aller Öffentlichkeit ins Jenseits befördern – zur Abschreckung. Doch dessen Schwiegersohn Rhydon ist entkommen und hat sich offenbar zu Graf Hogan Gwernach, genannt der Marluk, geflüchtet, um ihn zum Aufruhr zu bewegen.

Kurz darauf überbringt dieser Rhydon unter weißer Fahne Brions Bruder Nigel einen Brief des Inhalts, dass alle Ansprüche Brions auf die sieben Königreich Gwynedds null und nichtig seien, weil nämlich des Marluks Haus den wahren rechtmäßigen Anspruch besäße – über alle elf Königreiche. Wenn sich Brion nicht bis zum nächsten Tag zum Zweikampf stelle, werde er, Marluk, die gesamte Stadt Rustan über die Klinge springen lassen. Doch es gibt einen Haken, der Brion zögern lässt: Dieser Marluk ist ein Voll-Deryni, ein Magier.

Diesen Brief überbringt sein Bruder Nigel, als sich Brion bereits auf dem Rückweg zu seiner Burg in Rhemuth befindet. Brion wird begleitet von seinem 14-jährigen Knappen Alaric Morgan, einem vollblütigen Deryni-Spross. Die Deryni sind seit Jahrhunderten wegen ihrer magischen Kräfte verfolgt worden, aber Brion duldet sie ebenso wie sein Vater Blaine, den Alaric als vierjähriger Knabe kennenlernen durfte, um von ihm unterwiesen zu werden. Und damit kann Brion von Glück sagen, denn Alaric weiß einen Weg aus der Patsche, in der Brion nun steckt: Wie soll er es als Haldane mit einem Magier aufnehmen können?

Alaric legt den Finger auf die Innenseite von Brions magischem Armreif und erinnert sich an die Begegnung mit dem alten König Blaine, der ihm die drei Zauberrunen auf der Innenseite zeigte. Nun erinnert er sich genau, was zu tun ist: Sie müssen zu dritt ein Ritual ausführen. Auf einer Bergwiese errichten sie einen Zirkel aus Felsen, und bei Aufgang der Sonne beginn Alaric magische Worte einer Anrufung des Schöpfergottes zu sprechen. Am Ende des Ritus ist Brion Haldane, in dem sein Blut vergossen wird, nicht mehr derselbe.

Der Rittertrupp reitet weiter gen Rustan, als sich ihm die Ritterschaft des Herausforderers entgegenstellt. Gwernach geht mit bestürzender Plötzlichkeit zum Angriff über, die Schlacht entbrennt, und schon bald findet sich Alaric in einem Kampf auf Leben und Tod wieder. Dieser endet erst, als sich König Brion und Hogan Gwernach duelliert. Der Kampf der Klingen endet unentschieden, daher muss der Kampf mit magischen Mitteln über Zukunft oder Untergang Gwynnedds entscheiden. Werden Brions neu erworbene Kräfte gegen einen alten Hasen wie Gwernach ausreichen? Nur einer von ihnen wird das Schlachtfeld lebend verlassen…

Mein Eindruck

Die kurze, nur 30 Seiten lange Novelle fügt sich nahtlos in die Deryni-Saga der Autorin Katherine Kurtz ein. Trotz der Kürze findet der Fantasy- und Action-Freund jede Menge Würze: Freundschaft unter Rittern und Kämpen, ein magisches (christliches) Ritual und eine blutige Schlacht, die in zwei Duellen endet. Das ist ganz große Klasse, und aufgrund der sprachlich ausgefeilten und passenden Übersetzung durch Horst Pukallus wird die Story zum Leseerlebnis. Sie macht großen Appetit auf all die zahlreichen Deryni-Trilogien, die im Heyne Verlag über die Jahre veröffentlicht wurden und heute mit ihren Originaltitelbildern nur noch schwer zu finden sind.

9) Stephan de la Motte: Schachspiel der Götter (1982)

Zwei Schwertkämpfer reiten durch ein Land, das leer, öde und tot erscheint. Der schlanke Sawarra ist ein Prinz des untergangenen Landes Opal und Masotatso N’gima, der bärtige Hüne, wurde ebenfalls vertrieben, seine Heimatstadt Trésan von einem unbekannten Gegner zerstört. Das gute Omen einer silbernen Adlerfeder, Sawarras Wappentier, weist ihnen den Weg zu einer Stadt, die unter einer Bergfestung kauert. Ein Jäger, der mit leeren Händen in die Stadt zurückkehrt, begrüßt sie und zweifelt sehr an ihrem Glück in dieser Stadt, denn sie sei verflucht.

Sie lassen sich nicht abschrecken, doch in der Stadt fallen die vielen Trauerflore an der Haustüren auf: Fast jedes Haus muss einen Todesfall zu beklagen haben. Die Tür der einzigen Schenke macht keine Ausnahme. Es dauert eine Weile, bis der Wirt ihnen öffnet und gegen ein paar Münzen Wein und Braten kredenzt. Dann verschwindet er, kehrt aber bald mit drei würdigen Stadtherren zurück. Der Stadtmeister macht den beiden Schwertkämpfern ein Angebot, das er mit klingender Münze begleitet: Sie sollen den bösen Zauberer, der die Stadt offenkundig mit einem Fluch belegt hat, in seiner Bergfestung töten. Gelingt ihnen dies, sollen sie 20 Goldstücke bekommen – und die Wirtstochter Meionora.

Kaum hat Sawarra aus Mitleid auf den Sex mit der jungen Frau verzichtet, als auch schon Monster am Fenster erscheint. Es spricht und nennt seinen Namen! Es versucht, ihn zu vertreiben. Es gelingt ihm, es mit N’gimas Hilfe in die Flucht zu schlagen. Nun gibt es kein Halten mehr: Sie müssen die Burg des Zauberers bezwingen, denn sicherlich hat dieser Bösewicht das geflügelte Ungeheuer geschickt.

Nach mehreren Kämpfen gegen seltsame tierische Gegner gelingt es ihnen, den Zauberer zu überwältigen und die Quellen seiner Macht, den spitzen Hut und den Mantel, zu zerstören. Doch eine Frau, die wie eine ältere Ausgabe von Meionora aussieht, bittet sie, den alten wehrlosen Mann zu verschonen. Stattdessen zeigt sie ihnen einen riesigen Spiegel, der durch ein großes Tuch verhüllt ist. Sie sagt, dies sei das Tor zur Welt der dunklen Mächte, die den Zauberer beherrscht und die Seuche geschickt hätten. Nun wird den beiden Helden klar, dass sie durch dieses magische Tor gehen müssen, um es mit ihren wahren Gegnern aufzunehmen…

Mein Eindruck

Das vorherrschende Thema der Erzählung ist die Auseinandersetzung, und die kann mit den unterschiedlichsten Mitteln geführt werden. Die zwei Schwertkämpfer, die das Land befreien wollen, können sich nicht immer nur auf ihre Kampfkunst verlassen, sondern müssen sich anderer Mitteln bedienen. Da wäre beispielsweise die List, um ein Ungeheuer zu übertölpeln, oder einfach Chuzpe, um einen Gegner entgegen allen Spielregeln zu erstechen.

N’gima sieht sich im titelgebenden Schachspiel schon bald in der Rolle des Unterlegenen, doch eine kleine Regelverletzung korrigiert den Ausgang der Partie. Der vermeintlich göttliche Gegner hat den Fehler begangen, sich auf ein menschliches, also sterbliches Niveau herabzulassen. Und alles, was sterblich ist, lässt sich auch töten. Das findet auch Sawarra in einem sehr knappen Schwertkampf heraus, der völlig im Dunkeln stattfindet. Nur sein magischer Opal gewährt ihm einen Vorteil, in dem er ihn den nächsten Angriff um den Bruchteil einer Sekunde vorausahnen lässt. Da kommt es auf schnelle Reaktionen an.

Die Novelle liest sich wie brave deutsche Fantasy, weist ein paar pfiffige Einfälle auf und stellt mit einer göttlichen Zeitkorrektur die Ausgangslage wieder her. Das ist leider die einzige ironische Wendung in dem ansonsten bierernsten Geschehen. Ich hätte liebend gern mehr Humor à la Fritz Leibers Abenteuern von Fafhrd (mit dem N’gima eindeutig eine gewisse Ähnlichkeit hat) und dem Grauen Mauser gelesen. Sawarra ist eher unsympathisch und erinnert mehr an den Ewigen Helden Michael Moorcocks wie etwa Elric von Melniboné. Dass Sawarra mit dem Mädchen Meionora nichts anzufangen weiß, verwundert vor diesem Hintergrund von geschlechtslosen Figuren wenig. Offenkundig wollte der Autor seine junge Leserschaft – wohl ab 12 Jahren – moralisch nicht überfordern.

10) Alan Burt Akers: Der Zauberer von Scorpio (1976)

Es sollte eigentlich ein schöner Hochzeitstag auf Kregen werden, doch ein Schurke entführt nicht nur die Braut, sondern auch noch die Tochter des Kaisers, Delia. Dray Prescott ist nicht nur der Freund des Bräutigams, sondern auch der Schwiegersohn des Kaisers. Es ist für Dray sonnenklar, dass er die beiden entführten Damen aus den Klauen des Schurken retten muss. Der Vater der Braut hat einen Tipp für ihn: Es handle sich um Drays Lehensmann Riurik. Dabei schaut er ihn misstrauisch an. Ohne sich näher um ihn zu kümmern, stürzt Dray los, lässt sich das schnellste Flugboot besorgen und rast den Entführern hinterher.

Der Kurs führt nach Süden, und jenseits der Hauptinsel Vallia liegt Hoboling, wo die Piratenkönigin herrscht. Der nächtliche Flug geht weiter durch eine hell erleuchtete Stadt und über ein Waldgebiet, pardon: in ein Waldgebiet, in das Drays Flugboot stürzt. Er verliert das Bewusstsein. Er erwacht wenig später, weil er gepflegt wird. Da steht ein hagerer Mann vor ihm, der sich „Zauberer aus Loh“ nennt und für sich in Anspruch nimmt, die BEIDEN Flugboote zum Absturz gebracht zu haben. Na, Dray hustet ihm was und geigt ihm die Meinung, bevor er sich mit ihm zusammen aufmacht, um den Verfolgten doch noch zu stellen und seine Delia zu retten.

Doch kaum hat er das erste Monster auf dem Weg erledigt, nehmen ihn die Krieger des Herzogs von Wazur gefangen. In dessen Kerker stoßen er und der Zauberer auf Delia und Lady Merle. Leider dürfen alle nur einen Lendenschurz tragen, denn ihnen soll nur ein kurzes Leben beschieden sein. Auf sie wartet die Arena, in der die Männer gegen weitere Ungeheuer kämpfen sollen. Dray muss sich rasch etwas fallen lassen, denn zwei Türen warten darauf, sich zu öffnen und die tödlichen Angreifer freizulassen. Da fällt sein Blick auf den Zauberer, und er hat eine Idee…

Mein Eindruck

Dray Prescotts Abenteuer sind exotisch, aufregend und, wenn der Leser genügend Fantasie mitbringt, auch sexy. Für Abwechslung ist ständig gesorgt, aber die Aufmerksamkeitsspanne braucht nur bei einer Seite zu liegen, bevor schon die nächste Szene beginnt. Das ist das Niveau eines fünfjährigen Lesers: präpubertär und von wilder Kreativität. Dray Prescott etwa wirft ständig mit Schimpfwörtern um sich, die keine irdischer Leser je gehört hat. „Du Cleesh!, Du Cramph!“ Und dergleichen mehr. Sie sollen zur Exotik der Umgebung, der abgehobenen Erdferne beitragen.

Wer schon älter als fünf ist und somit noch nicht von den Lehrern an die leine gelegt worden ist, der entdeckt so verräterische Details wie etwa fehlende BHs bei Delia und Merle sowie wechselnde männliche Heiratskandidaten, die Merle nur zu gerne in Empfang nimmt. Was ist hier los, fragt sich der aufmerksame Leser. Die männliche Autorität und die weibliche Unterwürfigkeit erinnern ein wenig an die Gegenerde Gor, doch dem widerspricht das enge Liebesverhältnis zwischen Dray Prescott und seiner Angebeteten, Delia, die Mutter seiner vier Kinder – sie hat sich rangehalten und gleich zwei Zwillingspaare nacheinander geboren. Offensichtlich ist Dray dabei, mit der hochwohlgeborenen Prinzessin – sie ist eine „Majestrix“ – seine eigene Dynastie aufzubauen. So spräche kein Sklavenherr oder unsteter Abenteurer.

Dray Prescotts Welt erinnert zudem stark an den Mars, wie ihn sich Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer Tarzans, einst für seinen helden John Carter ausgedacht hat. Die alte Pulp Fiction, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, kommt wieder zu Ehren. Neuerdings werden Burroughs‘ Pellucidar-Romane erstmals ins Deutsche übersetzt (im Apex-Verlag).

11) Poul Anderson: Ashtaru der Schreckliche (1953)

Henry Martinmas ist Archäologe an einer Provinz-Uni in Minnesota. Aber er ist schüchtern und hat deshalb kürzlich seine Angebetete, Eileen Wilkes, die Tochter des College-Direktors, an einen Rivalen aus der Physik verloren, den verhassten Macalester. Aus Langeweile und Niedergeschlagenheit öffnet er eine Kiste mit Artefakten, die der Kollege Craigie aus Mesopotamien geschickt hat. Eine Stimme ertönt und eine etwa 40 cm hohe Tonfigur spricht mit Henry. Die Figur nennt sich Ashtaru den Schrecklichen, ist in der Mitte dick und auch sonst nicht besonders schrecklich. Er sieht wie ein Buddha aus, nennt sich aber Herr über Blitz und Donner.

Auf diesen Schrecken braucht Henry erstmal einen Schluck Whisky. Auch der Gott verlangt ein Trankopfer, oder es gibt ein Donnerwetter. Nach ein paar weiteren Promille fragt sich Henry, ob er aus einem echten babylonischen Gott, der sprechen kann, nicht Kapital schlagen könne – besonders bei der Dame seines Herzens. Gesagt, getan: Er lotst Eileen, ihren Vater und den verhassten Macalester in sein Kabuff, das sich im untersten Keller der Uni befindet.

Schon auf dem Gang vor der Tür hört man verführerische orientalische Klänge erschallen, die einem Nero Ehre gemacht hätten. Als Henry die Tür öffnet, erblickt er nackte orientalische Tänzerinnen, halbnackte Musiker – und Ashtaru, der offensichtlich die vergessene Whiskyflasche entdeckt hat, um ihren Inhalt seiner natürlichen Bestimmung zuzuführen – in seinem Schmerbauch. Prof. Wilkes fällt fast die Brille von der Nase, als er die wohlgerundeten Damen beäugt, Macalester verflucht Henry und Eileen würde ihm am liebsten eine runterhauen. Wilkes will die Polizei und Feuerwehr rufen, um diesen Sündenpfuhl auszuräuchern.

Die Katastrophe ist perfekt, Henry würde sich am liebsten die Kugel geben. Sobald er sich mit dem Gedanken eines baldigen Abschieds abgefunden hat, veranlasst er Ashtaru, die Tänzerinnen und Musiker wegzuschicken. Weder Cops noch Feuerwehrmänner finden auch nur das geringste Corpus delicti, das sie verhaften können. Nach ein paar weiteren Promille steigt eine zünftige Party, zu der Ashtaru auch kretische, phönizische und selbstverständlich babylonische Gäste einlädt. Trotz einer gewissen Umnebelung hat Henry ein Geistesblitz: Wie kommt es, dass er all diese feinen Kumpels, die aus verschiedenen Zeiten stammen, einwandfrei verstehen kann?

Da kommt ihm die zündende Idee, wie er die holde Eileen doch noch für sich gewinnen kann…

Mein Eindruck

Romantik, Witz und Parodie kommen in dieser flotten kleinen Story zusammen, die zu den Frühwerken des vielfach ausgezeichneten Autors gehört – er begann erst 1947 zu veröffentlichen, und diese Story erschien 1955. Zu seinen Markenzeichen gehören „fremde Kulturen“ (also alle nicht amerikanischen) und die Grenzüberschreitung in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Das ist auch hier der Fall: Ashtaru ist mehrere tausend Jahre alt. Seine Vorstellungen kollidieren mit denen der Provinz, der akademischen gemeinde und natürlich mit den Erwartungen an ein gesittetes benehmen. Daher lebt die Geschichte von den zahlreichen Tabubrüchen.

Sein Freund Henry gehört noch zu den Typen, die einen offenen Verstand haben – ganz besonders unter dem Einfluss einiger Promille im Blut. Daher kommen sowohl die Geistesblitze zu ihrem Recht, wie auch die Hormone, die einer gewissen Blondine gelten. Ende gut, Ashtaru gut.

Die Übersetzung

Die Übersetzungen sind stilistisch meist auf einem hohen sprachlichen Niveau angesiedelt, aber Horst Pukallus‘ Übertragung „Des Marluks Untergang“ ragt ganz klar heraus. Es ist die mittelalterliche Sprache, die verwendet wird, allerdings natürlich in moderner Rechtschreibung und Zeichensetzung. Dementsprechend gut sollten auch die Sprachkenntnisse des Lesers sein.

S. 11: „nach dem Ehrenma[h]l (in Walhalla)…“ Das H fehlt.

S. 13: „Selbst Hel, die über die Toten gebat..“ Falsche Vergangenheitsform von „gebieten“! Korrekt ist „gebot“.

S. 42: „wür[d]e er hier zerquetscht…“

S. 71: „König[in] Bathyllis“: Die Endung fehlt.

S. 74: „die riesenhaften Wilsen“. Gemeint sind die „Wilden“.

S. 80: „Dann zog er das Seil wiede[r] ein…“ Das R fehlt.

S. 83: „Als der Juri[e]r aufgebrochen war…“: Das E fehlt.

S. 123: „Narzissen, die Ihre Köpfe verborgen hatten…“: Korrekt muss es „ihre Köpfe“ heißen, denn es wird niemand angesprochen.

S. 126: „Merda, der Rote Zauber[er] des Südens…“: Die Endung fehlt.

S. 156: „Wie Al[d]aric sagt…“ Das D ist überflüssig.

S. 169: „…Furten mit geschwinden Strömungen, welche.. die Pferde dazu veranlasste[n], argwöhnisch die Ohren anzulegen.“ Das N fehlt.

S. 215: „Ein Bach plätscherte über Schlamm und Gestein dahin. Kleine Fische tummelten sich im kristallklaren Wasser.“ Es erscheint mir unwahrscheinlich, dass Wasser, das über Schlamm fließt, kristallklar bleibt.

S. 222: „Wir haben kein[e] Wahl.“ Das E fehlt.

S. 227: „Schleppend prallte [das Schwert] Drachenwind gegen die Treppe.“ Gemeint ist wohl, dass das Schwert „scheppernd“ aufprallte.

S. 257: „Aber der Fluch, der ein Jahr über unserer Stadt lag, ist nun von ihr gekommen.“ Flüche mögen kommen und gehen, aber meistens werden sie von jemandem oder etwas auferlegt und GENOMMEN.

S. 270: „Die beiden herrlichen Sonnen Scorpios, das Rot und das Grün von Antares…“ Hierauf kann sich jeder seinen eigenen Reim machen, welche Sonnen gemeint sind. Antares ist Rot, aber was ist grün?

S. 272: „einen Teil ihrer B[r]eute…“: Das R ist überflüssig.

S. 277: „Ohne innezuhalten, zuckte das Langschwert in kurzem, energischem Bogen und griff die main-Gauche auf ähnliche Weise um.“ Die Main-Gauche ist der Dolch des solcherart Angegriffenen. Sollte es statt „umgreifen“ daher nicht „angreifen“ heißen?

S. 300: „überzogen mit Plattgold.“ Korrekt wäre „Blattgold“.

S. 306: „die anatonischen Besonderheiten einer Tänzerin…“ Gemeint sind wohl die „Anatomischen Besonderheiten“. Und diese Tänzerinnen darf man sich ruhig textilfrei vorstellen, denn schließlich sollen sie einem Gott gefallen.

Die Karten

Folgende Karten hat Erhard Ringer beigetragen – Karten, die man selten irgendwo anders findet:

1) Das unbekannte Kadath (Lovecraft)
2) Kregen (Akers)
3) Gwynnedd (Kurtz)
4) Dilfar und Rahoring (Zelazny)

Die Illustrationen steuerte Johann Peterka in seinem gewohnten, überhöhenden Stil bei. Da werden Maiden zu rehäugigen Göttinnen (oder umgekehrt), und Anti-Helden wie Loki zu muskelbepackten Athleten. Dieser heroisierende Stil sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber zweifellos unverkennbar.

Unterm Strich

Von den zehn Erzählungen bewegen sich die meisten auf dem Niveau guten Mittelmaßes, was ein beachtlicher Durchschnitt ist. Nur die Beiträge von Sturgeon, Zelazny und vor allem Kurtz würde ich auf Top-Niveau ansiedeln. Passablen Durchschnitt bieten die beiden deutschsprachigen Beiträge sowie die von Lovecraft, Anderson und Akers (= Kenneth Bulmer).

Schade, dass nicht mehr Frauen vertreten sind, beispielsweise Ursula K. le Guin oder Tanith Lee. Sie hätten gut hinzugepasst, denn der Schwerpunkt liegt keineswegs auf Sword & Sorcery, auch wenn Magie vielfach eine Rolle spielt – Schwerter aber nur selten. High Fantasy vom Schlage eines Tolkien oder T.H. White fehlt hier vollständig, was allerdings kein Makel ist: Den „Herrn der Ringe“ oder „The Once and Future King“ haben eh schon alle Fans gelesen. Dem Herausgeber ging es ja darum, alten Hasen was Neues zu zeigen oder jungen Einsteigern, was für eine Vielfalt die Fantasy bietet. Dieser doppelte Zweck wurde meines Erachtens erreicht.

Für die Illustrationen und – mitunter selten zu findenden – Landkarten verdient das Buch einen Bonuspunkt, aber für die vielen Fehler gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 315 Seiten
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783453308336

www.heyne.de

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