Esterházy, Péter – Eine Frau

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von rund 97 Frauen (minus 1 Mann, minus 1 Mutter). Und so kann man nicht unbedingt von einer Enzyklopädie der ungarischen Frau sprechen, eher von einem Kaleidoskop erotischer Begegnungen. Aber es finden sich auch ernstere Töne, wenn man genau hinhört.

|Der Autor|

Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren, wo er heute nach einem Studium der Mathematik als Schriftsteller mit seiner Familie lebt. Im Herbst 2001 erschien sein Roman „Harmonia Caelestis“, der ein Bestseller wurde. Seine Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Der Autor erhielt u. a. 2001 den |Sándor Marai|-Literaturpreis und 2004 den |Friedenspreis des Deutschen Buchhandels|. Bei |Hörbuch Hamburg| ist auch sein Roman „Fancsikó und Pinta“, gelesen von Walter Kreye, erschienen.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatl. Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

Pleitgen liest den Text in der ungekürzten Fassung.

Das Titelbild zeigt Amadeo Modiglianis „Liegenden Akt auf einem Kissen“, eine sehr geschmackvoll ausgeführte Darstellung einer nackten jungen Frau.

_Inhalt_

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von 97 Frauen (minus 1 Mann), über die Unregelmäßigkeiten des Herzens, die Illusionen der Liebe, die Spiele der Begierde. Jedes Kapitel beginnt (meist) mit dem Satz: „Es gibt eine Frau.“ Dann folgt: „Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Manchmal aber auch „Sie liebt mich, sie hasst mich.“ Weil aber das Buch „Eine Frau“ heißt, handelt es sich hier um 97 Facetten, Perspektiven, Blicke auf eine generell aufzufassende Frau, wodurch das Ganze eine einzige große Liebeserklärung wird. Ist es „die ungarische Frau“?

„Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Das ist der Standard. Sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Ob die Charakterisierung der Beziehung zutrifft, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Denn diese beiden Werte lassen sich wie in der Mathematik beliebig kombinieren. Daher finden sich in den späteren Kapiteln Werte wie „Sie liebt mich, sie hasst mich“ (oder umgekehrt) und „Sie liebt mich, ich hasse sie“ (und umgekehrt). Manchmal erscheinen diese Wertungen des Erzählers aufgrund der hinzugehörigen Geschichte oder Charakteristik überhaupt nicht einleuchtend. Offenbar sind diese kategorischen Einordnungen doch mit Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um relative Werte, nicht um absolute.

Und was gibt es da nicht wunderbare Frauen! Seine Frau ist beispielsweise Mutter von zwei Kindern, und er muss bei deren Hausaufgaben helfen. Eine andere ist einfühlsam und sinnlich im Bett, aber ansonsten eine knallharte Geschäftsfrau. Wieder eine andere hat schon einen Männe, kann aber noch gut einen (oder zwei oder drei?) andere(n) gebrauchen. Andere kommen im Doppelpack: „Gefallen wir dir?“. Die schlimmste ist seine Mutter. Sie kommt zweimal vor.

Auch die Zitate der Damen lassen sich hören. „Im Bett finde ich mich selbst nicht“, meint die eine, während die andere sicher ist: „Nur durch die Männer gelange ich zu mir.“ Eine liest „Mein Körper, das Ferkel“, während die andere ihn durch das Epitheton „mein Herzchen“ impotent macht, aber darauf entgegnet: „Das ist nur eine Übergangsphase, Schatz.“ Verbal kastriert sie ihn schon vor der Ehe. Eine dritte meint: „I hate this situation!“ und hält sich für die jüngere Schwester von John Lennon: „I am the walrus.“ Eine vierte liebt ihn in Wochen mit geraden und hasst ihn in Wochen mit ungeraden Zahlen.

Inzwischen, so etwa ab Kapitel 47, ist er bei Abkürzungen angelagt: S.L.M., S.H.M., aber auch SLHM geht. Allmählich braucht die Enzyklopädie der ungarischen Frau, so will ich das Buch mal provisorisch nennen, etwas mehr Organisation. Manchmal entgleitet diese aber auch in einem irrwitzigen Ausbruch der Aufzählungen. Kapitel 65 sieht eine Polizistin als Geliebte. Wegen eines mysteriösen Falls ist er auf die Polizeiwache zitiert worden. Wegen eines Todesfalls empfindet er Sympathie für sie. Er stellt sich vor, wie er sie nagelt, während er sie an eine Wand drückt, an einen Baum, an einen Zaun, an irgendwas Mobiles, an Menschen, an Tiere, an Speisen, an Möbel, Klamotten und schließlich mexikanische Biere. Ächz! In Kapitel 75 bekommt er es von einer ziemlich sportlichen Lady zurückgezahlt. Sie pfeift auf die Vernunft.

Allmählich wird die Sache auch autobiografisch. Und damit auch bewegend statt nur tragikomisch. In Kapitel 82 fragt er sich „Liebt sie mich?“ und erinnert sich wegen der Angst, die er angesichts ihres roten Schamhaars empfindet, an die katholischen Gottesdienste, die er in seiner Jugend erlebte und etwas Verbotenes waren. Weil die sozialistische Staatspartei die Kirchenvertreter verfolgte und natürlich die Ausübung des katholischen Glaubens ebenso, mussten die Gottesdienste heimlich und tief im Wald stattfinden.

Kapitel 93 ist gar keiner Frau gewidmet, sondern einem Mann. „Es gibt einen Mann“ – wonach klingt das? Es handelt sich aber nicht um die direkte Beschreibung einer homosexuellen Beziehung, sondern um einen Brief, den ihm ein ausgewanderter (geflohener?) Freund aus Frankfurt/Main schickt. Dieser Freund ist in der fremden Großstadt todunglücklich. Das ist in gewisser Weise paradox, denn nun ist er endlich frei zu lieben, wen er will. Statt dies zu zelebrieren, fühlt er sich hingegen einsam, denn es gibt hier zwar massenhaft käuflichen Sex, aber keine Mitmenschlichkeit. Und daher bekennt der Freund nun, aus der Ferne: „Ich liebe dich.“ Der Erzähler jauchzt.

Das letzte, 97. Kapitel endet ähnlich, aber heiter. SIE liebt ihn immer weniger, verlangt aber immer mehr Sex. Sie scheinen sich miteinander zu vermischen, während sie ihn leicht in sich aufnimmt. Zusammen mit seiner Zahnbürste fürchtet er auch seine Identität zu verlieren.

_Mein Eindruck_

„Esterházys Humor schwärzt zärtlich ein, sticht unerbittlich augenzwinkernd, aber tödlich zu, erotisiert auch noch das tristeste Grau“, meint die „Süddeutsche Zeitung“.

„Die Beziehung der Geschlechter in 97 Kurzkapiteln – erbarmungslos und obsessiv“, meint John Updike.

Esterházy nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bezeichnung von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen geht (siehe unten: Die Übersetzung). Doch wirkt das Buch keineswegs verkrampft schamhaft, peinlich oder gar vulgär. Vielmehr kann der sich der Zuhörer der Ehrlichkeit des Erzählers sicher sein. Dessen Beschreibungslust schreckt keineswegs davor zurück, auch unschöne Aspekte an Frauenkörper zu notieren. (Dies meint Updike mit „erbarmungslos“.) Das wird dadurch ausgeglichen, dass auch sein eigenes Gemächt nicht gegen etliche Kalamitäten wie Impotenz oder gar Mumps an den Hoden gefeit ist. Das Spiel auf der horizontalen Ebene ist ausgeglichen.

Weitaus wichtiger als der uralte Schauplatz des Geschlechterkampfes scheint mir die psychologische und gesellschaftliche Ebene der Begegnung zu sein. Hier präsentiert der Autor im Unterschied zu vielen Romanautoren, die sich mit einer Handvoll Figuren begnügen müssen, eine schier unglaubliche Vielfalt an Frauenfiguren. Von der einzeiligen Charakteristik bis hin zu einem Mini-Roman recht die Bandbreite der Texte, die den Frauen gewidmet sind.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich wird, tauchen alle Arten von Frauen auf. Natürlich auch die klassischen Frauenrollen wie Mutter, Ehefrau (die eines anderen), Hure, Geliebte (auch im Doppelpack) und Matrone (die wundervoll zynische, alte Schauspielerin in Kap. 53). Dabei stellt sich der Erzähler nicht aufs Podest und wertet anhand moralischer Maßstäbe. Vielmehr lässt er alle Frauen gleichermaßen gelten. Für ihn ist der einzige Maßstab: „Sie liebt mich, sie hasst mich bzw. beides“. (Dies meint Updike mit „obsessiv“.) Gleichgültige Frauen tauchen hier nicht auf, denn sie haben für diese Enzyklopädie keine Existenzberechtigung. Insofern ist der Blick des Erzählers stark subjektiv gefärbt und selektiv, eine Eigenschaft, die einer Enzyklopädie nicht gut ansteht. Wir müssen eine andere Bezeichnung finden. Ein Katalog? Eine Anthologie? Ein Zoo gar?

Es ist nicht die Aufgabe des Buches, politische Themen anzusprechen. Doch es scheint für einen Autor wie Esterhazy unvermeidlich zu sein, auch solche Thmen anzusprechen. Für uneingeweihte westliche Leser mag dies nicht offensichtlich sein, aber spätestens dann, wenn er sich wundert, warum zum Geier Katholiken ihre Gottesdienste im tiefen Wald abhalten, sollte so etwas wie eine Ahnung von entsprechenden politischen Bedingungen und Zwängen aufkommen.

An einer anderen Stelle – in Kap 59 – ist die Rede von einer Malaiin, die von einer Ungarin bedauert, bemitleidet und herablassend behandelt wird. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass die Malaiin allenthalben für eine Zigeunerin gehalten wird. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob in Ungarn die „Zigeuner“, also Roma und Sinti, ebenso schlecht behandelt bzw. verfolgt wurden oder werden, wie etwa heute noch in Rumänien, wo man sie als Bürger zweiter Klasse ansieht.

Angesichts solcher Fragen wurde in mir die Neugier geweckt, mehr über das Völkergemisch Ungarns zu erfahren. Bisher dachte ich, dass von der früheren Hälfte der K.u.K.-Monarchie, die 1918 abgespalten wurde, mehr Ungarn im umliegenden Ausland verstreut leben. Gerade erst scheiterte ein Versuch der ungarischen Nationalisten, diese externen Ungarn per Gesetz einzugemeinden.

|Die Übersetzung|

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte ich die Ehre, die aus Ungarn stammende Stuttgarter Übersetzerin Zsuzsanna Gahse kennen zu lernen. Sie ist selbst Schriftstellerin und Autorin mindestens eines deutschsprachigen Romans.

Mit einem sensiblen Gespür für Bedeutungsnuancen und Untertöne schafft sie es, die direkte Sprache des Autors nicht zu deftig werden zu lassen. Wenn hier also von Schwanz und Möse die Rede ist, so wirkt dies keineswegs peinlich, schamhaft oder gar vulgär. Sie nennt die Dinge einfach nur beim Namen, auch in der richtigen deutschen Tonlage. Sie verwendet beispielsweise niemals den Ausdruck „Titten“, sondern stets nur „Brüste“, bleibt also neutral. Ich bin sicher, dass sich keine Frau durch die Sprache beleidigt oder angegriffen fühlen wird.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen ist ein Profi. Er vermag fast jeder Figur, die er spricht, eine individuelle Nuance zu verleihen. Doch diesmal ist diese Fähigkeit nicht gefragt. Die Monologhaftigkeit seines Textes erscheint zunächst wie ein Handicap, doch ihm zuzuhören wird keineswegs langweilig. Vielmehr ist ihm die Lust, über eine neue Frau zu berichten, anzuhören. Und das ist bei über 90 Frauen schon ein kleines Wunder.

Gibt es da nicht ständig Wiederholungen?, fragt man sich. Nein, wiederholt werden nur die Anfangsformeln bis hin zur Abkürzung als SLM, SHM usw. Allerdings darf man es auch nicht übertreiben und alle vier CDs auf einmal hören. Dann verschwimmt alles in der Erinnerung. In der Beschränkung auf nur wenige Kapitel liegt die Lösung. Ideal scheint mir das Limit von fünf Kapiteln pro Sitzung zu sein. Das kommt nicht von ungefähr. Das Gedächtnis kann sich höchstens so viele Einheiten am Stück merken. Es könnte mit der Anzahl der Finger pro Hand zu tun haben. Alles, was darüber hinausgeht, bedarf einer Gedächtnisstütze wie etwa eines Notizblocks.

In Pleitgens Vortrag klingen Leidenschaft und Sinnlichkeit an, aber auch Wut und Ärger, wenn den Erzähler die gerade aktuelle Frau auf die Palme bringt. Dann wieder kann der Sprecher auch nachdenklich klingen, er spricht langsam, was die alte Schauspielerin an Weisheiten zum Besten gibt. Und er wird bewegend, wenn er den Brief des Freundes liest, der aus Frankfurt schreibt. Und er wird heiter-bescheiden, wenn er das letzte Kapitel geschafft hat.

_Unterm Strich_

„Eine Frau“ ist ein heiteres Kaleidoskop der ungarischen Frauen, betrachtet durch die Augen eines sich wie Zeus unermüdlich durch die Betten kämpfenden Mannes, der ohne Frau nicht sein kann. Doch dies ist kein Buch, das aufgeilen soll, es ist nichts für akustische Voyeure, so genannte Ecouteure. Vielmehr bekommt stets auch der Mann sein Fett weg, die Waage ist ausgeglichen.

Auch politische und soziale Hintergründe scheinen durch, wenn man seine Antennen fein genug einstellt. Die Übersetzerin Zsuzsanna Gahse vermeidet vulgäre Ausdrücke und wählt stets neutrale Bezeichnungen, ohne dabei in medizinischen Jargon zu verfallen, der schon wieder schamhaft wirken würde. Der Sprecher trägt mit Gusto und Verve vor, so dass uns die Texte keineswegs wie leblose Nachrufe vorkommen, sondern geschehe das berichtete Ereignis gerade eben erst.

Das Hörbuch eignet sich somit für erwachsene Zuhörer ohne moralische Scheuklappen, die auch für feinere literarische Zwischentöne ein Ohr haben. Und wer genau hinhört, wird entdecken, dass das Buch voller heiterer Ironie über die ewige |Comédie humaine| ist.

|Umfang: 269 Minuten auf 4 CDs|

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