Eugen Ruge – Cabo de Gata

Die Stadt der Katzen. Hierher, ins Nirgendwo an der spanischen Küste, verschlägt es den Icherzähler während der kalten Jahreszeit. Wo die Reiseführer von brummendem Tourismus und urtümlicher Idylle reden, findet er kaum eine Menschenseele.

Eigentlich ist er auf der Suche nach sich selbst, auch wenn er seine Auszeit als künstlerische Klausur darstellt. Er ist Schriftsteller und in einer Schaffens- und Lebenskrise, aus der ihn die Einsamkeit und das täglich sich wiederholende Schema in dem heruntergekommenen Örtchen reißen sollen. So kennt man das von berühmten Schriftstellern, und so möchte auch er zu seinem Erfolg finden. Er entwickelt einen gleichgültigen, sich aber in ständiger Wiederholung abspielenden Tagesablauf mit dem Ziel, seinen Geist soweit zu leeren, bis er von der Eingebung erfüllt werden kann. Jeden Morgen beginnt er mit einem leeren Blatt Papier, beschreibt es und verwirft das Ergebnis.

Mit der Zeit nimmt er als neuer Bestandteil des Dorfes einfache, ferne Kontakte mit den Einwohnern auf, die sich auf repetitive Geplänkel oder wortkarge Gespräche beschränken. Hin und wieder wird er von einzeln auftauchenden tatsächlichen Touristen als Gesell für den Abend genutzt und hat dabei ein einschneidendes Erlebnis, das seine Routine für die kommende Zeit etwas abwandelt.

Irgendwann – den Katzen hatte er seit seiner Ankunft kaum Beachtung geschenkt – wird er von einer Katze zur einzigen sicheren Nahrungsquelle auserkoren und fühlt sich erhaben, geliebt, erwünscht. Seine Routine orientiert sich mehr und mehr an den Bedürfnissen der Katze, ihre Beziehung ist ein wechselhaftes Unterfangen zwischen Misstrauen und gegenseitiger Abhängigkeit. Ist sie womöglich der Sinn seiner urplötzlichen, nicht hinterfragten und impulsiven Wahl dieses Ortes für seine Reinigung?

Eugen Ruge legt mit dieser Erzählung eine kurzweilige, seicht dahinplätschernde Einsicht in die Seele eines Menschen vor, der in seiner reglementierten Welt kein Land mehr sieht und sein Leben „kündigt“, um im eigenen Verständnis seine Schaffenskrise zu beenden, im Blick des Lesers tiefergehend, um zu sich selbst zurückzufinden. Es gibt keine dramatischen Ereignisse im Leben des Erzählers, aber was Ruge von ihm preisgibt in der reizlosen Welt seiner Einsiedelei, lässt seine Emotionen klar unterscheidbar hervortreten. Seine Probleme liegen vor allem in familiären Bereichen, wo zum Beispiel sein Vater eine dominante Rolle spielt, während er seine Tochter seit der Trennung von ihrer Mutter maximal vernachlässigte und erst hier im Exil auf die Idee kommt, sich mit ihr auseinanderzusetzen. In dem Zusammenhang betritt auch die Katze auf Handlungsebene die Bühne, was den Erzähler veranlasst, in ihr auch so etwas wie einen Boten zu sehen.

Ruge versucht sich nicht in einer Tiefenanalyse. Es ist einfach wie eine Selbstreinigung, kein Roman im üblichen Sinne, aber eine Erzählung von großer Ruhe und Gelassenheit. Hier gibt es keine mitreißenden Gefühle oder spannende Momente, keine dramaturgischen Höhepunkte oder Ausschweifungen. Auch als Leser legt man den Ballast der Erwartungen schnell ab und verfolgt einfach den Weg der Selbsterkenntnis, wie Ruge ihn darbietet.

Was immer wieder durchschimmert, ist die Darstellung des Erzählers von sich selbst als erfolgreicher Schriftsteller, der sich rückblickend auf diese Wegscheide besinnt und sich erinnert, wie es war. Das ist der Stil des Buches: Ruge lässt den Erzähler fast jeden Absatz mit den Wörtern „Ich erinnere mich …“ beginnen. Anfangs wirkt das wie eine Einleitung, die sich dann immer mehr in die Länge zieht, bis man endgültig begreift, dass dieses Buch eine einzige Aneinanderreihung von Erinnerungen ist und keine Ereignisse aus diesen Erinnerungen resultieren, sondern sie der Gegenstand der Erzählung sind.

Das ist immerhin als Abendlektüre geeignet, offenbart keinen ungewöhnlichen Tiefgang und enttäuscht schließlich nicht vollends. Allerdings rufen die vereinzelten Andeutungen über den Zustand der Gegenwart das Interesse hervor, wie diese sich nun genau darstellt und wie die Verbindung zwischen Cabo de Gata und ihr gestrickt ist – ein Interesse, das Ruge leider nicht erkennt und folglich auch nicht befriedigt.

Insgesamt sind es vor allem der ungewöhnliche Titel und die schöne Aufmachung, die die Aufmerksamkeit wert sind, der Inhalt bleibt merkwürdig gleichgültig und ruft höchstens den Ärger über die Papierverschwendung und den wahrhaft horrenden Preis für diesen Artikel hervor, denn das dünne Büchlein, gedruckt auf hochwertigem, dickem Papier, hätte man problemlos mit einer etwas ökonomischeren Aufmachung allemal um die Hälfte verjüngen können – und das hätte den Druck sicherlich nicht gelohnt. Diesen Kaufpreis für die gebundene Ausgabe lohnt es keinesfalls.

Der Autor vergibt: (2/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
ISBN-13: 9783498057954

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