Lynn Flewelling – Der verwunschene Zwilling (Tamír Triad 1)

Tobin ist von königlicher Abstammung. Aber obwohl er einerseits behütet aufgewachsen ist, fernab vom Königshof und seinen Intrigen, hat er keine leichte Kindheit gehabt. Seine Mutter ist seit seiner Geburt geistig verwirrt, und sein Vater liebt ihn zwar innig, ist aber selten Zuhause, da der König häufig seine Anwesenheit bei Hofe fordert und das Nachbarland Plenimar immer wieder Plünderer nach Skala schickt. Und außerdem ist da auch noch der Geist von Tobins totem Zwilling …

Doch dann verliert Tobin seinen Vater. Der König lässt Tobin an den Hof holen, und schon bald wünscht sich der Junge, es wäre alles wieder wie früher. Dabei sind die boshaften Intrigen unter den Gefährten des Kronprinzen noch sein geringstes Problem, wovon Tobin allerdings noch gar nichts weiß.

Die Umstände haben aus Tobin ein ungewöhnliches Kind gemacht. Einerseits ist er überbehütet und kaum im Freien, blass, dünn und ausgesprochen weltfremd im Hinblick auf die Normalität. Andererseits ist er der Unberechenbarkeit einer geistig kranken Frau und der beängstigenden Gegenwart eines widernatürlichen Wesens ausgesetzt, das ihn hasst und piesackt. Der Junge ist viel zu ernst, viel zu schweigsam und viel zu misstrauisch für ein Kind seines Alters. Gleichzeitig ist er aber auch aufrichtig, freundlich und ohne jeden Dünkel.

Arkoniel ist ein junger Zauberer aus adligem Hause, begabt, lernwillig und experimentierfreudig. Er weiß, dass sein Schicksal mit dem Tobins verknüpft ist, und versucht, das Kind zu beschützen, so gut er es eben vermag. Allerdings sind dazu auch ein paar unschöne Details nötig, die ihm heftige Gewissensbisse bescheren.

Iya, seine Lehrmeisterin, ist da nicht so empfindlich, obwohl auch sie nicht wirklich glücklich darüber ist, zu solchen Mitteln greifen zu müssen. Doch für sie ist das große Ganze wichtiger als das Detail, sie geht wesentlich leichter darüber hinweg als ihr weichherziger Schüler.

Lhel zuletzt ist eine Hexe, zumindest nennen die meisten sie so. Doch was auf den ersten Blick ein wenig barbarisch und primitiv wirkt, ist tatsächlich alles andere als das. Lhel dient einer anderen Gottheit, ihre Magie ist weniger abstrakt als die der Zauberer, näher an den Menschen, und damit sowohl näher am Leben als auch am Tod. Und obwohl auch sie das große Ganze sieht, versucht sie trotzdem, den Betroffenen ihr Los zu erleichtern.

Das ist nicht ganz einfach, nicht nur, weil die meisten Menschen ihrer Art von Magie misstrauen. Der Zauberer Niryn, ein Vertrauter des Königs, ist intensiv damit beschäftigt, die Regentschaft seines Monarchen zu sichern, auf ziemlich übertriebene Art und Weise.

Lynn Flewelling hat eine hervorragende Charakterzeichnung abgeliefert. Ihre Figuren sind nicht nur angenehm frei von Klischees, sie sind auch mit viel Einfühlungsvermögen gezeichnet, besitzen Leben und Tiefe. Das gilt in ganz besonderen Maße für Tobin, aber auch für Arkoniel und Lhel. Selbst Niryn, der nur zweimal kurz aufgetaucht ist, besitzt bereits eine gewisse Intensität.

Gleiches lässt sich über die Handlung sagen: Im Grunde passiert nicht allzu viel. Nach den folgenschweren Ereignissen im Zusammenhang mit Tobins Geburt kommt eine lange Phase, die sich lediglich mit dem Leben auf der Burg beschäftigt. Dieser Teil wirkt regelrecht abgetrennt, wie ein Kokon. Die Überfälle der Plenimarer sind ebenso wie Seuchen und Hunger nicht mehr als eine Randerscheinung, etwas, von dem man irgendwann mal gehört hat, weit, weit weg. Erst als Arkoniel und später Ki auf der Burg eintreffen, rückt der Rest der Welt wieder etwas mehr ins Rampenlicht.

Der Hintergrund der Geschichte ist ebenfalls nicht übermäßig ausgeschmückt. Keine epischen Landschaftsbeschreibungen, keine detailreichen Ausführungen über die Historie der Welt. Selbst die Magie der Zauberer und die Geschichte des Königsgeschlechts bleiben skizzenhaft. Allein Lhels Hexenmagie ist etwas genauer dargestellt. Diese Magie zusammen mit ihren dramatischen Auswirkungen trägt einen Großteil der Geschichte. Und obwohl die Autorin zu keiner Zeit irgendwelche grausigen Praktiken bemüht hat, ist es ihr gelungen, eine etwas unheimliche Atmosphäre aufzubauen, die zusammen mit der ausgesprochen gelungenen Darstellung ihres Protagonisten den Leser völlig in ihren Bann schlägt.

Diese Atmosphäre lockert sich mit Kis Ankunft ein wenig, dafür richtet sich das Augenmerk vermehrt auf die zunehmend bedrohliche Situation im Land. Denn der König, der eigentlich nur auf dem Thron sitzt, weil seine Schwester beim Tod der letzten Königin noch ein Kleinkind war, versucht mit allen Mitteln, ein Patriarchat durchzusetzen. Dafür lässt er nicht nur sämtliche weiblichen Nachkommen der Königslinie beseitigen, er duldet auch in seinem Heer keine Kriegerinnen, ja, er versucht sogar, die Geschichte der Dynastie umzuschreiben. Und sein Günstling Niryn macht Jagd auf jeden, der dem widerspricht, und das so eifrig, dass ich mich ein wenig wunderte. Nach dem Gespräch zwischen Tobin und Miryn in der Königsgruft schließlich fragte ich mich ernstlich, ob Niryn nicht vielleicht von den Plenimarern geschickt wurde!

So war das Buch vielleicht nicht übermäßig spannend, die Fingernägel hab ich mir nicht gerade abgekaut. Dennoch hat mich die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite völlig gefesselt. Und am Ende ist es tatsächlich so, dass Tobin nicht nur in der Höhle des Löwen gelandet ist, sondern auch zunehmend isolierter dasteht, während Niryn bereits ahnt, dass er eine Konkurrentin des Königs um den Thron bei seinen Säuberungen übersehen hat.

Der eigentliche Plot dürfte also im nächsten Band noch weiter in den Vordergrund rücken und der Spannungsbogen damit wohl auch ein Stück anziehen. Aber auch, wenn Letzteres nicht der Fall sein sollte, wird mich das wohl kaum stören, denn allein die Grundidee der Geschichte finde ich ausgesprochen faszinierend, und solange die Autorin ihre Geschichte mit demselben Feingefühl für Stimmung und Charaktere weiterspinnt, werde ich diese mit Begeisterung lesen.

Lynn Flewelling studierte Englisch, Geschichte und noch einiges andere, und war in diversen Berufen tätig, ehe sie ihren ersten Roman veröffentlichte. „Der verwunschene Zwilling“ ist der erste Band ihrer Trilogie |Tamír Triad|. Außerdem stammt der Zyklus |Die Schattengilde| aus ihrer Feder, der inzwischen bis Band 5 gediehen, auf Deutsch derzeit aber nur bis Band 3 und nur gebraucht erhältlich ist.

Originaltitel: Tamír Triad (1)
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Titelillustration & Titelgestaltung von Michael Krug
550 Seiten, Trade Paperback
ISBN-13: 978-3-902607-07-2

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