Follett, Ken – Eisfieber

_Familienkrieg im Schneesturm_

Ein tödliches Virus wird aus einem privaten Forschungslabor entwendet. Für die Sicherheitschefin Tini Gallo ist dies eine Katastrophe. Die Ex-Polizistin ahnt nicht, dass der Dieb aus dem engsten Kreis um den Firmengründer Stanley Oxenford kommt. In dessen verschneitem Landhaus im schottischen Hochland entbrennt ein dramatischer Kampf, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein einzelnes Leben. Die Auftraggeber des Diebstahls haben mit dem Virus große Pläne …

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman [„Die Säulen der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1227 (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt ist bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im II. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein Roman „Whiteout“ 2004 erschienen. Jetzt liegt die Übersetzung „Eisfieber“ vor.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Sie hat u. a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“) synchronisiert. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich gesprochen.

Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Die Romanfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt, der offensichtlich für die Top-Autoren zuständig ist. Regie führte Kerstin Kaiser, und für die Produktion war Marc Sieper verantwortlich.

_Handlung_

Es ist Heiligabend, aber erst ein Uhr morgens, als Antonia „Toni“ Gallo, 38, die Sicherheitschefin bei Oxenford Medical, bemerkt, dass zwei Proben mit antiviralem Serum in ihren Beständen fehlen. Wer kann sie aus dem Hochsicherheitslabor entwendet haben? Und infiziert sich der Dieb gerade selbst? Da die meisten Angestellten der Pharmafirma bereits im Urlaub sind und nur 27 von 80 Zutritt zum Labor haben, ist der Dieb schnell gefunden. Michael Ross ist nicht zu erreichen, und der Aufenthaltsort, den er angab – das Haus seiner Mutter -, stellt sich als Falschangabe heraus.

|Alarmstufe Rot|

Drei Uhr morgens. Alarmstufe Rot herrscht im „Kreml“, dem Hauptgebäude der Firma. Da Toni eine Infektion durch das extrem gefährliche Virus Madoba2 befürchtet, nähert sie sich Ross‘ eigenem Haus in einem Bioschutzanzug. Sie findet Ross auf dem Boden liegend, er lebt, doch die Blutungen sind schon zu weit fortgeschritten – Madoba2 ist schlimmer Ebola. Ross wurde wahrscheinlich von dem infizierten Versuchsaninchen, das er Joe nannte, gebissen. Dann ging alles ganz schneller. Die Ärztin kann nichts mehr für ihn tun.

Dann muss sich Toni mit ihrem Ex, Superintendent Frank Hackett, herumschlagen, der immer noch bei der Polizei der nahen Stadt arbeitet, bei der sie vor zwei Jahren gekündigt hat. Er versucht, das Kommando zu übernehmen. Kann sie ihm trauen? Sie macht falsche Angaben darüber, welches Tier Ross gebissen hat: Fluffy, der Hamster. Diese Angaben tauchen denn auch prompt in den Nachrichten von Hacketts Freund Carl Osborne auf, der fürs TV berichtet und dabei kräftig auf die Sensationstube drückt.

|Der Coup|

Unterdessen plant Kit Oxenford, der einzige Sohn des Firmengründers Stanley Oxenford, die letzte Phase seines Coups: Er will für einen Kunden, dem er eine Viertelmillion Pfund an Spielkrediten schuldet, das Serum stehlen. Er ahnt nicht, dass hinter dem Kunden internationale Terroristen stecken, die etwas ganz anderes wollen als den Impfstoff. Sie wollen das Virus als biologischen Kampfstoff gegen britische Bürger einsetzen.

Als Kit durch die Fernsehnachrichten von der Sicherheitspanne bei OxMed erfährt, kann er sich denken, dass Toni Gallo, die ihn allzu gut als Dieb kennt, die Alarmstufe Rot ausgerufen haben muss. Doch sein Wunsch, die Sache abzublasen, wird rundweg abgeschlagen, und die Freundin des Kunden, eine muskelbepackte und kahlköpfige Psychopathin, überzeugt Kit mit handfesten Argumenten, dass er lieber tut, was ihm gesagt wird. Und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

|Faktor 3: der Blizzard|

Während sich die Familie Oxenford und Toni Gallo darauf vorbereiten, das Weihnachtsfest auf Gut Steepfall bei Stanley Oxenford zu verbringen, rollt Kits kleine Truppe an. Er muss nur noch ein paar technische Vorbereitungen treffen. Zu diesem Zweck quartiert er sich ebenfalls in dem Landhaus ein.

Er weiß noch nicht, dass ihm ein anrollender Schneesturm einen dicken Strich durch die Rechnung machen wird. Denn manchmal ist die Flucht genauso schwer zu bewerkstelligen wie der Coup selbst.

_Mein Eindruck_

Diesmal wagt sich Ken Follett auf eine literarische Weide, die schon von so vielen Autoren und Autorinnen dermaßen abgegrast ist, dass man sich fragt, was er hier noch an Ruhm zu erringen hoffte. Aber er packt die Handlung, so konventionell sie auch anfangs erscheinen mag, wieder auf seine gewohnte Weise an: über die Familie.

|Schicksalsmelodie|

Drei Generationen treffen auf dem Familiensitz von Stanley Oxenford aufeinander und werden einer ultimativen Belastungsprobe ausgesetzt. Kit ist der Verräter, der seiner Familie den Untergang bringen könnte – genauso wie dem Rest der Welt, wenn man den Virusbehälter in seiner Hand nicht rechtzeitig in Sicherheit schaffen kann. Die Oxenfords stehen also stellvertretend für die britische Gesellschaft an sich. Soll sich die Familie nach dem Sankt-Florians-Prinzip von Kit befreien – „verschon mein Haus, zünd‘ andre an!“ -, oder soll sie sich darum bemühen, ihm zu helfen, aus diesem Schlamassel herauszukommen?

Zum Glück entscheidet sie sich für die zweite Option, obwohl es genügend Gründe gäbe, die erste zu wählen, weil Kit sich wahrlich wie ein Charakterschwein aufführt. Er verrät einen nach dem anderen der Oxenfords, die ihm vertrauen, vor allem seine Schwester Mandy. Olga, die Anwältin hingegen, würde ihn am liebsten sofort verhaften, denn sie wird durch Kit ebenfalls unglücklich gemacht. Die Einzigen, die (noch) keinen Schaden an seinem Verhalten nehmen, sind die Enkel. Vor allem Craig und Sophie erkunden gerade die ersten Freuden der Liebe, als sie sich der Mörderbande gegenübersehen, die Kit (gezwungenermaßen) in ihr Heim bringt.

Craig und Sophie tragen daher auch einen Gutteil der Action bei, und Craigs Heldentaten bei der Rettung seiner jungen Liebe und seiner Familie können sich durchaus sehen lassen. Er schrottet bei diesen Bemühungen zwar Opa Stanleys superteuren Ferrari, aber immerhin macht er dadurch auch die Killer-Psychopathin Daisy unschädlich. Der Mann kriegt von mir 100 Punkte.

|Aschenputtel bei den Marines|

Und was ist mit Toni Gallo? Die Ex-Polizistin entwickelt im Laufe des Gefechts auf Gut Steepfall die Qualitäten einer ausgebildeten Special-Forces-Agentin, die man sofort für das Marine Corps rekrutieren sollte. Dreimal darf man raten, wer Oberbösewicht Nigel außer Gefecht setzt.

Da sie aber ebenfalls nicht perfekt ist, vergisst sie bei ihrer Flucht, das Handy mitzunehmen. Überall Handys, Handys, Handys! Und nie sind sie in den richtigen Händen, im gewünschten Zustand (ätsch: Akku leer!) oder am richtigen Ort, wo sie gebraucht werden. Es ist schon erstaunlich, welche Bedeutung drahtlose Kommunikation angenommen hat. Follett baut die Mistdinger als einen zentralen – und somit auch aktuellen – Faktor in seinen Plot ein.

|Aschenputtels Traum|

Wer sich gefragt hat, warum sich Toni eigentlich so reinhängt, um eine ihr ziemlich fremde Familie zu retten, von der sie lediglich das Oberhaupt, nämlich ihren Arbeitgeber, kennt, der liest sicher gerne von der bittersüßen Romanze zwischen der achtunddreißigjährigen Karrierefrau (oje, immer noch keine Kinder) und dem vermögenden (aber hoch verschuldeten) Firmengründer und Patriarchen, der große Stücke auf sie hält. Und da er schon seit 18 Monaten Witwer ist, wäre ein Plätzchen an seiner Seite genau das richtige für Toni.

Doch vor die Hochzeit mit dem Traummann haben die Götter und Autor Follett die dramatischen Auseinandersetzungen auf Gut Steepfall als eine Art Bewährungsprobe gesetzt. Wird Toni versagen und in den Schnee beißen – oder kann sie die Verbrecher unschädlich machen und die Oxenfords vor dem sicheren Untergang bewahren? Wir drücken ihr die Daumen, dass es mit Option 2 klappt. Denn dann ist auch Britannien wieder einmal gerettet. In einem Nachklapp darf Toni mit den Antiterrorbehörden zusammenarbeiten – welche Ehre für eine ehemalige Dorfpolizistin.

|Humor|

Nicht alle auf dem Schauplatz sind an den Kriegshandlungen beteiligt. Und nur zwei Personen sorgen deshalb für Humor. Der Verstand von Tonis Mutter ist schon leicht von Alzheimer angeknabbert, und so kommt es, dass sie die Gefahrensituation im Oxenford-Heim überhaupt nicht wahrnimmt. Das führt zu ein paar schönen ironischen Momenten, die auch im Hörbuch stehen gelassen wurden.

Die andere Person ist ebenfalls eine Nichtkombattantin: Carolyn, die junge Nichte des bösen Kit. Sie spielt vorzugsweise mit ihren zahmen Ratten, und als einer der Verbrecher ihr zu sehr auf die Pelle rückt, setzt Toni die Ratten als Ablenkung ein. (Sie hätte wirklich zu den Marines gehen sollen.) Aber Hauptsache, der Bösewicht ist mit den Ratten beschäftigt statt mit der kleinen Carolyn.

|Die Sprecherin|

Pigulla ist seit „Die Leopardin“ eine meiner bevorzugten Sprecherinnen. Bei „Eisfieber“ setzt sie ihre gewohnte Power sehr flexibel ein: eine dunkle, samtweiche Stimme, um sowohl tiefe Männer-, als auch hohe Frauenstimmen wiederzugeben und die Stimmung einer Szene einzufangen: von bedrohlich-angespannt bis heiter-entspannt hat sie alles drauf.

Ja, sie geht noch wesentlich weiter, indem sie die Stimmen von Besoffenen und von geistig Beeinträchtigten – wie beispielsweise Daisy, der Psychopathin – realistisch intoniert, ohne sie bis ins Lächerliche zu übertreiben. Anders als ihre männlichen Kollegen, die es sich bisweilen einfach machen und nur vom Blatt ablesen, spricht Pigulla, wie man eben auf der Bühne sprechen würde: mit Atemholen, Seufzern, Aufatmen usw. Dieses Sprechen mag manchem theatralisch erscheinen, doch wenn Frauen unter sich sind, dürften sie genau so sprechen.

Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: Sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Auch die Lautstärke ist für sie ein wichtiges dramaturgisches Mittel: Sie wispert, kreischt, jauchzt und brüllt, wo auch die Figuren dies tun würden. Für mich gehört Pigulla weiterhin zu den besten Sprecherinnen hierzulande. Schade, dass „Akte X“ nicht mehr gezeigt wird. Dann könnten wir sie als Agentin Scully genießen.

_Unterm Strich_

Wie man hören und lesen kann, weist Folletts Roman eine ganze Reihe von Längen auf. Er muss ja auch die komplette Hintergrundstory derer von Oxenford nachliefern, bevor er die Handlung ein weiteres kleines Stückchen vorantreiben kann.

Die Kürzung hat dem Hörbuch jedoch merklich gut getan. Es gibt überhaupt keine Längen, und an Vergangenheit wird nur das Allernötigste nachgeliefert, so etwa in Dialogen zwischen Mandy und ihrer Schwester Olga oder zwischen Stanley Oxenford und Toni Gallo. Diese Dramaturgie erinnert an die eines Films, und der Hörer kann sich gut damit zurechtfinden. Auch der schnelle Wechsel des Schauplatzes und der Szenen erinnert an Thriller wie etwa „Die drei Tage des Condor“.

Meine Schwierigkeit bestand eher darin, mich mit der Kombination aus Thriller und Familiendrama plus -saga abzufinden, die Follett hier schnitzt. Es riecht hier schwer nach Seifenoper, und so manche schmalzige oder gehässige Szene meinte ich schon einmal irgendwo gesehen zu haben. (War es die „Galsworthy-Saga“?) Bei einem Setting wie diesem sind solche Szenen zwar unvermeidlich, aber das bewahrt sie nicht vor der Klischeehaftigkeit.

Wir wünschen es ja jedem Cop oder Sicherheitschef, in seiner oder ihrer Laufbahn kein Magengeschwür zu bekommen und ohne Schussverletzung den Dienst quittieren zu dürfen. Toni Gallo aber hat höhere Ambitionen: Sie will auch sozial aufsteigen. Zu einem großen Teil stellt der Roman auch ihren Kampf um diese bessere Zukunft dar – und warum auch nicht, wenn sie doch ihren Boss wirklich von Herzen lieben könnte? Auch in diesem Teil der Geschichte kommen die Klischees aus allen Löchern gekrochen. Klar, dass am Ende wieder Friede und Freude herrscht. Ein realistischer Thriller sieht sicherlich anders aus.

Für den Roman vergebe ich nur eine Wertung im Mittelfeld, für die Leistung von Franziska Pigulla einen Bonus obendrauf.

|Originaltitel: Whiteout, 2004
471 Minuten auf 6 CDs
Aus dem Englischen übersetzt von Till R. Lohmeyer und Christel Rost|