Ken Follett – Die Kinder von Eden

Kann der Mensch ein Erdbeben produzieren? Was recht unwahrscheinlich klingt, geschieht in Kalifornien: Eine Sekte von Späthippies fordert damit den Gouverneur heraus, um den Bau eines Staudamms zu verhindern, der ihr Tal überfluten würde. – Eines von Follets schwächeren Werken, aber stellenweise dennoch spannend und sogar apokalyptisch.

Der Autor

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein letzter Roman ist 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

Die Sprecherin

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Handlung

Rick Granger, der sich in der Sekte „Priest“ nennt, und seine Geliebte Stella Higgins, genannt „Star“, stehlen einer Bergbaufirma einen sogenannten „seismischen Vibrator“. Mit diesem 18-Tonnen-Gefährt lassen sich künstliche Erdbeben erzeugen, deren Vibrationen von den Erdschichten zu Geo-Sensoren weitergeleitet werden. So lassen sich Vorkommen von Bodenschätzen wie etwa Öl und Gas entdecken. Bei diesem Diebstahl begeht Priest allerdings einen Mord: Der Fahrer des Riesenlasters war misstrauisch geworden.

In Nord-Kalifornien angekommen, versteckt Priest den Laster in der Nähe der Kommune, die einen Weinberg bewirtschaftet und den Ertrag verkauft. Doch das Tal soll einem Staudammprojekt zum Opfer fallen. Um dies zu verhindern, hat eine kleine Gruppe der Kommune dem Gouverneur des Staates ein Ultimatum von vier Wochen gestellt – sonst werde man ein Erdbeben auslösen. Die vier Wochen sind natürlich ergebnislos verstrichen, und so muss Priest zur Tat schreiten.

Natürlich eigent sich nicht jeder beliebige Flecken Erde für die Auslösung eines Bebens. Doch die Seismologin Melanie Kirkus, die sich der Kommune – und Priest als Zweitfrau – angeschlossen hat, hat von ihrem Mann, dem Professor Michael Kirkus, entsprechende Daten gestohlen. Mit deren Hilfe findet sie einen geeigneten Ort in der Nähe der berühmten San-Andreas-Spalte: Das Beben, das der seismische Vibrator auslöst, ist zwar nicht mächtig oder gar verheerend, beunruhigt aber die Anwohner der relativ einsamen Gegend. Das FBI wird aufmerksam. Priest setzt das nächste Ultimatum: noch sieben Tage!

Auftritt Judy Maddox, FBI-Agentin, die zum Opfer des Intrigenspiels ihrer männlichen Kollegen geworden ist. Sie findet sich plötzlich mit einem relativ hoffnungslos aussehenden Fall konfrontiert: Inlands-Terroristen wollen den Gouverneur mit einer völlig schwachsinnigen Drohung erpressen, einem künstlichen Erdbeben. Doch sie wird eines Besseren belehrt: Ihr Sprachforscher sagt ihr, dass die Drohbotschaft ernst zu nehmen sei, und die Meldung aus dem entlegenen Erdbebengebiet sagt ihr, dass die Terroristen ihre Forderung wahr gemacht haben.

Auf eigene Faust setzt sie sich auf die Fährte von Priests Gruppe und stößt beim Experten Michael Kirkus auf interessante Informationen sowie auf den Begriff „seismischer Vibrator“. Schon bald kann sie anhand von Beobachtungen ein Phantombild von Priest anfertigen: „Richard Granger“ war früher in der Unterwelt von San Francisco tätig und ist Analphabet.

Doch auch Granger ist nicht untätig: Er hat sich einen optimalen Ort für das nächste Beben ausgesucht: eine Autobahnbrücke, eine Gasleitung und eine Zugstrecke überschneiden sich an einem geeigneten Ort. Judy hat zwar einen schnellen Helikopter, aber kann sie noch rechtzeitig eintreffen, um den Terroristen von seinem nächsten Anschlag abzuhalten, der wahrscheinlich eine Katastrophe auslöst?

Mein Eindruck

Anders als in dem etwas langwierig vorgehenden Roman geht es im Hörbuch sofort zur Sache: Diebstahl, Mord, mehrere Erdbeben, später Sex zu Dritt und Verrat in der Kommune. Ganz offensichtlich ist die Handlung des Audiobooks auf Action und Nervenkitzel getrimmt. Die besten Szenen entfalten sich jedoch in Cinemascope vor dem geistigen Auge des Zuhörers: die markerschütternden Erdbeben, die der seismische Vibrator auslöst.

Es kommt zu mehreren Showdowns, bei denen Judy leider immer wieder den Kürzeren gegenüber dem gewitzeren Priest zieht. Mehrere Helikopter werden daher geschrottet, bevor die wackere FBI-Agentin den Oberschurken in die Finger bekommt und ihm ein Ding verpassen kann – bis zur nächsten Überraschung.

Würde Ken Follet so schreiben wie Dan Simmons in seinem superben Thriller „Darwin’s Blade“, dann wäre dieses Audiobuch ein echter Actionkracher. Doch Follet will mehr: Gesellschaftskritik. Am terroristischen Werk sind ja weder Russen noch Mafia beteiligt, sondern eigentlich idealistische Blumenkinder, die leider von einem Ex-Kriminellen mit enormem Charisma angeführt werden.

Doch auch der „Priest“ – nomen est omen – sieht sich Verrat gegenüber. Denn je brutaler sein Druck auf den Staat und seine Behörden wird, desto stärker werden jene Kräfte in der Gruppe, die den inneren Zerfall beschleunigen: Sie fühlen sich schuldig und können den Gedanken an die Opfer ihrer Anschläge nicht ertragen. Schließlich kann selbst Priest nicht mehr seine getreuste Jüngerin, Melanie Kirkus, bei der Stange halten und muss zu drastischen Maßnahmen greifen.

Dieser psychologische Aspekt kommt also trotz all der Action nicht zu kurz, genauso wenig wie auf der Gegenseite, bei Judy Maddox und ihrem Kreis, der jedoch Oberwasser bekommt. Doch die Gesellschaftskritik Follets, zu der er sich hier hinreißen lässt (wie vielleicht schon in „Die Säulen der Erde“), konzentriert sich auf den Umgang der Staatsgewalt mit den vermeintlichen „Terroristen“ und anderen „Milizen“, die ohne Federlesens vom FBI und Anti-Terror-Einheiten plattgemacht werden, ohne sie je nach ihren Motiven zu fragen. Follet bringt uns allerdings zu der Frage, ob diese Mittel als Antwort auf die Gewaltmittel der Abweichler gerechtfertigt und angemessen sind: Andere Meinungen sind nicht gefragt, Demokratie adieu!

Die Sprecherin

Franziska Pigulla kann eine große Bandbreite ihrer stimmlichen Darstellungsmittel einsetzen. Manchmal merkt man durchaus, dass sie über „Berliner Schnauze“ verfügen kann, wenn man sie lässt. Das klingt durch, wenn Priest seine MitstreiterInnen anschnauzt, sie sollten gefälligt vernünftig werden – ganz besonders gegen Schluss.

Aber in den Liebes- und Sexszenen, die es erstaunlicherweise ebenfalls gibt, kann sie ihre samtweiche Seite hervorkehren und mit großer Sanftheit Busen und Schenkel beschreiben. Intensiver wird dieser Aspekt, wenn Melanies Sorge um ihren asthmakranken Sohn Dusty zur Sprache kommt: Dusty kann bei der Sekte, die in den Bergen lebt, einwandfrei atmen, kriegt aber in San Francisco regelmäßig Anfälle – ein weiterer Punkt, an dem Follets Kritik ansetzt, ist die Umweltverschmutzung – Staudämme sind nur eine weitere Eskalation der allgemeinen Umweltzerstörung, die die kalifornische Regierung betreibt. Doch Energiemangel ist dort ein ständiges Problem – nicht erst seit dem großen Blackout 2002.

Unterm Strich

Natürlich ist auch dieser Thriller im Grunde ein Katz-und-Maus-Spiel. Doch die Katze (Judy Maddox) hat beileibe nicht alle Trümpfe in der Hand und wird zudem von Chauvis behindert. Und die Mäuse sind ihr die meiste Zeit mehrere Schritte voraus und bewerkstelligen ihre Anschläge. Folglich muss es zu mehreren Showdowns kommen, die selbst in der gekürzten Hörbuchfassung spannend vorbereitet und sogar in apokalyptischen Farben geschildert werden.

Doch die Grundidee, mit technischem Gerät künstliche Erdbeben zu erzeugen und so den Staat zu erpressen, strapaziert die Gutgläubigkeit des Durchschnittslesers doch beträchtlich. Und die Zustände und Vorgänge in der Kommune genügen den meisten Klischees, die man sich über Poona und Sektenführer anlesen kann. Das ist ebenfalls nicht besonders überzeugend. Im Vergleich etwa zu „Nacht über den Wassern“ nimmt der Zuhörer wesentlich weniger Anteil an den Figuren in der Kommune, mit denen wir eigentlich Sympathie fühlen sollen. Dagegen erscheint Judy Maddox als aufrechte Streiterin für das Gesetz wesentlich attraktiver. Zum Lohn ihrer Mühe bekommt sie schließlich den „Jungen“ ab: einen richtigen Professor.

Mein Tipp: Zurücklehnen und die Action genießen, denn die ist das Beste an diesem Hörbuch.

Umfang: 355 Minuten auf 5 CDs
www.luebbe.de