Frank Duwald (Hg.) – Jonathan Carroll. Schwarze Systeme der Romantik

„Schwarze Systeme der Romantik“ war im Jahr 1993 das erste deutsche sekundärliterarische Werk zu Jonathan Carroll, einem bedeutenden amerikanischen Gegenwartsautor im deutschen Sprachraum. Es versammelt eine wertvolle Bibliographie, verschiedene Essays und eine Kurzgeschichte des Autors.

 

Der Autor

Jonathan Carroll wurde 1949 in New York City geboren. Sein Vater war Drehbuchautor, seine Mutter Schauspielerin. Seit vielen Jahren lebt er in Wien und unterrichtet an der American International School. Als Amerikaner in Wien hat er die Mythen und Märchen dieses städtischen Mikrokosmos erkundet und für seine fantasievollen Werke genutzt. Er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller.

Carroll, geboren 1949 ( oder ’45, je nach Quelle), unterrichtet in Wien an der American International School, u.a. Engl. Literatur und Creative Writing. Er war Buchrezensent und veröffentlichte 1980 seinen Erstlingsroman „Land des Lachens“, das binnen kurzem zu einem Untergrund-Kultbuch wurde.

Seither hat er sich durch zahlreiche phantastische Romane mit hintergründiger und herausfordernder Symbolik, die fast alle in der Gegenwart spielen, einen Namen gemacht. Einmal wurde er bei einer Lesung von einem wütenden Leser attackiert, erzählte er mir auf der Frankfurter Buchmesse. Denn in seinem Roman „Laute Träume“ (Bones of the Moon, 1987) lässt er die Heldin ihr Kind abtreiben, und dagegen hatten gewisse Leute etwas.

Zu seinen bislang übersetzten Romanen zählen „Wenn Engel Zähne zeigen“ und „Pauline, umschwärmt“ (siehe meinen Bericht) sowie „Fieberglas“. Seine Storys sind in „Die panische Hand“ (bei Suhrkamp wie alle Taschenbücher) gesammelt, ein Band, den ich empfehlen kann. Mehr Info in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Carroll.

Wichtige Werke (laut Wikipedia):

Die Rondua-Bücher
• 1987 Bones of the Moon (dt. 1988 unter dem Titel »Laute Träume« bei Suhrkamp)
• 1988 Sleeping in Flames (dt. 1990 unter dem Titel »Schlaf in den Flammen« bei Suhrkamp)
• 1989 A Child Across the Sky (dt. 1992 unter dem Titel: »Ein Kind am Himmel« bei Suhrkamp)
• 1994 From the Teeth of Angels (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn Engel Zähne zeigen« bei Europa)
• 1991 Outside the Dog Museum (gewann den British Fantasy Award, dt. 1993 unter dem Titel »Vor dem Hundemuseum« bei Insel)
• 1992 After Silence (dt. 1995 unter dem Titel »Wenn die Ruhe endet« bei Suhrkamp)
Die Crane’s-View-Bücher
• 1998 Kissing the Beehive (dt. 1999 unter dem Titel »Pauline, umschwärmt« bei Europa)
• 1999 The Marriage of Sticks (dt. 2002 unter dem Titel »Fieberglas« bei Eichborn)
• 2001 The Wooden Sea (dt. 2003 unter dem Titel »Das hölzerne Meer« bei Eichborn)
Weitere Romane
• 1980 The Land of Laughs (dt. 1986 unter dem Titel »Das Land des Lachens« bei Suhrkamp)
• 1982 Voice of our Shadow (dt. 1989 unter dem Titel »Die Stimme unseres Schattens« bei Suhrkamp)
• 1990 Black Cocktail (dt. 1993 unter dem Titel »Schwarzer Cocktail« bei Heyne)
• 2002 White Apples (noch nicht übersetzt)
• 2006 Oko dnia (polnisch; engl.: Eye of the Day)
• 2008 The Ghost in Love (polnisch 2007)
Kurzgeschichtensammlung
• 1996 The Panic Hand (gewann den Bram Stoker Award als beste Kurzgeschichtensammlung, dt. 1989 unter dem Titel »Die Panische Hand«, bei Suhrkamp)

Obwohl er seine Romane und zahlreichen Kurzgeschichten und Novellen gerne der „Hauptliteratur“ zugerechnet sähe, hat sich vor allem der Lesekreis der Phantastik für ihn begeistert. Dies ist in erster Linie auf Carrolls Verwendung von Figuren wie sprechenden Hunden und Schutzengeln zurückzuführen. Kontroverse Themen versteht Carroll mit einer zutiefst humanen Grundhaltung zu präsentieren, wobei die Erzählkunst des studierten Englischlehrers nicht zu kurz kommt.

Inhalte

Der Band „Schwarze Systeme der Romantik“ aus der Reihe „Texte und Materialien zur Phantastik“ des Verlags Th. Tilsner in München, der 2004 seine Tore schloss, versammelt mehrere Interviews mit Carroll, in denen der Mensch hinter den Büchern sichtbar wird. Neben einer ausführlichen Bibliographie (allerdings ohne Sekundärliteratur, die ohnehin nur spärlich ist) bilden Essays zum Roman- und Novellenwerk sowie den Kurzgeschichten die zentralen Stücke des Bandes.

Der Anglist Volkher Hofmann schrieb die Interpretation der Kurzgeschichten in wissenschaftlich einwandfreier Form mit bemerkenswerten Ergebnissen. Uwe Vöhl, ein Kritiker und selbst Autor, versucht eine Deutung der Vaterfiguren in Carrolls Werk, wobei der häufige auftauchende Gottesbegriff Deutung erfährt. Eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Die Elchkirche“ (The Moose Church) rundet als deutsche Erstveröffentlichung den Band ab, indem sie illustriert, wie Carroll arbeitet.

Alles in allem ein sehr nützlicher Band, der viele Einblicke zu diesem Autor verschafft. Carroll schreibt ja bis heute, mit wachsender Fangemeinde. Leider wird von ihm seit rund 15 Jahren nichts mehr in die deutsche Sprache übersetzt. Kein Wunder, dass dieses Buch im Online-Buchhandel rund 20 Euro kostet.

Taschenbuch: 160 Seiten
ISBN-13: 978-3910079038

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