Dave Freedman – Creature

Eine Umweltkatastrophe lässt Tiefsee-Riesenrochen zu lufttauglichen Flugdrachen mutieren, die an der US-Küste gefräßig für Angst, Schrecken & Verluste unter Anwohnern und Touristen sorgen … – Das gute, alte Garn vom Monster aus dem Meer erfährt hier seine genrekonforme, d. h. auf Originalität verzichtende Neuauflage; die Story wird jedoch flott und spannend entwickelt und geschrieben, was mit der Reihung einschlägiger Klischees aussöhnt: Lesefutter der leichten aber bekömmlichen Art.

Das geschieht:

Touristen entdecken während eines Bootstörns vor der Küste von Los Angeles mutierte Rochen, die Luft atmen, fliegen können und über ein großes Maul mit scharfen Zähnen verfügen. Die Wesen machen sich aus dem Staub, doch die Kunde dringt an das Ohr des Geschäftsmanns Harry Ackerman. Der hat ein Meeresaquarium eröffnet, das gigantische Manta-Rochen ausstellen sollte, die leider sämtlich das Zeitliche segneten; der Wasser-Zoo steht vor der Pleite. Die Flügelrochen wären ein lukrativer Ersatz.

Ackerman beauftragt die Wissenschaftler und Abenteurer Jason, Lisa, Darryl, Craig, Monique und Phil, die ohnehin in seinem Sold stehen, nach den seltsamen Fischen zu fahnden. Das Sextett ist nicht begeistert, doch da der Rausschmiss droht, macht man sich ans Werk. Die Gruppe folgt den Kreaturen, die sich gut zu verbergen wissen und unbemerkt an Größe und Flugtauglichkeit zunehmen. Deshalb kann sich ein erster Rochen, gewaltig wie ein prähistorischer Flugsaurier und mit einem Schnappmaul von der Größe eines Müllwagenhecks, im dichten Wald der kalifornischen Küste einnisten, den er des Nachts zum Sturm auf das Binnenland verlässt, wo er reiche, zweibeinige Baute wittert.

Die Suche nach der Kreatur wird zum Wettlauf mit dem Tod, denn es ist nur eine Frage der Zeit, wann es zu Opfern unter den ahnungslosen Bürgern kommen wird. Aber soll sie denn gefunden werden? Die Frage stellt sich Jason, als sich die Zeichen mehren, dass man ihn und sein Team sabotiert. Eine dritte Partei mischt sich in das ein, was eigentlich eine wissenschaftliche Mission sein sollte, und sorgt für eine drastische Steigerung der Lebensgefahr, als das Wesen auf seine Verfolger aufmerksam wird und dabei eine dämonische Intelligenz unter Beweis stellt …

Anti-Werbung schürt Vorurteile

„Die Natur schlägt zurück.“ – „Sie kommen aus der Tiefsee. Keiner hat sie je zuvor gesehen.“ – „Gruselig, fundiert und glaubwürdig.“ – „Löst beim Lesen eine instinktive Urangst aus.“ Das sind nur vier Zitate des rückwärtigen Klappentextes zu diesem Roman, die bei jedem erfahrenen Leser Fluchtinstinkte wecken: Hier versucht ein Verlag, mit lautem Marktgeschrei Trash mit beschränkter Haltbarkeit anzupreisen, von dem bereits deutlich Bockmistgestank aufsteigt.

Aus diesem Grund musste „Creature“ mehr als ein Jahr ein Mauerblümchendasein im Bücherschrank des Rezensenten fristen. Immer wieder mogelte sich dieser Band zwar auf den Stapel der noch zu lesenden Bücher, um erwischt und rüde zurückgeschoben zu werden. Sonnenschein und Sommerlaune schwächten indes die Abwehrreflexe; für die Halbzone zwischen Wachen und Dösen bedarf es einer bestimmten Art von Lektüre.

Überraschung: „Creature“ ist ein zwar Genregewächs trübsten Wassers, das indes für ausgesprochenes Lesevergnügen sorgt. Wer hätte das von einer Geschichte gedacht, die sich um das gefräßige Wüten flugfähiger Riesenrochen dreht? (Weiß jede/r Leser/in, was ein Rochen ist? Das sind Fische, die wie Unterwasser-Fledermäuse aussehen.) Ein gewisses Maß an Schwachsinn verkraftet jede gute Geschichte; dass diese ihren lächerlichen Plot nicht nur überlebt, sondern ihn zu einer wirklich guten i. S. von unterhaltsamen Geschichte entwickelt, kommt unerwartet. Dabei erfindet Verfasser Dave Freedman in seinem Romandebüt wahrlich das Rad nicht neu. Er dekliniert treu und brav durch, was das „Monstervieh“-Genre an Regeln vorgibt.

Klischees müssen nicht tödlich sein

Wer „Panik in New York“ („The Beast from 20.000 Fathoms“, 1953) gesehen oder „Meg“ und „Höllenschlund“ von Steve Alten gelesen hat, wird die Module, aus denen Freedman seine Mär zusammensteckt, sämtlich wiedererkennen: Im tiefen Meer und daher an einem unheimlichen Ort und unbeobachtet brütet Mutter Natur ein übles Ei aus. Als Kindsvater fungiert gern der dumme Mensch, der das Meer mit Giftabfällen und genetisch brisanten Abwässern tränkt. Es entsteht eine Kreatur oder wie in unserem Fall eine ganze Horde von Kreaturen, die zunächst im Geheimen bedrohlich munkeln, bevor sie zum offenen Angriff auf die Menschheit übergehen und dieser die Herrschaft über die Erde streitig machen.

Die örtliche Ordnungsmacht betritt mit Feuer und Rauch die Szene und wird in die Flucht getrieben, denn in der Regel ist es eine kleine Gruppe von idealistischen Wissenschaftlern u. a. Außenseitern, die des Rätsels Lösung entdecken und die Bedrohung abwenden können, obwohl sie von ignoranten Politikern, bärbeißigen Generälen, geldgeilen Industriekonzernen u. a. Öko-Schweinen behindert werden. Meist bleibt bei allem Trubel noch ein wenig Raum für eine Lovestory innerhalb des Forscherteams.

Was für „Creature“ einnimmt, ist die Unverdrossenheit, mit der Freedman die Handlung über diese ausgefahrenen Geleise toben lässt. Er mag kein ‚guter‘ Schriftsteller sein, doch er versteht sein Handwerk, quasi filmische Spannung auf solidem B-Movie-Niveau zu schüren. Die Handlung fliegt von Höhepunkt zu Höhepunkt, Leerlauf gibt es nicht. Tief unter Wasser, auf hoher See, im dichten Küstendschungel und in zappendusteren Höhlen sind unsere Helden unermüdlich zugange. Liebevoll sind die Attacken der Monsterrochen in Szene gesetzt. Die ‚Fakten‘ mögen blühender Blödsinn sein, doch sie KLINGEN gut bzw. überzeugend, bis man vor seinem geistigen Auge tatsächlich Rochen fliegen sieht: Biobabbel als Pendant zum Technobabbel der „Star-Trek“-Serien.

Persönlichkeit wird übertrieben …

Sechs Männer und Frauen umfasst unser Forscherteam, wobei die Herren zu differenzieren sind. Da haben wir Jason, den Helden – aufrecht, von wahrem wissenschaftlichen Geist beseelt, deshalb ohne Geld und Prominenz aber trotzdem von den Frauen bzw. der einen Frau, die’s wert ist (= Lisa), begehrt – und seine treuen Freunde, die nicht ganz so schlau aber treu sind. Die Frauen: selbstverständlich hübsch aber auch klug und jeglichem Schlampentum abhold, weshalb die amourösen Tändeleien, die Verfasser Freedman dem Geschehen aufpfropft (falls Hollywood anbeißt), eher antiseptisch und pennälerhaft wirken.

Abzug gibt’s auch für die Charakterisierung der weiblichen Heldin Lisa, die einerseits noch fanatischer als der gute Jason für die Reinheit der Forschung kämpft und sich andererseits wundert, wieso der ihre sparsam und sittsam gesetzten Signale, die zu Balz bzw. Brautwerbung auffordern, permanent ignoriert. Leider kommt ihr der Gedanke nicht, dass sie damit sowie mit ihrer ständigen Besserwisserei zur politisch korrekten Nervensäge mutiert.

Einen Judas gibt es in der Runde von Jasons Öko-Jüngern! Wer das ist, merkt der Leser so früh, dass er sich für Verfasser Freedman schämt, der freilich mit der Figur des Harry Ackerman noch eins draufsetzt. Schurkiger und schleimiger geht’s wirklich nicht: ein Bösewicht nicht auf B- sondern auf Buh-Movie-Niveau! Aber die Strafe bzw. die Gelegenheit zur Sühne lässt nicht auf sich warten.

Glücklicherweise kann der Grusel-Rochen punkten, was damit zusammenhängen mag, dass er nicht sprechen kann und auch sonst nie vermenschlicht („Monster böse!“) wird. Stattdessen leistet er einen guten Horror-Job, indem er unheimlich aussieht, sich entsprechend benimmt und süße Bärenbabys sowie wackere Durchschnittsbürger frisst. Weil sich die Handlung ausgiebig solchen Szenen widmet, überwiegen die positiven Aspekte eines Romans, dessen Lektüre schamvoll verdrängt wird, sobald der kühle Herbst das Hirn des Lesers wieder mit voller Kraft arbeiten lässt.

Autor Freedman, ein studierter Naturwissenschaftler, hat offenbar inzwischen die ersehnte Planstelle bekommen. „Creature“ blieb bisher jedenfalls sein erster und einziger Roman.

Taschenbuch: 519 Seiten
Originaltitel: Natural Selection (New York : Hyperion Books 2006)
Übersetzung: Hanne Hammer
http://www.ullsteinbuchverlage.de

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