French, Nicci – In seiner Hand

_Horror der Gefangenschaft, Triumph des Überlebens_

Abigail Deveraux, eine junge Engländerin, wird eines Tages entführt und ohne ein erkennbares Motiv tagelang gefangen gehalten. Danach kann sie sich nicht mehr an ihr früheres Leben erinnern. Erst nach langen Wochen der Furcht und der Frustration gelingt es ihr, eine Spur zurück zum Ort ihres Martyriums zu entdecken.

Ein ziemlich spannender, gelungener Thriller von einer Autorin, die es durchaus mit Mo Hayder und Minette Walters aufnehmen kann.

_Die Autorin_

„Nicci French“ ist das Pseudonym einer Londoner Autorin mit weitreichenden psychologischen Kenntnissen und eines Journalisten. Die beiden haben mit „Höhenangst“ und vor allem mit dem genialen „Sommermörder“ viele Fans unter Thrillerfreunden gewonnen.

_Handlung_

Eines Morgens erwacht die 25-jährige Engländerin Abigail Devereaux in einem Albtraum. Sie weiß nicht, wo sie sich befindet, noch wie sie an diesen Ort kam. Gefesselt und geknebelt, mit einem Kapuze über dem Kopf und einem partiellen Gedächtnisverlust findet sie sich in der Gewalt eines Mannes wieder, dessen Gesicht sie niemals zu sehen bekommt. Nur sein keuchendes Lachen und Kichern jagt ihr Entsetzen ein.

Ihr Entführer gibt ihr zu Trinken, etwas zu Essen und hilft ihr, ihre Notdurft zu verrichten. Er sagt nie, was er von ihr will. Ohne dass er sie vergewaltigt, erniedrigt er sie, würdigt sie auf die Stufe eines gefangen gehaltenen Tieres herab. Er ezählt ihr von den Anderen: der ständig weinenden Kelly, der betenden Lauren, der feilschenden Fran und den zwei anderen. Abbie ist die Gefangene Nummer 6. Auch sie werde sterben, wie die anderen, nachdem sie einen Abschiedsbrief geschrieben habe.

Mit einem letzten Funken Überlebenswillen gelingt Abbie die Flucht zurück ins Leben, in die Freiheit. Doch der Albtraum hört damit keineswegs auf. Denn Polizei, Ärzte und Psychologen halten ihren Bericht für das Hirngespinst eines pathologischen Opfers. Verbittert erkennt Abbie, dass man ihr erst glauben wird, wenn der Mann, der sie entführte, sie getötet hat.

Als Kämpfernatur verspürt sie den Zwang, Gerechtigkeit zu erlangen. Und sei es um den Preis ihres eigenen Leben, das sie dem Entführer als Köder anbietet. Sie will sich aus befreien von der albtraumhaften Macht, die er in ihren Träumen über sie ausübt. Sie muss ihm in die Augen sehen, die sie nicht kennt. Allerdings muss sie zuerst herausfinden, warum auch sie von ihm als Opfer ausgewählt wurde. Wer ist Abigail Devereaux wirklich?

_Mein Eindruck_

Nach diesem beklemmenden Auftakt bemüht sich die Hauptfigur über den größten Teil der Handlung hinweg, ihr Leben zu rekonstruieren, an das sie sämtliche Erinnerungen verloren hat – entweder wegen der schlechten Behandlung oder wegen des posttraumatischen Schocks, den sie erlitten hat. Sie findet heraus, dass sie nicht mehr dieselbe ist wie vor ihrem Martyrium. Daraus ergeben sich neue Hoffnungen, aber auch neue Ängste: Da sie SEIN Gesicht nicht kennt, kann praktisch jeder Mann, mit dem sie |davor| zu tun gehabt hatte, der Täter sein. Die Welt ist ein Schattenreich geworden.

Was es für Abigail besonders schmerzhaft macht, das Martyrium zu verarbeiten, ist die Missachtung, die ihr die Behörden, die dafür zuständig wären, zuteil werden lassen. Insbesondere Inspektor Cross von der Polizei ist ein Mann, der nur nach Fakten handelt, weil er sich ständig für seine Aktionen verantworten muss. Wie aber kann er, so sein Argument, nur auf den Verdacht und die Befürchtungen einer traumatisierten Frau ohne Erinnerung hin einen Einsatz veranlassen? Wenn es nach ihm ginge, denkt Abbie, so müsste sie erst tot sein, bevor Cross etwas unternimmt.

Allerdings: Es gab doch bereits eine ganze Reihe vermisster Frauen. Leider reiche der Vorname nicht aus, um eine Verschwundene suchen, geschweige denn finden zu können, so Cross. Am Ende bleibt Abbie nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche zu begeben, ja: sich selbst als Köder anzubieten. Wenigstens führt dieser Akt der Verzweiflung zum gewünschten Erfolg. Doch über den Showdown soll hier nichts verraten werden.

|French-Style-Krimi|

Anders als bei Minette Walters oder Patricia Cornwell stehen nicht die Polizei- oder Forensikerarbeit, die Aktionen eines sozialen Umfelds im Vordergrund der Darstellung, sondern vor allem die rein private Ermittlung eines schutzlosen Opfers eines Verbrechens. Ähnlich wie bereits in „Der Sommermörder“ liegt über dem Mittelteil eine ungemütliche Vorahnung kommenden Unheils, denn jeden Moment könnte ja der Täter wieder zuschlagen. Als eine weitere Frau ermordet aufgefunden wird, der Abbie vor ihrer neuen Verkleidung ähnlich gesehen hatte, weiß Abbie, dass der Verfolger sie noch sucht. Alle ihre Ängste sind wieder da.

Diese Ängste, die sich gegen fast jeden in Frage kommenden Mann richten, stehen im Mittelpunkt der Schilderung, mit der sich die Autorin bemüht, ihr Anliegen zu vermitteln: Allzuoft sind die Opfer eines Verbrechens, bei dem der Täter nicht gefasst wurde, schutzlos weiteren Attacken preisgegeben. Einer Rechts- oder Selbstschutzorganisation solcher Opfer begegnen wir im Roman vergeblich. Ihr würde in Deutschland der Weiße Ring entsprechen. Auch psychologische Betreuung erhält Abbie nicht. Kein Wunder, dass sie unter Albträumen leidet. Dass Abbie so allein gelassen wird, verwundert durchaus.

Abbie ist eine ganz durchschnittliche junge Frau ohne intellektuellen Hintergrund. Ja, sie selbst schimpft sich des öfteren „du dumme, dumme Frau!“, wenn sie wieder etwas vergessen oder übersehen hat. Viele Frauen werden sich mit ihr identifizieren können. Denn Abbie verfügt über die Kraft des intuitiven Einfühlungsvermögens in eine menschliche Situation: Sie kann mit praktisch jedem Menschen schon nach wenigen Augenblicken zurechtkommen – außer wenn man sich ihr gegenüber unzugänglich zeigt. Dann tritt sie den Rückzug an. Ihre emotionale Stärke und Empathie machen sie sympathisch und bringen uns dazu, gespannt ihren zaghaften Ermittlungen zu folgen, selbst wenn sie noch so abwegig erscheinen: „Wo ist eigentlich die Katze?“ …

_Unterm Strich_

Nach dem hammerharten Auftakt und der darauf folgenden Ablehnung von Abbies Fall durch die Behörden erschien mir der Mittelteil zunächst wie ein spannungsloses Zwischenspiel. Aber hier sind wir bereits richtig: Abbie muss erst herausfinden, wer sie war, dann aber auch, wer sie jetzt ist. Nachdem sie ein erstes Koordinatensystem gefunden hat, kann sie schließlich unter dem Eindruck mehrerer schockartiger Entdeckungen in ihrer nächsten Umgebung daran gehen, den Täter aktiv zu suchen. Und von da an bricht die Spannung nicht mehr ab.

French hat einen sauber konstruierten Psychothriller abgeliefert, in dem sie mehr Wert darauf legt, mit Hilfe der Psychologie, des „inner space“, den Thrill zu erzeugen, als auf irgendwelche spaktakulären Aktionen. Im Grunde ist es ein Buch, das Hoffnung macht: Ein Opfer, das sich nicht aufgibt, hat die Chance, sich zu retten und obendrein auch noch Gerechtigkeit zu erlangen. Traurig ist jedoch, dass die moderne Gesellschaft diesem Opfer keinen Beistand leistet. Vielleicht hilft die Empörung über diesen Skandal, etwas zu verändern.

|Originaltitel: Land of the living, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Birgit Moosmüller|

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