Friedman, Kinky – Ohrensausen

_Sherlock-Parodie in New Yorks Straßen_

Ein jüdischer Countrymusiker aus Texas stellt Kriminalermittlungen in New York City an, die Sherlock Holmes alle Ehre machen würden: Wer will Kinky ans Leder? Oder ist er gar nicht selbst gemeint und alles ein großer Irrtum?

Mit Hilfe seines sarkastischen Humors und von noch mehr Rauschmitteln stößt Kinky endlich auf des Rätsels Lösung. Man wundert sich, dass er noch logisch denken kann, wenn er andauernd entweder high oder besoffen ist.

_Der Autor_

Kinky Friedman, obwohl er in diesem Roman als Ich-Erzähler auftaucht, gibt es wirklich. Der 1945 geborene jüdische (and proud of it) Schriftsteller gründete die „berüchtigte“ Country-Band „Kinky Friedman and The Texas Jewboys“. Seine Kriminalromane wurden in 14 Sprachen übersetzt und erschienen u. a. im Taschenbuch bei Heyne. Die letzten deutschen Veröffentlichungen findet man bei |Bittermann| (|Edition TIAMAT|) und |Rotbuch|.“Ohrensausen“ ist nach Verlagsangaben „Kinkys elftes Abenteuer“.

_Handlung_

Der Roman zerfällt in eine Rahmen- und eine Binnenhandlung. Die Rahmenhandlung dient praktisch nur als Vorwand, um die Haupthandlung, die in New York City spielt, so erzählen zu können, als wäre sie Kinkys Traumerinnerung. Als Kinky wieder aufwacht, ergibt sich eine hübsche Schlusspointe.

Auf dem Weg hoch ins Apartment seiner schönen Nachbarin Stephanie DuPont, Porschefahrerin und Hundebesitzerin, bekommt Kinky eins über die Rübe. Von wem, ist erst einmal völlig unwichtig. Hauptsache, er fühlt sich plötzlich ins Jahr 1979 zurückversetzt, also um gut 20 Jahre.

In New York City, genauer: im Künstlerviertel Greenwich Village, trifft er zum ersten Mal seine Village Irregulars, einen bunten Haufen von schrägen Typen, die die Bars und Clubs des Village unsicher machen. Da ist neben dem Musiker Kinky („der Kinkster“ oder „Kinkstah“) noch Larry „Ratso“ Sloman: Kinkys Vorstellung von Dr. Watson. Ratso macht ihm den Vorschlag, er solle Privatdetektiv werden. Sein etwas wirrer Kopf würde ihn für die Rolle prädestinieren.

Doch Ratso ist alles zuzutrauen, sogar eine höchst indiskutable Vorstellung von Privatsphäre. So muss Kinky mit seiner neuen „beischlaftechnischen Assistentin“ (= BTA) Judy auf Ratsos ramponiertem Sofa dem Liebesspiel frönen, während Ratso daneben dumme Bemerkungen macht. Wie soll man sich da konzentrieren können?

Das Detektivspiel beginnt in dem Augenblick, als der meistgesuchte Revoluzzer der Vereinigten Staaten Zutritt zu Ratsos Wohnung erhält: Abbie Hoffman war in den seligen Sechzigern der Schrecken des Polit-Establishments gewesen, nun suchen ihn FBI und werweißnochalles. Abbie behauptet, er werde verfolgt. Tatsächlich wird schon wenig später auf ihn und sogar Kinky geschossen.

Die Dinge laufen schwer aus dem Ruder, findet Kinky, als Judy ihren toten Gatten Tim Petzel*, der in Vietnam abgestürzt war, in New York sieht – und als wenig später Kinkys Loft in die Luft fliegt. Kinky hat seinen ersten Fall. Von seinen Kumpels und ein wenig „peruanischer Marschverpflegung“ (sprich: Kokain) unterstützt, klaut Kinky Hoffmans Anwaltsakten und entdeckt merkwürdigerweise keinerlei Zusammenhänge. Auch Petzel wurde definitiv für tot erklärt.

Da greift er schließlich zur ultima ratio: Er wird Judy heiraten! Ob das wohl gutgehen kann? Eine Herausforderung des Schicksals …

_Mein Eindruck_

Diese Krimihandlung ist natürlich nur das dünnen Destillat aus einer weitaus umfassenderen Geschichte. Sie dient auch lediglich dazu, die Anfänge von Kinkys Karriere als Privatdetektiv zu illustrieren, sozusagen als Prequel.

Die „umfassendere Geschichte“ ist nicht so sehr ein weiterer Handlungsstrang. Nein, das war’s schon an Handlung. Vielmehr dient dieser rote Faden dem Autor dazu, die Zeit nach dem Ausklang der Sixties und am Ende der drögen, drogenvernebelten Seventies vor unserem geistigen Auge auferstehen zu lassen. Beide Jahrzehnte waren gekennzeichnet durch extrem hohen Drogenkonsum: Kokain, Hasch, Whiskey – all dies wird von Kinky und seinen Mannen in hohen und höchsten Dosen konsumiert. Immerhin geht’s dabei in der Regel lustig zu.

Der „Blast from the past“ des Originaltitels entspricht jedoch dem Schatten, den der Vietnamkrieg über die fröhliche Village-Szenerie wirft: Kinkys Loft fliegt durch eine militärische Handgranate in die Luft. Hier findet also eine Art der Abrechnung mit den vorhergehenden zwanzig Jahren statt, eigentlich aus dem Blickwinkel von 1999 (das ist der Zeitpunkt des Erzählers aus der Rahmenhandlung; siehe oben).

Sicherlich ist dieses Thema nicht jedermanns Sache – warum sollte es auch? Was man also für die Lektüre mitbringen sollte: gutes Wissen über die amerikanischen Sixties und die Seventies, die damaligen Künstler (Janis Joplin & Co.) und Politiker (wer war noch gleich Senator McGovern?). Außerdem wären viel Toleranz in Sachen Drogenkonsum und viel Humor hilfreich.

Das Beste an Friedmans Roman ist jedoch sein ausgeprägtes und witziges Sprachgefühl. Er legt schon von der ersten Zeile weg ein Vergnügen an Sprachspielen und neuen Wortprägungen an den Tag, das heutzutage seinesgleichen sucht. „Autos“ sind nicht profane Vehikel, sondern „Penisse auf Rädern“, und Kokain wird zur „peruanischen Marschverpflegung“ geadelt (nicht ohne realen Hintergrund!). Auch sein Judentum ist Kinky etliche Witze und Anspielungen wert.

Kein Wunder, dass Friedman auf Charles Bukowski und William Burroughs steht! Dass zu dieser Lust an der Sprachkreation auch gehört, kein Blatt bezüglich Sex vor den Mund zu nehmen, dürfte nur Priester und Kastraten verwundern. Doch keine Angst: Es gibt nur eine Sexszene im Buch, aber es gibt kaum eine Zeit, zu der dem Kinkster nicht der Sinn danach, ähem, steht – etwa dann, wenn er Stephanie DuPont zu besuchen gedenkt.

_Unterm Strich_

„Ohrensausen“ – woher stammt nur dieser blödsinnige Titel? – ist einer der ungewöhnlicheren Kriminalromane, eigentlich eher eine Travestie auf die Sherlock-Holmes-Romane. Kinky parodiert Sherlock (der ja auch kokste) für sein Leben gern, und Ratso spielt mit Hingabe den verblödeten Dr. Watson. Ein Wunder, dass die beiden Überflieger überhaupt etwas zustande bringen. Aber wie heißt es so schön: „Ich klär den Fall auf jeden Fall.“

|Originaltitel: Blast from the past, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Ulrich Blumenbach|
*: Petzel, so klärt uns der Autor im Nachwort auf, ist das jiddische Wort für „kleiner Penis“. Ein typisches Beispiel für Friedmans anzügliche Sprache.