Fritz Leiber – Schwerter und Teufelei. Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mausling

Liebliche Tänzerinnen, teuflische Schneehexen

Durch Zeit und fremde Dimensionen von uns getrennt, träumt die alte Welt Nehwon vor sich hin. Nehwon mit seinen Meeren, Gebirgen, Eisöden, Steppen, Wüsten, Wäldern, Marschen, Kornfeldern, Ruinen, Burgen, Zitadellen und bewehrten Städten. Nehwon – eine Welt von kühnen Piraten, wilden Reitern frechen Dieben, düsteren Zauberern, glatzköpfigen Kultpriestern und beleibten Händlern – ist auch die Welt, in der der junge Krieger Fafhrd und der Graue Mausling, der Lehrling der Weißen Magie, leben. Beide Männer – jeder für sich – werden durch widrige Umstände gezwungen, ihren Wohnort zu verlassen und sich auf die Straße der Abenteuer zu begeben… (Amazon.de)

Fritz Leiber hat mit seinen „Schwerter“-Erzählungen in jahrzehntelanger Arbeit einen der interessantesten und spannendsten Zyklen der Fantasy geschaffen. Im Mittelpunkt das sehr ungleiche Anti-Heldenpaar Fafhrd und der Graue Mauser. Die beiden haben es auf ihrem Kontinent Newhon längst zu einem eigenen Zyklus im Reich der Graphic Novels geschafft. Der vorliegende Band führt die beiden Helden in separaten Abenteuern ein.

Der Autor

Der US-Autor Fritz Leiber (geboren 1910 in Chicago, gestorben 1992) machte sich mit seinen Fantasygeschichten über Fafhrd, den hünenhaften Nordländer, und den Grauen Mauser, einen südländischen Degenfechter, quasi unsterblich, so groß war seine Serie und so beliebt bei den Lesern. Aber Leiber erweist sich auch in seiner Horror-Fiction und Science-Fiction als ein Virtuose im Umgang mit zeitgenössischen Ängsten und Anliegen.

Neben Lovecraft und Ray Bradbury gehört Leiber zu den Autoren des Genres, die es wirklich verstehen, das doppelbödig Bedrohliche unserer modernen Zivilisation aufzuzeigen: den Urban Horror. Bestes Beispiel dafür ist sein Roman „Herrin der Dunkelheit“ (1976), aber auch die tolle Story „Gonna roll the bones“, in der der Teufel persönlich auftritt. Mit „The Big Time“ und „Catch that Zeppelin“ schrieb er preisgekrönte Erzählungen über die Zeit bzw. einen alternativen Geschichtsverlauf.

Der Zyklus

Der Heyne-Verlag veröffentlichte 1972-76 zunächst die Bände „Schwerter und Teufelei“ (Band 3307), „Schwerter im Kampf“ (Band 3501), „Schwerter gegen den Tod“ (Band 3315), „Schwerter gegen Zauberei“ (Band 3331) und „Die Schwerter von Lankhmar“ (Band 3339). Diesen folgten später die Bände „Schwerter und Eismagie“ sowie „Ritter und Knappe des Schwerts“.

Schließlich wurden 1986 alle Erzählungen und Romane des Schwerter-Zyklus in zwei Sammelbänden namens „Schwerter im Nebel“ (Nr. 4287) und „Schwerter in Lankhmar“ (Nr. 4288) ungekürzt veröffentlicht. Sie sind heute gesuchte Sammlerstücke. Neuausgaben zu Liebhaberpreisen hält der deutsche Verlag Edition Phantasia bereit.

Fafhrd und Grauer Mausling: die ursprüngliche Serie, wie sie im Heyne Verlag erschienen ist:

(1968) Schwerter im Nebel (“Swords in the Mist”)
(1968) Schwerter gegen Zauberer (“Swords against Wizardry”)
(1968) Die Schwerter von Lankhmar (“The Swords of Lankhmar”)
(1970) Schwerter und Teufelei (“Swords and Deviltry”)
(1970) Schwerter gegen den Tod (“Swords against Death”)
(1977) Schwerter und Eismagie (“Swords and Ice Magic”)
(1988) Ritter und Knappe des Schwerts (“The Knight and Knave of Swords”)

Die Sammelbände der „Edition Phantasia“:

1. Der unheilige Gral (“Ill Met in Lankhmar”, 1995)
2. Die Herren von Quarmall (“Lean Times in Lankhmar”, 1996)
3. Der traurige Henker (“Return to Lankhmar”, 1997)
4. Das Meerweib (“Farewell to Lankhmar”, 1998)

Die Erzählungen

1) Die Schneefrauen (The Snow Women, 1970)

Im nordischen Land der Eis-Öde ist Fafhrd zu einem 18-jährigen Piraten und Skalden herangewachsen, der die Zivilisation über alles liebt. Nur gibt es davon in seiner Gegend herzlich wenig. Deshalb ist das Eintreffen der Zirkustruppe von Essedinex immer der Höhepunkt des Jahres und eine willkommene Abwechslung.

Nicht aber bei den Frauen des Schnee-Clans. Angeführt von deren Oberhexe, Fahrds verwitweter Mutter Mor, jagen die verheirateten Frauen und Mütter die eigenen Männer, die sich für das „sittenlose Weibsvolk“ des Zirkus interessieren. Sie bewerfen sie mit extraharten Schneebällen und zaubern ihnen Eiszapfen auf und unter die Kleidung.

Besonders der Umstand, dass die Vorstellungen des Zirkus in der Gotteshalle und ohne Frauenpublikum stattfinden, erbost die Damen. Als sie gewahr wird, dass auch ihr Sohn sich für eines dieser Flittchen interessiert, verfolgt Mor Fafhrd mit Zaubersprüchen. Ein Glück, dass er bereits ein Gespür für derlei Magie entwickelt hat und ihr stets ein Schnippchen schlagen kann.

Meist kann er auch wahrnehmen, wie sie versucht, seine Gedanken und Gefühle zu lesen. Deshalb beginnt er sich Sorgen zu machen, weil er sich für die schöne Vlana interessiert und mit ihr in die Zivilisation entfliehen will. Bestimmt will seine Mutter Mor, die Oberhexe, sie davon abhalten und ihr etwas antun. Außerdem glaubt Mor, dass Fafhrds ANDERE Geliebte, Mara, viel besser zu ihm passt, nicht zuletzt deshalb, weil Mara bereits ein Kind von diesem Tunichtgut erwartet…

Bei einem nächtlichen Stelldichein in Vlanas Zelt, das unter einer Zeder errichtet worden ist, kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung, als einer der Baumäste unter einer zauberischen Eislast zu brechen beginnt – direkt auf Vlanas Zelt hinab…

Mein Eindruck

Ein junger Mann sucht seinen Weg in die Zukunft – solche Geschichten gibt es seit Urzeiten, etwa im Gilgamesch-Epos. Doch Fafhrd ist kein Herrscher wie der babylonische König, noch ein Priester oder Häuptling mit Befugnissen. Er muss sich durchschlagen und dabei die richtige Wahl seiner Gefährtin treffen. Wie sich herausstellt, bedeutet dies für ihn, zwischen der Vergangenheit mit ihren erstickenden Traditionen – Hexen! – und der Zukunft in Freiheit zu wählen. Dabei steht Mara für die Vergangenheit und Vlana für die Zukunft.

Dumm nur, dass sich um den Besitz der schönen Vlana eine ganze Menge Rivalen prügeln. Eigentlich hat die Tänzerin ja Fafhrd Versprechungen gemacht, doch dann macht auf einmal Vellix das Rennen – aber nicht lange. Denn dann schlägt der Pirat Hringolf mit seinen Leuten zu und schnappt sich die Schöne. Nun muss Fafhrd zeigen, was er draufhat, will er mit Vlana gen Lankhmar düsen. Tja, und dann ist da noch eine gottähnliche Macht, die alle, die sich ihr nicht unterwerfen oder zu entkommen suchen, mit Eis überzieht…

Das Finale dieses Kurzromans ist so kurzweilig gestaltet, dass der Actionfreund voll auf seine Kosten kommt. Ich geriet an einer Stelle sogar in Staunen, als Fafhrd nämlich auf Skiern einen Satz über eine Schlucht macht – und mitten im Flug die vom Zirkus geklauten Raketen zündet, um einen Schub zu erhalten. Den hat er auch dringend nötig, um auf der anderen Seite lebend anzukommen.

2) Der unheilige Gral (The unholy grail, 1970)

Glavas Rho ist der Zauberer, der Maus, dem ehemaligen Dieb und Degenfechter, alles beigebracht hat, was man über Weiße und Schwarze Magie wissen muss. Gewesen – muss Maus, der Zauberlehrling bei seiner Rückkehr aus dem tiefen Wald feststellen: Die Höhle des Zauberers ist nicht nur zerwühlt, sondern auch von Feuer verwüstet worden. Die Leiche seines Meisters liegt neben einem Ameisenhaufen – er liebte es, Bienen und Ameisen zu studieren – in dem ein verräterischer Fußabdruck und ein Handschuh zu finden ist. Der Handschuh passt genau zu jenem anderen, den er der lieben Ivrian vor einiger Zeit abgeluchst hat.

Ivirian – die schöne Tochter des Herzogs, der über diesen Wald herrscht, lernte heimlich mit Maus beim Meister. Doch sie muss ihn verraten haben. Was kann sie nur dazu gebracht haben? Maus findet es bald heraus, als er den Herzog bei der Eberjagd überrascht. Das verwundete Tier lebt noch. Ivrian, die sonst furchtsam ist, scheint wie besessen, als sie den Speer in die Flanke des Tieres treibt, um es zu töten. Die Wachen des Herzogs nehmen Maus wegen verbotener Zauberei bei einem nochmaligen Besuch Ivrians gefangen – ein erneuter Verrat der Herzogstochter?

Im Folterkeller der herzoglichen Festung findet sich Maus bald auf der Streckbank wieder. Wie erwartet will sich Herzog Janarrl an den Schmerzen, die der Zauberlehrling erleidet, ergötzen. Er revanchiert sich damit für die Schmerzen, die er 24 Stunden lang erleiden musste, weil Maus ihn per Voodoozauber quälte. Doch nun tritt Ivrian in die Folterkammer, genau in der Aufmachung, die Maus ihr befohlen hat: im roten Kleid ihrer verstorbenen Mutter. Die Wirkung auf den Herzog ist verblüffend…

Mein Eindruck

Magie und Liebe – kann es ein romantischeres Sujet geben? Doch die Liebe zwischen Maus, dem Ex-Dieb, und der edlen Ivrian ist alles andere als romantisch. Sie ist voller Qualen aufgrund vermeintlichen Verrats durch die Schöne. Ihr Unglück ist mehrfach: Ihr Vater ist herrisch und grausam, ihre Mutter nimmt sie als Geist in Besitz, sie ist die Tochter des getöteten Zauberers – und obendrein ist sie zu schwach, um Maus zu zeigen, dass sie nur das Opfer, aber nicht der Täter in all diesem Unglück ist.

Doch Maus kann ihr helfen, wenn auch auf sehr unkonventionelle Art und Weise. Er ist nicht nur Dieb, Pirat, Schwertkämpfer und Zauberlehrling, sondern auch ein einsichtsvoller Psychologe (genau wie sein Schöpfer Fritz Leiber). Auf S. 117/118 und 122 beschreibt der Autor genau, wie die besondere Psychofalle, die Maus dem Herzog stellt, funktioniert. Maus, bislang ein Praktikant der Schwarzen Magie, hat damit durchschlagenden Erfolg.

Was für den Kenner besonders faszinierend ist, sind die Verweise auf die Alten Götter, die in der leere jenseits des Weltraums residieren – es sind die gleichen Götter wie bei H.P. Lovecraft. Der Einsiedler von Providence war der Mentor von Fritz Leiber (und vielen anderen), und Leiber dankte es ihm mit den Fafhrd & Mauser-Geschichten.

Nun müssen sich der graue Mauser und Fafhrd nur noch in Lankhmar begegnen…

Die Übersetzung

Der Text ist weitgehend frei von Tippfehlern und Druckfehlern, doch es gibt noch letzte Überlebende, die dem Korrektor – den es anno dunnemals wirklich noch gab – entschlüpften.

S. 18: „Zelt, das von Halbreifen gestürzt wurde“. Eigentlich sollen sie ja „stützen“ statt „stürzen“, diese Halbreifen.

S. 34: „lange weiße Fangzähne“: Gemeint sind Reißzähne. Fangzähne sind eine Direktübertragung der englischen „fangs“, aber sie fangen rein gar nichts.

S. 57: „ein kosiger Morgen“: Das Gleiche in Grün – „kosig“ ist eine Direktübertragung des englischen „cosy“ und bedeutet im Deutschen eigentlich gar nichts; jedenfalls nicht das, was die Sprecherin meint, nämlich „kuschelig“.

Wer kann, sollte die Neuübersetzungen diesen veralteten Übersetzungen vorziehen. Schlücks Formulierungen weisen zwar den Charme der Fantasy-Tradition auf, aber auch dies musste irgendwann mal renoviert werden, wie der Fall des „Herrn der Ringe“ bestens belegt.

Unterm Strich

Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling fallen in das Genre der Sword and Sorcery, also Schwerter und Schwarzmagie. Fritz Leiber begründete mit diesen rund sechs Büchern, die zahlreiche Erzählungen umfassen, einen separaten Zweig innerhalb der Fantasy, der einerseits im Verbrechermilieu angesiedelt ist, andererseits viel mit Magie zu tun hat. Später baute hierauf die Shared-World-Serie „Die Diebe von Freistatt“ auf, die einigen AutorInnen ein gutes Auskommen verschaffte (dt. bei Bastei-Lübbe).

Die Abenteuer sind stets abwechslungs- und actionreich, doch die Helden werden selbst ebenfalls überlistet. Das farbenfrohe Milieu ist angelehnt an die Märchen aus tausendundeiner Nacht, doch die Magie entstammt dem finsteren Mittelalter Europas. Hier lassen sich in der Tat sehr vielfältige Plots ansiedeln. Einen brachialen Conan wird man hier aber nicht antreffen, denn für einen solchen Muskelprotz ist neben Fafhrd und dem Graue Mausling, zwei gewitzten Streunern, kein Platz.

Dieser erste Band führt die beiden Helden in separaten Abenteuern ein, bildet also quasi das Prequel zu der Serie mit dem Duo. Mich hat, wie so oft in diesen Erzählungen, die Tiefe der psychologischen Einsichten erstaunt. Der Autor lässt die Erkenntnisse aus seinem Psychologie-Studium einfließen. ***

Der Mausling

Während sich Fafhrd von seinem toten, begrabenen Vater und der übermächtigen Mutter lösen muss, bekommt es der graue Mauser mit der spiegelverkehrten Konstellation zu tun: Diesmal ist der Vater seiner Freundin übermächtig, die Mutter aber bereits, äh, untot. In beiden Fällen durfte sich der Leser dieser in den späten 1930er und 1940er Jahren in den Helden wiedererkennen – und bekam jeweils eine gewitzte Lösung des Problems angeboten: Fafhrd, der nordische Krieger und Skalde, agiert mit Grips und Schwert, während der Mauser ganz auf Grips und Manipulation setzt.

Humor

Die Art von Humor, mit der der Autor diese Geschichten erzählt, ist „tongue in cheek“, also schelmisch. Sie sollen durchaus nicht immer ernstgenommen werden. Aber das Vergnügen, das der Leser aus ihnen zieht, ist das überlegene Wissen, dass sich die beiden Helden doch nicht sonderlich intelligent anstellen. Andererseits könnte man den Leser fragen, wie er sich denn selbst in einer dieser vertrackten Situationen anstellen würde, in die die Helden geraten.

Caveat

Es gibt nur einen kleinen Haken für den zeitgenössischen Leser: Der Autor verlangt vom Leser durchaus die Aneignung klassischer Bildung, etwa über griechische und altpersische Mythologie, Kleinasien und den Vorderen Orient. Wer nicht über diese Allgemeinbildung verfügt, der schlägt eben in der Wikipedia nach.

Taschenbuch: 125 Seiten
Originaltitel: Swords and deviltry, 1970
aus dem US-Englischen von Thomas Schlück
www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)