G. Michael Hopf – The End: Die neue Welt

Das geschieht:

Von idealistischen Globalpolitikern u. a. Traumtänzern wurden sie verlacht und als Knopfdruck-Cowboys angeprangert, dabei hätte man besser auf sie, die Misstrauischen und Wehrbereiten unter den US-Amerikanern hören sollen: Aus dem Ausland kommt nichts Gutes, und vor allem der Nahe Osten ist eine Schlangengrube unzuverlässiger, undankbarer Terroristen! Jetzt ist es zu spät; finstere Turbanträger haben nicht nur die US-Hauptstadt Washington zerstört, sondern auch eine Atombombe in der Atmosphäre über den USA gezündet. Der davon ausgehende elektromagnetische Puls hat beinahe sämtliche mit Strom betriebenen Geräte und Motoren zerstört. Autos, Flugzeuge, Licht, Heizung, Wasserversorgung: Nichts funktioniert mehr.

Als Nahrung und Wasser knapp werden, die Regierung nicht helfen und die Polizei nicht schützen kann, bricht Anarchie aus. Jeder ist sich und den Seinen selbst der und die Nächste. Gordon Van Zandt, ehemals Sergeant im US Marine Corps, mottet seine Waffensammlung aus, um Gattin Samantha sowie die Kinder Haley und Hunter vor Plünderern und Pack zu bewahren, in die sich Mitbürger und Nachbarn flugs verwandeln.

Gordons jüngerer Bruder Sebastian ist ebenfalls ein Marine. Aus Afghanistan werden er und seine Kameraden in die Heimat zurückgerufen, um dort die Ordnung wiederherzustellen. Brad Conner, ein Republikaner, wird als neuer Präsident vereidigt. Seine Aufgabe ist praktisch unmöglich, denn weder das Militär noch die inländischen Ordnungsmächte sind in der Lage, dem Zerfall der Vereinigten Staaten Paroli zu bieten. Stattdessen will Conner sämtliche Schurkenstaaten dieser Erde seinerseits mit Atombomben pflastern. Die Demokratie wird zum Auslaufmodell, dem unter lauter Feinden, Feiglingen und Verrätern nur moralisch gefestigte Männer wie die Van Zandts Geltung verschaffen können …

Mene Mene Tekel Upharsin!

Mancher weiß es manchmal besser als seine Mitmenschen, doch sind es unerfreuliche Neuigkeiten, die er verbreiten will, darf er keineswegs auf Lob und Unterstützung hoffen. Dies gilt vor allen, wenn angekündigtes Unheil nur vage beschrieben werden kann. Belsazar, König des antiken Weltreichs Babylon, hatte Gottes Warnschrift (s. Kapiteltitel) auf der Wand seines Palastes nicht verstanden; seinen Fehler büßte er mit dem Tod, wie das Alte Testament im Buch Daniel (Kapitel 5, Vers 1-25) mahnend vermerkt.

Auch in den USA steht die Schrift bereits an der Wand. Gesehen und in ihrem Sinne interpretiert wird sie primär von denen, die ihr Land schwach und nachgiebig geworden sehen. Da die Vereinigten Staaten nach Ansicht dieser Gruppen von Feinden belagert und unterwandert werden, ist für sie der Moment entschlossenen Gegensteuerns längst gekommen bzw. beinahe verstrichen, weshalb sie entsprechende Horrorszenarien entwerfen, um die Ungläubigen aufzurütteln.

Neben Erweckungspredigern verkünden erzkonservative Politiker und hohe Militärs solche Botschaften. Nützlich sind dabei längst nicht mehr nur politische Netzwerke und die Medien. Auch die Populärkultur ist als Treibriemen erkannt worden: In eine spannende Geschichte verpackt schluckt auch der realpolitische Ignorant bittere Wahrheiten (auch wenn diese nicht zwangsläufig wahr sein müssen).

G. Michael Hopf ist ein „Falke“, wie er im US-Buch steht. Als ehemaliger Soldat und Kriegsveteran vertritt er definitiv wertkonservative Wertvorstellungen. Sein Mikrokosmos ist nicht grau, sondern schwarz und weiß: Hier sind wir, die USA, dort (und am besten draußen) steht der Rest der Welt, den man sorgfältig im Auge behält, notfalls unter die US-Knute zwingt und ansonsten ignoriert. Allerdings legt Hopf seine Wertmaßstäbe auch auf das Heimatland an: Dort sind jene, die unachtsam und unvorbereitet in den Tag hinein leben, von denen zu scheiden, die den „Feind“ erwarten und sich ihm nicht ergeben werden.

Immer eine Hand frei halten!

Zum „Feind“ mutiert in der Krise nach Hopf vor allem der Mitbürger, Nachbar, Arbeitskollege oder Freund, der die Zeichen der Zeit nicht begreift oder begreifen will. Not und Angst führen geradewegs in die Anarchie. Da nicht nur brave US-Amerikaner, sondern auch potenzielle Strolche in diesem freien Land zumindest waffentechnisch gut gerüstet sind, resultieren daraus umgehend Scharmützel, die sich bald zu bürgerkriegsähnlichen Gefechten steigern. In vielen dieser Strolche lauert – so Hopf – ein Tyrann, der nur darauf wartet, dass ihm Gesetz und Ordnung nicht mehr auf die Finger sehen, um mit Gewalt zum königgleichen Anführer einer marodierenden Räubertruppe zu mutieren, die plündernd, mordend und gebärtaugliche Frauen entführend die Lande verheert.

Glücklicherweise gibt es immer noch echte Amerikaner, die zwar ebenfalls schussfreudig aber vor allem nicht bereit sind, sich Banditen und Terroristen zu beugen. Die Brüder Van Zandt stehen stellvertretend für diese Keimzelle einer neuen Zivilisation. Noch während seine Nachbarn ratlos unter die Motorhauben ihrer EMP-gestoppten Autos starren, holt Gordon seine Knarre heraus, die er wenig später einem Pechvogel unter die Nase hält, der ihn bittet, seine in den Wehen liegende Gattin ins Krankenhaus zu bringen: Die eigene Familie geht jetzt vor. Wenig später legt Gordon drei Unruhestifter vorsichtshalber um: Selbst schuld, wer nicht – wie er – a) Pläne für den Tag X geschmiedet hat, die er b) jetzt nicht ohne Zögern umzusetzen gedenkt!

Weitere mitbestimmungswütige Schönwetter-Demokraten, mitleidige (= schwache) Weltretter und ähnliche Störenfriede & Bremsklötze werden von Gordon beiseite geräumt, der weitere Pioniergestalten um sich versammelt, um das heimische Stadtviertel mit einer möglichst hohen Schutzmauer zu umgeben: So hat man einst die Indianer ferngehalten – und hat es nicht prächtig funktioniert? Glücklicherweise hat Gordon eine echte Soldatenfrau geheiratet, die sich liebevoll seinem Befehl unterwirft, der in ihrem Fall lautet, bedingungslos die Kindsbrut zu bewachen.

Kameraden sind allemal wichtiger als Politiker

Das ‚offizielle‘ Amerika wird durch Sebastian Van Zandt repräsentiert, der als Soldat dorthin geschickt wurde, wo es bisher außerhalb der US-Grenzen brannte. Nun ruft die Regierung – angezählt aber nicht am Boden – ihre Truppen heim, wo sie für Recht und Ordnung sorgen sollen. Allerdings trifft der neue Präsident aus militärischer Sicht falsche Entscheidungen. Die Flotte schickt er dorthin, wo ohnehin alles verloren ist. Weil die Terror-Attacke seinem Sohn das Leben gekostet hat, ist er außerdem verrückt geworden und will mögliche Schuldige auf Verdacht mit Atomraketen beschießen, um eine Invasion der USA zu verhindern.

Auf See ist es ein Admiral, an Land ein General, die dort das Richtige zu tun gedenken, wo die Regierung – ohnehin frontfern und damit überfordert sowie mit kameradschaftsunwürdigen Karrieristen gespickt – versagt. Der eine meutert und führt seine Schiffe dorthin, wo die Marines tatsächlich etwas ausrichten können, der andere behält sich Befehlsverweigerung zumindest als Option vor, weil selbst er es für übertrieben hält, höchstens potenzielle Schurkenstaaten einfach vom Globus zu tilgen.

Solches Verhalten widerspricht dem geleisteten Fahneneid, für den die US-Krieger normalerweise ihr Leben voller Glückseligkeit opfern würden. Deshalb füllt Autor Hopf viele, viele Seiten mit Rechtfertigungen, die sich die Soldaten à la Sebastian Van Zandt – denen der gesunde Menschenverstand zuvor systematisch ausgetrieben wurde – die neue Realität zurechtbiegen: Weiterhin dienen sie einer großen und richtigen Sache, die halt nicht mehr identisch ist mit dem, was der Präsident von ihnen fordert. Auf diese Weise ist die horizontenge Soldatenwelt wieder in Ordnung. Wer dennoch zum Präsidenten hält, ist jetzt kein US-Bürger, Kamerad und Mensch mehr, sondern ein Gegner, den man zwar betrauern darf aber ausschalten muss.

Der hölzernen Figurenzeichnung entspricht ein Sprachduktus, der zwischen betonter Sachlichkeit und pathetischer Als-ob-Emotionalität schlingert. Über allem knattert das jederzeit hörbar das Sternenbanner; es wird oft übertönt von Mündungsfeuer, wenn Hopf seinen Roman – mehr Planspiel als Geschichte – mit weiteren, vom Publikum geschätzten Feuergefechten in die Länge zieht. Auf diese simple Weise kann es noch sehr lange weitergehend mit „The End“; sogar eine Verfilmung könnte drohen, ist dies doch exakt der mit Schmalz & Seifenschaum geschmierte Stoff, aus dem das moderne Fernsehen – vgl. zuletzt Warner Bros. Television mit der gefloppten, dem Hopf-Epos sehr (bzw. verdächtig?) ähnlichen Serie „Revolution“ (2012/14) – gesponnen wird. Hopf setzt seine Serie nicht nur eifrig fort, sondern flankiert sie seit 2015 mit den „Van-Zandt-Chronicles“: wahrlich apokalyptische Aussichten!

Autor

G. Michael Hopf (geb. 1970) gehört zu jener US-Jugend, die ihren Horizont nicht auf Reisen oder gar faul auf der Universität, sondern auf sehr traditionelle Weise erweitert, indem sie sich freiwillig zum Militär meldet. Hopf trieb es zu den ganz harten Jungs; und „in 1989 I was born again“ – und zwar als Mitglied des US-Marine Corps. Als solches nahm Hopf am Zweiten Golfkrieg (1990/91) und an der Befreiung Kuwaits von den irakischen Besatzern teil. Anschließend wurde er Ausbilder und ließ sich rund um den Globus versetzen.

Ende 1994 verließ Hopf das Marine Corps und wurde Taucher auf den Ölfeldern im Golf von Mexiko. Nach einem beinahe tödlichen Arbeitsunfall sattelte er als Bodyguard um; eine Arbeit, die er zehn Jahre ausübte und die ihn abermals um die ganze Welt führte. 2002 heiratete Hopf. Die bald vierköpfige Familie ließ sich in San Diego, Kalifornien, nieder. Seine Energie investierte Hopf nun in eine Karriere als Schriftsteller.

Hopf griff auf sein Wissen und seine Erfahrungen als Waffenspezialist zurück. Ab 2012 schrieb er an einem Post-Doomsday-Roman, der zum ersten Teil der inzwischen mehrfach fortgesetzten „New-World“-Serie (in Deutschland „The End“ wurde. Nicht Zombies oder Außerirdische, sondern böswillige Auslandsfeinde lassen hier die Zivilisation zusammenbrechen; ansonsten ereignen sich die üblichen Fehden, Intrigen und Überlebenskämpfe, die Hopf als dem Militär deutlich näher als der Regierung stehenden Mahner & Warner mit eher schlichter Weltsicht präsentieren.

Taschenbuch: 395 Seiten
Originaltitel: The End. A Postapocalyptic Novel (New York : Plume Books 2013)
Übersetzung: Andreas Schiffmann
Cover: Michael Schubert
www.gmichaelhopf.com
www.luzifer-verlag.de

eBook: 812 KB
ISBN-13: 978-3-958350-23-6
www.luzifer-verlag.de

Audiobook: 317 min. (gekürzt), gelesen von Till Hagen
ISBN-13: 978-3-943732-56-6
www.audible.de

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