Gear, W. Michael – Spinnenkrieger

_Indianer erobern das Universum_

Dies ist der erste Band einer einer ungewöhnlichen Space-Opera-Trilogie: Die hat nämlich ein Historiker und Anthropologe geschrieben.

Im von Menschen besiedelten Weltraum sind alle Aktivitäten streng reglementiert und vom zentralen Direktorat gesteuert. So etwas wie Individualismus existiert nicht – für Amerikaner ein Gräuel. Da entdeckt man auf einer fernen Welt zwei Volksgemeinschaften, die sich gegenseitig bekriegen und allen Anstrengungen des Direktorats, sie unter Kontrolle zu bringen, Paroli bieten. Ja, diese „Spinnenkrieger“ lassen sich nicht einmal auf ihre eigene Welt begrenzen!

_Der Autor_

W. Michael Gear studierte Anthropologie und Archäologie und hat mehrere Jahre im Mittleren Westen der USA in Ausgrabungs- und Forschungs-Camps verbracht, so dass man ihn als Kenner der nordamerikanischen Urzeit bezeichnen kann.

Von ihm und seiner Frau Kathleen erscheint seit mehreren Jahren ein Zyklus, der die frühen Völker des nordamerikanischen Kontinents vorstellt. Der Titel des ersten Bandes: „Im Zeichen des Wolfes“. Gear hat noch einen weiteren, bislang unübersetzten Science-Fiction-Zyklus namens „Forbidden Borders“ und den Science-Fiction-Roman „The Artifact“ geschrieben.

_Handlung_

Es sind nicht die Indianer der Prärien selbst, sondern ihre Nachkommen im Jahr 2783 n. Chr., die der Autor mit kenntnisreicher Feder in seiner Spinnen-Trilogie zu beschreiben versteht. In einem von Menschen besiedelten Universum, das vom Direktorat, vernetzten Supergehirnen, bis ins letzte Detail verwaltet wird, stößt man auf ein verstümmeltes Funksignal – allerdings aus einer Gegend, wo nichts sein dürfte.

Die alsbald ausgeschickte Expedition von Anthropologen landet auf dem Planeten der so genannten „Atlanter“, während der Kreuzer der Raumpatrouille in der Umlaufbahn wacht. Leeta Dobra, die etwas naive Anthropologin , und Rita Sarsa, militärische Leiterin des Landungstrupps, treffen zwei äußerst kriegerische Indianerstämme an. Diese strandeten vor 600 Jahren hier mit ihrem Raumschiff und entwickelten zwei gegensätzliche Religionen: Die Spinnenkrieger glauben an den Gott Spinne, eine Art Manitu für die Tapferen; und die Santos glauben an „Herrjesses“, der am Kreuz für sie starb.

Dobra und Sarsa fallen ahnungslos den Santos in die Hände. Nicht, dass diese durch Jesus zu sanften Schäfchen geworden wären! Durch zwei Spinnenkrieger werden die Frauen vor Vergewaltigung und Versklavung gerettet. Allmählich führt die Bekanntschaft zur Liebe: zwischen Sarsa und Philip, einem Empathen, und zwischen Leeta Dobra und John Smith Eisenauge. Der ist zufällig – oder auch nicht zufällig – der größte Krieger des Spinnenvolks.

Nachdem Leeta ihm das Leben gerettet hat und sie Lebensweise und Weltanschauung seines Volkes schätzen gelernt hat, hecken alle zusammen den Plan aus, die dem Direktorat durch ihre Wildheit gefährlichen Romananer – so heißen die Bewohner dieses Planeten nun – vor der Ausrottung zu bewahren und den Patrouillenkreuzer des Direktorats zu kapern. Einer der hellsichtigen Romananer fliegt zur Zentralwelt, um dort das Direktorat eines Besseren zu belehren.

Während Leeta den Kreuzerkapitän eine Zeitlang in Sicherheit wiegt, gelingt es Sarsa, die Romananer für den Überfall fit zu machen. Schließlich kann nicht jeder Wilde eine Schleusentür bedienen, geschweige denn eine Laserpistole. Nachdem der Piratenakt gelungen ist, sollen zwei weitere Direktoratskreuzer das gekaperte Schiff vernichten. Es kommt zu unvermeidlichen Schlacht. Weil der Kapitän zu ihnen überläuft, gewinnen die Spinnenkrieger das Gefecht. Allerdings verlieren sie Leeta, die vor ihrem Tod den Rest der Menschheit vom drohenden Untergang der Romananer in Kenntnis setzen konnte.

_Mein Eindruck_

Der Autor entwirft deutlich einen sozialen, mentalen und psychologischen Gegensatz, der die gesamte Trilogie trägt. Einerseits die völlig verplante Direktoratsgesellschaft, in der Eigeninitiative verpönt ist und alles quasi wie unterm Kommunismus geregelt wird. Das Individuum hat sich dem Wohl und dem Willen des Ganzen unterzuordnen. Das Ergebnis sind Stagnation und Zerfall.

Auf der anderen Seite steht ein ebenso wenig sympathisches Gesellschaftssystem. Denn ein Teil jener wilden Indianer, die Santos, bedient sich durchaus Vergewaltigung und Versklavung, um mit Andersartigen fertigzuwerden. Das erinnert an den Film „Der Mann, den sie Pferd nannten“. Allerdings werden hier Individualismus und Eigeninitiative belohnt: Um ein großer Krieger zu werden (und daher viele Nachkommen ernähren zu können), muss man sich gegenüber dem Feind auszeichnen.

John Smith Eisenauge ist so ein Bursche mit Führungsqualitäten. Zusammen mit dem Propheten Philip schickt er sich an, die Welt des Direktorats zum Wanken zu bringen. Sie erinnern an das indianische Brüderpaar Tecumseh, den großen Kriegshäuptling der Shawnee, und seinen prophetischen Bruder Ten-squata-wá, die im 18. und 19. Jahrhundert den amerikanischen Truppen von den Großen Seen bis zum Tennessee das Leben schwer machten.

_Unterm Strich_

Wildromantisch, diese edlen Wilden, nicht wahr? Leider werden solche Erwartungen à la „Lederstrumpf“ bitter enttäuscht und doch übertroffen, denn die Rebellion der Spinnenkrieger ist ungleich blutiger und brutaler, als es Pubertätsträume zulassen, und doch so hochfliegend wie die „Amerikanische Revolution“, mit der die gesamte Trilogie eine auffällige Ähnlichkeit aufweist.

|Zur Übersetzung|

Die Übersetzung von Star-Übersetzer Horst Pukallus ist ausgezeichnet gelungen, aber wie stets etwas gewöhnungsbedürftig. Wer sonst als er würde sich trauen, „Herrjesses“ zu schreiben?

|Originaltitel: The Warriors of Spider, 1992
Aus dem US-Englischen von Horst Pukallus|

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