Gemmell, David – Waylander der Graue (Drenai-Saga)

Der 3. Waylander-Roman aus David Gemmels Drenai-Saga ist eine bemerkenswert komplexe und gefühlsgeladene Geschichte, wenn man sie mit ihren Vorgängern vergleicht.

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

|David Gemmell bei Buchwurm.info:|
[Die steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Rigante 1)
[Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Rigante 2)
[Rabenherz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498 (Rigante 3)
[Im Zeichen des dunklen Mondes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=840
[Wolf in Shadow]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=181 (Stones of Power)
[Die Augen von Alchazzar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1188 (Drenai-Saga)
[Eisenhands Tochter]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1194 (Die Falkenkönigin 1)

_Handlung_

Waylander der Schlächter hat sich als alter Mann in seinem Felsenpalast im Lande Kydor am Meer niedergelassen. Er ist nun nicht mehr als Dakeyras oder Waylander bekannt, sondern als der Gray Man. Als Dakeyras war er Farmer, hatte eine Frau und drei Kinder.

Doch nachdem sie brutal von einer Bande Soldaten ermordet worden waren, wurde er zum Assassinen, der in jahrelanger Arbeit alle 19 Mann tötete. Nachdem er angeheuert worden war, einen König zu töten (den letzten der Drenai-Dynastie), brach ein verheerender Krieg aus. Nun jedoch, bitter durch seine Taten, doch augenscheinlich ausgeglichen, ist Waylander zwar immer noch wehrhaft, doch steht er nun Hilfsbedürftigen bei, seien sie nun arm an Wissen, Gesundheit, Geld oder Sicherheit.

Waylander ist reich und kann es sich leisten. Doch die Schatten der Vergangenheit von Kydor holen auch ihn, der nur Frieden will, ein. Denn seine Palastfestung liegt nicht weit von den Ruinen der alten Stadt Kuan Hador. Man weiß nicht viel über die versunkene Stadt, und als riesige Monster in ihrer Umgebung über Reisende herfallen, wird das Königreich Kydor ins Chaos gestürzt.

Allmählich erkennt Waylander Zusammenhänge. Bei einer Party taucht ein merkwürdiger Zauberer auf, begleitet von einem Jungen, möglicherweise seinem Medium. Der Zauberer vermag Illusionen von Tierwesen zu erzeugen. Wenige Tage später stellen sich ebensolche Tierwesen als sehr lebendig heraus: Ein Fest hoher Herrschaften verwandelt sich im Handumdrehen in ein Schlachthaus. Dabei hätte auch Waylander draufgehen sollen, doch er hatte den Braten gerochen und verschwand rechtzeitig. Immerhin rettet er noch den einzigen Erben des Drenai-Königreichs, den Sohn jenes Königs, den er selbst tötete.

Die Feinde Waylanders, allen voran Lord Aric, sind einen unseligen Pakt mit dem Geisterbeschwörer eingegangen, um die Macht an sich zu reißen. Sie ahnen nicht, dass sie nur benutzt werden, bis Anharat, der Fürst der Dämonen selbst, durch ein Dimensionstor in Kuan Hador die Herrschaft auf dieser Welt antreten wird.

Die einzige Rettung bieten zwei Gruppen: abtrünnige Tierwesen, die Anharats Herrschaft entkommen konnten, und magische Schwertkämpfer. Die zwei letzten dieser Helden vermögen in einer Höhle eine kleine Armee weiterer Schwertkämpfer aus Lehm zum Leben zu erwecken, gegen die Dämonenschar Anharats anzutreten und sogar das Dimensionstor zu schließen – ein gewaltiger Showdown. Aber dies ist nicht das Ende, denn Anharat selbst hat noch einen Auftritt …

_Mein Eindruck_

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass einmal ein Waylander-Roman einerseits so komplex sein könnte und andererseits seine Helden mit solcher Liebe und Sympathie gestaltet sein könnten.

Jede Figur des Romans, vor allem auch die Schurken wie Lord Aric sowie Menschen fragwürdiger Moral wie etwa eine Hure oder ein Heuchler, ist genau und mit Tiefe gezeichnet. Selbst wenn sie nur Nebenfiguren sind, sind sie alle mit einer Geschichte versehen. Wir erfahren von ihren Fehlern, Fähigkeiten, Mängeln; die machen teils sympathisch, teils abstoßend. So wird klar, warum sich ihre Wege mit denen von Waylander kreuzen.

Häufig sind ihre Geschichten tragisch, wie etwa die der geheimen Heldin des Buchs, einer abtrünnigen Tierfrau, die sich in einen Tiger verwandeln kann – manchmal aber auch komisch, wie die des Grabenarbeiters, der ein Bandit wurde, aber durch den Fund eines magischen Schwertes seinen Teil zum Guten beitrug. Keiner von ihnen ist ohne Makel, und wir fühlen Mitleid. Dennoch könnte man die selbstlos Handelnden „Helden“ nennen, jeder auf seine Weise. Und selbst die Schurken in diesem Gruselstück zeigen eine Seele: Der Geisterbeschwörer, Lord Aric, und auch das Medium.

Es ist schon ein erstaunliches Buch. Gemmell gibt sich nicht mit einem Genre zufrieden, wie deutlich wurde: Neben der üblichen Fantasy – mit Mythen, Schwertkampf und Magie – gibt es auch Schauerszenen, Dimensionstore, Menschenexperimente und sogar eine Zeitreise!

Wichtiger ist jedoch die Betonung auf Schmerz und Leiden, den Verlust geliebter Menschen und die Erkenntnis, dass das Böse uns nicht so fern liegt, wie wir gerne glauben würden. Wir belieben zwar anzunehmen, dass wir unseren Mitmenschen kein Härchen krümmen könnten, dass schreckliche Taten nur von wert(e)losen Menschen begangen werden, aber niemals von uns. Das stimmt nicht, zeigt uns Gemmell. Wir sind durchaus dazu in der Lage. In diesem Buch legen selbst die übelsten Figuren Mitgefühl an den Tag, und die (schein)heiligen Menschen, die von der Kanzel predigen und Schutz anbieten, zeigen uns, wie rein sie eben nicht sind.

_Unterm Strich_

„Waylander der Graue“ hat mir ausnehmend gut gefallen. Es ist nicht nur ein gelungener Drenai-Roman, der die Tradition ausgezeichnet weiterführt. Dieses Buch führt auch neue Elemente und Gedanken ein, die man so noch sehr selten in der Heroic Fantasy findet – und dieser Roman hat eine gesellschaftliche Aussage, die sich nicht jeder Autor zu äußern trauen würde.