Gerritsen, Tess – Schwesternmord

_Spannend und dramatisch: Pathologin, hilf dir selbst!_

Dr. Maura Isles bestreitet ihren Lebensunterhalt mit dem Tod. Als Gerichtsmedizinerin in der Bostoner Innenstadt hat sie mehr als genug Leichen gesehen. Aber noch nie war der leblose Körper auf dem Obduktionstisch ihr eigener. Es hilft aber nichts, das Offensichtliche abzustreiten: Die tote Frau vor ihr und ihrer engen Freundin und Kollegon Detective Jane Rizzoli ist das genaue Spiegelbild Mauras, bis hin zu den intimsten körperlichen Einzelheiten.

Noch schauerlicher ist die Entdeckung, dass Maura das gleiche Geburtsdatum und die gleiche Blutgruppe wie die Tote hat. Als auch noch ein DNS-Test bestätigt, dass es sich um Mauras Zwillingsschwester handelt, wird aus einer bereits bizarren Morduntersuchung eine verstörende und gefährliche Exkusion in eine Vergangenheit voller dunkler und tödlicher Geheimnisse … (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department. „Body Double“ trägt in der Übersetzung den treffenden Titel „Schwesternmord“.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

|Rezensionen bei Buchwurm.info:|
[Die Chirurgin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189
[Der Meister]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1345
[Todsünde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451

|Die Sprecherin|

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Handlung_

Als Dr. Maura Isles von einem Gerichtsmediziner-Kongress in Paris wieder in Boston eintrifft, traut sie ihren übermüdeten Augen kaum. Vor ihrem Haus in diesem friedlichen Viertel flirren die Blaulichter von mehreren Polizeiautos, und eine Menschenmenge hat sich auf der Straße versammelt. Als sie aus dem Taxi steigt, wird sie zunächst angestarrt, als sei sie ein Geist. Kein Wunder: Jeder hält sie für tot!

Detective Jane Rizzoli und ihre Kollegen vom lokalen Police Department fragen sie erst einmal aus, bevor sie ihr sagen, was Sache ist. Behutsam wird sie auf den Schock ihres Lebens vorbereitet. Da steht ein Auto vor ihrer Tür, und auf der Innenseite der Beifahrertür sind drei parallele Schlitze im Polster zu erkennen, als hätte die Klaue eines Raubtiers hier zugeschlagen. Auf dem Fahrersitz hingegen sitzt eine zusammengesunkene Gestalt: Sie trägt Mauras Gesicht, befindet sich in Mauras Alter und hat sogar Mauras Haarfarbe, schwarz. Ein unschönes Einschussloch verunziert ihren Schädel. Da braucht Maura erst einmal eine Stärkung.

Die Tote wird anhand der Papiere als eine Anna Jessop identifiziert, aber anscheinend existiert Anna Jessop erst seit sechs Monaten. Sehr seltsam. Offenbar ist der Name gefälscht, aber warum? Wie ein Cop namens Rick Ballard erzählt, fühlte sich Anna verfolgt von ihrem Ex-Freund, einem Großindustriellen namens Casell. Seine Drohungen führten dazu, dass sie untertauchte und nach ihrer wahren Herkunft suchte. Sie erfuhr durch den Adoptionsvermittler Terence Van Gates, dass sie eine Schwester – Maura – hatte und woher ihre Familie stammt: aus dem kleinen Fischerort Fox Harbor in Maine. Dort, so Ballard, lebte sie eine Zeitlang, bis etwas sie vertrieb und sie nach Boston zurückkehrte. Leider nur, um hier den Tod zu finden.

Maura ist selbst eine adoptierte Tochter. Sie wuchs in Kalifornien auf, bevor sie vor zwei Jahren nach Boston zog. Nun fühlt sie sich entwurzelt, herausgerissen aus dem Kreislauf des Lebens. Die Frau, die da vor ihren Augen obduziert wird, ist tatsächlich ihre Zwillingsschwester, von der sie nie etwas ahnte. Aber wer sind dann ihre Mutter und ihre Vater, die sie vor 40 Jahren weggegeben haben?

Als sie das Frauengefängnis von Massachusetts besucht, sitzt sie einer alten Frau gegenüber, von der man ihr sagt, dass dies ihre leibliche Mutter sei: Amalthea Lank. Sie hat Schizophrenie und zittert von den falschen Medikamenten, mit denen man sie behandelte, erkennt Maura. Doch als Maura sich zum Gehen wendet, warnt Amalthea sie leise: „Er wird dich finden. Du wirst sterben.“

Der Schlüssel zu Mauras Vergangenheit liegt in Fox Harbor. Und dort warten schreckliche Entdeckungen auf sie und Rizzoli.

Denn dass Maura und Anna für je 20.000 Dollar in bar zur Adoption weggegeben wurden, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Mittlerweile wartet der Verkäufer nicht mehr, bis ein Baby zur Welt kommt, das er verkaufen kann. Er holt sich die Schwangere direkt in der Stadt, sperrt sie ein und wartet, bis der Tag der Geburt gekommen ist. Danach hat er leider keine Verwendung mehr für die Mutter. Allerdings gerät er diesmal an die Falsche.

_Mein Eindruck_

„Schwesternmord“ (Body Double) schließt direkt an „Todsünde“ (The Sinner) an. So ist Rizzolis Schwangerschaft bereits im achten Monat angelangt, so dass sich ihre Kollegen wundern, wie sie bei ihren ständigen Toilettenbesuchen und dem Watschelgang ihr Arbeitspensum schafft. Darüber habe ich mich auch gewundert, denn Rizzoli könnte schon längst in Mutterurlaub gehen. Zum Glück für Maura tut sie das aber nicht. Denn Mauras Privat- und Seelenleben gerät durch die Entdeckung ihrer Zwillingsschwester und ihrer Mutter völlig aus den Fugen. Zunächst einmal entsagt sie Vater Brophy, denn das wäre eh nur eine Beziehung ohne Aussicht auf Erfüllung geworden. Schließlich muss Brophy dem Zölibat gehorchen. Aber wenigstens erklärt er ihr, warum er überhaupt Priester geworden ist. Das tröstet sie über ihren Schmerz.

Und dann taucht da dieser überaus hilfsbereite und umsorgende Detective Rick Ballard auf. Mit dem würde Maura sogar liebend gerne ins Bett steigen, wenn es da nicht ein kleines Problem mit der Wahrheit gäbe, über das sie Rizzoli rechtzeitig in Kenntnis setzt. Hat sich Rick auch um Anna so fürsorglich gekümmert, liebte er sie? Beide Male ist die Antwort „ja“. Und soll Maura nun Annas Platz in Ricks Herzen einnehmen? Das wird sie sich dreimal überlegen. Und tut gut daran, denn was sie in Ricks Familie, der mit seiner Frau in Scheidung lebt, vorfindet, schreckt sie erst einmal gehörig ab.

|Es gibt viel zu tun: Graben wir’s aus!|

Bleibt also die Arbeit. Ohne nun zu viel verraten zu dürfen, findet Maura in Boston und Fox Harbor doch jede Menge an Rätseln und Geheimnissen, die sie (und Rizzoli) mächtig auf Trab halten. Stets ist ihre Expertise als die „Königin der Toten“ gefragt, wie die Cops sie halb im Scherz, halb voller Respekt nennen. Hierdurch macht die Autorin ihrer Kollegin Kathy Reichs auf sehr kompetente Weise Konkurrenz. Und meiner Ansicht nach macht sie dabei einen besseren Job als die etwas seichte Reichs.

Es gibt eine Szene in Fox Harbor, als Maura und Rizzoli den Keller des Lank-Hauses von einer Einheit Tatortuntersuchungs-Spezialisten nach allen Regeln der Kunst analysieren lassen. Das Vorgehen der Leute wirkt dabei ebenso authentisch wie ihre Sprache und ihr Verhalten. Als auch noch die Immobilienmaklerin Britta Clausen auftaucht und zu Recht fragt, wie die Cops dazu kommen, ohne Erlaubnis im Keller ihres Hauses zu buddeln, wird die Szene allmählich bizarr und symbolhaft. Genau wie das, was man zu Tage fördert, Aufschluss über die Bewohner gibt, so beginnt Clausen endlich auch zu enthüllen, was das für Bewohner waren. Einen davon, Elijah Lank, hat der Leser bereits im Prolog kennen gelernt, und zwar mit Schaudern.

|Danke, lieber Lehane!|

Von ihrem Bostoner Kollegen Dennis Lehane hat Gerritsen abgeschaut, wie wirkungsvoll es sein kann, auch mal die so genannten „besseren Kreise“ und ihre Marotten zu beschreiben. Wie Lehanes Ermittler Kenzie & Gennaro dringen Maura und Rizzoli in die abgefahrensten Villen ein, nur um dort den traurigsten Gestalten zu begegnen, z. B. einer lebenden Barbiepuppe. Leider musste ich feststellen, dass die porträtierte Psychologin J. O’Donnell direkt aus einem von Lehanes Büchern stammen könnte, in dem eine ebensolche Psychologin eine wichtige, aber leider zwielichtige Rolle spielt. O’Donnell wird als „Vampirin“ hingestellt, die sich an Erzählungen aus erster Hand über das „Böse“ aufgeilt. Nicht gerade schmeichelhaft, diese Beschreibung. Die heißblütige Italienerin Rizzoli würde sie natürlich am liebsten auf der Stelle umbringen. Wenigstens liefert O’Donnell einen wichtigen Hinweis.

|Spaß mit Sam und Frodo|

Hat Gerritsen zu viel „Herr der Ringe“ gesehen? Offenbar schon, denn Sam und Frodo treten persönlich auf. Natürlich nicht im Film-Outfit, sondern als zwei unzertrennliche Cops in einem Bostoner Pub. Sie verfügen über die richtige Statur: der eine etwas klein und beleibt, der andere etwas hager. Wer nun welcher Hobbit ist, ist überflüssig zu sagen.

Sie schließen dauernd Wetten darüber ab, welches Geschlecht Rizzolis Baby haben wird. Mädchen, Junge und Sonstige – welches wird das Rennen machen? Als Rizzoli darauf hinweist, dass sie auch Zwillinge haben könnte, nämlich einen Mädchen UND einen Jungen, geraten die beiden Hobbits in ein Dilemma, „so groß wie der Schicksalsberg“. Aber nur vorübergehend.

|Die Sprecherin|

Katharina Thalbach moduliert ihren Vortrag, wie es die jeweiligen Figuren und Situationen erfordern. Sie kann flüstern, aber durchaus auch mal schreien. Somit vermittelt sie nicht nur die Besonderheit einer Szene, sondern auch die emotionale Lage einer Figur. Einmal radelt Alice mit Elijah Lang den Berg hoch; dementsprechend atemlos wird ihr Text wiedergegeben. Das ist ausgezeichnet.
Thalbach hat nur ein großes Manko: Sie ist nicht fit in Englisch. Das ging mir ziemlich auf den Wecker, besonders wenn sie so einfache und im Text häufig vorkommende Wöter wie „talon“ (Kralle) und „stalker“ falsch aussprach. Sie sagt „tejlon“ statt „tällon“ und „stalker“ (also wie im Deutschen) statt „stålk(e)r“. Der im späteren Verlauf so wichtige Ort Fox Harbor ist ebenfalls falsch ausgesprochen. Es ließen sich noch weitere Beispiel anführen, aber ich denke, diese Belege reichen.

_Unterm Strich_

Auch „Schwesternmord“ ist mal wieder spannend bis zur vorletzten Szene. Wenn alle sich bereits in Sicherheit wiegen, weil der Täter gefasst ist, so fehlt doch noch eine Kleinigkeit, denkt der Leser: Der Mord an Anna ist noch unaufgeklärt. Und wo bitteschön kommt diese superseltene Kugel her, die man ihr ins Hirn schoss? Sowas muss doch schnell zu finden sein, oder? Glücklich also der Leser, der aufgepasst hat und sich nicht hat durch Mauras Jagd auf die Vergangenheit von der Spur abbringen lassen. Denn nun kann er sich auf einen zweiten Showdown freuen. Und nur wer supergenau aufgepasst hat, kann sagen, wer hier der Täter sein könnte.

Dieses Detail hat auch mich überrascht, aber die restliche Story konnte ich mir schon nach der Hälfte des Buches zusammenreimen, insbesondere wegen des hilfreichen Prologs über Elijah Lanks erste Untat. Das macht aber nichts, denn Spannung und Action sind nicht das primäre Ziel der Autorin. Diese bestehen vielmehr in der Untersuchung der Bedeutung einer Schwangerschaft – sie ist selbst zweifache Mutter – für eine jede Frau. Und zwar sowohl hinsichtlich der vielfältigen biologischen und anatomischen Veränderungen (die vielfach humorvoll dargestellt werden), aber vor allem hinsichtlich gesellschaftlichen Akzeptanz von Schwangeren – und somit auch von Babys.

|Du Kuh, du!|

Das neueste Opfer ist Mattie Purvis, eine junge naive Ehefrau im neunten Monat, die leider ein egoistisches Arschloch geheiratet hat, das sie betrügt. Er nennt als Grund, dass sie ihn an eine Kuh erinnere und er nichts mehr an ihr finden könne, das ihn reize. Ich kenne Frauen, die diese wenig schmeichelhafte Beschreibung tatsächlich übernommen haben und sich überhaupt nicht schön fanden – „wo ist meine Taille hingekommen“? Das häufig verinnerlichte Schönheitsideal, schlank wie ein Model sein zu müssen, steht dem Kinderwunsch diametral entgegen. Wenigstens hält Rizzolis Göttergatte Gabriel Dean voll zu ihr und dem kommenden Baby.

|Ätzende Kritik|

Dass es aber professionelle Adoptionsvermittler ohne Skrupel gibt, die sich an Babys – besonders an weißen Babys kaukasischer Abstammung – eine goldene Nase verdienen, gibt der Autorin Anlass zu ätzender Kritik. Die Kritik hat sie in den gesamten Roman verpackt, aber sie scheint hier und da deutlich durch, besonders dann, wenn die Folgen der Zwangsadoptionen sichtbar werden, z. B. an Anna und Maura. Und am ätzendsten wird die Kritik dort, wo Amalthea Lank das jahrelange Treiben ihrer Familie mit Mauras Job, Leichen aufzuschneiden, vergleicht. Sie tue für die Adoptionsvermittler auch nichts anderes: Nur dass die Körper dann noch leben …

|Das Hörbuch|

Die Vortragsweise der Kino- und Theaterschauspielerin Katharina Thalbach („Die Blechtrommel“ u. a.) erweckt die Szenen und Szenen und Figuren zum Leben, so dass sich der Hörer schnell darin einfühlen kann. Leider wird dieser positive Effekt bei Kennern des Englischen stark gestört, weil die Sprecherin des Öfteren die falsche Aussprache gewählt hat. Das betrifft nicht etwa komplizierte Wörter, sondern auch ganz einfache wie „talon“ oder „stalker“ (ein Begriff, der auch bei uns in die Umgangssprache Eingang gefunden hat, und zwar in der englischen Aussprache).

Deshalb würde ich das Hörbuch zwar empfehlen, aber eine andere Sprecherin bevorzugen.

|Originaltitel: Body Double, 2004
6 CDs, 420 Minuten
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Jäger|