Gibson, William – Mustererkennung

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter? Ihre Recherche führt sie ins Machtzentrum unserer globalisierten Gesellschaft.

_Der Autor_

William (Ford) Gibson, geboren 1948, lebt in Vancouver, British Columbia, jener Gegend, in der auch seine Kollege Douglas Coupland lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er fing als Englischlehrer an, floh vor dem Wehrdienst ins kanadische Toronto und schrieb ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre Erzählungen, die die Science-Fiction verändern sollten.

Höhepunkt dieser Entwicklung war der Roman [„Neuromancer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 in dem er den „Cyberspace“ postulierte, das, was wir heute als Internet kennen und nutzen. Allerdings stöpselt sich Gibsons Held Case direkt in den Computer ein. Auch an dieser direkten Gehirn-Maschine-Verbindung wird bereits gearbeitet, Geräte für Endverbraucher waren schon auf der CeBIT 2004 zu sehen.

Sein Werk bestand bis zu „Mustererkennung“ aus vielen Storys und zwei Roman-Trilogien, der „Neuromancer“- und der „Idoru“-Trilogie. Alle Bücher sind bei |Heyne| erschienen. Doch „Mustererkennung“ erscheint bei einem Verlag, der nicht gerade für Science-Fiction bekannt ist, sondern vielmehr für Tolkien und andere Fantasy: bei |Klett-Cotta|.

Mehr Infos: http://www.williamgibsonbooks.com und http://www.williamgibson.de/

_Handlung_

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter?

Um zu verstehen, was das Thema des Buches ist, muss man zunächst die Hauptfigur Cayce Pollard verstehen, ihre spezielle Sensibilität, Tätigkeit und Welt. Die Dreißigjährige, deren Name zufällig genauso ausgesprochen wird wie Gibsons erster Held Case, ist eine hochbezahlte und auf geradezu unheimliche Weise intuitive Marketing-Beraterin. Sie sagt ihren Auftraggebern, ob ein Logo Erfolg verspricht oder ein Flop wird. Deshalb kennt sie sämtliche Logos aller Zeichen – und hat eine Meinung dazu. Eigentlich wohnt sie in New York City, doch ihr neuester Auftrag hat sie nach London geführt. Sie kann in der Wohnung ihres Freundes Damien wohnen, der zurzeit in Stalingrad mit russischen Helfern Soldatenleichen ausgräbt und seine makabre Arbeit auf Film festhält.

Gleich nach ihrer Ankunft in London (Camden Town) hat sie sich ins Netz eingestöpselt, um den neuesten Filmclip – Nr. 135 – herunterzuladen und die entsprechende Newsgroup abzufragen. Es gibt zwei Denk-Schulen: Entweder gehören die Clips zu einem bereits fertigen Werk, dessen Schnipsel nun die Welt peu à peu beglücken oder das Werk – ein Film? – befindet sich gerade im Aufbau, und die Welt darf gespannt zugucken, was dabei entsteht. Cayce hat sich noch nicht für eine der zwei konträren Ansichten entschieden, neigt aber zu letzter Ansicht.

Aber auch in London erweist es sich als unmöglich, dem Kultphänomen zu entgehen. Sie erfährt, dass ihr gegenwärtiger Auftraggeber „Blue Ant“ über eine Schwesterfirma Mundpropaganda über die Filmclips verbreiten lässt, um herauszufinden, wen die Info erreicht und über welche Wege. Dazu passt die Nachricht, dass auch die Urheber der Clips das Gleiche tun, allerdings auf andere Weise: Sie schmuggeln in die Clips elektronische „Wasserzeichen“ ein, um die Endabnehmer ermitteln zu können. Willkommen in der modernen Welt des Guerilla-Marketing!

Als Unbekannte in die Wohnung ihres Freundes eindringen und auf ihrem Computer eine Porno-Website abfrage, weiß Cayce, dass es um mehr gehen muss. Steckt diese unausstehliche Italienerein namens Dorotea Benedetti dahinter, die sogar Cayces ausgeprägte Phobie vor bestimmten Markenzeichen (der unsägliche Michelin-Mann!) gegen sie ausnutzt? Der Chef von |Blue Ant|, ein neureicher Belgier namens Hubertus Bigend, bittet sie, für ihn die Urheber der Kultclips ausfindig zu machen. Gegen Honorar, versteht sich. Er will diese Marketingmethode für Filmgeschäfte ausnutzen und wittert das große Geschäft.

Cayces Vater ist einer der Gründe, warum sie den Auftrag übernimmt. Wingrove Pollard war während des Kalten Krieges ein Sicherheitsguru, offenbar ein Ex-CIA-Agent, und lehrte seine Tochter einiges über Selbstverteidigung und Absicherung der Umgebung. Er nahm am 11. September 2001 ein Taxi Richtung World Trade Center. Er gilt als verschollen, doch seine Lebensversicherung betrachtet ihn nicht als tot. Cayce trauert noch immer um ihn, er erscheint in ihren Träumen. Von ihm hat sie zahlreiche ihrer Vorgehensweisen gelernt, die ihr beispielsweise bei der Sicherung der Wohnung zupass kommen.

Als sie diesen gefährlichen und unheimlichen Job für |Blue Ant| weiterverfolgt, führt sie ihr Weg erst nach Tokio und in die südenglische Provinz, schließlich nach Moskau zu den Urhebern der Filmeclips – eine sehr bewegende Begegnung, die an eine Epiphanie grenzt. Hilfe erhält sie von unerwarteter Seite, aber auch Verrat droht. Die Spur führt zu den Urhebern, aber auch über das Schicksal ihres Vaters erfährt Cayce endlich Genaueres.

_Mein Eindruck_

Die Handlung bewegt sich stets an der vordersten Front der Entwicklung des Internet, deshalb ist es für jeden Leser ratsam, sich in dieser Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen. Cayce ist ständig in einer Newsgroup, in der die zwei Denkschulen miteinander in Threads diskutieren, dann wieder entdeckt sie die Wasserzeichen und erfährt etwas über Steganografie. Auch Keylogger werden gegen Cayce eingesetzt, also versteckte Programme, die Tastatureingaben aufzeichnen und an unbefugte Dritte weiterleiten.

Brieffreunde erweisen sich als Freunde fürs Leben, Freunde erweisen sich als Verräter, und Feinde werden zu Überläufern, alles ist im Fluss. Das wichtigste Zitat des Buches auf Seite 78: |“Wir haben keine Zukunft, weil unsere Gegenwart so flüchtig ist. […] Wir haben nur das Risikomanagement. Den Spin des momentanen Szenarios. Mustererkennung.“| Grob zusammengefasst: Die Zukunft ist unkenntlich geworden, denn unsere Gegenwart lässt keine Gewissheiten mehr zu, nur noch Mustererkennung zwecks Risikobewältigung. Wir können uns auch nicht an die Vergangenheit unserer Großeltern halten, |“weil sie nicht genügend ‚Jetzt‘ als Grundlage hat.“|

|Mustererkennung|

Und genau darum geht es im ganzen Buch: um Mustererkennung. Cayces scharfer, von Papa geschulter Blick sortiert ständig ein und wertet. Globalisierte Unternehmen sind überall zu finden, da ist die Wertung einfach: McDonald’s, GAP, Prada, überall das Gleiche. Doch in England besteht ein einfacher Unterschied zu den USA: Es ist die Spiegelwelt. Man fährt links statt rechts. Das war’s. Um sich ihrer Identität zu versichern, ist es für Cayce lebenswichtig, die Artikel, die sie benutzt, jeder eigenen Identität zu berauben (sie entfernt die Etiketten) und zu verändern (trennt Nähte auf etc.). Wenn sie nicht gleich ultraseltene Artikel kauft.

Im Ozean des Ewiggleichen ist das Eigenständige, Individuelle aber nicht nur ein Boot für das Ego, sondern auch eine Herausforderung an die Gleichmacher. Und an die Machthaber. Zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion. Cayce stößt daher als Frau des 21. Jahrhunderts auf Organisationen, die sich auf ihre angestammte Macht einiges zugute halten: die Mafia, der KGB, die alte CIA und wie sie alle heißen. Leichen aus dem Keller des Kalten Krieges, aber sie leben noch und machen ihr das Leben schwer. Das Einzige, was sich für sie in diesem Schatten-Kampf als hilfreich erweist, sind die Lehren ihres Vaters, der ja selbst ein Kalter Krieger war. Und der ihr einiges über Paranoia beigebracht hat.

|Epiphanie|

Es ist die gleiche Paranoia, die die Urheber der Filmclips gezwungen hat, sich verborgen zu halten und die Verbreitung ihrer Werke zu überwachen. Der Moment, als Cayce endlich die weiblichen Urheber der Clips, die die ganze Welt faszinieren, kennen lernt, bricht ihr schier das Herz. Ich kann hier nicht mehr verraten, doch das Schicksal der Urheber gleicht ihrem eigenen auf unheimliche Weise: Sie hat ihren Vater bei einem Anschlag verloren, sie haben ihre Eltern bei einem Anschlag verloren. Und nun erschaffen sie eine fiktive Welt, die die Gestalt eines Minensplitters hat. Und die Mine kam aus den USA….

Man merkt also: Hinter all der virtuellen Realität des Internet und den Schrecken der globalisierten Unternehmen befindet sich eine Welt, die von Schicksalen, Emotionen, Träumen und wildesten geistigen Verknüpfungen geprägt ist. Diese Dinge sind nicht nur sehr bewegend, sondern mitunter auch sehr komisch und erheiternd, eben menschlich. Und das vor allem macht die Lektüre des Buches zu einem Erlebnis, von dem man mehr haben möchte.

|Leserfahrung|

Ich habe das Buch in nur einer Woche gelesen. In jedem Kapitel wartet es etwas Neues, etwas Lustiges, etwas Bewegendes auf den Leser. Man erfährt mehr über den Zustand der eigenen Welt, als man aus einer ganzen Enzyklopädie erfahren könnte. Denn hier geht es nicht nur um die Dinge, die sich ändern, sondern vor allem um die Menschen, die mit den Veränderungen zurecht kommen müssen, durch Mustererkennung, durch Risikomanagement, entgegen der lockenden Paranoia.

|9/11|

Es ist auch ein wichtiges Buch über den elften September. Cayce hat den Fall der Türme gesehen, denn sie war damals in Manhattan, um ihren Vater zu treffen. Der Fall der Türme erschien ihr (wie auch mir) wie ein Film, den man in Hollywood ausgetüftelt hatte (auch Tom Clancy hatte das Szenario vorweggenommen). Sie suchte ihn auf den Wänden mit den Vermisstenanzeigen, doch der Fall eines Rosenblatts scheint für sie mehr über den Verlust auszusagen, als alle CNN-Berichte es tun könnten. Sie lässt Detektive nach ihrem Vater suchen, damit ihre Mutter endlich Lebensversicherung und Pension erhält. Vergeblich. Der Verlust bleibt durch die Ungewissheit eine offene Wunde. Sie schließt sich erst am Schluss.

Vielleicht sind durch diesen Einbruch der Irrealität in die Welt der gewohnten menschlichen Erfahrung die Filmclips für viele Menschen so wichtig geworden. Die Clips, die aus Moskau kommen, zeigen einzelne Menschen, dann wieder ein Liebespaar bei einem Kuss, in Bewegung, in höchstmöglicher Bildauflösung. Menschliche Begegnungen auf der Grundlage uralter Gewissheiten. Dies ist ein Versprechen auf Heilung. Und daher ist die Wirkung der gezeigten Szenen auch so groß.

Dass dem wirklich so ist, belegt in komödiantischer Darstellungsweise der Fall jenes japanisch-amerikanischen Mädchens in Kalifornien, dessen Bild einem japanischen Spieleprogrammierer zunächst als Kultfigur überlassen wird, um an eine bestimmte Geheimzahl heranzukommen. Das Mädchen ahnt nichts von der Transaktion. Doch als es tatsächlich die glühenden Liebesbriefe ihres „Verehrers“ zu Gesicht bekommt, verlässt sie sofort Kalifornien, um sich mit ihm zu treffen. Denn diese emotionale Wärme ist in einer Welt des Zufalls wertvoller als alles andere.

_Unterm Strich_

Zum ersten Mal verlässt William Gibson die mehr oder weniger ferne Zukunft, um seine Geschichte ganz in der Gegenwart anzusiedeln. Auch das Erzähltempus ist das Präsens. Der Leser kann also genau verfolgen, was passiert, es gibt kaum Sprünge, so als verfolge man ein (Web-) Tagebuch. Lediglich die zahlreichen E-Mails erzeugen Sprünge in Raum und Zeit, bringen Bewegung in die lineare Handlung, erzeugen Spannungspunkte.

Doch diese Kommunikation wird von Cayce Pollard ebenso in einem Zwielicht gesehen wie ihre gesamte Umgebung: Feinde, Verräter – sie könnten überall sein, wem kann sie trauen? Paranoia versus Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit mehr, nur Mustererkennung. Das ist eine der Lehren dieser Geschichte. Eine andere ist die von der möglichen Bewältigung von Katastrophen wie dem 11. September, sei es in New York City, sei es in Moskau. Hier gelangt Mustererkennung, als reaktives Verhalten, zur Mustererzeugung, also zu kreativem Verhalten.

William Gibsons Roman ist spannend, bewegend, zuweilen etwas melancholisch und verrückt, doch am Ende steht die Hoffnung. Es ist in meinen Augen ein Meisterwerk, eines der ersten, das des 21. Jahrhunderts würdig ist.

_Die Übersetzung_

Die Übertragung von Gibsons Meisterwerk finde ich sehr gelungen. Da haben die beiden Übersetzerinnen saubere Arbeit abgeliefert. Da aber Übersetzen immer auch Interpretieren bedeutet, sollte sich der des Englischen mächtige Gibson-Fan unbedingt auch das Original ansehen, das es ja in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.

Das Einzige, was mich an der deutschen Ausgabe stört, ist die Schrifttype für die E-Mails, die allenthalben in den Text integriert sind. Während im Original die gut lesbare Schriftart Courier oder New Courier verwendet wird, hat man im Deutschen zur der Schriftart OCR (A oder B) gegriffen. OCR steht für „Optical Character Recognition“ und ist manchmal bei Strichcodes zu finden, weil maschinenlesbar. (Wer mit diesen Bezeichnungen nichts anfangen kann, öffne seinen Texteditor und durchsuche die Liste der Schriften, die dieser bereithält – ob auf Windows, Mac oder Linux, ist gleichgültig.)

Das ist aber genau der Punkt: Was für Maschinen gut ist, muss es noch lange nicht für Menschen sein. Obwohl also Courier und OCR Schriftarten mit festem Zeichenabstand sind, lässt die flüssige Lesbarkeit von OCR doch einiges zu wünschen übrig. Aber das ist mein subjektives Empfinden, und andere Leser mögen weniger streng urteilen.

|Das Titelbild|

…finde ich hingegen sehr gelungen. Es reflektiert genau, was der Autor aussagen will. Das ‚T‘ auf dem Titel findet sich sogar im Text wieder.