Gifford, Thomas – Assassini

Finstere Machenschaften einer Mördertruppe versetzen die Angehörigen der Priesterschaft in Furcht und Schrecken. Offenbar will jemand den Ausgang der bevorstehenden Papstwahl zu seinen Gunsten entscheiden und räumt Widersacher aus dem Weg.

Thomas Gifford begann seine schriftstellerische Laufbahn als Autor von Kriminalromanen. Den internationalen Durchbruch erzielte er mit dem Vatikanthriller „Assassini“ (1991), gefolgt von Romanen wie „Gomorrha“ und „Protector“. Neun Jahre verwendete Gifford darauf, für „Assassini“ zu recherchieren und das Buch zu schreiben. Ein entsprechend großes, fundiertes Hintergrundwissen macht den Roman aus, der in Buchform immerhin 800 Seiten stark ist. Der Hörer kann das Buch in „nur“ etwas über neun Stunden genießen.

Sprecher Ulrich Pleitgen (Paul), geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatl. Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

Papst Calixtus geht es gar nicht gut, er ist sterbenskrank. Man bereitet die Wahl seines Nachfolgers auf dem Stuhl Petri vor. Leider tanzt ein amerikanischer Bischof aus der Reihe und muss bestochen werden. Zehn Millionen Dollar dürften reichen. Einer der Geheimagenten des Vatikan wird beauftragt, die Sache zu managen. Leider ist er bald danach tot.

Seine Freundin, die Nonne Valentine, ist es bald danach ebenfalls. Sie hatte stets einen Aktenkoffer mit wichtigen Unterlagen für ihr geplantes Buch über die Aktivitäten des Vatikan während des 2. Weltkriegs dabei. Wie ihr entsetzter Bruder Ben, den sie zu einem Treffen gerufen hatte, entdeckt, ist der Aktenkoffer mit den brisanten Unterlagen verschwunden. Neben Vals Leiche entdeckt er einen dunklen Fetzen: Er stammt vom Regenmantel eines katholischen Geistlichen, wahrscheinlich eines Jesuiten. Selbst von Jesuiten aufgezogen, erkennt er das Ding sofort.

Seine Ermittlungen führen ihn ins Herz des Katholizismus auf Erden, in den Vatikan. Dort, in den geheimen Archiven, hatte seine Schwester Val geforscht. Allerdings auch in Unterlagen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ihre und seine Nachforschungen führen ihn auf die Spur einer geheimen Mördertruppe, die Assassini. Diese kamen bereits im Mittelalter stets dann zum Einsatz, wenn alle anderen Mittel des Papstes versagten, insbesondere auch während der deutschen Besatzung Europas im 2. Weltkrieg.

Doch je näher Benjamin Driscoll der Wahrheit kommt, desto mehr geraten er selbst und seine Freunde und Helfer in Gefahr. Denn Attentäter lassen bekanntlich nicht mit sich spaßen.

Im Grunde bekriegen sich in der Geschichte zwei Parteien in der Kirche, die von Rivalen um den Papststuhl angeführt werden. Jede Partei hat ihre Anhänger. Undurchsichtig wird der Plot, wenn es um die Assassini geht: gedungene Mörder, die in neuerer Zeit auch schon im 2. Weltkrieg aktiv waren.

Wie es scheint, sind nicht nur feste Parteigänger Mitglieder dieser Gruppe, sondern auch solche mit wechselnder Loyalität. Hinzukommt, dass alle Attentäter einen Decknamen tragen. Durch die gesamte Handlung hindurch ist Ben damit beschäftigt, die wahre Identität der Assassini hinter ihren jeweiligen Decknamen aufzudecken.

Und bis zum Schluss ist ihm (und somit uns, da er in der 1. Person von sich erzählt) unklar, wer sich hinter „Archduke“ (Erzherzog) verbirgt. Daher ist fast zum Schluss für gehörig Spannung gesorgt, die sich in einem überraschenden und blutigen Showdown entlädt.

Man könnte fast sagen: „Leichen pflasterten seinen Weg“. Denn wo Ben auch hinkommt, dort wird man bald auch eine Leiche finden. Er selbst entkommt mehrmals nur mit knapper Not einem der Attentate. Und als er sich in Schwester Elisabeth in Rom verliebt, gerät auch sie in Verdacht. Zum Glück weiß sie sich ihrer Haut zu wehren.

Ulrich Pleitgen ist ein Profi. Er vermag fast jeder Figur, die er spricht, eine individuelle Nuance zu verleihen. Mal prononciert er schleppend und altväterlich, mal hektisch und gestresst, dann wieder leidenschaftlich und sinnlich. Zitate werden durch einen Klangfilter hindurch präsentiert, so dass sie wie eine Tonbandaufnahme klingen. Ihm zuzuhören wird keineswegs langweilig. Was dieses Hörbuch anstrengend macht, ist die außerordentliche Fülle der Informationen, die transportiert wird.

Das Hörbuch ist eines der anspruchsvollsten aus der Unterhaltungsliteratur, das ich bisher kennen gelernt habe: Die Handlung ist verschlungen. Es gibt zahlreiche Akteure, deren Namen (und Decknamen) man sich am besten notiert (viele segnen sowieso bald das Zeitliche).

Und es gibt drei verschiedene Zeitebenen: Gegenwart, 2. Weltkrieg und Mittelalter. Auf jeder Zeitebene spielt ein supergeheimes Dokument eine mysteriöse Rolle – was zu weiteren Opfern führt. Wenigstens spielen keine Figuren aus dem Mittelalter eine Rolle. Und die Figuren aus dem 2. Weltkrieg sind häufig die gleichen wie in der Gegenwart.

Der Fall ist klar, Herr Kommissar: Dieses Hörbuch sollte man mehrmals anhören.

Der professionelle Vortrag Ulrich Pleitgens trägt wesentlich dazu dabei, den Hörgenuss eines solchen Mammutwerkes nicht langweilig oder frustrierend werden zu lassen

Über die kritische Aussage des Werkes mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Bevor ich mir hier den Zorn der Gläubigen zuziehe, möchte ich nur anmerken, dass die katholische Kirche vom Autor wie jede andere Machtorganisation dargestellt wird und somit zu allen Wohltaten und Verbrechen einer solchen Organisation fähig ist. Der Papst mag heilig sein, aber weder seine Taten noch die seiner Kirche sind es.

555 Minuten auf 7 CDs

_Michael Matzer_ (c) 2002ff