Giles Smith – Lost in Music. Eine Pop-Odyssee

Eine Pop-Odyssee mit den Smiths

Der heutige Reporter und frühere „Popmusiker“ Giles Smith erzählt uns von seine lange währenden Liebesaffäre mit der Popmusik, die schon mit neun Jahren beim Hören eines T.Rex-Songs begann. Aber was heißt hier „Affäre“? Smith ist fest mit der kapriziösen Dame verheiratet, und das führte im Laufe der Jahre zu mehreren tragikomischen Situationen. Unterhaltsame, lesenswerte und informative Lektüre für jeden Pop-Fan (sind wir das nicht alle?) – und außerdem stellenweise saukomisch. In England zählt „Lost in Music“ neben Nick Hornbys „High Fidelity“ zum Standardwerk in Sachen Popliteratur.

Der Autor

Giles Smith gehört der gleichen Generation wie ich an: Er wurde 1962 geboren, also zu spät für die wilden Sechziger und zu früh für die materialistischen Achtziger, dafür aber mittenmang in die höchst seltsamen Siebziger, wo sich Spät-Hippies und Punks auf den Tod nicht ausstehen konnten – sie lebten quasi in getrennten Welten.

Smith wuchs in Colchester, Essex, rund 60 Meilen östlich von London auf, also dort, wo nicht gerade nicht die Post in Sachen Pop abging. Er spielte in diversen Rockbands, bevor er sich dem Schreiben widmete. Seit 1990 ist er Redakteur bei der Tageszeitung „The Independent“ und schreibt Artikel für die „Vogue“, den „Daily Star“, usw. In Deutschland war er zuletzt in Nick Hornbys Anthologie „Speaking with Angels“ (Kiepenheuer & Witsch) vertreten. Der britische TV-Sender Channel 4 will aus „Lost in Music“ einen dreiteiligen Fernsehfilm machen. Smith lebt heute in London – wo sonst?

Inhalt

Von einer „Handlung“ im eigentlichen Sinne lässt sich bei diesen autobiografischen Aufzeichnungen nicht sprechen. Es ist vielmehr Smiths eigene Geschichte, der sein halbes Leben lang den Traum lebte, ein Popstar zu werden. Mit den „Orphans of Babylon“ erreichte er eine erhellende, wenn nicht sogar ernüchternde Vorstufe des ewigen Ruhms. Doch der wahre Durchbruch auf den Popmarkt des Kontinents erfolgte mit der Band „The Cleaners vom Venus“ (das reimt sich nur dann, wenn man’s in reinstem BBC-Englisch ausspricht).

Kurze Zeit durfte er sich auf einer Deutschlandtournee wie ein Popstar fühlen, doch leider verkaufte sich die Platte bzw. CD kaum – da drehte ihnen RCA den Geldhahn zu. Immerhin erhielt er Einblick in peinlichste Praktiken der Musikindustrie, konnte er aber sowohl sein Leben, seine Gesundheit und sogar die Masterbänder der Cleaners-Aufnahmen retten. Nik Kershaw, der aus einer ähnlich fern Londons gelegenen Gegend stammt, erhaschte zwar mehr vom Ruhm (dank MCA), aber, hey, wo ist Kershaw jetzt?

Die Jagd nach dem Starruhm beginnt damit, dass man süchtig wird: süchtig danach, alle Alben der Lieblingsband oder des Lieblingsinterpreten zu besitzen (sowohl auf Vinyl als auch auf CD) und sie in möglichst alphabetischer Reihenfolge zu sortieren. (Smith hatte mal eine Freundin, die nicht auf diese Reihenfolge achtete. Klar, das konnte ja nichts Dauerhaftes werden.)

Smith beginnt mit T.Rex, pilgert sogar an dessen Sterbeort, wo gedenkwachen von Späthippies abgehalten werden. Dann geht er über zu ersten Luftgitarrenproben mit dem Bruder im Kinderzimmer, erweitert durch Pianostunden bei alten Matronen. Schließlich führt das Ganze zu den ersten Gigs, Demobändern, Interviews und Bühnenklamotten.

Man erfährt alles über Eitelkeiten und Eifersüchteleien unter Musikern (Sucht ist was Schlimmes), die keineswegs immer erfolgreiche Wirkung von Musik als romantische Wunderwaffe und die eine oder andere unglaubliche bis unglaubhafte Anekdote über diesen und jenen Star bzw. Möchtegernstar, so etwa über Nik Kershaw. Der war zunächst ein spitzenmäßiger Gitarrist in einer Band namens „Fusion“, unterschrieb dann aber bei MCA. Er landete als Teenieschwarm mehrere Hits wie „Wouldn’t it be good“ und „The Riddle“, bis er die Bevormundung durch das MCA-Marketing satt hatte und ein Album produzierte, dass die Teenies nicht kapierten. Er landete im Nirgendwo (wahrscheinlich auf den Bahamas), und kann froh sein, wenn man seine Hits covert. Auch über Captain Sensible („Happy talk“) verliert Smith ein paar enthüllende Worte.

Humor

Eine der besten und komischsten Szenen ist die Schilderung einer Musikprobe durch Smiths Band „Orphans of Babylon“. Die Musiker wussten kaum, wo bei der Gitarre das richtige Ende ist, stellten sich aber schon eine Mega-Auftritt vor kreischenden Teeniegirls vor. Ich habe selbst mal mit einer Band so geprobt, aber dabei versucht, auf dem Teppich zu bleiben. Es ist schon schwer genug, das Tempo gleichmäßig zu halten, aber auch vernünftige Lyrics zu schreiben, ist noch schwieriger (das war mein Job, neben der Rhythmusgitarre). Wir traten nie auf, soweit ich weiß – Gottseidank! Aber als Smiths Schilderung las, konnte ich mich vor Lachen kaum noch im Sessel halten.

Andere humorvolle Stellen sind in dem typisch britischen, recht trocken-ironischen Humor gehalten, den man erkennen muss, um ihn würdigen zu können. Folgende Szene ist leicht vorzustellen: Smith darf zum erstenmal Sir Paul McCartney interviewen. Er erleidet einen kurzen Ohnmachtsanfall, weil er sehr nervös ist und nicht gefrühstückt hat (Smith, nicht „Macca“), doch McCartney erträgt den Journalisten mit freundlicher Höflichkeit. Wahrscheinlich kommt ihm so etwas öfters unter.

Kritik

Das Buch wäre nicht halb so gut, wenn sich Smith nicht zu sehr vielen Stars und Alben kritisch zu äußern wüsste. Für Einsteiger in die Popmusik der 70 und 80er Jahre ist dies ein wahrer leitfaden der Qualität. Erstaunlich kenntnisreich zum Beispiel, was Smith zu Todd Rundgren zu sagen hat. Rundgren blind zu kaufen, ist wie ein Lotteriespiel – am besten betet man vorher, dass man eine gute Platte erwischt hat.

Eines der Highlights ist die Reihe jener Alben, die Smith bei seinem Auszug von zuhause aus seiner Sammlung aussortiert und daheim lässt: Status Quo, Genesis, Supertramp, John Lennon (genau: „Imagine“!) und weitere, meist Eintagsfliegen. Auch an Pink Floyd lässt Smith kaum ein gutes Haar, und was er zu sagen weiß, hat durchaus Hand und Fuß – sollte man lesen, denn es wirft ein erhellendes Licht auf die eigene(n) Vorliebe(n).

Technik

Die Popmusik hat sich in den letzten 30 Jahren radikal gewandelt – nicht zuletzt in technischer Hinsicht. Smith vergleicht Vinyl (seine geheime Sucht) mit dem neu aufgekommen Tonträger Compact Disc („besonders knackiger Sound, wenn frisch aus dem Tiefkühlfach“, lautet eine Legende. Das sind vielleicht Gewissensentscheidungen! Dennoch brachte die Plattenindustrie die Fans dazu, etwas zu kaufen, das sie nicht wollten, weil sie’s nämlich bereits hatten! Erstaunlich.

Ebenso erstaunlich vielleicht wie die wunderliche Überlegung, ob sich der Sound der teuren Stereoanlage nicht durch dieses oder jenes Gadget verbessern ließe: Kupferkabel zu den Lautsprechern, Ständer für die Boxen usw. Es ist schon ein Kreuz mit der Popmusiksucht.

Mein Eindruck

Zurück bleibt ein runder Eindruck, dass die Popmusik viel mehr mit dem Leben eines Menschen zu tun haben kann als man annimmt. Sie ist bei Giles Smith weder privat und passiv konsumiert, sondern häufig ein Gemeinschaftserlebnis. Die eigene Produktion von Musik hingegen hat noch mehr mit lebhaften, mehr oder wenigen skurrilen Erlebnissen zu tun. Und die Geschichte der „Cleaners from Venus“ geht immer noch weiter.

Ich hoffe, es wird klar, dass Smiths Buch wenig mit Nick Hornbys verfilmtem Buch „High Fidelity“ zu tun hat. Natürlich ist der tragikomische „Held“ völlig süchtig nach dieser Musik, so dass menschliche Beziehungen zurückstehen müssen. Aber er wird ja auch mal erwachsen. Hornby hat sich übrigens sehr lobend über Smiths Buch geäußert: „Giles Smith ist ein wunderbarer Erzähler: flüssig, elegant, scharfsinnig und sehr, sehr komisch.“

Ich will aber nicht verhehlen, dass derjenige Leser, der sich in der Popmusik von der Insel sehr gut auskennt, einen großen Vorteil besitzt. Er kann mit all den Namen, die Smith benutzt und als bekannt voraussetzt, wirklich etwas anfangen. So dürfte der Satz auf Seite 283 – „Aus uns wird einmal eine Nation von selbsterklärten George Martins werden“ – völlig verständlich sein. Allerdings muss man dazu wissen, dass George Martin der Produzent der Beatles war (und mitverantwortlich für ihren Sound).

Die Übersetzung

… hat mich manchmal geärgert, denn ich fand nicht weniger als zwölf offensichtliche Fehler in Grammatik, Rechtschreibung oder Information. Der Übersetzer scheint mit dem deutschen Genitiv auf Kriegsfuß zu stehen. Er bringt auch „überreden“ und „überzeugen“ durcheinander (S.19). Etwas nervender ist dann jedoch der Umstand, dass er das Wort „Northants“ eins zu eins übernimmt, obwohl es kein Ortsname, sondern der Name der Grafschaft Northampshire ist – wenn man ihn auszuschreiben weiß. Auch einfache englische Wörter schreibt er falsch, so etwa „incidentally“ (S.21), das er „incidentially“ schreibt. Manche Begriffe wie „GCSE“ werden nicht erklärt, sondern muss man nachschlagen.

Das Buch enthält weder ein Glossar, noch ein Stichwortverzeichnis noch eine Inhaltsangabe. Es ist quasi ein Blindflug. Am besten lernt man es wohl auswendig. Dafür hat es aber ein sehr schönes Cover – mit Vinylimitat.

Unterm Strich

„Lost in music“ ist, neben „High Fidelity“, eine der besten Autobiografien aus dem Abenteuerkreis „Popmusik“ und eine unterhaltsame, komische bis nachdenklich-kritische Lektüre. Man sollte aber nach Möglichkeit das Original lesen, wenn man so gut Englisch kann.

Paperback: 288 Seiten
Originaltitel: Lost in music, 1995.
Aus dem Englischen von Stefan Rohmig.
ISBN-13: 9783453210837

www.heyne.de

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