Grimwood, Ken – Replay – Das zweite Spiel

Betreut von SF-Lektor Wolfgang Jeschke, hat |Heyne| diesen SF-Roman zuerst 1994 in der Allgemeinen Reihe erscheinen lassen (aktuelle Neuausgabe in überarbeiteter Fassung). Dies wird durch das Setting gerechtfertigt, das immer wieder zwischen dem Jahr 1963 und 1988 angesiedelt ist, und das einzige SF-Mäßige an diesem Buch ist seine zentrale Pointe: Die Hauptfigur darf bzw. muss die 25 Jahre zwischen 1963 und 1988 immer wieder durchleben.

Der Roman wurde 1988 mit dem |World Fantasy Award| geadelt, eine bedeutende Auszeichnung. Sie ist auch vollständig verdient.

|Der Autor|

Ken Grimwood: |Der Autor des spekulativen Kultromans “Replay” von 1986, welcher in mehrere Sprachen übersetzt wurde und in Japan zu einem Bestseller wurde, schrieb fünf weitere Romane für Doubleday und Arbor House, darunter auch “Into the Deep”. Er arbeitete an einem Sequel zu “Replay”, als er am am 6. Juni 2003 in Santa Barbara, CA, einem Herzanfall erlag. Er war 59 Jahre alt.| (Internet-Information)

_Handlung_

Wer kennt sie nicht – die phantastische Szene in „Zurück in die Zukunft 1“, als Marty McFly im Bett seiner 14jährigen Mutter aufwacht und den schönen Namen Calvin Klein annimmt? Oder Kathleen Turner in „Peggy Sue hat geheiratet“, als sie ihrem Freund den Text eines berühmten Beatles-Songs als Karrierebonus gibt? Zeitreisende, die die Chance haben, alle im bisherigen Leben begangenen Fehler wiedergutzumachen oder zumindest nicht zu wiederholen: das zweite Spiel – Replay.

Dieser Zauber liegt auch über diesem Buch, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Es beginnt mit der wunderbaren Aufreißerzeile: „Jeff Winston telefonierte gerade mit seiner Frau, als er starb.“ Der 43jährige Jeff Winston stirbt offenbar an einem Herzanfall im Jahr 1988.

Im gleichen Augenblick wird er „wiedergeboren“ im Jahr 1963, im Körper seines 18jährigen Ichs. Jung, körperlich gut in Form und sorgenfrei, hat er alle seine Erinnerungen an sein „früheres“ Leben beibehalten – an seine unglückliche, kinderlose Ehe, eine mittelmäßige Karriere als Rundfunkjournalist und 25 Jahre zerflossener Hoffnungen.

Sobald er sich wie Marty McFly von seiner anfänglichen Desorientierung erholt und gelernt hat, sein merkwürdiges Schicksal anzunehmen, nimmt er sich vor, sein zweites Leben bis zur Neige auszukosten. Er will ein Vermögen erwerben, die Gunst schöner Frauen gewinnen, die Welt bereisen, vielleicht sogar den Lauf der Geschichte durch die Denunzierung des Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald verändern.

Wie im Märchen erreicht Jeff all diese Ziele, wenn auch nicht ganz mit den Ergebnissen, die er erwartet hatte. Nachdem er sich die Gewinner verschiedener Pferderennen und Baseballmeisterschaften erinnern konnte, gewinnt er riesige Summen bei den Wetteinsätzen (erinnert Sie an „Zurück in die Zukunft II“, nicht wahr?). Damit steigt er in den Aktienmarkt ein, kauft Anteile an IBM, Xerox, Polaroid, investiert sogar in die Firma zweier Hippies in Kalifornien, die sich Apple Computer nennt. Er wird Multi-Millionär.

Doch sein privates Leben verläuft ungleich weniger zufriedenstellend. Nachdem er sein College-Schätzchen verlassen hat, tut er sich im Spielerparadies Las Vegas mit der gleichermaßen sexhungrigen Rumtreiberin Sharla zusammen.

Um etwas für die Zukunft des Landes zu tun, denunziert er wenige Tage vor der geplanten Ermodung J.F. Kennedys Oswald, den Mörder aus den Geschichtsbüchern. Kennedy stirbt trotzdem, getroffen von den Kugeln eines Nelson Bennet, der wiederum von Jack Ruby abgeknallt wird.

Jeff erkennt, wie eingeschränkt seine Möglichkeiten sind. Er wendet sich dem respektablen, stabilen Leben zu, zahlt Sharla aus, heiratet eine Frau aus den oberen Zehntausend von Boston (nachdem seine „frühere“ Ehefrau ihn als verrückt abgewiesen hatte) und hat eine wunderschöne Tochter, die er abgöttisch liebt.

Mit 43 ist er zwar glücklicher als zuvor, aber emotional unerfüllt. Als er wiederum stirbt und in den 18jährigen Körper zurückkehrt, erbittert ihn lediglich der Verlust seiner geliebten Tochter.

Mit der Aussicht, wiederum in der Zeitschleife hängen zu bleiben, heiratet er seine Collegeliebe Judy, um mit ihr eine glückliche Ehe zu führen. Eigene Kinder zu zeugen, versagt er sich, doch adoptiert er welche.

Als der Moment des Abschieds naht, spielen die EKGs verrückt, aber nichts kann das neuerliche Zurückgeworfenwerden ins Jahr ’63 verhindern. Mit Sharla durchlebt er die sexuelle Libertinage der frühen Sechziger, zieht sich aber nach einem Beinaheabsturz seines Fliegers als Eremit von der Welt zurück.

Erst als er den Film „Starsea“, von einem gewissen Steven Spielberg gedreht, sieht, macht er sich auf, die Drehbuchautorin zu treffen: Pamela Phillips ist ebenfalls eine Wiederholerin. Und sie hat vor, z. B. über solche Filme die Welt zu verändern. Doch jetzt ist Jeff nicht mehr allein mit seinem Leid.

Von hier an wird die Handlung zunehmend komplex (falls das noch geht) und hält Überraschungen bis zum Schluss bereit. Doch die Schleife stellt sich als Spirale heraus: Zu ihrer wachsenden Beklemmung merken sie, daß der Zeitpunkt ihres „Wiedergeborenwerdens“ immer später stattfindet – eine sich schließende Schere, die den Lebensfaden abschneidet …

_Mein Eindruck_

Das Buch ist im allseits bekannten Mainstream-Stil der US-Bestseller geschrieben, eine Lektüre, die sich wirklich gut verschlingen (und verstehen) läßt. Grimwoods Plot wird etwas gestört durch die unreflektierte Verehrung für JFK und durch eine ganze Menge Sexszenen, die aber immerhin nicht um ihrer selbst willen geschrieben wurden. Sex ist hier keine Religion, sondern eine Quelle des Vergnügens, ein Zeugnis der zwischenmenschlichen Zuneigung.

Trotzdem beschert Grimwoods Buch kurzweilige Lektüre, clever, manchmal bewegend und einfallsreich. Es ist meines Wissens das einzige Buch im SF-Dunstkreis, das mit Hilfe einer Zeitschleife einen derart befriedigenden Plot zustande bringt.

|Originaltitel: Replay, 1986
Aus dem US-Englischen von Norbert Stöbe
Mit einem Vorwort von Terry Bisson|