Grisham, John – Fest, Das

Ein erstaunlich humorvolles Buch von Thrillerspezialist Grisham: Ein US-Paar weigert sich, Weihnachten zu feiern und will lieber in die Karibik: gesünder und billiger. Doch alles kommt ganz anders als geplant. Eine menschlich wichtige Lektion ist zu lernen. Also doch ein richtiges Weihnachtsbuch.

_Das Hörbuch_

Der Sprecher:
Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

Der Autor:
Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Handlung_

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren droht dem Ehepaar Luther und Nora Krank ein Weihnachten allein zu Haus, denn Tochter Blair beschließt, anderswo das Fest zu verbringen – genauer gesagt: in Peru, wo sie mit dem Friedenscorps in den Dschungel gegangen ist, um Kinder zu unterrichten.

Vater Luther rechnet in einer ruhigen Stunde auf Heller und Pfennig aus, dass die Familie im letzten Jahr für Weihnachten mit Geschenken, Feiern, Spenden, Essen, dem neuen Kleid für Mutter Nora und jeder Menge Weihnachtskarten über 6000 Dollar ausgegeben hat. Genug, es reicht! Luther verkündet kurzerhand, Weihnachten falle dieses Jahr aus. Er habe statt dessen eine Kreuzfahrt in die Karibik gebucht, die nur die Hälfte, also 3000 Dollar, koste. Mutter Nora ist jetzt schon bang. Die Kranks stellen auf Diät und Solarium um.

Dieser Entschluss erweist sich schon bald als relativ verheerend: Über Wochen hinweg müssen Nora und Luther im Büro, in der Nachbarschaft, der Verwandschaft, bei diversen Spendensammlern und Weihnachtssängern haarklein und bis zum Überdruss erklären, warum ausgerechnet sie Weihnachten dieses Jahr NICHT feiern. Schon recht bald gelten sie als Spielverderber, Außenseiter und Geizkrägen. Fehlt eigentlich nur noch Teern und Federn. Ihres ist das einzige dunkle, ungeschmückte Haus in der ganzen Vorstadtstraße – diesmal wird ihre Straße sicher keinen Preis beim Wettbewerb um die schönste Straße gewinnen!

Heroisch halten Nora und Luther dennoch bis zum Morgen des 24. Dezember durch, gestärkt durch die Aussicht auf zehn volle Tage karibischer Sonne, Faulsein und Futtern auf einem Traumschiff. (Zehn bzw. vierzehn Tage sind in den USA vielfach das absolute Maximum, das Arbeitnehmer pro Jahr an Urlaub nehmen dürfen.)

Doch dann erfolgt der alles zerstörende Anruf von Töchterlein Blair: Sie komme Weihnachten doch nach Hause und bringe ihren peruanischen Verlobten Enrique mit, der unbedingt ein echt amerikanisches Weihnachtsfest erleben will. Nun heißt es Nerven behalten!

Nur noch sechs mikroskopisch kurze Stunden haben Nora und Luther Zeit, um all das aufzutreiben, was zu einem zünftigen Christmas gehört: der Baum, das Essen, die Geschenke. Und nicht zu vergessen: Frosty, den Plastik-Weihnachtsmann auf dem Dach. Kein Wunder, dass es zu einer Katastrophe kommt, bei der Luthers Leben an einem seidenen Faden hängt.

_Mein Eindruck_

Jahrelang hatte man sich angewöhnt, zwischen den Buchdeckeln, auf denen der Name „John Grisham“ stand, nur heroische Abenteuer wackerer Anwälte vorzufinden. Doch dieses Mal ist alles anders. Erst verblüffte der Meister seine nach Millionen zählenden Fans mit einer Geschichte über die Kindheit eines Jungen auf dem Lande („Die Farm“). Als sei dies des Schockes nicht genug gewesen, verblüfft uns nun der Mann aus Arkansas mit einer richtig lustig-satirischen Geschichte um das heiligste und amerikanischste aller Feste: Weihnachten. Allein das Vorhaben, das Fest aller Feste nicht zu feiern, schlägt in der Vorstadtsiedlung, in der eine Art Blockwart namens Vic Frohmeyer auf strikten Konformismus achtet (mit geradezu faschistischen Untertönen), ein wie eine Bombe. Nora würde am liebsten im Boden versinken oder die verlangten Spendengelder zahlen.

Die Spendeneintreiber kommen aus allen Richtungen. Doch Grisham entlarvt, dass sich ihre Spendengesinnung ausschließlich auf Weihnachten erstreckt. Luther bietet nämlich stets an, statt der Weihnachtsspende 100 Dollar im Sommer zu spenden, egal ob für die Pfadfinder, die Polizei oder die Feuerwehr. Er erntet nur betretene Gesichter und verbittertes Schweigen. Da fragt man sich doch, was hinter diesem Spendeneintreiben wirklich steckt. Es kommt einem vor wie Schutzgelderpressung für gutes Betragen.

Da dies eine moralische Komödie à la Dickens „Christmas Carol“ ist, kommt es immer wieder zu komischen Situationen, die allerdings stets auf Kosten von Luther Krank gehen. So etwa, als er sich in seiner Not den Weihnachtsbaum der Trocktons ausleihen darf, da sie in Urlaub fahren. Prompt wird er von aufmerksamen Nachbarn erspäht und der Polizei gemeldet: Da wird ein Weihnachtsbaum geklaut! Die Bullen, vorher beim Spendensammeln von Luther abgewiesen, haben ihr blankes Vergnügen an Luthers Misere.

Aber keine Sorge: Alles wird gut! Das ist für den stolzen Rebellen Luther zwar bitter, aber offenbar notwendig, um die Illusion für seine Tochter aufrechtzuerhalten, hier wäre wirklich alles in schönster Ordnung. Die Fassade der heilen Vorstadtwelt wird um jeden Preis konserviert. Etwas spießig wirkt eben der unweigerliche Schluss: Alle Nachbarn in Luthers Straße helfen ihm. Denn alle lieben Blair.

Und so stellt sich am Schluss bei Individualisten und Nonkonformisten ein mulmiges Gefühl, womöglich mit bitterem Beigeschmack ein. Brave (Spieß-) Bürger und Familien mit Kindern hingegen wird der Schluss jedoch total entgegenkommen: Der Ausreißer wurde zurück in die Herde geholt, zum Wohle seines Kindes.

Gut fand ich jedoch, dass mich Grisham mit der Schilderung des alltäglichen Nachbarschafts-Faschismus* erheitern konnte (Frohmeyer ist ja ein deutscher Name, und Deutsche sind in USA für ihren Organisations- und Ordnungssinn bekannt). Jedes Hausdach muss ein Frosty-Plastikweihnachtsmann zieren („Freiheit für Frosty!“), Tausende von Glühbirnen beleuchten die Häuser, die Vorgärten und die überteuerten Weihnachtsbäume (75 Dollar pro Stück). Man stürzt sich richtig in Unkosten, von den obligatorischen Spenden ganz zu schweigen.

Dies ist nicht mehr nur Geschäftemacherei, die ist bereits kollektive Ausbeutung. Stellenweise erinnerte mich der Gruppendruck an die Tage nach dem 11. September: Alle Familien und Nichtfamilien stürmten die Walmart-Supermärkte, um die letzten verfügbaren US-Flaggen zu kaufen (Walmart hatte vorgesorgt und den Markt leergekauft).

Aber es gibt noch einen Aspekt, den Grisham berücksichtigt: Bev, die Frau eines von Luther Kranks Nachbarn, ist an Krebs erkrankt. Ihr Haus ist zwar außen erleuchtet, um so dem Gruppenzwang zu genügen. Doch innen ist es düster: reine Fassade, mit einer Lüge dahinter. Es ist ein feiner Zug von Luther, dass er diesem unglücklichen Paar seine Kreuzfahrttickets schenkt.

_Unterm Strich_

Grishams erstes Weihnachtsbuch ist sowohl beißend satirisch als auch bewegend und versöhnlich. Insofern ist es fast ein würdiger Nachfolger in der Traditions von Charles Dickens‘ klassischer Geschichte „A Christmas Carol“. Der Preis, genauso hoch wie für das Buch, ist durchaus angemessen, selbst wenn diese Fassung gegenüber dem Buch gekürzt ist.

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

* Mit dem provokativ verwendeten Wort „Faschismus“ meine ich weder Hitler noch irgendwelche anderen historisch bekannten Faschismen, sondern den Konformitätsdruck in einer Nachbarschaft, genauer: einer Straße wie in der Story.

_Michael Matzer_ © 2002ff