Grundy, Stephan – Rheingold

Rheingold – wer jetzt an einen Zug der Bundesbahn denkt, der fährt auf dem falschen Gleis. Der sagenumwobene Nibelungenschatz im Rhein ist hier gemeint.

„Rheingold“ ist das Erstlingswerk und gleichzeitiger Bestseller des Autoren Stephan Grundy, der auf die ältere Wälsungen-Saga zurückgreift. Der 1967 in New York geborene Grundy schrieb seine Doktorarbeit über den germanischen Kriegsgott Wotan, er ist zweifellos ein Kenner der Materie. Sein Verdienst ist es, die Geschichte in eine zeitgemäße Sprache umgesetzt zu haben.

Wer kennt die Geschichte um den Drachentöter Siegfried, den grimmen Hagen und den Untergang der Burgunder nicht, die besonders in der Nazizeit zum deutschesten aller deutschen Epen hochstilisiert und missbraucht wurde? Das Rheingold, ein Zwergenschatz, zu dem auch der verfluchte Ring der Nibelungen gehört, ist jedoch in der bekannten Form eher nebensächlich – bei Wagner’s Oper geht es viel mehr um menschliche Tragödien, Pflichterfüllung und Rachsucht. Bei Grundy erfährt der Leser wesentlich mehr.

Er beschreibt, wie es zum Fluch des Rheingoldes kam. Loki musste eine Blutschuld zahlen für den Sohn seines Gastgebers, den er unwissentlich getötet hat. Um Wotan, der als Geisel zurückblieb, wieder auszulösen, knöpfte er listig den Schwanenjungfrauen und den Zwergen ihren Schatz ab. Doch seine rücksichtslose Betrügerei blieb nicht ohne Folgen, denn die Zwerge verfluchten das Rheingold, insbesondere den Ring. Doch der listige Loki zahlte der Sippe der Wälsungen den Ring und das Rheingold als Wehrgeld…

Vor Gier nach Gold töteten Fafnir und Regin ihren eigenen Vater, Fafnir wurde zum Drachen und behütete den Hort mit dem Gold, Regin wurde Lehrling der Zwerge. Hier zeigen sich erste Unterschiede zum bekannten Nibelungenlied auf, die ich nur stichpunktartig und unvollständig erwähnen werde – so bleibt euch eine gewisse Spannung bestehen, denn die Wälsungen-Saga unterscheidet sich teilweise ganz erheblich von der bekannteren wagnerianischen Fassung!

Im ersten Buch, DIE WÄLSUNGEN, wird erzählt, wie es zum Fluch des Goldes kommt. Streit und Neid in der Sippe führen dazu, dass Sigmund, der Vater Sigfrids, gegen den Gemahl seiner Schwester, Siggeir, Krieg führt. Einem Zweig der Sippe schob Wotan seine Walküre Hild als Frau unter, von dieser rührt die übermenschliche Stärke der Wälsungen her. Mit Sigmunds Tod und der Annahme seiner Frau Herwodis und ihrem ungeborenen Sohn Sigfrid durch den fränkischen Fürsten Alprecht beginnt das zweite Buch.

In SIGFRID beginnt der klassische Teil des Nibelungenlieds, allerdings bekämpft hier Sigfrid nicht den Zwerg Alberich, vielmehr hilft ihm der zum Zwerg gewordene Regin, den Drachen Fafnir zu töten. Auch erbeutet er nicht das Zauberschwert Balmung, sondern er schmiedet das Gram genannte Schwert seines Vaters Sigmund wieder zusammen. Das Verhältnis von Sigfrid zu Gunter und Hagen ist auch differenzierter als bei Wagner: Der grimme Hagen schwört sogar Sigfrid Blutsbrüderschaft, es herrscht kein Hass zwischen den beiden. Auch wird Sigfrid nicht mit Krimhild vermählt, sondern mit Gunters Schwester Gudrun. Die auf Erden gefangene Walküre Brünhild, der er zuvor die Ehe versprochen hat, trickst er ohne eigene Schuld aus, denn ein Liebestrank seiner Schwiegermutter Krimhild lässt ihn alle alten Schwüre vergessen. Doch bald weiß jeder, was Sache ist – und das Unheil nimmt seinen Lauf…

Im letzten Buch, GUDRUN, kommt es zum Streit zwischen Brünhild und Gudrun. Diese fühlt sich betrogen und fordert von allen, den eidbrüchigen Sigfrid zu strafen, zusätzlich fordert sie noch als Königin seinen Kopf. Hagen führt die Pflicht aus, und wird danach von allen gehasst. Gudrun flieht im Zorn auf ihre Brüder und kehrt erst Jahre später zurück, als ihre Mutter Krimhild im Sterben liegt. Sie wird mit Attila, dem König der Hunnen, vermählt. Anders als bei Wagner warnt sie jedoch ihre Brüder Hagen und Gunter, als dieser sie in seine Halle einlädt: Die Römer fordern den Kopf Gunters, und Attila selbst möchte endlich das Gudrun von Sigfrid als Morgengabe überreichte Rheingold. Auch endet das folgende Gemetzel anders, so kämpft Gudrun auf Seiten ihrer Brüder. Mehr verrate ich euch aber nicht.

Es gibt noch einige weitere bemerkenswerte Unterschiede: So wird Sigfrid als starker, mutiger, ehrlicher Kerl beschrieben, der jedoch leichtsinnig und unbedacht handelt, keine Geduld hat und nicht gerade der Hellste ist. Hagen wird als unbeliebter Eigenbrötler beschrieben, der hier jedoch keinen persönlichen Groll gegen Sigfrid hegt, auch nicht als er für das Wohl seiner Sippe – Hagen gehört entfernt zum Zwergengeschlecht der Nibelungen – und für Burgund sich schließlich ins soziale Abseits rückt und Sigfrid tötet. In dieser Fassung hat er sogar eine Frau und einen Sohn, der ihn nach seinem Tod an Attila rächen darf. War bei Wagner die Feindschaft Hagens und Sigfrids sowie der beiden Frauen Krimhild und Brünhild zentrales Thema, wird hier Krimhild zur Drahtzieherin im Hintergrund und durch die nicht rachsüchtige Gudrun ersetzt, Hagen nicht zum Feind Sigfrids, sondern zum doch eher düsteren, aber klugen und bedacht handelnden Vertreter der Zwerge. Auch die Tarnkappe wird anders beschrieben als bei Wagner, die ganze Tötung Fafnirs unterscheidet sich stark von dem, was ich bisher kannte.

Rheingold war wider Erwarten spannend, obwohl ich das Nibelungenlied kannte, insbesondere das erste Buch über die Ursprünge der Wälsungen war mir völlig neu. Alle Personen sprechen ein zeitgemäßes Deutsch, die Sitten, Gebräuche und Anreden, wie „Frowe“ für die Herrin des Hauses, blieben jedoch erhalten. Ebenso das Flair, das eine Sage in meinen Augen ausmacht. Der Sprachstil dürfte jedoch ein breites Publikum ansprechen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Nibelungenlied zu profanisieren.

Was mir weniger gut gefiel war ein Hinweis auf Zensur im Nachwort, die „Völsung“-Saga ist in einer wilden und rauhen Zeit entstanden, so wurden Grausamkeiten Siglinds wie das Annähen von Lederhemden in die Haut von Kindern, die sie auf ihr Wälsungen-Blut prüfen will, oder Hagens Rat in der Halle Attilas, das Blut der Gefallenen zu trinken, da Wassermangel herrschte, gestrichen oder durch harmloses Wasser aus der Küche ersetzt. Mich stört das, andere freut es vielleicht, denn obwohl öfter Männer im Kampf sterben, ist das die friedlichste Umsetzung der blutigen Sage überhaupt. Der Kern der Geschichte wird davon nicht berührt, und ich bin mir nicht sicher, ob das Nachwort „in dieser Fassung gestrichen“ nur die deutsche Version oder alle Sprachausgaben von Rheingold meint. So bleiben selbst Szenen wie ein in einen Werwolf verwandelter Sigmund, der Menschen im Wald anfällt, sehr harmlos und unblutig, was das Buch für jüngere Leser eignen würde, aber andererseits zielt es auf ein erwachsenes Publikum ab in Länge, Anspruch und Umfang. Leider erweckt dieser Gewaltverzicht auch oft den Eindruck, Sigfrids Männer wären keine wilden und brutalen Eroberer, oft Vergewaltiger, sondern ein gesitteter Haufen gewesen. Übrigens: Historisch gesichert ist nur die Figur des Gunter, alles andere hat keinen besonders nahen Bezug zur tatsächlichen Geschichte.

Die Übersetzung ist erstklassig, die beiden Übersetzer haben die englischen Varianten der Namen sehr gut und stimmig im Sinne des Autors übersetzt, mein einziger Kritikpunkt an der stilistisch und sprachlich vorzüglichen Leistung: Warum hat man, wenn man heute bekannte Namen wählt und zum Teil auf philologisch korrekte Namensgebung bewusst verzichtet, nicht das heutige SIEGFRIED anstelle von SIGFRID genommen?

Im ganzen Buch ist mir kein einziger Setzungsfehler aufgefallen, Satz und Druck sind ebenfalls ausgezeichnet. Das sehr schöne Titelbild zeigt Brünhild oder Gudrun mit Sigfrids Schwert am Rheinufer. Mit 846 Seiten Umfang, die dicht bedruckt sind in einer platzsparend kleinen Schriftgröße, ist das Buch zudem sehr umfangreich. Selbst Vielleser haben einiges zu tun. Es ist sehr gut gebunden, selten ist ein Softcover so gut verarbeitet, dass die Seiten nicht zur Loseblattsammlung mutieren und es sich nicht selbst zublättert. Zum Glück, bei dem Unfang wäre das auch eine ziemliche Plage.

Ein großer Mythos – für unsere Zeit neu erzählt. So steht es auf dem Buchrevers. Dem kann ich mich nur anschließen. Wer auch nur einen kleinen Funken für Sagen oder Geschichte allgemein übrig hat, sollte sich das Buch unbedingt kaufen. Selbst wer das Nibelungenlied kennt – Grundys Mix aus dem von Wagner her bekannten Stoff und der Völsung-Saga ist gerade wegen der oft gravierenden Unterschiede sehr interessant zu lesen. Wer auf den Geschmack gekommen sein sollte und mehr über den auch hier mysteriösen Hagen lesen möchte, dem sei das inoffizielle Prequel „Wodans Fluch“ vom gleichen Autor empfohlen. „Rheingold“ ist ein Buch, das jeden Cent wert ist.

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