Guy de Maupassant – Die Nichten der Frau Oberst

Humorvoller Klassiker der erotischen Literatur

Julia und Florentine sind die Nichten der Frau Oberst Briquart. In erotischer Hinsicht haben sie keinen blassen Schimmer, als sie sich mit jeweils einem Verehrer einlassen Florentine heiratet den impotenten Georges, einen Vetter, während Julia dem Werben des feschen polnische Emigranten Gaston Saski nachgibt. Als seine Konkubine muss sie leider erfahren, dass ihm seine Spielschulden über den Kopf gewachsen sind. Während sich vergeblich ein Kind wünscht, steht Julia vor dem Abgrund der Armut. Doch Hilfe naht, wenn auch von unverhoffter Seite…

Der Autor

Guy de Maupassant (1850-1893) ist der bekannteste französische Novellenautor. Er schrieb über 260 Novellen, Romane („Bel Ami“), Reisebücher und Dramen.

„Die Nichten der Frau Oberst“ erschien 1886 unter Pseudonym, doch es besteht kein Zweifel an Maupassant Autorschaft. Schon 1905 erschien die erste deutsche Übersetzung und gab Maupassant als Verfasser an. Die vorliegende Neuübersetzung verzichtet auf Platzhalter wie Striche oder Punkte und enthält laut Verlag alle Einzelheiten des Originals. Das Buch wurde zweimal von Erwin C. Dietrich verfilmt, 1968 und 1980. Das Lexikon des Internationalen Films befand, dass Regisseur und Produzent Dietrich der Maupassant-Vorlage „zum dritten Mal Gewalt antut.“

Handlung

Die Frau Oberst Briquart hat die zwei Nichten Florentine und Julia bei sich in Paris aufgenommen. Die jungen Damen sind inzwischen zwar heiratsfähig, aber völlig ahnungslos, was die Feinheiten der körperlichen Liebe betrifft. Das muss auch der 45-jährige Vetter Georges feststellen, als er Florentine geheiratet hat. Da es ihm an Manneskraft bereits mangelt, hält sie seine Berührungen an ihrer Liebespforte bereits für den echten Akt, der für die Hochzeitsnacht vorgesehen ist. Ihre Tante wäscht dem ahnungslosen Dummchen gründlich den Kopf und sorgt dafür, dass Georges seine Anstrengungen verdoppelt. Denn eine Ehe gilt nur dann als vollzogen, wenn der Bräutigam die Braut ordnungsgemäß entjungfert hat. Georges greift zu einem Aphrodisiakum. Als er es im Übermaß konsumiert, wird er zum Schatten seiner selbst…

Julia im Liebeshimmel

Bei Julia hat sie indes nicht so leichtes Spiel. Die junge Frau wird von dem jungen polnischen Emigranten Gaston Saski umworben. Indem sie ihre Tante austrickst, gelingt es ihr, ein Stelldichein ohne Aufsicht mit Gaston zu arrangieren. Prompt nutzt er die seltene Gelegenheit aus und verführt Julia, die sich bereitwillig hingibt. Das hat er nie erwartet. Nun bleibt nur noch die Ehe, um Julia zu einer ehrbaren Frau zu machen. Um das nötige Kleingeld zu erlangen, muss er nach Polen zu seiner eigenen Großtante reisen. Sie hat ihm ein Erbe zugesagt, aber erst nach ihrem Tod. Wenigstens ist sie bereits 80 Jahre alt. Sie verweigert ihm das Erbe, so dass er mittellos nach Paris zurückreisen muss. Immerhin gelingt es ihm, seiner Konkubine Julia eine schöne Wohnung einzurichten. Frau Oberst bricht zwar den Kontakt zu Julia ab, aber die junge Frau schwebt im Liebeshimmel.

Florentines unverhofftes Mutterglück

Florentine ist immer noch nicht gesegneten Leibes, als sie auf Anregung ihres Mannes in die Bretagne reist, um dort Urlaub zu machen. Er hingegen muss auf Befehl des Arztes an die Côte d’Azur in Kur. In der Bretagne lernt Florentine die Herzogin d’Herisez kennen, die einen entzückenden 13-jährigen Sohn namens Gaetan hat. Aufgrund seiner jungenhaften Schönheit nennt sie ihn nur ihren „Cherub“. Es kann nicht ausbleiben, dass er sich unsterblich in die junge Blondine verliebt. Als ein Telegramm Georges eintrifft, der sie an die Côte d’Azur ruft, bricht Florentine bei schlechtem Herbstwetter auf. Doch der Zug kommt im Schneetreiben nicht weit, und Gaetan, der sie als ihr männlicher Schutz begleitet, trägt Florentine zum nächsten Gasthof. Auf dem Zimmer ist es eiskalt, und bald klappern Gaetan die Zähne, während sich Florentine im Bett warm einmummeln darf. Sie hat ein Erbarmen mit ihm, so dass er – in Kleidern, versteht sich – unter ihre Bettdecke schlüpfen darf. Das folgende Techtelmechtel zeigt schon sechs Wochen später sichtbare Folgen. Florentine, die endliche wahre Manneskraft kennengelernt hat, ist schwanger. Natürlich gratulieren alle Georges zu dieser prächtigen „Leistung“…

Julia in Nöten

Unterdessen hat sich Gaston Saski durch Spielschulden an den Abgrund gebracht. Er wagt kaum, seinem und Julias Gönner, einem spanischen General, sein Unglück zu beichten. Der ist bereit, ihm auszuhelfen, doch nur um Julias willen, die ihm wie eine Tochter ist. Gaston jedoch wird gezwungen, das Geld bei seiner polnischen Tante zu beschaffen. Die alte Füchsin setzt ihn jedoch unter Druck. Als herauskommt, dass er immer noch nicht verheiratet ist, gibt sie ihm Wilhelmine zur Frau, die Tochter einer verstorbenen Freundin. Gaston ist wie Wachs in den Händen seiner Tante, schon bald findet die Hochzeit statt. Dadurch hat Julia nun keinen Rückhalt mehr. Ersrt in letzter Sekunde wird sie vor dem Elend der Mittellosigkeit bewahrt (denn Arbeiten kommt für ihre soziale Klasse keinesfalls in Frage)…

Zweiter Teil

Zwei bis drei Jahre später, im Frühling. Florentine ist nun zwar glückliche Mutter, aber leider auch Witwe. Und Julia ist mittlerweile ebenfalls verwitwet, entbehrt aber sowohl Mutterschaft als auch – wie ihre Schwester – Sex gleichermaßen. Was tun? Da weiß den beiden ihre diskrete Zofe Dorothea zu helfen, die früher mal Hebamme war. Sie schlägt einen raffinierten und „garantiert wasserdichten“ Plan vor, damit die beiden Schwestern in erotischer Hinsicht auf ihre Kosten kommen. Denn so ein richtiger Mann ist doch was viel Besseres als ein doofer Dildo.

Wenige Tage später rätseln Raoul de Paliseul und Maxence de Berny, die einem gewissen Pariser Herrenklub angehören, über die zwei Einladungen, die den Briefkopf einer Sphinx tragen und einen amourösen Nachmittag an einem geheimen Ort versprechen…

Mein Eindruck

Es gibt ein altes literarisches Konstruktionsprinzip in der Prosa, das sich kurz als „parallel lives“ bezeichnen lässt. Simon Scarrow hat es kürzlich wieder mal praktiziert, als er Napoleon Bonapartes Leben parallel zu dem von Arthur Wellesley, später Lord Wellington, erzählt hat. Die Parallelführung dient nicht nur dazu, die mehr oder weniger deutliche Verbundenheit zweier Schicksale vor Augen zu führen, sondern auch um zwei Figuren kontrastreich hervorzuheben.

In diesem Roman scheinen es die beiden titelgebenden Schwestern ganz gut zu treffen, als sie sich an unterschiedliche Männer binden. Doch Georges ist impotent und Gaston ein Spieler. Kann dabei etwas Gutes herauskommen? Nur mit viel Glück und wenn Sterne mitspielen. Am Beginn des zweiten Teils sind beide Damen verwitwet, aber erst 25 Lenze alt. Kommt da noch was, müssen sie sich fragen. Nun, wenigstens Julia lernt die große, die wahre Liebe kennen, als sie einen jungen Maler kennenlernt. Und Florentine? Sie profitiert von dem raffinierten Spiel, das sie mit Julia in einem geheimen Haus praktiziert.

Das Haus der anonymen Liebe

Dieser symbolträchtige Ort ist eine Art Architektur gewordener orientalischer Traum, ein Nirgendwo, wo sich die Liebe austoben kann – die anonyme Liebe. Das finden Paliseul und Maxence de Berny schnell heraus: Die Damen, die sie eingeladen haben, sind maskiert. Allerdings lassen sie sich nicht bezahlen, und das ist gewissermaßen verwirrend. Denn so wird aus dem Stelldichein unversehens keine Dienstleistung, sondern eine Herzensangelegenheit. Als Paliseul von seiner Schönen nicht mehr eingeladen, schwört er Rache. Der „garantiert wasserdichte“ Plan Dorotheas klappt doch nicht so gut.

Für den Leser ist evident, dass es sich bei den Schönen der Nacht um Julia und Florentine handelt. Als Maxence und Paliseul sie entlarven wollen, warnt Maxence seine Herzensdame Florentine, und es ergibt sich mit seiner Hilfe die Gelegenheit, dem armen Paliseul einen genialen Streich zu spielen. Während sich die Damen wie auch die Herren auf seine Kosten einen Ast lachen, schwört Paliseul umso ingrimmiger Rache…

Die Übersetzung

Erstmals erschien eine deutsche Übersetzung im Jahr 1905. Der Text der Neuübersetzung aus dem Jahr 1971 – mir liegt die 14. Auflage aus dem Jahr 1981 vor – wirkt modern, verständlich und fähig, die unterschwellige Ironie des Originals zu vermitteln.

S. 54: „George“ statt „Georges“.

Unterm Strich

Es ist kein Wunder, dass dies ein Klassiker der erotischen Literatur geworden ist: Von der ersten Seite an versteht es der geistreiche Erzähler, den Leser für das Schicksal der beiden Schwestern zu interessieren und sie mit immer neuen Hürden und Freuden zu bedenken. Der Leser weiß nie, was als nächstes zu erwarten ist, und das ist äußerst unterhaltsam. Zudem erweist er sich mit seinem feinen ironischen Humor als Freund der aufrichtig Liebenden, hat aber nur wenig für Schwindler, Betrüger und Leute, die keinen Spaß verstehen, (wie Paliseul) übrig. Er lässt Gott Amor immer eine Hintertür offen.

Der Autor beweist seine Kenntnisse in allem, was die Pariser „Gesellschaft“, also die Oberen Zehntausend, angeht. Er weist, welchen Ehren- und Anstandskodex man seinerzeit um 1880 befolgen musste, um nicht geschnitten zu werden. Und wehe, wenn jemand in die Verlegenheit kam, arbeiten zu müssen! So ergeht es der armen Dorothea, deren wichtigstes amouröses Abenteuer in ihrem Rausschmiss endete.

Der Erzähler ist auch mit den klassischen Werken der Erotik vertraut, so etwa „Daphnis und Chloe“ von Longus und „Gamiani“ von Alfred de Musset. (s. 22). Diese Bildung bekommt man nur auf den besten Schulen mit den besten Bibliotheken vermittelt – aber welche Bibliothek würde über ein so verbotenes Werk wie „Gamiani“ verfügen? Hier kommt der Leser ins Grübeln.

Das Nachwort liefert den Schlüssel: Kein Geringerer als Gustave Flaubert, der Verfasser des Skandalromans „Madame Bovary“, die Biografie einer Ehebrecherin, hat Maupassant unter seine Fittiche genommen und ihm die Grundlagen der literarischen Produktion beigebracht. Und dazu gehört sicherlich auch die gründliche Recherche. Solche Belege waren Maupassant sicherlich auch nützlich, als er zunächst in die Fußstapfen von Emile Zola, einem wenig galanten, geschweige denn eleganten Naturalisten, trat. In mehreren Rückblenden lässt uns der Autor mehr über seine Figuren erfahren.

Dennoch ist das Buch nicht vollständig ausgearbeitet. Besonders das jeweilige Ende von Teil 1 und Teil 2 wirkt in seiner Skizzenhaftigkeit mehr wie ein Exposé für ein Drehbuch als ein ausgereiftes Erzählwerk. Daher fiel es Maupassant wohl schwer, sich zeitlebens dazu zu bekennen. Er schob zunächst das Pseudonym „Madame la Vicomtesse de Coeur-Brulant“ vor, als das Buch 1886 erstmals in Druck ging. Wie schade, denn es kann es durchaus mit Erzählungen wie „Das Haus Tellier“ (ein Bordell) und vielen weiteren amourösen Novellen aufnehmen. Ich habe das Buch an nur einem Tag gelesen und keine Sekunde bereut.

Taschenbuch: 128 Seiten
Originaltitel: Les Cousines de la colonelle, par Madame la Vicomtesse de Coeur-Brulant 1886
Aus dem Französischen von Erich Flonger.
ISBN-13: 9783954186990

www.heyne.de

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