H.G. Wells – Der rote Raum (Gruselkabinett Folge 146)

Riskanter Selbstversuch

England 1899: Was geht vor sich in dem berüchtigten roten Raum des Schlosses Lorraine, in dem noch niemand eine ganze Nacht ausgehalten hat, ohne dem Wahnsinn zu verfallen oder zu versterben? Simon Price will gegen den ausdrücklichen Rat der Besitzerin und der alten Dienstboten dem Spuk mit modernster Technik, einem Phonographen, zu Leibe rücken und riskiert damit seinen Verstand und sein Leben… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Der Autor

H(erbert) G(eorge) Wells wurde am 21.9.1866 in Bromley/Kent geboren und starb am 13.8.1946 in London. Nach einer Kaufmannslehre absolvierte er ein naturwissenschaftliches Studium mit Prädikatsexamen; nach nur wenigen Jahren als Dozent lebte er als freier Schriftsteller. Sein Gesamtwerk umfasst etwa hundert Bände. Zu Weltruhm gelangte er mit seinen Romanen und Erzählungen, die ihn als Begründer der modernen Science-Fiction, als genialen phantastischen Utopisten und als kritisch-humorvollen Gesellschaftssatiriker ausweisen. (Verlagsinfo, dtv)

Zum Originaltext (Inhaltsbeschreibung).

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Simon Price: Valentin Stroh
Herzogin: Ursula Sieg
Haushälterin: Dagmar von Kurmin
Verwalter: Horst Naumann
Alter Ed: Bert Stevens

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio und den Planet Earth Studios statt. Die Illustration trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Simon Price glaubt an die Macht der Wissenschaft. Mit Technologie gedenkt er alten Aberglauben auszurotten. Sein nächstes Versuchsobjekt ist der berühmt-berüchtigte „rote Raum“ im Schloss Lorraine. Seitdem dort die Braut des Herzogs vor hunderten von Jahren umgekommen sei, spuke es dort. Erst nachdem er die Herzogin, die dort schon vor 18 Monaten wegen des Todes ihres Sohns im roten Raum ausgezogen ist, von seinen lauteren Absichten und seiner eisernen Entschlossenheit überzeugt hat, erteilt sie ihm die Erlaubnis, ein paar Nächte im roten Raum zu verbringen.

Er entbindet sie jeder Verantwortung: Als letzter seiner Sippe verfüge er über keinen Anhang, so dass niemand sie zur Rechenschaft ziehen werde. Alles, was er mitnehmen wolle, sei sein Phonograph. Dieser soll ihm den akustischen beweis liefern, dass es keinen Geist gebe, sondern nur seine eigene Stimme.

Das Schloss

Vor Ort leben nur noch drei sehr alte Personen: der Verwalter, die Haushälterin und „der alte Ed“, offenbar eine Art Faktotum. Sie wissen, dass es im roten Raum spukt, weshalb sie ihn nie betreten – ganz besonders nicht heute Nacht, in der „Nacht der Nächte“: Es ist Halloween, der 31. Oktober 1899. Simon hat den Eindruck, es bereits bei ihnen mit Geistern, Wachspuppen oder Mumien zu tun zu haben. Sie führen ihn vorsichtshalber nicht zum roten Raum, sondern beschreiben lediglich den Weg dorthin.

Der rote Raum

Das Zimmer wird von einem großen Bett beherrscht, die Wände sind behängt mit Spiegeln, die Tapeten sind in der tat leuchtend rot. Das Kaminfeuer muss Simon selbst anzünden, ebenso die vielen Kerzen. Er stellt seinen Apparat auf, setzt einen der Wachszylinder, die er mitgebracht hat, ein und startet die Aufnahme. Anschließend beginnt er, eine Art Protokoll zu sprechen.

Er versichert sich, dass nichts im Verborgenen lauert: nicht in einem Hohlraum der Wand, nicht jenseits der Fenster, nicht unter oder gar im Bett. Dennoch beschleicht ihn das Gefühl, beobachtet zu werden. Die vielen Spiegel werfen seine Silhouette zurück. Es wird sehr kalt. Ein Luftzug bläst seine Kerze aus. kaum hat er sie erneut entzündet, wird sie erneut ausgeblasen. Doch welcher Art ist die unsichtbare Präsenz, gegen die er kämpft? Ist es die Dunkelheit, die Kälte oder die Furcht? Er gerät in Panik, rezitiert sein Mantra gegen die Furcht, ruft Gott um Hilfe an, doch nichts hilft. Er stößt sich den Kopf und blutet, doch seine Schreie verhallen ungehört…

Mein Eindruck

Doch sicherlich hat der zuverlässige Phonograph alles aufgezeichnet, hofft der Hörer. Diese Frage muss auch am Schluss beantwortet werden und bildet die Pointe des dramatischen Stücks (die natürlich verraten werden darf). Immerhin fragen sich auch die vertrockneten letzten Bewohner des Schlosses, ob da wirklich etwas ist im roten Raum – oder ob alles doch nur Einbildung ist.

Der wissenschaftlich beschlagene Protagonist ignoriert alle Warnzeichen und schlägt die bösen Omen in den Wind. Die Wissenschaft werde schon die Dunkelheit und Furcht besiegen, so sein Credo. Schließlich stehe die Menschheit im Jahr 1899 am Beginn eines neuen Jahrhunderts, eines der Aufklärung und Vernunft. Schon die Existenz des Phonographen scheint der Beweis zu sein, dass solche Hilfsmittel die Herrschaft des Menschen über die Schöpfung in die Wege leiten. Es gibt die Eisenbahn, das Auto, den Telegrafen und vieles mehr. Der Mensch (zumindest der männliche) schickt sich an, Gott zu werden. Denn die Stelle ist bekanntlich kürzlich vakant geworden, nachdem ein gewisser Friedrich Nietzsche Gott für tot erklärt hatte.

Doch das Verhängnis naht sich dem kühnen Simon nicht von außen, sondern von innen. Kälte, Dunkelheit und schließlich Furcht haben sich verbündet, um ihn in Panik zu versetzen, als wäre er ein Neandertaler. Jede Vernunft, jeder Gedanke geht flöten, als die uralten Kräfte der Emotionen ihre Herrschaft antreten und Simon in die Knie zwingen. Ob es für ihn ein Erwachen gibt?

Der Hörer mag sich fragen, warum die drei alten Herrschaften – sie erinnern ein wenig an die Parzen – es schaffen, immer noch an einem Ort der Furcht zu überleben. Das ist genau der Punkt: Sie haben bereits jede Art von Emotion verloren und wirken daher auf Simon wie ihre eigenen Mumien oder Puppen. Für sie bietet das rote Zimmer keinen Schrecken. Zum Glück für Simon, als er am nächsten Morgen erwacht…

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Zunächst hat Valentin Stroh als Simon Price leichtes Spiel, denn er braucht nur ganz normal – also vernünftig – zu sprechen, um entschlossen und glaubwürdig aufzutreten. Doch im roten Raum wird es dann ernst. Die Angst, die Simon zunehmend erfüllt, muss Stroh in Zeilen verwandeln, die halbwegs glaubwürdig klingen. Dies ist, wie gesagt, die dunkle Seite der menschlichen Seele, von der die Vernunft nichts weiß.

Die Gefahr besteht darin, lächerlich zu wirken – es sei denn, die Bedrohung Simons wird furchteinflößend genug inszeniert. Mit kräftiger Unterstützung des facettenreichen Sounddesigns (in Stereo) gelingt Stroh ein durchaus eindrucksvoller Auftritt, der allzu abrupt endet. Auch seine letzten Zeilen vor versammeltem Trio enden unvermittelt. Offenbar wollte die Regie dem Hörer genügend Raum für eigene Vorstellungen lassen.

Das einzige Manko, der mir in den Sinn kommt, ist der Dramaturgie geschuldet: Es gibt keine persönliche Motivation für Simon Price, auf Geisterjagd zu gehen. Das hat er mit den vielen anderen Geisterjägern im Gruselkabinett gemein, etwa mit Aylmer Vance. Dennoch schwächt es den Eindruck, den seine Figur auf den Hörer macht, denn dadurch wirkt er austauschbar. Was er in der Tat auch ist. Der Nächste, bitte!

Ursula Sieg als Herzogin spielt quasi den Zerberus, der den Abstieg zur Hölle bewacht. Sie spielt ihre Figur streng, aber mit Mitgefühl. Ihre Bediensteten vor Ort sind ähnlich eingestellt. Dagmar von Kurmin als Haushälterin ist bereits von Anfang an beim Gruselkabinett, und Horst Naumann (Verwalter) sowie Bert Stevens (Alter Ed) haben sich als unverzichtbare Fachkräfte des Gruselkabinetts etabliert. Das betagte Trio macht es „Simon Price“ nicht allzu schwer, Zutritt zum roten Raum zu erlangen, denn dafür mangelt es dem Trio an emotionaler Verve.

Geräusche

Eine große Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Klappernde Teetassen, knisterndes Kaminfeuer, das Donnergrollen eines Gewitters – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln. Das obligatorische Käuzchen habe diesmal sehr vermisst.

Die Musik

Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Spannung sukzessive von Szene zu Szene, bis die Spannung in Simons Sturz und Ohnmacht gipfelt.

Die akustische Inszenierung des roten Raums ist ausschlaggebend für die Wirkung des dramatischen Geschehens. Tiefe Bässe nahen im Doppelschlag, als wäre dies „Terminator“ und nicht ein französisches Schloss. Dissonante Geigen sirren leise, als hätte Bernard Hermann (der Komponist von „Psycho“) sie persönlich komponiert, doch den besten Effekt liefert ein wischendes Geräusch, das in Stereo von einem Lautsprecher zum anderen wandert: Der Eindruck einer geisterhaften Hand – siehe die Titelillustration – entsteht, die die Lichter der Kerzenleuchter auslöscht. Simons Panik steigert sich, bis ein Krachen ein Unglück andeutet. In höchster Not ruft er den für tot erklärten Gott seiner Vorväter an – doch vergeblich.

Sehr hübsch sind die bedrohlichen Klänge auch noch im Outro arrangiert: ein Crescendo der Furcht, das mit einem unheilvollen Dröhnen endet.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt die Szene, in der eine geisterhafte Hand erscheint, die die Lichter der Kerzenleuchter auslöscht.

Im Booklet sind die zahlreichen Titel des GRUSELKABINETTS bis Herbst 2019 verzeichnet. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Ab Frühjahr 2019

144: Arthur Machen: Der gewaltige Gott Pan
145: M.R. James: Das unheimliche Puppenhaus
=>>146: H.G. Wells: Der rote Raum
147: Per McGraup: Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni (Original-Hörspiel!)
148: Louisa May Alcott: Im Labyrinth der Großen Pyramide
149: E. & H. Heron: Flaxman Low – Der Fall Teufelsmoor

Ab Herbst 2019:

150: Lovecraft: Herbert West, der Wieder-Erwecker
151: Ewers: Die Topharbraut
152: England: Das Ding
153: Storm: Bulemanns Haus
154: Howard: Tropischer Schrecken
155: E. & H. Heron: Flaxman Low – Der Geist von Baelbrow

Unterm Strich

Herbert George Wells zeigt sich auch in dieser Erzählung von 1894, die zwei Jahr später nach „The Time Machine“ (1895) erschien, als Skeptiker der Wissenschaftsgläubigkeit seiner Zeitgenossen. Wo andere ein Utopia nach dem anderen ausmalen, gemahnt er an den alten Adam, der nicht nur menschliche Bedürfnisse wie etwa Liebe, Nahrung, Gesundheit und Arbeit besitze, sondern auch von Instinkten beherrscht werde, die keine Technik der Welt ausradieren werden könne.

Ohne die Lösung des Rätsels in Simon Prices Experiment verraten zu wollen, lässt sich doch feststellen, dass es genau jene verleugneten Instinkte sind, die ihm zum Verhängnis werden. Seine Wissenschaft, verkörpert im Phonographen, mag noch so ausgefuchst sein, so wird ihm der „alte Adam“ doch stets ein Bein stellen. Wir mögen zu den Sternen fliegen, erzählte auch Stanislaw Lem immer wieder, so reisen doch der „alte Adam“ und seine Eva immer mit. Der Mensch kann die über hunderttausende von Jahren erworbene Konditionierung, die in seinen Genen verankert ist, nicht in zwei oder drei Jahrhunderten abschütteln. Wir sind Herdentiere. Simons Schwachstelle ist deshalb sein Alleinsein. Hätte er einen Gefährten oder eine Gefährtin, wäre seine Furcht nur halb so groß, und in einer Gruppe würde er es mit der Bedrohung aus dem Dunkel allemal aufnehmen.

Das Hörspiel

Die Dramaturgie steuert zielstrebig auf den titelgebenden Ort zu, wo sich dann Simons Selbstversuch mit all seinen Schattenseiten ereignet. Die erste Hälfte wirkt wie ein Abstieg in die Unterwelt. Fast die ganze zweite Hälfte ist eben dieser Hölle gewidmet: Kann der einzelne Mensch gegen die Mächte von Kälte, Dunkelheit und Furcht bestehen? Es sieht nicht so aus. Doch der eigentliche Clou darf hier nicht verraten werden.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars (Naumann, Stevens u.a.). Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Synchronsprecher vermitteln das richtige Kino-Feeling.

CD: ca. 44 Minuten
Originaltitel: The Red Room, geschrieben 1894, Veröffentlichung 1896.
Aus dem Englischen von unbekannt.
ISBN-13: 9783785759462

www.heyne.de

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