H. P. Lovecraft – Die Farbe aus dem All (Gruselkabinett 90)

Außerirdischer Besuch auf der verfluchten Heide

Amerika in den 1930er Jahren: In den Hügeln westlich von Arkham gehen seit dem Einschlag eines Meteoriten auf dem Gelände einer Farm äußerst seltsame, geradezu beunruhigende Dinge vor. Nun soll genau dort, unter anderem in dem von den Einheimischen „verfluchten Heide“ genannten Gebiet, ein gewaltiger Stausee entstehen, um die Wasserversorgung der Stadt auf Jahrzehnte hinaus zu sichern… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen.

Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman „Der Flüsterer im Dunkeln“.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Jeff Burger: Johannes Berenz
Rose Kenny: Melanie Pukaß
Ammi Pierce: Jochen Schröder
Nahum Gardner: Peter Reinhardt
Nabby Gardner: Cornelia Reinhardt
Zenas Gardner: Julian Tennstedt
Thaddeus Gardner: Daniel Schlauch
Merwin Gardner: Jannik Endemann

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand bei Titania Medien Studio und in den Planet Earth Studios statt. Die detailreiche, stimmungsvolle Illustration stammt von Ertugrul Edirne.

Hörprobe: http://www.titania-medien.de/audio/hoerspiele/ (ohne Gewähr)

Handlung

Es gibt eine Gegend am Miskatonic westlich von Arkham, wo die Berge steil emporsteigen, die man die „Verfluchte Heide“ nennt. Die früheren Bewohner sind fortgezogen, und Fremde werden hier nicht heimisch, weil schlechte Träume sie heimsuchen. Nur der alte Ammi Pierce, der unweit Arkham lebt, spricht zu den Besuchern über das, was hier einst blühte und gedieh, an der alten Straße, wo die Farm von Nahum Gardner lag. Die neue Straße macht einen großen Bogen nach Süden um dieses Gebiet herum. Die beiden Landvermesser Jeff Burger und Rose Kenny haben viele Fragen: Wie konnte es nur soweit kommen? Kann man hier wirklich einen Stausee anlegen?

Nun, Ammi Pierce hat dazu eine eindeutige Meinung: „Möge der geplante Stausee bald die verfluchte Heide bedecken und die seltsam unnatürlichen Farben auslöschen, in denen sie funkelt.“ Aber ob man vom Wasser dieses Sees trinken sollte, fragen die Landvermesser, die diese Gegend zum ersten Mal besuchen. Die Heide mit ihrem stinkenden Moder, den verkrüppelten Bäumen und dem verdorrten Gras breitet sich jedes Jahr weiter aus.

Folgendes erfahren sie von Ammi Pierce, dem besten Freund der Familie Gardner: Dort, wo einst die florierende Farm von Nahum Gardner stand, umgeben von fruchtbarem Weideland und Obstanbau, existiert nur noch toter Staub, der das Sonnenlicht in merkwürdigen, unirdischen Farben reflektiert.

Alles begann, nachdem sich 1882 der Meteorit in der Nähe von Nahums Brunnen in die Erde gegraben hatte. Das war vor rund 50 Jahren. Ammi ist überzeugt: Eine fremde Macht aus dem All versank in der Erde, kurz darauf setzten rätselhafte Veränderungen bei Tieren und Pflanzen ein. Die Natur schien aus dem Gleichgewicht, die armen Menschen – zuerst die arme Nabby Gardner – wurden von einem Wahnsinn ergriffen oder verschwanden spurlos, und alle Dinge weit und breit begannen, in unbeschreiblichen, widerwärtigen Farben zu leuchten – bis heute…

Mein Eindruck

Dies ist eine der besten Geschichten des Meisters aus Providence. Sie besticht den Hörer durch ihre reportagehafte Genauigkeit, die Kühlheit ihrer genauen Beschreibungen, die trotz des horriblen Inhalts dennoch von der Vernunft gesteuert werden, als habe Edgar Allan Poe selbst die Feder des Schreibers geführt. Auch die „Einheit der Wirkung“, eine zentrale Forderung Poes von der Kurzgeschichte, ist vollständig und vorbildlich erfüllt.

Stufen des Grauens

Diese Geschichte steigert sich in Stufen und mit Verschnaufpausen bis zu einem solch phantasmagorischen Moment kosmischen Schreckens, dass es ein Wunder wäre, wenn der Hörer nicht davon ergriffen würde. Zuerst zeigen sich nur leise Andeutungen, die sich zunehmend verdichten, je schwerer die Beeinträchtigung von Nahum Gardners Farm wird. Ammi Pierce ruft vor den beiden Geometern auch Wissenschaftler der Miskatonic Universität herbei, die aber auch nicht allzu viel ausrichten können. Sie finden allerdings Kugeln in einer unirdischen Farbe, und es ist anzunehmen, dass diese Substanzen ihren Weg in den Brunnen und somit ins Trinkwasser der Gardners finden.

Etwas im Wasser

Schon bald ändert sich der Geisteszustand von Mrs Gardner. Ihr Mann sperrt sie auf den Dachboden, ihr folgen ihre drei Söhne Zenas, Thaddeus und Merwin. Das menschliche Drama nimmt seinen Lauf, und zwei der Jungs verschwinden wie von einem Magneten angezogen im Brunnen – bis schließlich selbst der Alte vom Wahnsinn ergriffen wird. Erst als Ammi Pierce Nachbarn und besorgte Bürger mobilisiert, um im Oktober 1883 nach ihm zu sehen, erreicht der Horror seinen Höhepunkt.

Die verfluchte Heide

Sie blicken aus dem Farmhaus hinaus auf eine Vision der Hölle. Irrlichter schweben über der zerstörten Landschaft, als wollten sie es sich hier gemütlich machen. Sie saugen allen Kreaturen das Leben aus. Nun wächst das Grauen um eine weitere Dimension: Es wird kosmisch. Es kommt von den Sternen und es kehrt zu den Sternen zurück, allerdings nicht ohne ein sinistres Erbe zu hinterlassen: die sich ausbreitende „verfluchte Heide“.

Diese Heide birgt etwas, das nicht nur physisch existiert, sondern auch die Träume jedes Heidebesuchers heimsucht. Rose Kenny fröstelt es: Sie fühlt sich beobachtet. Wie schon Nahum Gardner sagte: „Es zieht einen an, man kommt nicht weg.“ Und deswegen blieb er auf seiner Farm bis zum bitteren Ende, ähnlich wie Ammi Pierce. Und ob die beiden Landvermesser je davon loskommen, nachdem sie nach Boston gezogen sind, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Da es außer dem Meteroriteneinschlag keinerlei Action gibt, lebt das Hörspiel ausschließlich von der Eindringlichkeit der zu hörenden Stimmen. Glücklicherweise gelingt es dem Trio aus Jochen Schröder, Johannes Berenz und Melanie Pukaß, den Grusel zu entfachen, den diese Hörspielreihe für sich beansprucht. Zunächst flüstern die beiden Geometer, sobald sie die Heide betreten, als könnte eine fremde Macht sie bemerken.

In zahlreichen Rückblenden stellen die Sprecher der Gardners, die Ammi regelmäßig besucht, ihre unheimliche Veränderung dar. Cornelia Meinhardt spielt die gefühlsbetonte, intuitiv die Gefahr erfassende Mutter, Peter Reinhardt den „vernünftig“ bzw. stur dagegen argumentierenden Vater. Ihre „Söhne“ müssen das Zögern ausbaden. Thaddeus wird als erster verrückt. Dann verschwinden nacheinander seine beiden Brüder Zenas und Merwin.

Ein Jahr lang dauert das Martyrium. Die Gardner sind nicht etwa weggezogen wie alle ihre Nachbarn, sondern dienen quasi den Irrlichtern als Vieh, das diese aussaugen können. Nahum will es bloß nicht wahrhaben, selbst wenn er Nabby, die er in eine Dachkammer gesperrt hat, greinen und klagen hört. Doch es kommt der Tag, an dem Ammi die Stiege hinaufsteigen muss, um zu sehen, was von Nabby übriggeblieben ist – falls überhaupt…

Geräusche

Die Geräusche sind in etwa die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Zunächst sind sie modern, doch das soll sich schon bald ändern. Der Motor des Wagens der Landvermesser rattert, wenn sie zu Ammi fahren und die verfluchte Heide inspizieren. Auch Türen öffnen sich allenthalben knarrend und quietschend, und wie stets knistert ein Kaminfeuer.

Das Schlimmste sind aber die Insekten. Genau wie die Äpfel unter dem Einfluss des Meteoriten unnatürlich groß geworden sind, so auch die Insekten. Sie sirren dem Hörer geradezu direkt ins Ohr, schwirren und surren um ihn herum, dass man am liebsten zuschlagen möchte. Ammis Pferd wiehert, bevor es durchgeht, und Ammis Hund Hero bellt – bis auch ihn das Schicksal ereilt.

Aber wer genau hinhört, erlauscht auch unheimlich heulende Winde, höchst seltsame Vogellaute, von denen die eines Käuzchens noch die vertrautesten sind. Als Ammi zu Nabby hochsteigt, ist jedoch der unheimlichste Laut zu vernehmen: ein sehr niederfrequenter Pulsschlag, der wie Trommeln in der Nacht den Pulsschlag des Zuhörers beschleunigt. Die Beklemmung erreicht ihren Höhepunkt.

Musik

Die untermalende Musik, die unterschwellig die Emotionen des Hörers steuert, folgt dem Spannungsanstieg, den die Geräusche einleiten, synchron. Den ersten musikalischen Höhepunkt erreicht das Hörspiel, als erst die unheimliche weiße Wolke auftaucht und tags darauf der Meteorit einschlägt. Begleitet von Grummeln, Donnern und Blitzgeräuschen steigert sich die düstere Musik zu einem Crescendo, das wieder verebbt, sobald Optimismus, Vernunft und Spott Einzug halten.

Diese Form amerikanischer Tapferkeit ist jedoch nicht von Dauer. Über ein Jahr hinweg verändert sich das Land der Gardner auf unheimliche Weise. Man liegt nicht falsch, wenn man sich H. G. Wells“ „red weed“ in Erinnerung ruft, das die von den Marsianern eroberte Erde zu bedecken beginnt. Am Ende des Jahres, im Oktober 1883, steigt Ammi die Stiege zu Nabby Gardner empor – oder zu dem, was die Aliens von ihr übriggelassen haben. Die bis dahin von dumpfen Trommelschlägen angetriebene Musik erreicht ein neues Crescendo und wird frenetisch, als der Horror seinen Höhepunkt erreicht.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Ertugrul Edirne fand ich diesmal passend, detailreich und sehr stimmungsvoll. Aber sind das wirklich „Farben aus dem All“? Ich nehme mal an, es handelt sich um die Anfangsphase der Transformation.

Im Booklet sind Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:

Nr. 90: H.P. Lovecraft: Die Farbe aus dem All (großartiger Klassiker!)
Nr. 91: J.M. Barrie: Mary Rose
Nr. 92: M.R. James: Zimmer 13
Nr. 93: N. Hawthorne: Das Haus der sieben Giebel
Nr. 94: Charles Rabou: Tobias Guarnerius
Nr. 95: Henry S. Whitehead: Die Falle
Nr. 96/97: Abraham Merritt: „Madame Mandilips Puppen“
Nr. 98: Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“
Nr. 99: Leopold von Sacher-Masoch: „Die Toten sind unersättlich“

Auf www.titania-medien.de wird das Hörspiel zum Jubiläum der Reihe genannt:

Nr. 100: H.P. Lovecraft: Träume im Hexenhaus
Nr. 101: M.R. James: „Verlorene Herzen“

Unterm Strich

Von ihrer Symbolik und Bildsprache her ist diese erstklassige Erzählung Lovecrafts so offen angelegt, dass sie sich auf vielerlei Weise deuten lässt. Zunächst scheint es sich nur um einen einfachen Fall von Meteoriteneinschlag zu handeln, doch in Wahrheit geht es um eine außerirdische Invasion. Hier treten keine Killermaschinen auf, sondern die Transformation der Gardner-Farm erfolgt auf mikroskopisch kleiner Ebene – und ist daher viel gründlicher.

Invasion, Transformation

Die Invasoren haben keine irdische Gestalt – warum sollten sie auch? Vielmehr existieren sie auf einer immateriellen Ebene, saugen aber ihren Opfern vampirgleich die Lebensenergie aus. Das Perfide daran besteht in der Bereitwilligkeit, mit der sich diese Opfer quasi zu Nutztieren der Aliens umwandeln lassen. So nimmt die Invasion mitsamt der nachfolgenden Unterwerfung Züge einer ideologischen Gehirnwäsche an.

Die Opfer genießen das Brunnenwasser, das anderen Menschen, wie etwa Ammi, wie fauliges Gift erscheint. Ihre Wahrnehmung passt sich also bereits den Bedingungen der Außerirdischen an, und sie werden zu den ersten Bewohnern einer Alien-Exklave auf der Erde. Sind sie nicht glücklich über dieses Vorrecht? Keineswegs, denn sie bezahlen mit ihrem Leben und/oder ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit.

Der Super-GAU

Die zweite Möglichkeit der Deutung ist noch etwas einfacher: Man stelle sich die Gardner-Farm als Todeszone vor, die nach der Explosion eines Atomkraftwerks zunehmend radioaktiv verstrahlt wird. Der Verlauf eines realen GAU ist schneller und andersartig, aber die Parallelen sind verblüffend genug. Ahnte der Meister aus Providence schon im Jahre 1927, was die Atomkraft nur 18 Jahre später in Hiroshima anrichten würde? Wahrscheinlich nicht.

Aber HPL war aufgrund seiner umfassenden Lektüre auf dem Laufenden, was die Atomphysik betraf. Und wenn seine „verfluchte Heide“ eine radioaktive Todeszone wie etwa bei Tschernobyl oder Fukushima ist, warum sollte dann jemand, der noch bei Verstand ist, darauf einen Stausee als Trinkwasserreservoir für eine Stadt anlegen wollen? Die Geometer sind Feiglinge und ziehen lieber ins weit entfernte Boston um, statt gegen das Staudammprojekt zu kämpfen.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Synchronstimmen von Schauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Sprecher vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Wer jedoch mit stimmungsvollem Grusel absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen. Die Hörbücher der „Necroscope“-Reihe von Brian Lumley dürften eine ausreichend starke Grusel-Dosis verabreichen. Schade, dass sie längst eingestellt worden ist.

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Audio-CD: 72:37 Minuten Spielzeit
Info: The color out of space, 1927; Titania medien/Lübbe Audio 09/2014, Hilden

www.titania-medien.de

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