Hamilton, Laurell K. – Bittersüße Tode (Anita Blake 1)

Vampire, Zombies, Ghoule … In Laurell K. Hamiltons Fantasywelt sind diese Kreaturen keine Hirngespinste, sondern ganz einfach Alltag. Die amerikanische Regierung hat die Existenz von Vampiren anerkannt und räumt ihnen sogar ganz normale Bürgerrechte ein. Wie jeder gute amerikanische Bürger dürfen sie also Geschäfte eröffnen und sich frei bewegen. Doch ihre Faszination haben die Vampire dadurch noch lange nicht verloren. Alle großen Städte haben ihre eigene Vampirkultur. In St. Louis haben sich die Untoten im Hafenviertel eingenistet, wo der geneigte Tourist zwischen einer ganzen Anzahl von Attraktionen wählen kann: Strippende Vampire, Zirkusvampire, Kellnervampire. Alles da. Ein ganz normales Vergnügungsviertel – wenn man davon absieht, dass die Betreiber technisch gesehen tot sind.

Der Protagonistin von „Bittersüße Tode“ schmeckt das gar nicht. Anita Blake ist ein „Animator“, sie verdient ihren Lebensunterhalt bei Animators Inc. damit, Tote als Zombies wieder auferstehen zu lassen. Ein sehr lukratives Geschäft, wenn das Testament des Verstorbenen unklar formuliert war oder seine Lieben noch einige letzte Worte mit der Leiche wechseln wollen. Die Regierung überlegt sogar, Zombies als Zeugen vor Gericht zuzulassen. Als Nebenverdienst arbeitet Anita allerdings beim Spukkommando, einer von der Polizei eingerichteten Abteilung, die sich mit all den übernatürlichen Wesen auseinandersetzen muss. Anita, die übernatürliche Biologie studiert hat, wird gern als Beraterin von der Polizei hinzugezogen und ist außerdem noch die offizielle Vampirvernichterin ihres Staates (ja, auch für Vampire gibt es die Todesstrafe). Die Vampire nennen sie „den Scharfrichter“ und gehen ihr aus dem Weg. Ihre Arbeit hat sie gezeichnet und so hält sie die strippenden und kellnernden Vampire keineswegs für harmlose Unterhaltung.

Daher ist sie auch gar nicht begeistert, als die Vampire die Hilfe des Scharfrichters suchen. Einige Vampire sind brutal ermordet worden, die Gemeinschaft ist beunruhigt und niemand weiß, wer der Mörder ist. Als Anita die Zusammenarbeit mit den Vampiren ablehnt, wird sie kurzerhand zur Kooperation gezwungen. Nikolaos, der mächtigste Vampir in St. Louis, lässt sich nicht gern zurückweisen. Sie ist über tausend Jahre alt, sieht jedoch aus wie ein zehnjähriges Kind. Ihre Kräfte sind unglaublich und Anita überlebt ihr erstes Treffen mit ihr nur durch Glück.

Da sie keine Wahl hat, macht sie sich also auf, den ominösen Vampirmörder zu finden. Gleichzeitig jedoch wird sie von seltsamen Träumen heimgesucht. Der Besitzer des „Guilty Pleasures“-Clubs, der Vampir Jean-Claude, hat mit ihr seine Kraft geteilt, als sie von einem Vampir schwer verletzt wurde. Dieses erste Zeichen von vieren verbindet Anita ungewollt mit dem gut aussehenden Vampir.

1993 erschien „Guilty Pleasures“, wie der Roman im Original nach Jean-Claudes Vampirbar benannt ist, zum ersten Mal in Amerika. Seitdem hat die Serie zehn Fortsetzungen gesehen und Laurell K. Hamilton zeigt noch keine Anzeichen, dass sie ihrer aufgeweckten Heldin müde ist. 2003 erschien das erste Abenteuer um Anita Blake nun auch endlich auf deutsch, mit dem seltsam anmutenden Titel „Bittersüße Tode“. Da es sich um den Auftakt einer Romanserie handelt, ist das Buch stellenweise noch recht unausgegoren und unfertig. Die meisten Charaktere – selbst Jean-Claude, der später zum Mittelpunkt der Handlung werden soll – sind so stereotyp, dass man sie kaum auseinanderhalten kann. Vor allem all die auftauchenden Vampire und Handlanger Anitas können Verwirrung schaffen. Nur Anita selbst, der Stripper Philip und die Vampirin Nikolaos werden dem Leser ausführlicher vorgestellt, alle restlichen Figuren bleiben Schablonen.

Trotzdem ist „Bittersüße Tode“ jedoch ein unterhaltsames und spannendes Abenteuer. Laurell K. Hamilton ist bekannt dafür, Pageturner zu schreiben, Bücher also, die man nicht aus der Hand legen kann. Gerade gegen Ende verdichtet sich die Handlung dermaßen, dass man atemlos die Seiten umblättert. Das Buch kurz weglegen? Keine Chance, will man nicht vor Spannung nervöse Zuckungen bekommen.

Das Besondere an Laurell K. Hamiltons Heldin ist ihre toughe, zynische und abgeklärte Art. Hamilton lässt Anita ihre Abenteuer erzählen, und sie tut dies in einer abgebrühten Mundart, die nach einer kurzen Gewöhnungsphase reichlich suchtgefährdend ist. Anita plappert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Mit schöner Regelmäßigkeit macht sie ihren Schusswaffen Liebeserklärungen, ihr loses Mundwerk bringt sie ständig in Schwierigkeiten und ihre sarkastische Art des Erzählens gewinnt der Leser recht bald lieb. Die deutsche Übersetzung schafft es nicht ganz, an das englische Original heranzukommen. Manche Referenzen und Anspielungen verlieren sich einfach oder werden fast unkenntlich. Trotzdem konnte die Übersetzerin Angela Koonen viel in die deutsche Fassung hinüberretten und so redet Anita auch auf Deutsch, wie ihr gerade der Schnabel gewachsen ist.

Auch wenn man den bittersüßen Toden den Serienbeginn ansieht, ist doch zu hoffen, dass die Reihe um Anita Blake auch in Deutschland viele (vor allem weibliche) Fans finden wird. Der Slogan „Buffy für Erwachsene“ trifft ziemlich ins Schwarze. Viel offenere Sprache, viel mehr Blut und Gewalt und in späteren Romanen auch viel mehr Sex als bei der blonden Jägerin zeichnen Anita aus. Die Mythologie um ihre Vampire und Wertiere ist in „Bittersüße Tode“ noch ziemlich an den Rand gedrängt, doch in Zukunft wird sie ein recht buntes Konglomerat an übernatürlichen Wesen ihre Bücher bevölkern lassen. Anita Blake ist kultverdächtig: Kein Modeltyp, klein und zierlich, dunkelhaarig, Single, schläft mit Plüschpinguinen und pfählt in ihrer Freizeit Vampire. Ständig schrammt sie kurz am Tod oder anderen Peinlichkeiten vorbei und rettet sich doch in letzter Sekunde immer mit Schnauze und ihrer Lieblingsknarre. Da kann man nur sagen: Männer, schnallt euch an!