Hamilton, Peter F. – Spinne im Netz, Die (Mindstar 1)

_Die Post geht ab im Cyberspace_

Mit seiner Mindstar-Trilogie verhalf der Engländer Hamilton der Space-Opera in der Science-Fiction wieder zu neuen Ideen und neuem Glanz. In stilistischer Hinsicht ist „Die Spinne im Netz“ ein spannender Actionkrimi vor dem Hintergrund einer phantasievoll weitergeführten Wirklichkeit.

_Handlung_

Im Mittelpunkt dieses Romans steht Greg Mandel, ein rechter Kerl, der zuzupacken versteht. Und gleich in der ersten Szene befreit er eine hübsche junge Frau, Eleanor, aus den Klauen einer Sekte, die von ihrem Vater geführt wird. Zum Glück besteht Eleanor nicht nur aus Arsch und Titten, sondern trägt beherzt und intelligent wesentlich zum Erfolg der Mission bei, auf sich ihr Freund nun einlässt.

Mandel ist ehemaliges Mitglied einer britischen Elitetruppe namens Mindstar-Bataillon. Dessen Angehörige waren experimentell mit Extradrüsen ausgestattet worden, um so ihre geistige Kapazität zu erhöhen. Inzwischen verdient sich Mandel als Privatdetektiv seine Brötchen und zwar mit einer ausgefallenen Eigenschaft: Er kann feststellen, ob jemand lügt. Seine Drüse schüttet Neurohormone aus, die es ihm erlauben, die Hirnaktivität seines Gegenübers zu scannen. Leider ist das Aktivieren der Drüse auch sehr erschöpfend – dann hat Mandel einen „Neurokater“.

In einer Hightech-Zeit, in der Verbrechen von bezahlten Hackern per Computernetz verübt werden, in einer Zeit der Künstlichen Intelligenz ist Mandel derjenige, den man ruft, wenn es hart auf hart kommt, will heißen, wenn böse Buben üble Dinge tun. So auch, als ein Saboteur das mächtige Wirtschaftsunternehmen Event Horizon bedroht.

Nachdem die globale Erwärmung zahlreiche Küstenstädte hat absaufen lassen, wurde wertvolle Produktionskapazität in den Erdorbit verlegt. Event Horizon (wörtlich: „Ereignishorizont“) hat eine wichtige Orbitalfabrik für Chips, liefert aber 35 Prozent Ausschuss. Wie kann das sein? Der Sicherheitschef der Firma, Morgan Walshaw, rekrutiert Mandel im Auftrag seines Bosses, Philip Evans, um mal die Belegschaft der Fabrik auf Saboteure zu scannen. Evans lebt krank in seinem luxuriösen Schloss mit seiner hübschen Tochter Julie, die allerdings KI-mäßig aufgerüstet ist und Mandel durchaus folgen kann. Sie wird nach dem Tod ihres Opas Philip die Firma leiten.

Nachdem Mandel den Fall geklärt hat, geht der Spaß erst richtig los. Denn der Hintermann der Orbitaloperation ist Kendric di Girolamo, ein stinkreicher Freelance-Unternehmer, der mal mit Julie ein Verhältnis hatte. Kein Wunder, dass zwischen den beiden große Abneigung herrscht. Girolamo hat zudem Julies Freundin Katerina unter Drogen gesetzt und zu seiner Sexsklavin gemacht.

Und hinter Girolamos Angriffen auf Evans‘ Zentralcomputer steht die abgesetzte ehemalige Regierungspartei, die SVP. Das scheint eine Art linke Nazipartei gewesen zu sein, die das Land komplett in den zehn Jahren ihrer Herrschaft komplett herunterwirtschaftete, aber wieder zurückkommen will. Die SVP hat es zudem auf eine neue Erfindung Event Horizons angesehen: Der Gigaleiter könnte billige Energie an jedem Ort der Erde bereitstellen. Es könnten also auch noch andere Unternehmen dahinterstecken.

Mandel macht einen Hacker nach dem anderen dingfest, doch der Mann im Hintergrund hat noch ein As im Ärmel: Er nimmt Mandel und dessen präkognitive Gehilfin Gabriel gefangen. Es scheint ernst zu werden. Aber was wäre Greg ohne seine Eleanor? Und Julie ist ja auch noch da.

_Fazit_

Diese weiterentwickelte Kombination aus Cyberpunk und Actionthriller ist durchaus gut zu lesen und recht unterhaltsam. Lediglich die gewundenen Intrigen könnten etwas verwirren, etwa durch sehr viele Namen. (Ein Personenverzeichnis gibt es nicht.)

Hamilton hat sich außerdem so seine Gedanken über eine mögliche Zukunft seines Landes gemacht. Diese Visionen sind womöglich noch weitaus interessanter. Jeder Hackerfan aus dem grauen Cyberpunkzeitalter, jeder Ökofreund wird in dem Buch etwas für seinen persönlichen Geschmack finden. So viele Interessen bedient Hamilton, dass es schon wieder ein wenig suspekt und beliebig erscheint.

Ich habe mich in der Mitte etwas allein gelassen gefühlt, als der zweite Plot einfach nicht richtig in die Gänge kommen wollte und Personen wie Julie im Vordergrund standen. Diesen toten Punkt muss man eben überwinden, denn die letzten hundert Seiten sind Action und Spannung pur.

Gut fand ich aber, dass sich die Hauptfiguren aufgrund der Ereignisse weiterentwickeln: Julie, Greg, Eleanor. Das unterscheidet das Buch von reiner Massenware. Dennoch sind noch zu viele Klischees in der Figurenzeichnung zu finden: der kernige Greg, die sexy Eleanor, die unschuldige Julie, der weise (aber skrupellose!) Opa usw.

|Originaltitel: Mindstar rising, 1993
Aus dem Englischen übertragen von Thomas Schichtel|