Hammesfahr, Petra – Mutter, Die

_Halbe Sachen: Thriller ohne Schluss_

Ein Kind ist verschwunden, eine 16-jährige Tochter. An der Ungewissheit, ob sie davonlief oder entführt wurde, irgendwo verletzt oder tot im Wald liegt, zerbricht nicht nur die elterliche Familie, sondern auch die gesamte Dorfgemeinschaft.

_Die Autorin_

Petra Hammesfahr, geboren 1952, lebt als Schriftstellerin und Drehbuch-Autorin in Kerpen bei Köln. Der Durchbruch gelang ihr 1993 mit dem Roman „Der stille Herr Genardy“. Seither hat sie zahlreiche weitere Romane geschrieben, u.a. den Thriller „Die Sünderin“, der ebenfalls ein Bestseller wurde, und den mehrfach prämierten Krimi „Der gläserne Himmel“.

_Handlung_

Vera Zardiss, die Ich-Erzählerin, hat es sich gut auf dem Lande eingerichtet und ihr Glück scheint vollkommen. Mit ihrem Mann Jürgen, einem gut verdienenden und angesehenen Frauenarzt, ist sie in einen alten Bauernhof gezogen, hat das Haus renoviert, zwei wohlgeratene Töchter bekommen und zusätzlich noch Veras Eltern aufgenommen.

Doch Menschen entwickeln sich weiter. Die 18-jährige Anne hat zwar inzwischen einen netten Freund, doch die mittlerweile 16-jährige Rena ist seit ihrem 13. Lebensjahr eine Rebellin: Statt zu Hause hält sie sich am liebsten im unweit gelegenen Reitstall von Herrn Hennessen auf. Ihr ganzes Herz gehört dem ungebärdigen Hengst Matto. Doch ihre Eltern kaufen ihr nicht Matto, sondern eine Stute namens Bella. Eine weitere Zurücksetzung erlebt Rena, als sie feststellen muss, dass Matto nach England verkauft worden ist. Wenig später, während eines enormen Sturmes, verschwindet Rena spurlos.

Eine nächtliche Suchaktion verläuft ergebnislos. Ihr Fahrrad wird in der Nähe des Bahnhofs gefunden, jemand will gesehen haben, wie sie in einen VW-Kleinbus stieg – doch nix Genaues weiß man nich. Vera Zardiss ist kurz vorm Durchdrehen, ihrem kranken Vater geht es gar nicht gut.

Vera ermittelt ungeduldig auf eigene Faust, als die Polizeibeamten nicht weiterkommen. Was hat der unverheiratete Hennessen, der Rena zuletzt gesehen hat, zu verbergen? Ist es Zufall, dass in der fraglichen Sturmnacht eines seiner Pferde auf bestialische Weise getötet wurde? Hatte Rena noch Kontakt zu ihrer Freundin Nita aus der Drogenszene?

Verzweifelt geht Vera jeder noch so winzigen Spur nach, die ihre Tochter hinterlassen hat. Ihr Vater erleidet einen Herzinfarkt, nachdem er ans Telefon gegangen war. Nach und nach wird deutlich, dass sich hinter dem scheinbaren Familienidyll und der sonst so gemütlichen Dorfgemeinschaft eine wahre Hölle gegenseitiger Abhängigkeiten, Schuldzuweisungen und Verstrickungen verbirgt.

Wird Vera ihre Tochter je wiedersehen?

_Mein Eindruck_

Die Autorin, die aus Veras Blickwinkel erzählt, entfesselt einen Strudel von Beklemmung, Angst, Ungewissheit, tobenden Elementen, finsterer Vergangenheit und verborgenen Drohungen. Das ist alles ganz nett gelungen, so dass man sich zunächst nicht wundert, dass die Hauptfigur und ihre Familie nacheinander die Nerven verlieren.

Veras Suche liefert weitere Indizien, sie stößt auf zurückgehaltene Fakten bei ihrem Mann, ihrer Tochter, ihren Nachbarn und so weiter. Doch je mehr sich der Nebel lichtet, desto mehr falsche Spuren und unwichtige Nebenschauplätze tauchen auf. Das geht endlos weiter. Schließlich ist es dann schon egal, wenn die Drogenszene des Dorfes es mit dem Frankfurter Hauptbahnhof aufnehmen kann und dass die alten Nazis kein KZ aufmachen.

Das größte Manko der Handlung ist also, dass sie einfach keinen Abschluss erhält. Die Kardinalfrage, ob Renas Schicksal aufgeklärt wird, findet keine Antwort. Nachdem man dem Buch Stunden kostbarer Zeit geopfert hat, ist das schon eine herbe Enttäuschung.

_Unterm Strich_

„Die Mutter“ hat zwar die Anlagen und die Ausgangssituation eines Psychothrillers, der sich mit den Urängsten einer Mutter, die sich um ihr Kind beraubt sieht, befasst. Doch der Abschluss nach allen Leiden, Irrungen und Wirrungen fehlt: Alles ist auseinander gefallen – auch diese Geschichte.