Hand, Stephen – Texas Chainsaw Massacre

Travis County, ein von Gott und der Welt vergessener Landstrich im US-Staat Texas im brütend heißen August des Jahres 1973. Fünf junge Menschen sind unterwegs zu einem Rockkonzert in Dallas. Zuvor war man in Mexiko und hat dort billiges Marihuana gekauft. Kemper, der Fahrer und Besitzer des Vans, hat auch deshalb eine Abkürzung abseits des Highways gewählt. Seine Freundin Erin darf nichts von dem Schmuggel wissen; die junge Frau ist wesentlich „erwachsener“ als er und kann geistige Unreife und moralischen Schlendrian überhaupt nicht leiden. Aus anderem Holz sind Kempers Freunde Morgan und Andy geschnitzt, die den Spaß am Leben genießen. Ähnlich denkt Pepper, eine junge Frau, die man als Anhalterin auf der Straße aufgelesen hat.

Die Fahrt findet ihre abrupte Unterbrechung, als ein offensichtlich verwirrtes Mädchen dem Van fast vor den Kühler läuft. Es ist verletzt, steht unter Schock – und als es merkt, dass Kemper in die Richtung fährt, aus der sie kam, gerät sie in Panik, zieht einen Revolver und schießt sich durch den Kopf.

Das Quintett ist entsetzt. Mitten im Niemandsland hat man eine Leiche am Hals. Erin behält die Nerven und will die Polizei benachrichtigen. Gerade nähert man sich dem Dorf Fuller, wo Sheriff Hoyt seines Amtes waltet. Auf die jungen Leute wirkt er merkwürdig und verschlagen, aber als der Sheriff das Dope entdeckt, sind sie ihm ausgeliefert. Ohnehin sitzen sie längst in einer wohl geschmierten Todesfalle, wie Erin und Kemper bestätigen könnten, die inzwischen den vertierten Hewitt-Clan getroffen haben. Thomas, genannt „Leatherface“, ein durch Krankheit verstümmelter, wahnsinniger Mörder, zerlegt seine Opfer mit der Kettensäge in Stücke und verarbeitet sie zu Wurst. Den Besitz der so Verschwundenen reißen sich der Rest der lieben Familie und Hoyt unter den Nagel. Die Bande hat den Ort völlig unter ihrer Kontrolle; wohin die fünf Freunde sich auch wenden, finden sie nur das Grauen – und Leatherface, der sie mit knatternder Kettensäge erwartet …

Die Geschichte ist längst Legende, ihre Neufassung als Film war erfolgreich, das Buch zu diesem liest sich flott und anspruchslos – ein weiterer Horrorstreifen des frühen 21. Jahrhunderts also, gern gesehen/gelesen & schnell wieder vergessen? So einfach ist es nicht. Es steckt mehr hinter dieser ganz speziellen Story.

„Texas Chainsaw Massacre“ ist als Film von 2003 und erst recht als Buch zum Film von 2003 nur unter Berücksichtung der dreißig Jahre älteren Originalverfilmung zu interpretieren. Ohne das Wissen um Tobe Hoopers Klassiker, der sogar seinen Weg ins „Museum of Modern Art“ gefunden hat, erlebt man nur einen weiteren, handwerklich gut gemachten aber sicher nicht originellen Horrorfilm der „alten Schule“, d. h. brutal, blutig, ohne ironische Brüche, die das Grauen relativieren und leichter erträglich werden lassen.

Welches Grauen eigentlich?, fragt sich indes der Eingeweihte. Zu Recht, denn über kurze Momente einer jenseits des Ekels schwer verständlichen Verstörung kommt die neue „TCM“-Version nie hinaus. Da war der Vorgänger von ganz anderem Kaliber. Ausgerechnet im Buch zum neuen Film wird immerhin ein Aspekt deutlicher herausgearbeitet, werden Leben, Tod & Essen – drei Grundkonstanten und ihre gern verdrängte Nähe in den Mittelpunkt gerückt. Normalerweise sind „tie-in“-Romane nur Nebenprodukt einer Filmproduktion, die dem Enthusiasten ein bisschen zusätzliches Geld aus der Tasche locken sollen. Auch „TCM“, das Buch von Stephen Hand, ist sicherlich keine „gute“ Literatur im Sinne eines Buches, das mehr will als pure Unterhaltung, obwohl der Verfasser zumindest bemüht ist, mehr als die Nacherzählung des Drehbuchs abzuliefern.

Doch die ursprüngliche „TCM“-Story, wie sie Kim Henkel und Tobe Hooper 1974 ersannen, beinhaltete wie gesagt weit mehr als den lobenswerten Zweck, eine möglichst erschreckende Horrorgeschichte zu erzählen. Ob nun beabsichtigt oder zufällig: Die „TCM“-Schöpfer rührten an einem sehr empfindlichen Nerv der amerikanischen Gesellschaftsgeschichte. Mit Recht und Wirkung erinnert Hand daran in der von ihm verfassten Rahmenhandlung, die im Film von 2003 keine Rolle (mehr) spielt.

„TCM“ 1974 erzählte drei Geschichten, von denen diejenige über einige Teenager, welche unter die Menschenfresser fallen, die unwichtigste ist. Die eigentliche Beklemmung resultiert nicht aus den schockierenden Bildern, sondern aus der Tatsache, dass die „TCM“-Story genau dort spielt, wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist: auf dem Land, d. h. dort, wo jeder jeden kennt, man einander im Auge behält und hilft, nachts die Haustür unverschlossen lässt und auch sonst das Herz auf dem rechten Fleck hat.

So wird es von konservativen und natürlich reaktionären, aber auch von Tugendbolden und Tagträumern gern gesehen. Dass die Wirklichkeit ganz anders aussehen kann, belegte die unglaubliche Geschichte des Ed Gein (1906-1984), der zwischen 1954 und 1957 als Grabräuber und schließlich Serienmörder aktiv war und aus den Körperteilen seiner Opfer Masken, Kleidungsstücke, Möbel, Schmuck und Fetische bastelte. Diese „true story“ traf das zeitgenössische Amerika tief ins moralische Mark. (Wer’s mag, kann sich in Wort und Bild auf unzähligen Websites – z. B. http://www.crimelibrary.com/gein/geinmain.htm – über Mr. Gein und seine Gräueltaten informieren lassen.) Ed Gein war „einer von ihnen“. Dass solcher Horror unbemerkt überall nisten kann – damit hatte man nicht gerechnet! Dieses Wissen und das daraus resultierende Unbehagen prägten sich der Volksseele tief ein und sollten sie nicht mehr verlassen.

Der Fall Ed Gein beschäftigte nicht nur die Wissenschaft (und natürlich die Medien), sondern wurde auch Teil der Volkskultur. Zahllose Horrorthriller griffen die Geschichte mehr oder weniger akkurat auf. Zu den berühmtesten Beispielen gehören neben „TCM“ Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960 entstanden nach dem gleichnamigen Roman von Robert Bloch) und [„Das Schweigen der Lämmer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=354 („The Silence of the Lambs“, 1991 gedreht nach dem Roman von Thomas Harris).

Auf einer dritten Ebene handelt „TCM“ in der Version von 1974 von der Rache des hilflosen US-Establishments gegen die aufbegehrende, unkontrollierbar gewordene Jugend: Das alte Amerika schlachtet und frisst buchstäblich seine eigenen Kinder. „Heim“ und Familie der degenerierten Hewitts sind eine böse Parodie auf die traditionelle US-Familie à la „Father is the Best“. Das war er – bzw. der Sheriff, der Lehrer und jede andere Autorität einschließlich des Präsidenten der Vereinigten Staaten – 1974 eben nicht mehr. Drei Jahrzehnte später ist dies der Normalzustand, doch für die Zeitgenossen und hier vor allem die „Elterngeneration“ war dies neu und erschreckend. Wie sollte man junge Leute bändigen, sie „bestrafen“, weil sie sich keine politischen oder moralischen Vorschriften mehr machen oder nicht mehr nach Vietnam in den Krieg und in den Tod schicken ließen, sondern auf ihre Gedanken- und Handelsfreiheit pochten? Mit erbarmungsloser Härte durchgreifen und das „Übel“ mit Stumpf und Stil ausrotten, so argumentierten die Wächter der alten „Tugenden“. Tobe Hooper griff dies auf und steigerte entsprechende Wunschvorstellungen ins Groteske. Der Kritik fiel dies auf, die Zensur ignorierte es und stürzte sich auf die Gewaltexzesse – oder schob sie dies nur vor, weil auch ihre Vertreter sehr genau erkannten, worauf Hooper zielte?

Dreißig Jahre später wurde „TCM“ gezähmt. Wer den Film von 2003 sieht, mag das womöglich nicht glauben, weil es erneut sehr splatterig zugeht. Doch das ist halt nur Schau, wozu die wie gelackt wirkenden Bilder passen. Besser als Regisseur Nispel fängt Romanautor Hand den besonderen Geist des texanischen Hinterlandes ein. Hier gibt es kein weites, fruchtbares Land, das der US-amerikanische Pionier so schätzt. Travis County ist öde, einsam, von der Sonne verbrannt, in sich schon eine Falle, in der es keine Deckung gibt. Auch sonst ist alles verkommen und verrottet, was Amerika einst groß gemacht hat: „die Farm“, „der Laden“, „die Fabrik“ etc. Wenn etwas blüht, so sind es üppig wuchernde Nachtschattengewächse, die sich von der Verwesung nähren.

Wohl unbeabsichtigt überlebte interessanterweise genau das verquere Bild der Jugend die Neuverfilmung. In „TCM“ 2003 ist die werttreue, „vernünftige“, konservative Erin die einzige Überlebende. Sie kifft und säuft nicht, will von ihrem Kemper geheiratet werden, macht den „schwachen“, unmoralischen Freunden ständig Vorwürfe und hält sich auch sonst an die Regeln. Nur sie findet in der Krise die offenbar aus ihrer Gutmädchen-Seele erwachsende Kraft, sich dem Bösen zu stellen wie es dies verdient: mit noch größerer Gewalt als der Gegner sie aufzubringen vermag. Leatherface hat gegen eine Erin keine Chance. Er kann es nur mit ihren verderbten Begleitern aufnehmen. Die bekommen, was sie verdienen.

Dabei lassen sie es bloß locker angehen. Sie wirken bedeutend sympathischer als Erin, die freilich nach schwerer Kindheit und als werdende Mama – ein weiterer Grund, der die Regie moralisch verpflichtet, sie überleben zu lassen – die Prioritäten des Lebens anders setzt. Fatalerweise kann Buchautor Hand Kemper & Co. genauso wenig leiden wie Drehbuchautor Scott Kosar und Regisseur Marcus Nispel. Sie zeichnen ihre Opfer flach und ohne echten Bezug zum Zeitpunkt der Handlung – 1973 – nicht als „aufsässige“ Jugendliche, die als potenzielle Gefahr zu betrachten sind, sondern als zeitlos dumme Teenager, die gezüchtigt werden müssen. Leatherface kommt über sie, weil sie Gras rauchen, Rockmusik hören und es miteinander treiben. Das ist keine Provokation mehr, sondern Horrorfilmmoral von der Stange.

Der Glättung der 2003er „TCM“-Macher fiel auch der Hewitt-Clan zum Opfer. Tobe Hooper zeichnete ihn als schrecklich nette Familie, als Karikatur auf Ma & Pa & ihre braven Kinder. Leatherface tauchte als buchstäblich gesichtsloser Rachegeist, als das pure Böse aus dem Nichts auf. Kosar/Nispel und Hand wollen unbedingt „erklären“: Ihre Hewitts sind Wegelagerer, die es auf den Besitz ihrer Opfer abgesehen haben; Leatherface ist ihr Instrument, leidet unter einer entstellenden Krankheit und ist wahnsinnig im Sinne von krank. Das macht ihn nicht weniger mörderisch, aber es enthebt ihn der Verantwortung für seine Taten, die ihrerseits einen praktischen „Sinn“ ergeben. Dieses „Leatherface light“ bedauert man sogar ein bisschen und das kann sicher nicht im Interesse der „TCM“-Story sein.

In einem Punkt funktioniert „TCM“ 2003 freilich (als Film und als Buch) besser als der Vorgänger: Figuren wie „Old Monty“, „Luda May“ und vor allem „Sheriff Hoyt“ sind keine deformierten Monster, sondern wirken äußerlich vergleichsweise „normal“. Gerade das macht sie so gefährlich, denn sie können sich kontrollieren und das Netz schließen, an dessen Ende Leatherface lauert.

Über Stephen Hand ist nicht gerade viel herauszufinden. Der Mensch verschwindet hinter seiner Arbeit, die zunächst vor allem die Entwicklung von Brettspielen und Produktion von Computergames beinhaltete. Erst seit recht kurzer Zeit ist Hand auch als Romanautor tätig, wobei er sich auf Fantasy und Filmbücher spezialisiert. Aus seiner Feder stammt u. a. das Buch zum Gruselstreifen „Freddy vs. Jason“ sowie – wen wundert’s – eine Fortsetzung von „TCM“: „Texas Chainsaw Massacre II: Skin Freak“ (2004). Stephen Hand lebt und arbeitet in Südengland, wie der Klappentext zudem noch vermeldet.

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