Hanns Heinz Ewers – Die Topharbraut (Gruselkabinett Folge 151)

Die Verschwörung der Totengräber

Berlin 1913: Auf Wohnungssuche begegnet der Schriftsteller Dr. Gunther Lutzke dem unauffälligen Fritz Beckers, mit dem er sich fortan in eine Art Wohngemeinschaft begibt. Er ahnt nicht, dass der freundliche Mitbewohner hinter seiner Fassade etwas Grauenvolles verbirgt, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Der Autor

Hanns Heinz Ewers (1871-1943) begann ab 1901 zu veröffentlichen, zunächst Gedichte, dann Erzählungen, schließlich drei Romane, die ihn berühmt machten: „Der Zauberlehrling“ (1907), „Alraune“ (1911) und „Vampir“ (1921). Der mittlere Band dieser Frank-Braun-Trilogie, „Alraune“, wurde bis 1952 nicht weniger als fünf Mal verfilmt: erotisch, magisch, verführerisch. 1911 wurde der Roman sogleich von der Kirche verboten und infolgedessen umso populärer: 238.000 Exemplare bis 1922 sprechen für die Beliebtheit. Der vollständige und lizenzfreie Text findet sich hier: https://archive.org/details/alraunediegeschi00eweruoft (Faksimile).

Doch alle drei Frank-Braun-Romane, so die „Encyclopedia of Fantasy“, propagieren die Minderwertigkeit der nicht-teutonischen Rassen. Das ist wenig sympathisch. Ewers war Mitglied der NSdAP, wurde aber als Judensympathisant denunziert, so dass er vor Ausbruch des 2. Weltkriegs emigrieren musste. Er starb 1943 in den USA.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Dr. Gunther Lutzke: Matthias Lühn
Fritz Beckers: Michael Pan
Frau Paulsen: Beate Gerlach
Paul Haase: Rainer Gerlach
Aenny: Claudia Urbschat-Mingues
Paketbote: Patrick Bach
Dr. Martens: Eckart Dux
Jakob Laurenz: Horst Naumann
Frau Laurenz: Martina Linn-Naumann
Beermann: Sascha von Zambelly
Franz: Rolf Berg
Kutscher. Marc Gruppe
Prof. Köhler: Bodo Primus

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio, bei Advertunes und in den Planet Earth Studios statt. Die Illustration trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Im Berlin des Vorkriegsjahres 1913 sind Wohnungen knapp. Deshalb teilt sich Dr. Gunther Lutzke seine Wohnung auch notgedrungen mit dem bieder erscheinenden, aber geheimnistuerischen Fritz Beckers. Auch weil die Vermieterin Frau Paulsen ihnen einen Sonderpreis anbietet. Der Haken bei der Sache: Beckers muss jedes Mal, wenn er in seine Zimmer will oder diese verlassen will, durch die Zimmer, die Lutzke gemietet hat. Lutzke, ein Redakteur und Schriftsteller, trifft seinen alten Bekannten Paul Haase wieder, der überhaupt keine Bleibe hat. Da fühlt man sich als Mieter schon etwas erleichtert.

Erst nach 14 Tagen zieht Beckers spät abends ein. Er scheint ein Orientalist zu sein, schottet sich aber gegen weitere Neugier ab: Ein Hängeteppich separiert sein Vorderzimmer und zwei (!) Vorhängeschlösser sichern sein Hinterzimmer. Er scheint etwas zu verbergen zu haben. Das sagt auch Frau Paulsen, die versucht hat, durch Beckers Fenster zu spähen: Ein schwarzes Tuch hängt jedoch davor. Ob der wohl ein Falschmünzer ist, fragt sie scherzhaft. Auf jeden Fall ein falscher Fuffziger.

„Aenny Meier“

Lutzkes neue Freundin Aenny ist anwesend, als wieder mal eine Kiste für Beckers angeliefert wird. Sie kann ihre Neugier nicht zügeln und stemmt den Deckel der Kiste auf: tote Katzen! Als sie aufschreit, tritt Beckers ein und tischt irgendeine Lüge auf. Sie wird gehässig, und er macht, dass er sein Viehzeug in seine Wohnung schafft. Lutzke sorgt sich um Aennys schwaches Herz, das sie bei jeder Gelegenheit in Ohnmacht fallen lässt. Kaum sieht sie Beckers an, wird sie aggressiv und schimpft: „Du Hund!“, bevor sie umkippt. Beckers hat ein Spezialmittel: persischen Kampfer. Aenny erwacht und beginnt zu hyperventilieren, so dass ihr Herz stehenbleibt. Als Lutzke von Dr. Martens zurückkehrt, ist Aenny verschwunden.

In einem Alptraum stellt sich Lutzke vor, Aennys Körper würde von einem anderen Mann seziert werden. Beckers behauptet, etwas Ähnliches geträumt zu haben. Die Kommunikation mit der realen Aenny ist schwierig, denn sie erfolgt über ein Postfach. Er hat sie in der S-Bahn kennengelernt und sie einfach „Aenny Meier“ genannt. Dabei heißt sie wohl ganz anders. Sie verlangt schriftlich alle ihre Briefe zurück, und die schickt er ihr.

Eine seltsame Feier

Nach ein paar Monaten will Beckers auf die Insel Usedom zu seiner Tante ziehen. Vorher lädt er Lutzke zu einer sehr seltsamen Jubiläumsfeier ein: Lutzke müsse Trauerkleidung anziehen. Auf der Feier, die in einem Hinterhaus stattfindet, tragen die Gäste merkwürdige Galgengesichter, sind missgestaltet, wie etwa ein Einäugiger. Was werde denn eigentlich gefeiert, fragt Lutzke abgestoßen. Die Marke von 100.000, sagt Beckers, aber nicht, von was eigentlich. Als sich Beckers dünne macht, wird Lutzke klar, woran ihn das Ehepaar Laurenz erinnert: Sie sind Totengräber!

Das Wiedersehen

Monate später. Als Lutzke in Frau Paulsens Küchenschublade Aennys Medaillon findet, ist er verblüfft. Als er sie fragt, sagt sie, sie habe es in Beckers nunmehr leerem Zimmer gefunden und wollte es aufbewahren. Sieht Lutzke jetzt schon Gespenster? Als der Kollege Beermann ihn bittet, kurzfristig einzuspringen, um eine Reportage über eine Ausstellung im Museum für Naturkunde zu liefern, wehrt Lutzke erst ab, aber Beermann hat bereits zwei Eintrittskarten. Na also, und pronto liefern!

Es handelt sich um eine Ausstellung ägyptischer Funde, darunter nicht weniger als 33 Menschenmumien sowie eine sogenannte „Topharmumie“, erläutert Prof. Köhler: „sehr selten“. Die Topharbraut ließ sich nämlich lebendig einbalsamieren, um ihrem verstorbenen Mann ins Jenseits folgen zu können. Der Tod trat sehr langsam ein, denn die Prozedur war langwierig, doch die Braut sah dabei aus wie lebendig. Das verhüllende Tuch wird weggezogen, um die Topharbraut zu zeigen. Schwindel erfasst Lutzkes Bewusstsein: „Dass ist ja…!“

Der lachende Beckers fasst ihn stützend am Arm und führt ihn zur Seite. Er korrigiert Lutzke: „Einen Fritz Beckers hat es nie gegeben.“ Lutzke zischt: „Satan!“, doch „Beckers“ lacht nur und geht. Aenny hatte Recht, was ihn anbelangte. Doch es gibt noch eine letzte Sache, die Lutzke für seine verschwundene Freundin tun kann: Er steckt ihr das Medaillon zwischen die Mumienbinden und küsst sie zum Abschied auf die Stirn…

Mein Eindruck

Man merkt, dass der Autor von den Symbolisten Baudelaire und Th. Gautier sowie von Huysmans beeinflusst war. Der Einfluss des Orient wird durch die Figur Beckers eingeführt: Alles Mystische und Unerklärliche lässt sich auf ihn zurückführen. Das gilt nicht nur für tote Katzen und zwölf Kilo Moschus, sondern natürlich auch für Witwenmumien. Der „gesund“ empfindende deutsche Autor Lutzke wird in diese Machenschaften verstrickt, als er sich in die mysteriöse Frau verliebt, die er einfach „Aenny Meier“ getauft hat.

Als Aenny als Topharbraut als Teil der Mumienausstellung zurückkehrt, müsste sich Lutzke eigentlich fragen, seit wann sie schon tot gewesen ist. Der Krimikenner dürfte messerscharf kombinieren, dass es zwischen der Lieferung eines Sarges an Beckers und Aennys Verschwinden gewesen sein muss. Während sie bei Lutzke war und dabei mehrfach in Ohnmacht fiel, muss bereits die Prozedur ihrer „Topharisierung“ begonnen worden sein. Da Beckers offensichtlich der Zunft der Totengräber und Einbalsamierer angehört – sie die Jubiläumsfeier -, ist er dafür qualifiziert, Aenny ganz langsam ins Jenseits zu befördern. Aenny hat Lutzke in der S-Bahn offenbar keineswegs zufällig kennengelernt.

Das ist ja alles schön und gut, ergibt aber reichlich wenig Sinn. Denn Lutzke stürzt keineswegs à la Frank Braun ob des Verlustes von Aenny in Verzweiflung und Armut, sondern behält vielmehr Wohnung und Job. Er hat jetzt die gesamte Wohnung für sich allein, zahlt also die vollen 90 Reichsmark im Monat, die er sich zuvor mit Beckers teilte. Der Schaden mag zwar emotionell sein, doch offenbar kann Lutzke sein Manuskript, das Aenny so bewundert hatte, fertigstellen und dafür das Honorar einstreichen.

Die Bedeutung muss also auf einer anderen Ebene zu suchen sein. Dabei fällt auf, dass sich die Grenzlinie zwischen Tod und Leben verwischt: Leben im Tod kennzeichnet die Topharbraut Aenny, was ihre „Herzschwäche“ und Ohnmachten erklären würde. Die Grenzlinie ist identisch mit der zwischen Gesundheit und Krankheit. Beckers steht für den Betrug und für die Krankheit. Völlig zu recht nennt ihn Lutzke einen „Satan“.

Die Handlanger dieses Teufels sollen angeblich die Totengräber sein, die bereits den hunderttausendsten Fall feiern können – von was? Am Schluss wird es klar: Frauen werden zu Topharbräuten gemacht und Männer zu Zombies. Den Zweck dieser großangelegten Verschwörung kann man nur mutmaßen: Die „gesunde“ deutsche Gesellschaft wird von „nicht-teutonischen“ Elementen (= Juden?) zersetzt.

Die Folgen der Zersetzung werden im Hörspiel nicht dargestellt, sondern müssen aus der Geschichtsschreibung eruiert werden: Massive Skandale erschütterten die oberste Führungsschicht des Deutschen Reiches. Nur der Zensur gelang es, eine sofortige Revolution wie in Russland (1905ff) zu vereiteln. Offensichtlich dauerte das Fin de siècle schon 13 Jahr zu lange…

Hintergrund

Zitat aus dem O-Text über das Phänomen der Topharbraut, zitiert nach http://www.physiologus.de/g/gattentreu.htm:

>>Die Topharbraut, wie sie die ägyptischen Dichter nennen, begab sich mit großem Gefolge in die unterirdische Totenstadt, um ihren jungen Leib den schrecklichen Einbalsamierern anzuvertrauen. Diese machten mit ihr dieselben Manipulationen wie mit den Leichen, mit dem Unterschiede, daß sie sehr langsam dabei zu Werke gingen, um den Körper so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Im einzelnen ist uns die Art und Weise der Einbalsamierung noch wenig bekannt, wir kennen sie nur aus einigen, höchst mangelhaften Notizen Herodots und Diodors. Soviel aber ist sicher, daß die Topharbraut unter unerhörten Qualen lebend zur Mumie verwandelt wurde. Freilich, einen schwachen Trost hatte sie dafür: ihre Mumie vertrocknete nicht, sie blieb frisch wie im Leben und verlor auch nicht die leiseste Farbe.<<

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Gunther Lutzke wird als ganz vernünftiger Typ von Matthias Lühn dargestellt, doch der zwielichtige „Fritz Beckers“ ist ein Meisterstück der Darstellung seitens Michael Pan. Ihm gelingt es, dass der Zuschauer diesem Beckers doch wieder alles abkauft – und dann umso mehr enttäuscht ist. Aenny wird von der routinierten Sprecherin Claudia Urbschat-Mingues gesprochen, der deutschen Stimmbandvertretung von Angelina Jolie. Ich hätte eine jüngere Sprecherin erwartet, aber die Lady macht ihre Sache gut.

Ansonsten fällt in den Nebenrollen v.a. das Synchron-Urgestein Horst Naumann auf, der in den Gruselkabinett-Hörspielen ein Stammgast ist.

Geräusche

Eine große Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Papierrascheln, brechende Kistenbretter – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen in Interieurs wie Exterieurs zu vermitteln.

Die Musik

Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Stimmung sehr dezent von Szene zu Szene, bis sie in einem gruseligen Finale gipfelt. Eine entspannt klingende Klarinette eröffnet die musikalische Untermalung, ein trauriges Piano beendet sie. Immer wenn es gruselig wird oder etwas nicht stimmt, erklingt die Musik im Hintergrund, um Dissonanzen einzustreuen, die den Hörer verunsichern sollen.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt drei Hautmotive der Erzählung, nämlich die titelgebende Figur, ein Ankh-Kreuz, das für „Leben“ steht und die Göttin Bastet, verkörpert als schwarze Katze. Erklärt werden diese Mptive erst in der finalen Ägyptenausstellung.

Im Booklet sind die zahlreichen Titel des GRUSELKABINETTS bis Frühjahr 2020 verzeichnet. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Ab Herbst 2019:

150: Lovecraft: Herbert West, der Wieder-Erwecker
151: Ewers: Die Topharbraut
152: England: Das Ding
153: Storm: Bulemanns Haus
154: Hodgson: Tropischer Schrecken
155: E. & H. Heron: Flaxman Low – Der Geist von Baelbrow

Ab Frühjahr 2020:

156: O. Preußler: Krabat
157: A. Bierce: Das Auge des Panthers
158: A. Machen: Das innerste Licht
159: W. Hauff: Das kalte Herz
160: Denn das Blut ist das Leben
161: Heimflug

Unterm Strich

Lange weiß der Hörer nicht, um was es eigentlich in der Geschichte geht. Dass Beckers ein zwielichtiger Charakter ist, wird spätestens nach dem Fund der toten Katzen klar und weil Aenny ihn so verabscheut. Lutzke, der moralische Kompass der Handlung, ist dennoch keineswegs alarmiert und zieht erst die Notbremse, als Aennys Herz stehenbleibt und verschwindet. Es bleibt ein ungelöstes Rätsel, zu dessen Lösung auch die Totengräber-Szene nur wenig beiträgt. Nur soviel ist klar: In der deutschen Hauptstadt läuft etwas schrecklich schief.

Was das sein könnte, wird erst mit der Enthüllung der titelgebenden Mumie deutlich: Hunderttausende von lebenden Leichen bevölkern die Straßen! Zu welchem Zweck, muss sich der Hörer selbst zusammenreimen, aber es ist das letzte Jahr des Friedens vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ist eine weltweite Verschwörung im Gange und Berlin dabei nur das erste Opfer? Dann wäre der kommende Krieg eine Art „World War Z“.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Action sucht man hier vergeblich.

Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie Angelina Jolie (Urbschat-Mingues). Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln etwas Kino-Feeling.

CD: über 77 Minuten
ISBN-13: 9783785759998

Titania Medien

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