Harald Gilbers – Odins Söhne

Das geschieht:

Während sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende zuneigt, nimmt im vom Untergang bedrohten „Dritten Reich“ der Druck des Regimes immer weiter zu. Quasi im Todeskampf schlagen die Nazis rücksichtslos um sich und setzen offenbar alles daran, nicht nur ihre echten und eingebildeten Feinde, sondern auch die eigenen „Volksgenossen“ mit sich in den Abgrund zu reißen. Gleichzeitig fliegen die Alliierten, denen die Luftwaffe längst nichts mehr entgegenzusetzen hat, bei Tag und Nacht Bombenangriffe und legen ganze Städte in Schutt und Asche.

Immer absurder werden die vom Irrglauben an „Wunderwaffen“ und einem „totalen Krieg“, der von Halbwüchsigen und Greisen fortgesetzt werden soll, bestimmten Anordnungen des Nazi-Staates, der auch in der Auflösung zumindest in Sachen Terror die Fäden weiterhin fest in den Klauen hält. In den Konzentrationslagern arbeitet die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren, innerhalb der Reichsgrenzen legen Volks- und Sondergerichtshöfe Sonderschichten ein, um „Verräter“, „Defätisten“ und „Feiglinge“ zum Tode zu verurteilen.

In der Reichshauptstadt Berlin, wo sich Hitler in seinem Bunker verkrochen hat, tobt der Todeskampf besonders heftig. Ex-Kriminalpolizist Richard Oppenheimer gehört zu den wenigen Juden, die sich den Nazi-Häschern entziehen konnten. Unter falschem Namen versucht er das Ende des Krieges abzuwarten. Trotzdem unterhält er weiterhin Kontakt zu Hilde von Strachwitz, die dem Widerstand nahesteht. Deshalb sagt Oppenheimer seine Hilfe zu, als sich Hildes verstoßener Ehemann bei ihr meldet.

SS-Hauptsturmführer „Dr.“ Erich Hauser hat im KZ Auschwitz mit Menschen experimentiert und weiß, was ihm blüht. Er will sich absetzen und bietet wertvolle Medikamente im Gegenzug für Fluchthilfe. Der Deal platzt, kurz darauf findet man Hauser ohne Kopf und Hände, Hilde wird von der Gestapo als Mörderin verhaftet, und Oppenheimer beginnt ‚undercover‘ zu ermitteln …

Alltagsleben im freien Fall

Wer einmal eine Ratte in die Ecke getrieben und erlebt hat, wie der kleine Nager in aussichtsloser Lage vor selbstmörderischer Angriffslust förmlich explodiert, gewinnt zumindest ansatzweise eine Vorstellung von der Situation in Deutschland während der ersten fünf Monaten des Jahres 1945. Während das Land in Schutt und Asche versank, spielte sich eine bizarre Parodie des Alltagslebens ab. Harald Gilbers schwelgt in seinem neuen Thriller förmlich in entsprechenden Szenen. So fahren die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins nach jedem Bombenangriff umgehend wieder und bringen Menschen dorthin, wo sie in vielen Fällen nur noch so tun, als würden sie ihrem Beruf nachgehen, um nicht in letzter Sekunde an eine Front befohlen zu werden, die man bei Ostwind bereits hören kann.

Heute fällt es schwer, sich ein Leben unter solchen Umständen vorzustellen. Völlig unbegreiflich wird es, weil gleichzeitig ein Krieg tobte, den das sterbende NS-Regime gegen das eigene Volk führte, von dem es sich im Stich gelassen fühlte, das es für einen weiteren Tag sinnloser Herrschaftsfortdauer verheizte und das es für sein ‚Versagen‘ und seinen ‚Verrat‘ bestrafen wollte.

Freilich war die Mehrheit derer, die dem Regime angehörten oder von ihm profitiert hatten, nicht bereit, Verantwortung für das begangene Unrecht zu übernehmen. Erst recht wollten sie nicht als tote Nazi-Helden in Walhalla einziehen. Also begannen nicht gerade wenige NS-Größen in den letzten Kriegsmonaten mit dem großen Raffen und der Suche nach einem Schlupfloch. Dabei war Vorsicht geboten, denn das Regime fraß nun auch die eigenen Bastard-Kinder: Mitgefangen, mitgehangen, hieß die Devise.

Spiel auf Zeit

Horten für den Tag X, nicht auffallen, den eigenen Hals retten und womöglich ein Geschäft machen: Nur in diesem Umfeld kann ein Mann wie Oppenheimer darauf hoffen, dort unbemerkt und unbehelligt zu bleiben, wo ihn der Apparat eines einschränkungsfreien Nazi-Regimes längst aufgespürt hätte. Das Überleben und die Schilderung der seiltanzähnlichen Strategien, die dies ermöglichen, bilden einen der und womöglich den stärksten Handlungsfäden des Romans „Odins Söhne“. Die Spannung basiert auf dem von Gilbert glaubwürdig geschürten Moment der Unsicherheit: Nicht nur Oppenheimers falsche Identität wird immer wieder auf die Probe gestellt; eine Gefahr die überproportional steigt, als der Ex-Polizist inoffiziell zu ermitteln beginnt. Hinzu kommt die direkte Bedrohung durch einen Krieg, der auch hinter der Front tobt. Mehrfach gerät Oppenheimer in alliierte Bombenhagel, die ausgerechnet ihn, einen unschuldig Verfolgten, ebenso bedrohen wie seine Feinde.

Im Laufe von Jahren hat sich der ehemalige Kriminalist allerdings notgedrungen zu einem Überlebenskünstler entwickelt. Die Kenntnis der Stadt und ihrer Unterweltszene verhilft Oppenheimer zu einer Existenz quasi zwischen den Welten, wobei die Not für seltsame Bettgenossen sorgt: So wird ausgerechnet der „Schwere Ede“, ein Dieb und Schieber, dem Oppenheimer früher beruflich hinterher war, ein wichtiger Bundesgenosse.

Die Ironie ist dem früheren Kommissar wohl bewusst. Überhaupt hat sich Oppenheimer trotz schwieriger Lage seine (geistige) Integrität sowie einen Rest Widerstandsgeist bewahrt. Deshalb ist es ihm unmöglich, Hilde von Strachwitz im Stich zu lassen, als diese vor dem Volksgerichtshof landet, wo an ihr, einem Mitglied jenes Militär-Adels, der im Vorjahr versucht hat, Hitler zu töten, ein tödliches Exempel statuiert werden soll.

Stochern in Nacht, Nebel & Trümmerfeldern

Damit setzt die eigentliche Krimi-Handlung ein. Sie kann im Vergleich mit „Germania“, dem ersten Band um Richard Oppenheimer, leider nicht mithalten. Zu beliebig und ausfasernd ist der Plot um einen KZ-Arzt, der seine Regimeflucht ebenso heimtückisch wie geschickt einfädelt, wobei im Hintergrund ein grotesker Munkel-Orden Ähnliches versucht. Es fehlt definitiv ein Antagonist vom Kaliber des SS-Hauptsturmführers Vogler, der in „Germania“ ebenso interessant wie gefährlich mit Oppenheimer ‚zusammenarbeitete‘. Erich Hauser ist kaum präsent, und „Odins Söhne“ sind eher lächerlich als bedrohlich.

Das Aufleben obskurer „neugermanischer“ Möchtegern-Orden während des „Dritten Reiches“ ist zweifelsohne faszinierend, denn es belegt den Wahn eines Regimes, das sich sogar die Historie nach eigenem Gusto zurechtfälschte. Zu lebensgefährlichen Gegnern vermag Gilbers sie jedoch nicht aufzubauen. Unentschlossen tücken die genannten „Söhne“ im Ereignishintergrund herum, ohne Oppenheimer wirklich gefährlich zu werden. Dem vom Verfasser behaupteten Status als Gründungsspitze eines „Vierten Reiches“ werden sie niemals gerecht, und ihr Ende ist denkbar unspektakulär, was die unentschlossen schlingernde Handlung generell kennzeichnet.

Sie besitzt zu viele aber keine zentrale Ebene. Das Geschehen mag den Verlust jeglicher Realitätshaftung widerspiegeln, der diese letzte Kriegsphase kennzeichnete. Eine stringente Handlung ersetzt der Sprung von einem Ereignis zum nächsten aber nicht; diese Episodenstruktur kann die Geschlossenheit des Vorgängerromans nicht ersetzen. „Odins Söhne“ wirkt wie ein verlagsseitig vereinbarter und verlangter Nachklapp zu „Germania“, einem Roman, der zu Recht für Kritikerlob und Leserresonanz gesorgt hat.

Atmosphäre kontra Story

Immer wieder meint der Leser die Ratlosigkeit des Verfassers zu spüren: Welche Geschichte erzähle ich hier eigentlich, und wie kann ich sie über 500 Seiten tragen sowie zu einem stimmigen Ende bringen? Diese Entscheidung wird aufgeschoben und letztlich offengelassen: „Odins Söhne“ endet auf eine Weise, die eine Fortsetzung mehr als ankündigt. Soll Oppenheimer der nächste (und deutsche) Bernie Gunther werden?

Während die Spannung leidet und zwischenzeitlich durchaus auf der Strecke bleibt, kann Gilbers stilistisch ausgleichen. Er vermag Worte so zu setzen, dass man sie gern liest. Experimente gibt es nicht, hier wird nüchtern und sachlich erzählt. Ein wenig zu deutlich fallen dieses Mal aber die Rückgriffe auf historische Fakten bzw. Anekdoten sowie zeitgenössische Erlebnisberichte aus bzw. auf: Man merkt, wo Gilbers aus solcher Literatur – sie wird als Anhang aufgelistet – zitiert und paraphrasiert.

Ungeachtet dessen ist „Odins Söhne“ – obwohl in Berlin spielend – kein (historisierender) Regional-Krimi. Lokaleingeborene Sitten bzw. Eigenheiten sind Teil der Handlung, statt diese zu ersetzen. Plump-Klamauk fällt ebenso aus wie die Beschwörung nazideutschen Prominenz-Grusels. Gab sich in „Germania“ noch Propaganda-Minister Goebbels kurz die ‚Ehre‘, kommt „Odins Söhne“ ohne entsprechende Auftritte aus. Zwar spielt „Blutrichter“ Freisler eine wichtige Rolle, doch er wird nie eine direkt handelnde Figur. Nazi-mittelständische „Goldfasane“, Mitläufer und verwirrte „Volksgenossen“ bilden dieses Mal den realistischen Hintergrundchor für eine der Ziellosigkeit dieser Ära kurz vor der „Stunde Null“ entsprechende Story, die der Historie den Vorzug vor dem Krimi gibt. Da dies von der Werbung ignoriert wird, dürften der Kritik diejenigen Elemente, die eher gegen einen Thriller sprechen, ungleich stärker ins Auge stechen als die stimmungsstarke Beschwörung der prä-apokalyptischen Stille vor dem letzten und großen Sturm auf Berlin.

Autor

Harald Gilbers (geb. 1969) studierte Anglistik und Geschichte in Augsburg und München. Er arbeitete als Feuilleton-Redakteur beim Fernsehen und wurde später als freier Theaterregisseur tätig. Gilbers lebt in Erding.

Harald Gilbers im Internet.

Taschenbuch: 526 Seiten
www.droemer-knaur.de

eBook: 888 KB
ISBN-13: 978-3-426-42652-4
www.droemer-knaur.de

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