Harlan Ellison – Ich muss schreien und habe keinen Mund. Erzählungen

Klassische SF- und Phantastik-Erzählungen

20 Erzählungen von einem Provokateur der Phantastik. „Der Weltuntergang liegt bereits über einhundert Jahre zurück, ausgelöst durch einen verheerenden Weltkrieg von intelligenten Supercomputern. Die Überlebenden haben sich in einen unterirdischen Komplex geflüchtet, doch sie sind nun von einem solchen Computer abhängig. Dieser hat die Menschen unsterblich gemacht – um sie einer ewigen Folter zu unterziehen … Harlan Ellison beweist mit seinen Stories, wie schonungslos spekulative Literatur die großen Fragen der Menschheit aufzudecken vermag.“ (Verlagsinfo)

Von mir erst ab 16 Jahren empfohlen.

Der Autor

Harlan Ellison, geboren 1934 in Ohio, machte bereits früh im Fandom von Cleveland, Ohio, und New York City (ab 1955) von sich reden, schrieb höchst provokative und innovative Stories und veröffentlichte 1967 mit „Dangerous Visions“ eine der wichtigsten SF-Storysammlungen überhaupt.

Die Anthologie, der er weitere folgen ließ, erhielt vier wichtige SF-Preise und zog nicht nur deshalb große Aufmerksamkeit auf sich. Es sind vor allem die „gefährlichen Visionen“, mit denen er Widerspruch herausforderte – und mehr als genug bekam. Er wurde also in den sechziger Jahren mit bilderstürmenden und tabubrechenden Stories bekannt und zehrt noch vom damaligen Ruhm. Als Mensch ist er als einer der wütendsten und rücksichtslosesten Kritiker bekannt und gefürchtet.

Ellison war ein enger Freund von Robert Silverberg und zunächst auch von Philip K. Dick, denn beide fingen wie er in den fünfziger Jahren zu schreiben an und halfen sich gegenseitig. Mit Dick zerstritt er sich später – das wird in Lawrence Sutins Dick-Biografie „Göttliche Überfälle“ (1989) haarklein erklärt und ist sehr lesenswert – für SF-Fans.

Ellison ist einer der seltenen SF-Autoren, die sich schon früh, lange vor dem Cyberpunk John Shirleys („Stadt geht los“, 1980) und William Gibsons („Neuromancer“, 1984), für die amerikanische Großstadt als Themenfeld interessierten. Er sammelte zehn Monate lang praktische Erfahrungen als Bandenmitglied der „Barons“ in Brooklyn und verarbeitete sie wiederholt in seinen Werken, u. a. in „Rumble“ (1958).

Nach dem Wehrdienst lebte er in Chicago und ab 1962 in Los Angeles, wo er blieb. 1963 gelang es ihm, sich TV-Drehbuchschreiber zu etablieren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei schrieb er die Star-Trek-Episode „City on the Edge of Forever“ (1967), für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Er entwickelte eine eigene SF-Serie, „The Starlost“, die auf einem Generationraumschiff spielte. Sie wurde allerdings in Kanada produziert und das Skript derart massiv verändert, dass er seinen Namen zurückzog. Dennoch wurde er für das O-Skript ausgezeichnet. Die Serie überstand nur eine Season. In Ben Bovas Schlüsselroman „The Starcrossed“ (1975) lässt sich die ganze Affäre nachlesen.

Das Buch „Deathbird Stories: A Pantheon of Modern Gods“ (1975, revidiert 1984) ist eine der wichtigsten Storysammlungen Ellisons, doch wer die ultimative Form aller seiner Erzählungen – es sind mehrere hundert! – lesen will, sollte zu „The Essential Ellison: A 35-Year Retrospective“ (1987) greifen. Seine Story „A boy and his dog“ wurde 1975 mit Don Johnson in der Hauptrolle verfilmt.

1967 erschien „Dangerous Visions“ und 1973 „Again Dangerous Visions“. (Die dritte Anthologie, „Last dangerous visions“, war lange in der Planung und bis 1992 noch nicht veröffentlicht.) Diese Bücher ragten aus der Masse heraus, weil sie erstens ausgezeichnetes literarisches Material enthalten und zweitens wegen der persönlichen (und mitunter umstrittenen) Einführungen Ellisons. Dicks Story „Faith of our fathers“ soll nach Ellisons Worten unter dem Einfluss der populären Kultdroge LSD geschrieben worden sein. Dagegen verwahrte sich Dick aufs heftigste, denn er nahm nie LSD oder ähnliche harte Drogen, sondern lediglich Amphetamine und Antidepressiva.

Die Erzählungen

1) „Bereue, Harlekin!“, sagte der Ticktackmann (1965)

In einer Stadt, die dem absoluten Diktat der Uhr gehorcht, ist der Meister-Zeitvermesser, der Ticktackmann, der König. Er hat sogar Macht über Leben und Tod, denn wenn jemand zu spät kommt, bekommt derjenige Lebenszeit abgezogen, die in seiner Personalakte vermerkt wird. Jeder trägt eine Herzplatte, die der Ticktackmann zum „Abschalten“ des Betreffenden, der sein Zeitkonto überzogen hat, benutzen kann. Was nicht selten geschieht.

Nun tritt der Harlekin auf, der überhaupt nicht in den Akten verzeichnet ist. Durch seine Auftritte streut er Sand ins zeitliche Getriebe, so dass Zeitkontoverschiebungen entstehen. Wer ist dieser Kerl ohne Zeitgefühl? Und was soll man mit ihm tun, wenn man ihn erwischt?

Mein Eindruck

Der Geschichte ist ein Zitat aus dem berühmten Essay „Über zivilen Ungehorsam“ des amerikanischen Philosophen und Schriftstellers Henry David Thoreau („Walden“) aus dem 19. Jahrhundert vorangestellt. Demzufolge bilden Menschen, die ihrem Gewissen folgen, die Feinde der auf Zweckdienlichkeit und Immoralität ausgerichteten Gesellschaft. Das leuchtet ein. Der Essay ist auch allen Kriegsdienstverweigerern geläufig (sollte er zumindest sein).

Die Story wirkt trotz dieses hohen Anspruchs durch die Bezeichnungen wie ein Comic, etwa aus der BATMAN-Welt. Darin entspräche der Harlekin dem JOKER und der Ticktackmann wäre der Oberbürgermeister, jedenfalls ein Bürokrat. Seltsam ist jedoch die Unerklärtheit der Figur des Harlekin. Wir erfahren seinen Namen und den seiner Freundin, Alice, aber sonst nichts, außer über seine Aktionen.

Der „Harlekin“ weist als Aberration eine Zeitlosigkeit auf, die ihn zu einem nicht funktionierenden Rädchen und somit zu Sand im Getriebe des Ablaufs der Dinge macht. In einem Comic braucht er keine Geschichte zu haben, aber in einer ernstzunehmenden Verfilmung schon. Diese ist bis heute nicht erfolgt….

2) Die Stadt am Rande der Welt (1967)

Der Mörder, den ganz London als „Jack den Schlitzer“ kennt, wird im November 1888 aus seinem angestammten Jagdrevier gerissen uns Jahr 3307 versetzt. Dies ist ein seltsam sauberes London, in dem selbst die himmelhohen Gebäude aus Licht und Gedanken gemacht zu sein scheinen. Aber auch hier gibt es sündige Frauen. So etwa die blonde Juliette, die interessanterweise ein Messer unter ihrem Kopfkissen versteckt hat. Nach ihrem vorhersehbaren Ableben, erweist sich das Messer als vielseitiges Skalpell.

Eine Stimme hinter ihm lässt ihn innehalten. Der ältere Mann nennt sich der Großvater dieser Juliette, habe aber sein Werk mit Wohlgefallen verfolgt. Wie sonderbar! Er habe ihn, Jack, mit Hilfe seiner Reisemaschine hierher gebracht, um ihm zu helfen. Der erste Schritt besteht in der Säuberung vom Blut der Opfer. Oja, Juliette habe ihr Schicksal mehr als verdient, darum brauche sich Jack keine Gewissensbisse zu machen.

Das ist alles ganz okay, findet der Mann, den alle „Jack“ nennen. Bis die Gardenia-Frau aus dem Nichts auftaucht. Und mit ihr sechs weitere Stadtbewohner. Sie sagen, sie wollen „bilzen“, was auch immer das sein mag. Juliettes Großvater will diese Bagage aufhalten, doch zu spät: Im nächsten Augenblick sind diese Leute verschwunden und befinden sich in „Jacks“ Kopf! Und „Jack“ befindet sich wieder zurück im guten alten, schmutzigen London des Jahres 1888. Wieder verrichtet er sein gottgefälliges Werk und schickt Huren in den Himmel.

Doch als er erneut im Jahr 3307 finden die „Zuschauer“ in seinem Kopf seine Taten nicht mehr ergötzlich, wie sie sagen. Da packt ihn der Zorn: Nur als Marionette oder Gladiator benutzt worden zu sein, ist keineswegs gottgefällig. Wieder lässt er sein neues Skalpell sein segensreiches Werk verrichten. Solange, bis die Stadt aus Licht und Gedanke um Gnade fleht…

Mein Eindruck

Jack the Ripper als Marionette und Reality-Soap-Schauspieler zu benutzen, ist der ultimative Zynismus. Es hilft ihm leider auch nichts, die Zuschauer zu massakrieren, denn diesen Zug haben seine Marionettenspieler vorausgesehen und einkalkuliert… Er, der ein gottgefälliges Werk tun wollte, ist nun selbst sehr weltlichen Göttern ausgeliefert.

Die schwarzhumorige Erzählung stellt die Stabilität des Lesermagens auf die Probe, indem sie ein paar anschauliche Anatomie- und Sezierszenen an Frauen darstellt. Dass dabei das Blut in Strömen fließt, versteht sich von selbst. Zu vermerken bleibt, dass auch hier die wahre Identität „Jack the Rippers“ nicht enthüllt wird.


3) Ich muss schreien und habe keinen Mund (1967)

Fünf Menschen wandern seit 106 Jahren in einem weltumspannenden Computer, der vor langer Zeit zu militärischen Zwecken erbaut wurde, sich dann aber mit seinen Gegenstücken zusammenschloss und die Menschheit besiegte. Warum Ted (der Ich-Erzähler), Benny, Nimdok, Gorrister und – als einzige Frau – Ellen am Leben gelassen wurden, wissen sie nicht. Aber sie wissen auch so wenig, denn AM, der sadistische Supercomputer, lässt sie leiden und pervertiert sie.

Aus dem idealistischen Pazifisten Gorrister ist ein abgestumpfter Zyniker geworden, aus dem Intellektuellen Benny ein Halbaffe mit riesigem Gemächt, aus der Fast-Jungfrau eine willige Schlampe usw. Der Chronist Ted behauptet, er sei unverändert, aber seine Paranoia ist unverkennbar. Welchen Plan verfolgt der grausame Gott, den AM spielt?

Und welchen Grund hat er dafür überhaupt? Als AM offenbart, dass er die menschliche Rasse abgrundtief hasst, erkennt Ted die Hoffnungslosigkeit seines Schicksals. Er mag ja unsterblich sein, aber er ist nicht erpicht darauf, ewig zu leiden. Als er und seine Gruppe ins Land der Eishöhlen gelangen, erkennt er seine Chance und nutzt sie. Auch Ellen hat die Gunst der Stunde erfasst. Danach bleibt er alleine übrig.

Doch er hat nicht mit dem Einfallsreichtum der Maschine gerechnet. Er muss schreien, aber er hat keinen Mund…

Mein Eindruck

Die ganze Geschichte wirkt wie eine einzige Metapher – eine der Grundfunktionen von SF-Literatur. Die Grundkonstellation ist nahezu kafkaesk à la Philip K. Dicks „Irrgarten des Todes“: Niemand kommt hier lebend raus. Der SF-Dreh daran ist lediglich das Eingeschlossensein in einen weltumspannenden Computer. Das erinnert an die Grundidee in „Cube“: Eine Gruppe von Verdammten muss sich ihren Weg durch ein tödliches Labyrinth, den Cube, zur Freiheit erkämpfen. Der gravierende Unterschied bei Ellison: Die Verdammnis hat einen benennbaren Ausgangspunkt, nämlich den hasserfüllten „Gott“ AM, einen Militärcomputer, wie er Cyberdyne Systems aus „Terminator“ alle Ehre machen würde.

4) Zauberhafte Maggie Moneyeyes (1967)

Kostner ist ein beinahe total abgebrannter Typ in Las Vegas. Mit seinem letzten Silberdollar, seiner eisernen Reserve, gewinnt er jedoch an einem Einarmigen Banditen 2000 Dollar. Ein Glückstreffer, fragt sich Geschäftsleitung des Kasinos besorgt. Man läst den Glücksspielutomaten untersuchen – alles in ordnung, meint der Mechaniker. Kostner darf seinen Scheck abholen und den nächsten Silberdollar einwerfen. Er gewinnt wieder den Jackpot!

Jedesmal wenn der Jackpot kommt, sieht Kostner jedoch nicht drei schwarze Balken wie alle Umstehenden, die sein Spiel bewundern oder argwöhnisch beäugen, sondern drei blaue Augen. Drei wunderschöne blaue Augen, die ihn starren. Und eine Stimme spricht in seinem Kopf zu ihm. Die Stimme einer Frau, eine weiche, sanfte, verführerische Stimme, die von Maggie, dem Gängsterliebchen, das – wie Kostner später vom Casinobesitzer erfährt – vor sechs Wochen an eben diesem Automaten einen Herzinfarkt erlitt. Seitdem ist Maggies Seele darin gefangen.

Doch davon ahnt Kostner noch nichts, als er die Stimme hört. Sie wolle ihm helfen zu gewinnen. Er solle ein freier Mann sein und reich und sie werde immer bei ihm sein, o ja. Und in der Nacht, als er mit 38.000 Dollar in Schecks in sein Kasinohotelbett sinkt, kommt sie im Traum zu ihm, Maggie. Und in einem Wirbel aus Gedanken und Wünschen und Traumbildern gelingt es ihr, ihn zu überzeugen, dass er sie braucht. Und als er am nächsten Morgen frohgemut in den Spielsalon kommt, ist er siegessicher, steckt einen weiteren Silberdollar in den Einarmigen Banditen.

Doch da passiert das Unerwartete – er wird betrogen. Als letztes, als er bereits zusammenbricht, hört er eine Stimme in seinem Kopf: „Frei, endlich frei!“…

Mein Eindruck

Soviel zum Thema Seelenwanderung, Liebe und Glücksspiel. Maggie Moneyeyes, die Gangster-„Puppe“ (d.h. Liebchen), ist als Seele im Automaten gefangen und will verständlicherweise wieder heraus. Da sieht sie in Kostner ihre seit sechs Wochen ersehnte Chance, mit ihm den Platz zu tauschen.

Man könnte sie aber auch gut als Lady Fortuna ansehen, nur dass sie diesen speziellen amerikanischen Hunger nach Überleben und Streben nach Höherem aufweist. Sie will nicht wie ihre alte Mutter, eine Cherokee, beim Fettbrand im Trailer verbrennen. Sie will nicht von einem sizilianischen Gangster pervers missbraucht werden. Aber sie hätte nicht gedacht, dass sie mal an einem Herzinfarkt sterben und ihre Seele in einem Geldspielautomaten festsitzen würde.

Es ist eine typische Harlan-Ellison-Story: bissig, streetwise (er gehörte mal selbst einer Strapenbande an), satirisch und nur ein ganz klein wenig übernatürlich, gerade soviel, dass die Story unter dem Etikett „Science Fiction“ verkäuflich ist. Aber sie ist ein Kommentar auf den American Way of Life: Nichts gibt es umsonst, schon gar nicht einen Jackpot, der 19 Mal hintereinander kommt. Es gibt immer einen, der hungriger und schlauer ist als man selbst. Wo immer die Seele von Maggie jetzt sein mag, es ist besserer Ort als ein Glücksspielautomat.

5) Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe hinausschrie (1968)

Eines Tages wird William Sterog aus der Gegend von Baltimore zum Massenmörder. Was ist nur in ihn gefahren? Als der Richter ihn zum Tod in der Gaskammer verurteilt, ruft Sterog: „Ich liebe jeden in der Welt. Wirklich. So wahr mir Gott helfe. Ich liebe euch alle!“ Viel später findet es eine Expedition zu einem fernen Planeten merkwürdig, dort Billy Sterogs Statue vorzufinden…

Ein siebenköpfiger Drache wird auf einer malvenfarbenen Ebene von den Sonden der Jäger entdeckt und neutralisiert. Die Bestie findet sich in einem Labor wieder, dass von zwei Entitäten namens Semph und Linah bedient wird. Sie streiten ständig miteinander, wie sie am besten vorgehen sollen. Doch zunächst lassen sie den „Flux“ auf den Drachen los und was erscheint? Der Körper eines Mannes, bei dem es sich wahrscheinlich um Billy Sterog handelt. Wenig später beginnt der 4. Weltkrieg…

Mein Eindruck

Diese rätselhafte, mit etlichen Lücken versehene Erzählung scheint sich mit dem Gegensatz Nächstenliebe vs. Massenmörder zu beschäftigen. Dabei scheint der Autor nahezulegen, dass der Impuls, viele Menschen zu töten, außerirdischen Ursprungs ist – oder dies ist (mal wieder) eine Metapher.

Auf jeden Fall muss die Story Billy Sterogs Beteuerung erklären, er liebe alle Menschen, jeden einzelnen – auch wenn er sie gerne umbringen würde. Diese Beteuerung könnte unter der Bedingung wahr sein, dass er denkt, es gebe zu viele Menschen auf der Erde. Darauf wird jedoch an keiner Stelle eingegangen. Da die Gleichung nicht aufgeht, bleibt die Aussage ein Rätsel.

6) Ein Junge und sein Hund (1969)

Der Dritte Weltkrieg hat die Erdoberfläche verwüstet und an vielen Stellen radioaktiv verseucht. Immer wieder stoßen die Bewohner auf unterirdische Gebäude. Allzu oft hausen dort unten jedoch die Jauler, radioaktiv verseuchte Unwesen, denen man besser aus dem Weg geht. Es gibt durchaus „normale“ Überlebende, allerdings sind sie so zerlumpt und heruntergekommen, dass nur noch die elementarsten Bedürfnisse wie Nahrung, Sex und Gewalt befriedigt werden können. So etwas wie eine Schule hat man hier schon lange nicht mehr gesehen.

Der junge Mann Vic und sein Hund Blood ziehen solo durch die Stadt und gehen den Banden aus dem Weg. Vic, der Erzähler, ist schwer bewaffnet. Vic spricht dauernd mit seinem Hund Blood: Er kann die telepathischen Gedanken des eigens dafür gezüchteten Hundes empfangen. So verlangt er unter anderem von Blood, dass dieser für ihn „Miezen“ aufspüren solle, denn er habe schon sechs Wochen lang keine mehr flachgelegt. Blood sendet im Porno-Kino seinen Spürsinn aus. Da, eine Frau! Unfassbar – eine Mieze unter lauten Kerlen!

Vic hat Mühe, sie in ihrer Verkleidung auszumachen, doch dann folgt er ihr in das Labyrinth von Kammern unter der Erdoberfläche. Mit ihrer Nacktheit ist sie der ideale Köder für den ausgehungerten Jungen. Er verteidigt sie gegen den Spott des Hundes, dann gegen einen Angriff der Banditen aus der Stadt. Der Sex mit dem Mädel ist klasse, doch Vic muss es verteidigen. Das Mädchen, das sich Quilla June Holmes nennt und vom Untergrund geschwärmt hat, ist fort. Aber sie hat Zutrittskarte zurückgelassen…

Mit der Karte gelingt es Vic, den einzigen oberirdischen Zugang zum Reich der Unterirdischen zu öffnen. Kaum dort unten, in Topeka, angelangt, wird er gefangengenommen, abgeschrubbt, in Farmerkleidung gesteckt und dem „Komitee“ vorgeführt. Dieses Triumvirat herrscht ebenso tyrannisch über die Bevölkerung. Diese ergeht sich in den Zeremonien, die für die US-Kleinstädte der fünfziger Jahre kennzeichnend waren: Paraden, A-capella-Chöre, Kirchengesang, Bibelunterricht, Bürgerwettbewerbe usw. Das Komitee verurteilt Vic nicht zum Tod, sondern zu Besamung der Damen. Lichtmangel hat die Männer unfruchtbar werden lassen. Vic bringt „frisches Blut“ in den Genpool.

Diesen Job als Deckhengst hatte er sich eigentlich lustiger vorgestellt. Zum Glück befreit ihn Quilla June von seinem Martyrium der Langeweile. Allerdings hat auch sie ihre Pläne mit ihm, will sie doch die Tyrannei des Komitees durch ihre eigene Herrschaft ersetzen. Doch die Dinge entwickeln sich nicht ganz so, wie Quilla es erwartet: Er hat nur die Flucht an die Oberfläche im Sinn, wo der verletzte Hund auf ihn wartet, dem er bislang sein Überleben verdankt. Dort muss er entscheiden, ob er auf Blood oder auf Quillas Wünsche hört…

Mein Eindruck

Diese berühmte, vielfach ausgezeichnete und mit Don Johnson verfilmte Novelle ist ungemein lesbar. Die 60 Seiten lesen sich wie im Flug: Sex, Action, Konflikt, Satire – was will der SF-Freund mehr? Eines der Hauptthemen ist die Gegenüberstellung der zerbombten und verstrahlten Gegenwart nach dem Jahr 2040 (die Zeitrechnung der Übersetzung ist zweifelhaft) mit jener glorifizierten Vergangenheit der 1950er Jahre, als die Tyrannei der alten Männer und Frauen die Jugend unterdrückte.

Diese Vergangenheit existiert nur noch als streng bewachte Konserve. Ohne frisches Genmaterial von Männern wie Vic ist sie todgeweiht. Doch wo verläuft die Verbindungslinie zwischen den beiden Zeitabschnitten und Zuständen? Die Bezeichnung „Dritter Weltkrieg“ weist darauf hin: Der atomare Rüstungswettlauf hat schließlich doch zum Holocaust geführt, und die Tyrannen der 50er Jahre sind schuld daran. Sie haben pazifistischen Idealen der sechziger Jahre keine Chance gelassen, umgesetzt zu werden. Das Ergebnis sind Solo-Banditen wie Vic und für den Krieg gezüchtete Hunde wie Blood. In dieser Welt gibt es für Mädchen wie Quilla nur zwei Verwendungszwecke…

7) Hilflos Wind und Wellen ausgeliefert vor der Küste der Langerhansschen Inseln: 38° 54′ Nördliche Breite, 77° 00′ 13 Westliche Länge (1974)

Larry Talbot hat genug von seinem langen Leben. Es ist schon schlimm genug, nie die Gnade der Sterblichkeit erfahren zu dürfen. Aber dann auch noch bei jedem Vollmond wahnsinnig zu werden und am nächsten Morgen mit dem Fleisch eines unschuldigen Opfers irgendwo in der Stadt aufzuwachen, das hat er gründlich satt. Es muss einen Weg geben, diese Existenz zu beenden.

Als erstes findet er eine Möglichkeit, seine Seele zu lokalisieren. Da Kreaturen seines Schlags nicht wie andere Menschen eine Seele irgendwo ins Herznähe besitzen, muss sie woanders ihren Sitzen haben. Die höchst geheimnisvolle Gesellschaft Information Associates verschafft ihm diese ungewöhnliche Information auf äußerst diskrete Weise: in einem hübschen Umschlag. Die Koordinaten seines Seelensitzes sind genau vermerkt.

Das nächste Problem besteht natürlich darin, zu eben diesem Ort innerhalb seines Körpers zu gelangen. Er will ja schließlich bei Bewusstsein und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein, wenn es passiert. Er fragt seinen „guten Freund“ Victor, der ihm noch einen gefallen schuldig ist. Victor ist sowohl für seine ungewöhnlichen, ähm, „Experimente“ als auch außerordentlich große Computerkapazitäten einen gewissen Ruf genießt. Nach mehreren Ansätzen kommt Victor auf eine bemerkenswerte Lösung: Larry lässt eine Kopie von sich anfertigen. Sie ist kleiner als ein rotes Blutkörperchen und kann daher problemlos durch den Nabel in seinen Körper eindringen.

Nun gilt es, Kapitän Ahab zu spielen und den weißen Wal zu jagen oder besser gesagt: den Sitz seiner Seele – irgendwo in den Langerhansschen Inseln seiner Bauchspeicheldrüse…

Mein Eindruck (ACHTUNG, SPOILER!)

Diese wundervolle und mehrfach ausgezeichnete Novelle beginnt mit einem Zitat und läutet damit einen Reigen von Zitaten, Parodien und Reminiszenzen ein, der den Text für den Kenner der phantastischen Literatur zu einem kleinen Schatzkästchen macht. Man freut sich schon darauf, was als nächster Trivialmythos kommt. (Sorry, aber alle Quellen muss ich als bekannt voraussetzen.)

Der erste Satz wandelt Franz Kafkas „Die Verwandlung“ so ab, dass es Kapitän Ahab ist, der sich in einen riesigen weißen Wal verwandelt sieht, und nicht etwa Gregor Samsa, der nun als Käfer ein zum Tod verurteiltes Leben führen wird. Larry Talbot ist natürlich ein Werwolf, wie er im Filme steht: THE WOLFMAN aus dem Jahr 1941 heißt genauso (siehe dazu meinen Bericht). Er wendet sich an eine Geheimgesellschaft, wie es sie in jedem anständigen viktorianischen Thriller gibt.

Victor – das ist natürlich Victor Frankenstein höchstselbst, und dass er ungewöhnliche „Experimente“ vornimmt, dürfte sattsam bekannt sein. Hier beginnt der Übergang des Textes von der Schauerromantik zur Science Fiction. Vic miniaturisiert und kopiert unseren Helden, bis er wie in Asimovs „Die phantastische Reise“ in ein Mini-U-Boot gepasst hätte. Allerdings beginnt nun die Odyssee Larrys nach dem Muster von Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“.

Folglich ist Larrys Innenleben nicht etwa ein Durcheinander von Organen, sondern er muss wie weiland Ahab über eine unbekannte See zu den Inseln segeln, wo seine Seele auf ihn wartet. Dort erwartet ihn eine Überraschung: Erinnerungen an seine früheste Kindheit. Hier zitiert sich der Autor quasi selbst, nämlich seine Erzählung „Jeffty ist fünf“. Aber das ist ein Irrtum: Diese Novelle entstand 1974, „Jeffty“ – siehe unten – aber erst drei Jahre später.

Wie in „Jeffty“ führt diese Freud’sche Therapie in Prosa zurück zu den Anfängen, zu jenen goldenen Tagen, als die Welt noch wohlgeordnet war und erfüllt von den Wundern der Comics und Superhelden. Das wichtigste an dieser Reise ins Ich ist jedoch für Larry das Wiedersehen mit seiner Mutter. Ist sie das wirklich? Vic leugnet es vehement. Und doch führt dieser Moment zu Larry Erlösung – als Werwolf und als Sterblicher. Man sieht also: All die Reminiszenzen haben doch einen Sinn und ein Ziel.

8) Das Winseln geprügelter Hunde (1973)

Beth O’Neill stammt aus dem schönen Vermont, arbeitet und lebt jetzt aber in New York City, wo es am hässlichsten ist. Als eines Abends eine blutende Frau in den Innenhof ihres Mietblocks taumelt, schaut Beth fasziniert zu, als handle es sich um eine ihrer Choreografien. Doch als der Mann mit dem Messer auftaucht, wird aus der Szene unversehens ein Tanz des Todes. Der Mann sticht auf die auf dem Blumenbeet liegende Frau ein, bis sie nicht mehr zuckt. In den Fenstern der Wohnungen schauen die Mieter zu, wie das Schauspiel endet. Kein hat auch nur einen Finger gerührt. Auch Beth nicht. Aber sie hat in der Luft über dem Innenhof ein Gesicht bzw. ein Augenpaar gesehen…

Wenige Tage später spricht der junge Mieter Ray Gleeson sie im Aufzug an. Zunächst hat sie Angst vor ihm, doch dann freunden sie sich an und werden ein Paar. Aber er ist brutal beim Sex und benutzt sie lediglich. Doch er lehrt sie eines: das F-Wort zu benutzen, wo immer es sich anbietet. So setzt sie sich in dieser Stadt durch.

Eines Nachts ertappt sie einen Einbrecher in ihrer Wohnung. Als er sie angreift, um eine Zeugin zu beseitigen, weiht sie ihr Leben dem Gott, den sie seinerzeit über dem Innenhof ihres Blocks gesehen hat. Und siehe da: Der Körper des Einbrechers saust in hohem Bogen durch das geöffnete Balkonfenster und in die Tiefe. Dabei bleibt es nicht…

Mein Eindruck

Was anfängt wie eine x-beliebige New Yorker Kriminalerzählung mit realistischer Erzählhaltung, verschiebt sich zunehmend auf die metaphysische Ebene. Der Gott, dem Beth schließlich ihre Seele verschreibt, um ihm zu huldigen, ist natürlich das Wesen von New York City: eine fleischfressende Bestie, kein geprügelter Hund. Man merkt dem detailgenau erzählenden Text an, dass der Autor selbst einmal Mitglied einer Straßen-Gang war. Zartbesaitete Gemüter werden hiervon sicherlich sehr verstört werden.

9) Der Todesvogel (1973, HUGO Award 1974)

250.000 Jahre in der Zukunft ist die Erde leer und öde. Dennoch regt sich etwas. Im Herzen eines Vulkans schlummert der Körper von Nathan Stack, dem früheren Erben eines Industrieimperiums. Er wird aus seiner Magmablase durch ein mysteriöses Schattenwesen geweckt und geführt, bis sie an die Oberfläche gelangt sind. Dort ist es ziemlich garstig. Indem sie sich telepathisch verständigen, lernt Nathan, dass sein Führer den Namen Dira trägt und einer Rasse von Hütern angehört, die die Erde vor langer Zeit verlassen haben. Nur Dira hat noch einen Auftrag zu erfüllen.

Das Schattenwesen führt Nathan einen Berg empor, an dessen Spitze ein einsames Licht brennt. Wer kann es entzündet haben, fragt sich Nathan zu Recht. Dira, der ihn gegen allerlei Angreifer beschützt, verrät ihm, dass dort oben „Der Irre“ lebe. Und er habe es auf Nathan abgesehen. Als daher Nathan das Plateau vor dem Palast auf dem Gipfel erreicht, trifft ihn ein psychischer Angriff von großer Wucht. Dira feuert ihn an, sich dagegen zu wehren und endlich zu kämpfen… Und dann ist da noch der über allen kreisende Todesvogel…

Mein Eindruck

Doch so einfach macht es uns der Autor nicht, der für seine Provokationen und seine Raffinesse bekannt ist. Dieser recht mythologisch anmutende und auch so erzählte Text soll, so die Rahmenhandlung, als Diskussionsgrundlage für einen Abendschulkurs in Literaturkritik dienen, ja, sogar als Anregung fürs Schreiben eigener Aufsätze. Das ist zwar albern, ironisiert aber den scheinbar bedeutungsschweren Binnentext so schön albern, dass man sich fragt, wen der Autor eigentlich auf die Schippe nehmen will.

Dazu muss man herausfinden, um was es bei Nathans Geschichte geht. Nathan ist der sehr ferne Nachfahre von Adam, dem ersten Mann. Seine erste Frau war bekanntlich nicht Eva, sondern Lilith, die Herrin der Dämonen. Und wenn es um Adam geht, dann auch unweigerlich auch ums Paradies, die Hölle und den Baum der Erkenntnis, die Vertreibung – und Gott. Unschwer ist Nathan als Adam und Dira als Schlange zu erkennen. Wie sich herausstellt, spielt „Der Irre“ die Rolle von Gott. Es muss zu einer finalen Auseinandersetzung kommen, bei der es darauf ankommt, die Erde, Adams/Nathans Mutter, von Gott zu befreien und so zu erlösen. Dann können alle „nach Hause gehen“: Nathan, Dira und der Todesvogel.

Diese ziemliche ketzerische Aussage – es sei die Pflicht des Menschen, sich und die Erde von Gott zu befreien – wird schlau versteckt und verklausuliert formuliert. Natürlich kommt auch Nietzsches Spruch „Gott ist tot“ vor – als Diskussionsgrundlage für die Klasse. Leider ist durch dieses Hin-und-her die Story keineswegs lesbar, sondern selbst eine Denksportaufgabe geworden.

10) Ich suche Kadak (1974)

Alte Gebote sterben schwer. So etwa das jüdische, dass es zehn anständige Männer braucht, um die Totenwache für einen Verstorbenen halten zu können. (Diesen Deal handelte seinerzeit Abraham mit Jahwe in der Angelegenheit Sodom aus.) Doch nun ist ein ganzer Planet kurz davor, dem sicheren Schicksal entgegenzugehen: Er soll in eine andere Umlaufbahn verschoben werden – und das nicht mal für eine Intergalaktische Umgehungsstraße der Vogonen.

Jedenfalls haben die rechtgläubigen Einwohner, allesamt rechtschaffene Juden, damit besagtes Problem: Nur noch neun von ihnen sind übrig, die übrigen sind schon ausgewandert. Dass es sich bei ihnen um blauhäutige Riesenraupen handelt, hat nichts zu besagen. Woher also den zehnten Mann nehmen? Rabbi Jesaja bestimmt unseren Erzähler Evsise dazu, nach dem abtrünnigen Juden Kadak zu suchen. Einem Riesenschmetterling klagt Evsise in einer Bar sein Leid.

Wie sich herausstellt, hat Kadak nicht nur der jüdischen Religion entsagt, sondern auch vielen weiteren, die weder so rechtschaffen noch so sauber sind. Um Kadak zu finden, musste Evsise allerlei Demütigungen ertragen, darunter Unzucht mit einer andersgläubigen Schickse, die ihn nachgerade vergewaltigte. Von den Insekten verschlingenden Felsen wollen wir gar nicht erst anfangen, obwohl diese noch am meisten Verständnis für Evsises Mission übrighatten. Gerade therapeutisch, war diese Begegnung.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist der Schmetterling neben Evsise, den wir nun als besagten Kadak kennenlernen. Erneut gibt es einen Haken: Kadak ist erst seit zehn Jahren ein Schmetterling, ein jüdischer Mann muss aber mindestens 13 Jahre alt sein (nach seiner Bar-Mitzwah). Da aber verhelfen eifrige Flügelschläge Kadaks über dem Altar der Tempelschule Evsise zu einem Geistesblitz, der die Rettung für die Minjah, die Totenwache, bedeutet…

Mein Eindruck

Eine Erzählung mit viel Schmackes, Witz und Chuzpe. Dieser Evsise ist ein wahrer Schlemihl. Und wer mit diesen jiddischen Ausdrücken nichts anzufangen weiß oder sie ständig im DUDEN oder der Wikipedia nachschlagen muss, nu, der soll halt Zores mit dem Autor anfangen. Der Verlag hat sich ebensowenig wie der Herausgeber Mamczak dazu herabgelassen, ein entsprechendes Wörterbuch beizufügen.

Jiddisch zu verwenden, ist ein genialer Trick des Autors. Auf diese Weise gelang es ihm nämlich, alle Gojim-Zensoren an der Nase herumzuführen, die all die Schweinereien und Schlüpfrigkeiten (ich sage nur „Schickse“!) der Geschichte verboten hätten. Außerdem erlaubte es dem Autor, typische Verhaltensweisen der Juden – zumindest jener in den USA – durch den Kakao zu ziehen: obskure Gebote zur Totenwache, Bar-Witzwah, Beschneidung, Rechtgläubigkeit, das jüdische Verhältnis zu Frauen und Andersgläubigen, der Psychiaterfimmel (sehr New-Yorkerisch) und schließlich die Spitzfindigkeit hinsichtlich der Auslegung jener Gebote.

Wer an dem Jiddisch und der Alien-Anatomie vorbeisehen kann, dem wird die Story viel Vergnügen bereiten.

11) Croatoan (1975)

Im Jahre 1590 schlug sich der Leiter der britischen Kolonie Virginia nach Süden zur Kolonie North Carolina durch. Doch in der befestigten Siedlung Roanoke angekommen, entdeckte er dort keine Menschenseele, sondern nur das Wort CROATOAN, das in ein Stück Holz geritzt war. Die Indianer von Cape Hatteras bezeichneten eine Insel als Croatoa und sich selbst folglich als Croatoaner, doch was wurde aus den Siedlern von Roanoke? Hier erfahren wir es.

Carol muss auf sein Geheiß ihr Ungeborenes abtreiben. Denise und Joanna von der Abtreibungsklinik erledigen das für ihn ambulant in seiner Wohnung. Er packt das tote Baby in einen Plastiksack und spült es die Toilette hinunter. Wie all die anderen auch. Doch diesmal besteht Carol in einem hysterischen Anfall darauf, dass er dem toten Baby hinunter in die Kanalisation folgt. Na schön, ihr zuliebe, damit sie nicht noch mehr ausflippt.

Er hat sich schon immer unter der Erde, im Feuchten, Stillen und Dunklen, wohlgefühlt. Doch während er den Tunneln der Stadt folgt, passiert er Obdachlosen mit Fingerstummeln, leuchtende Flechten an den Wänden, Rattennester – und Alligatoren, welche von den Ratten leben. Einer dieser Alligatoren wird zu seinem Führer in die Unterwelt, und sobald sie eine Luke mit der eingeritzten Inschrift CROATOAN passiert haben, gelangt er in ein neues Reich. Hier leben seit Jahrhunderten die Kinder – und sie nennen ihn Vater…

Mein Eindruck

Dies ist eine der unheimlichsten Geschichten des Autors. Hier verarbeitet er das heikle Thema der abgetriebenen Föten, die keineswegs in einen strahlenden Himmel gelangen, sondern vielmehr in eine Art Vorhölle, die sich unter der Stadt erstreckt – eine Stadt, die alle Städte meint, auch das im 16. Jahrhundert gegründete Angoulême, wie das spätere New Amsterdam und New York zunächst hieß.

Die erste dieser uramerikanischen Städte war Roanoke aus dem Jahr 1590. Roanoke taucht immer wieder in der angelsächischen Literatur auf, oft in Verbindung mit einer gewissen Virginia Dare (etwa in Scotts Zyklus um Nicholas Flamel). Als habe es einen unsichtbaren Rattenfänger von Hameln gegeben, waren alle Siedler verschwunden, als der Virginier nach ihnen suchte.

Die unter der Erde lebenden Kinder sind zwar blind, haben aber eine enge Gemeinschaft gebildet. Sie haben die Vorliebe ihres Vaters für das unterirdische Leben übernommen, Alligatoren als Reittiere und Beschützer gewonnen. Und es gibt immer Nachschub…

12) Die bessere Welt (Strange Wine; 1976)

Willis Kaw ist Buchprüfer, einen sicheren Job, eine sichere Zukunft. Doch er hat seine Frau Debbie bei einem Autounfall verloren, sein Sohn Gilvan hat sich bei einem weiteren Unfall das Rückgrat gebrochen. Und nun fragt er sich, warum er so viel Leid ertragen muss, er, der in diesem schrecklichen, verfallenden Körper gefangen ist. Denn Willis Kaw genau, sagt er seinem Psychiater, dass er von einem Planeten hierher verbannt worden ist, auf diese Welt des Leids.

Eines Tages stirbt Willis Kaw, und seine Seele kehrt heim auf den Planeten Plydo, wo ihn der Konsul ehrerbietig willkommen heißt. Willis kann nicht umhin, sich ein wenig zu beschweren darüber, dass er auf jene Welt des Leids geschickt wurde. Der Konsul widerspricht ihm respektvoll: Nur die Erhabensten und Würdigsten des Volkes hätten das Vorrecht, jene blaue Welt zu besuchen, wo Willis weilen durfte – die Welt der Freude. Der Rest der galaktischen Völker jedoch müsse ein Leben in tiefstem Leid ertragen. Jetzt erkennt Willis, was er verloren hat und nicht zu würdigen wusste…

Mein Eindruck

Dies ist angewandte Kafka-Philosophie, jedoch durch Relativismus auf den Kopf gestellt. Bei Kafka werden bekanntlich (und die Geschichte zitiert dies) Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind, vor Gericht gestellt, für etwas, was sie nicht getan haben, etwa in „Der Prozess“. Franz K., der vor Gericht gestellt wird, teilt sich den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens mit Frank Kafka und Willis Kaw.

Durch Einführung einer weiteren Ebene, der Aliens, verliert dieses Szenario jedoch seinen Schrecken. Das Leid der Aliens ist nämlich noch tausendmal größer – und auch sie haben nichts verbrochen, wie Kaw erfährt.

13) Jeffty ist fünf (1977)

Don Horton wächst mit Jeffty Kinzer auf, seinem besten Freund. Zusammen lauschen sie den aufregenden Hörspielserien um The Lone Ranger, Captain Midnight und viele andere Helden der Kriegszeit. Doch aus kleinen Leuten werden schließlich große – nur Jeffty nicht. Er hat zwar die Körpermaße eines kleinwüchsigen 22-Jährigen, aber sein Geist ist immer noch der eines Fünfjährigen. Sein Freund Donny lässt ihn zwar nicht im Stich, aber seine Eltern sind das Inbild stiller Verzweiflung.

Das wäre alles nicht so wahnsinnig interessant, wenn Donny nicht eines Tages das Wunder entdecken würde, das Jeffty darstellt. In seinem Geheimversteck unter der Veranda des Elternhauses sammelt Jeffty immer noch Comics seiner Serienhelden – und sie sind aus neuester Produktion! Ebenso die Hardware wie etwa der „Codeograph“, den die Hörer von „Captain Midnight“ bis anno 1949 gewinnen konnten – und er trägt das Datum des aktuellen Jahres!

Nicht genug damit, gelingt es Jeffty auch, moderne Fortsetzungen der alten Hörspielserien auf seinem Radio zu hören. Donny beginnt zu weinen, als ihn diese Erlebnisse an die alten Tage seliger Unschuld erinnern, dabei ist er längst ein erfolgreicher Geschäftmann mit Familie. Zusammen schauen sie Fortsetzungen oder Neuverfilmungen alter Kinofilme, und an einem dieser Abende, als sie ins Kino wollen, vergisst Donny die Regel Nummer eins: Jeffty niemals der Gegenwart auszusetzen…

Mein Eindruck

Die wunderschöne und mit den wichtigsten SF-Preisen (Hugo, Nebula) ausgezeichnete Erzählung beschäftigt sich in ganz konkreten Bildern mit dem Thema Nostalgie. Jeffty ist ein Junge, der nicht nur aus der Zeit gefallen ist, sondern die Vergangenheit auch noch weiterspinnt. Sein Freund Donny, der Ich-Erzähler, muss sich damit auseinandersetzen, ob er seiner Nostalgie frönt oder doch lieber dem Fortschritt huldigt.

Die Gegenwart ist die tödliche Feindin der Vergangenheit, und dass er dies noch nicht gelernt hat und lieber der Gegenwart und dem Fortschritt (in Gestalt neuester TV-Geräte) huldigt, bringt seinem Freund Jeffty, der Verkörperung der Vergangenheit, den Tod. In einem unbeobachteten Moment wird Jeffty von Halbstarken zusammengeschlagen und schwer verletzt. Dann begeht Donny einen zweiten Fehler: Er bringt seinen Freund nicht ins Krankenhaus, sondern ins Haus seiner Eltern. Schon bald dröhnt Rockmusik aus Jefftys Radio. Rockmusik?!!…

Die beiden Helden sind keine direkten Alter Egos des Autors. Ellison wurde bereits 1934 geboren, war also fünf Jahre alt, als es „Captain Midnight“, der ab 1940 Heldentaten beging, noch gar nicht gab. Dennoch beschreibt er jene Kinderzeit ganz genau in vielen Details und vergleicht sie mit dem, was als „Fortschritt“ durchgeht. So wird die Lektüre für den Leser zur Entdeckungsreise. Tolle SF-Autoren wie Stanley Weinbaum und Henry Kuttner, die viel zu früh verstarben, leben hier wieder auf, und selbst Edgar Rice Burroughs schickt seinen John Carter von Barsoom zu den Monden des Jupiter – ein Fest für den Freund von wundersamen Zukunftserzählungen. „Jeffty ist fünf“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten in der Phantastik.

14) Das Nachtleben auf Cissalda (1977)

Als sie den Zeitreisenden Enoch Mirren aus seiner Kapsel holen wollen, wenden sich die Mitarbeiter der TrennZeit GmbH voll Ekel ab: Sein Penis steckt in einem widerlichen Ding, und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er das auch noch voll Wonne genießt. „Äh, ist dieses, äh, Ding männlich oder weiblich oder was?“, will einer der drei Wissenschaftler wissen. Es ist unmöglich zu sagen.

Die beiden sind auch unmöglich zu trennen. Erst nach drei Wochen können sie mit Hilfe von Ultraschall einen Rückzug des Fremdwesens veranlassen. Endlich ist Enoch Mirren ansprechbar. Er redet im Verhör vom Planeten Cissalda, so als wäre er dort gewesen, als er die alternative Zeit besuchte. Das „Ding“ ist ein Cissaldäer und mit telepathischen Kräften ausgestattet. Es habe sich per Teleportation in seiner Kapsel materialisiert, der Rest war eine Sache von Sekunden. Er habe sich nie besser gefühlt. Natürlich stecken sie ihn in eine Gummizelle.

Allerdings haben sie nicht mit den Cissaldäern gerechnet. Herbeigerufen von ihrem begeisterten Artgenossen („Hier lebt sich’s gut!“) bevölkern die sexhungrigen Cissaldäer schon bald alle Regierungsgebäude, Nachrichtensender, sondern Klöster und Kirchen. Es dauert nur Sekunden, bis sie einen menschlichen Partner gefunden haben und mit ihm Sex haben, bis der Arzt kommt. Die einzigen Wesen, die davon bleiben, sind Kakerlaken. Auch sexgierige Aliens haben eine Ekelgrenze.

Bloß Enoch Mirren nicht. Er hat seinen Anteil gehabt. Schon nach kürzester Zeit ist er der einsamste Mensch der Welt…

Mein Eindruck

Diese witzige und schlüpfrige Parodie nimmt die Idee auf die Schippe, dass sich die Welt retten ließe, wenn alle nur genügend Sex hätten. Die Cissaldäer bringen jedem (außer dem armen Enoch) soviel Sex er oder sie vertragen kann, doch das rettet die Welt nicht: Sie verliert sich bloß in sich selbst und verkommt zu einem Paradies der Egozentriker.


15) Zähl ich den Glockenschlag, der Stunden misst (1978)

Ian Ross hat den Trott in seiner Firma satt und macht Urlaub in Schottland, dem Land seiner Vorväter. Dort widerfährt ihm etwas sehr Sonderbares. Er setzt sich auf den Hang eines Hochlandtales und betrachtet das Kommen und Gehen von Wind, Licht und Sonne. Er, der gerade noch 34 war, ist unversehens 37 Jahre alt. Dann geht die Sonne unter, es wird Nacht, aber nicht richtig: Diese Dunkelheit ist eher ein dunkles Grau, in dem ihm schwankende Schatten begegnen.

Zuerst begegnet er hier einer verkrüppelten alten Frau, die ihm aber auch nicht sagen kann, welcher Ort dies hier ist. Nur eines weiß sie: Hunderte, ja Tausende sind hier, und nur wenige gelangen wieder hinaus. Sie jedenfalls suche den Ausweg. Nachdem sie verschwunden ist, begegnet Ian einem fröhlichen Mann mittleren Alters, der sich als Sir Julian Cowper, Alchimist und Metaphysiker, vorstellt. Der ist der erste Mensch, der ihm die Sache mit Ians Existenzwandel erklären kann. Aber was Julian von Chrononen und von vergeudeter, ungenutzter Lebenszeit erzählt, ist barer Unsinn, findet Ian und geht weiter.

Deshalb stößt er schließlich auf Catherine. Sie stammt aus Wisconsin, hat aber mit 32 weder Mann noch Kinder, sondern bloß einen Buchhalterjob in einer Spedition. Auch sie ist ein Opfer vergeudeter Lebenszeit, erkennt Ian. Nachdem sie sich zusammengerauft und miteinander geschlafen haben – es ist ihr erstes Mal – verlieben sie sich ineinander. Plötzlich stellen sie fest, dass sich ihre Körper in diesem Schattenreich auflösen…

Mein Eindruck

Der Titel ist ein Zitat der ersten Zeile aus dem 12. Sonett von William Shakespeare in der Übersetzung von Otto Gildemeister aus dem Jahr 1871. Darin beklagt der Dichter die Vergänglichkeit des Lebens, die lediglich durch die „Saat“, die man hinterlässt, aufgewogen werde. Dieser Gedanke spiegelt sich in der Geschichte wider. Ian und Catherine sind Schatten geworden, an denen das Geschehen in der Schatten-Welt spurlos vorübergeht. Erst als sie einander etwas bedeuten und also ihre Zeit nicht mehr vergeuden, kehren sie zurück in die reale Welt.

Die Geschichte ist eine Metapher auf eine mögliche Zivilisationskrankheit: Unterhaltung, Zerstreuung, hirnlose Jobs – nichts davon berührt den Strom des Lebens und der Zeit. Erst die Liebe kann diesen Zustand aufheben und dem Leben Bedeutung verleihen.

16) Der Wächter der verlorenen Stunde (1985, Hugo- und Locus-Awards 1986)

Billy Kinetta ist ein Vietnam-Veteran und trauert gerade auf dem Friedhof um einen gefallenen Kameraden der ihm einst das Leben rettete. Da sieht er, wie zwei Halbstarke einen alten Mann, der an einem anderen Grab seiner Verstorbenen gedenkt, überfallen. Sie haben ihn bereits auf den Boden geworfen, als Billy eingreift und die beiden verjagt. Er lädt den alten Mann zu sich nach Hause. Beide verbindet sie ihr Alleinsein.

Der sehr alte Mann, der sich Caspar nennt, entpuppt sich als ein wirkliches Original. Bildet er sich doch tatsächlich ein, er hätte die Verantwortung für die ganze Welt. Ist er vielleicht Gott? Das streitet der alte ab, aber was ist dann mit dieser sonderbaren Taschenuhr, die sich in die Luft erhebt, wenn man sie anfassen will? Sie zeigt immer elf Uhr, ganz egal zu welcher Tageszeit.

Nachdem sie schließlich Freunde geworden sind, vertrauen sie einander ihre Geheimnisse an, über Vietnam, über die Gräber. Eines Tages erklärt der sehr alte Mann Billy, was es mit der verbliebenen Stunde zwischen elf und zwölf auf sich hat. Er hüte sie wie ein Paladin, ein Wächter. Und er werde bald sterben…

Mein Eindruck

Dieses romantisch-sentimentale Stückchen Kitsch erzählt von einem Hüter der Zeit, der seine Aufgabe an einen mehr oder weniger würdigen Nachfolger überträgt. Ganz gleich, ob diese elfte Stunde aus dem 16. Jahrhundert, als der Kalender von julianischen auf den gregorianischen umgestellt wurde (elf Tage gingen verloren und wer weiß, wie viele Stunden), übriggeblieben ist: Sie bietet die Chance, wenigstens eine Minute der Ewigkeit für ganz persönliche Zwecke zu nutzen.

Der Autor spinnt sich hier ein hübsches Garn zusammen, das man sich sentimentaler kaum noch vorstellen kann. Immerhin lässt er ein paar Ansichten über Zeit, Zeitverlauf und die Bedeutung geretteter Zeit einfließen. Kein Wunder also, wenn die Geister der Toten zurückkehren. Dies ist mehr Fantasy-Grusel als Science-Fiction und dürfte sich v.a. an eine weibliche Leserschaft richten.

17) Das weiche Äffchen (1987)

Annie ist eine alte Frau, die auf der Straße von Downtown Manhattan lebt. Sie kuschelt sich in Pappkartons, Parkas, Kissen und alte Zeitungen, wnn sie sich in einen Eingang schmiegt. So wie in der Nacht, als sie einen brutalen Mafiamord beobachtet. Es sind vier Killer in einer schwarzen Limousine, die einen Mann in einem Cadillac Brougham stellen, zusammenschlagen und ihm Rohrreiniger zu trinken geben.

Doch der Mann erhebt sich ein letztes Mal und rast über die Straße, um die vermeintliche Sicherheit ds Kopierzentrums hinter Annie zu gelangen. Nun entdecken auch die Killer die alte Schwarze. Sie müssen die lästige Mordzeugin unbedingt erwischen. Sie erwischen ihr eigentliches Ziel und der Mann stirbt. Annie aber bleibt irgendwo im Kopierzentrum verschwunden, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sie klammert sich an die weiche Puppe, die ihr die Stadtverwaltung geschenkt hat. Sie hat sie „Alan“ getauft.

Doch die Jagd ist nicht vorüber. Immer wieder hört oder liest Annie von erschossenen Negerfrauen, die tot auf der Straße gefunden worden seien. Thanksgiving kommt und geht, Annie tötet einen der Verfolger, und es wird Weihnachten. Sie ist so froh, ihr weiches Äffchen zu haben, Alan.

Mein Eindruck

Die sehr anschaulich und spannend erzählte Geschichte von Annie, der verfolgten Stadtstreicherin und Überlebenskünstlerin scheint zunächst nichts mit Übernatürlichem zu tun zu haben. Doch was hat es mit dem titelgebenden „weichen Äffchen“ auf sich, fragt sich der Leser. Da ist von einem Wissenschaftler die Rede, der es geschaffen haben soll. Annie behandelt die angebliche Puppe, als wäre sie ihr eigenes Kind Alan. Objektive Realität und subjektive Wahrnehmung verschwimmen, wenn es um die Puppe geht. Eins steht fest: Die Sorge um das vermeintliche Kind flößt Annie den Mut ein, sich gegen die Verfolger zur Wehr zu setzen und auch den New Yorker Winter zu überleben.

Diese Geschichte basiert wohl auf Ellisons eigenen Erfahrungen in den Straßen Manhattans, als er noch einer Gang angehörte. Kein Wunder also, dass sämtliche Details sehr glaubhaft geschildert sind.

18) Warum wir träumen (The Function of Dream Sleep, 1988)

Lonny McGarth träumt davon, dass ein zähnebewehrter Mund aus seinem Körper erscheint und daraus ein kalter Wind weht. Um dem angsterregenden Phänomen – er sieht Bissmale auf seiner Haut – auf die Spur zu kommen, wendet er sich zunächst an seine Vertrauten. Doch die können auch nur konstatieren, was der junge Mann schon weiß: Er wurde Zeuge von einfach zu vielen Todesfällen um ihn herum und kann die Angst – ist er der Nächste, den es erwischt? – und den Kummer wohl nur durch diese schrecklichen Träume verarbeiten.

Er bekommt den Tipp, zu einer Gesprächsgruppe über den Traumschlaf zu gehen. Doch nur die Gruppenleiterin Anna Picket ist die gesuchte Koryphäe für den REM-Schlaf. Als sie ihn berührt, geschieht etwas Seltsames mit ihr: Sie scheint zusammenbrechen zu wollen. Nun macht er sich wirklich Sorgen. Sie bringt ihn zu ihrer eigenen Gruppe: ein Haufen verletzter, versehrter Frauen. Als diese ihn anfassen und in den Schlaf schicken, muss etwas noch Schlimmeres passiert sein. Als er nach Stunden erwacht, ist eine von ihnen verbrannt und zwei sind völlig verschwunden.

Um herauszufinden, was wirklich mit ihm los ist und wie er das abstellen kann, wendet er sich an einen Mann, vor dem Anna Pickett ihn streng warnt: Joseph Le Braz. Der ist ein freundlicher älterer Herr, der von einer Frau begleitet wird, deren verbrannte, unförmige Gestalt Lonny abstößt. Warum duldet der Hausherr solch eine Kreatur? Le Braz erklärt Lonny, was ein „Thanatosmund“ ist…

Mein Eindruck

Mann muss die Geschichte wohl zweimal lesen, um alle Ansichten, die der Autor hier über Traumschlaf und Tod äußert, auf die Reihe zu bekommen. Ich werde sie nicht verraten und die Spannung zerstören. Aber Lonny McGrath, „Mörder des Schlafes“ à la Macbeth, ist eine ganz besondere Person, wie sie laut Picket nur einmal unter Millionen vorkommt: ein Thanatosmund.

„thanatos“, das wissen klassisch gebildete Leser, ist das griechische Wort für Tod. Seine Aufgabe im Leben scheint darin zu bestehen, die Erinnerungen an die Verstorbenen zu verarbeiten und derern „Seele“ in einer Art Wind wieder von sich zu geben. Was davon Einbildung, metaphysisch oder real ist, bleibt jedem Leser selbst überlassen.

19) Der Mann, der Christoph Kolumbus an Land ruderte (1991)

Levendis ist der Agent einer unsichtbaren Behörde, der sein Tätigkeitsvermögen voll auskostet, und das in verschiedenen Epochen zwischen dem späten 15. und dem 20. Jahrhunderts. Er führt Paare und Familien zusammen, rettet die Opfer und bestraft die Täter. Er sorgt für die Erfindung und Verbreitung des Penicillins, hebt den IQ aller Amerikaner, senkt ihn aber gleich wieder. Er korrigiert inkorrekte amerikanische Geschichtsbücher und manipuliert selbst die Geschichte (siehe Titel), ja, selbst die Archäologie. Es bereitet ihm offenbar großes Vergnügen.

Allerdings übertreibt er es ein wenig mit der Anzahl der Tage des Oktobers: Am 35. ist Schluss, erklärt sein Chef und suspendiert Levendis vom Dienst. Wenig später ist er woanders wieder im Einsatz. Keiner kann auf Agenten wie Levendis verzichten.

Mein Eindruck

Wenn die aus 35 Puzzlestücken zusammengesetzte Geschichte eins belegt, dann die dass Historie und Story ein und dasselbe sind: eine Fiktion. Die Historie ist manipulierbar, wie die Taten des Agenten belegen. Und er kommt immer ungestraft davon, bis auf das 35. Mal.

Allerdings fragt sich der Leser doch, woher der Agent seine Legitimation bezieht, Opfer zu retten und Täter ins Jenseits zu befördern. Er ist kein Engel, der von den Menschenwesen respektiert wird, sondern manchmal eine lästige Begleiterscheinung. Ist sein ein göttliches Wesen, das nie selbst in Erscheinung zu treten braucht, so darf die Frage erlaubt sein, warum der Chef seinen Kram nicht selbst erledigt.

Wie auch immer: In dieser nach Manier der New Wave erzählten Kaleidoskop-Story bleibt ein ironischer Effekt nicht aus. Dieser rührt aus den hoffnungsvollen, aber aussichtslosen Anstrengungen des Agenten und den unbelehrbaren, sündigen Menschen her. Er täuscht die Menschlein mit Hilfe manipulierter Knochen, verfolgt eigene Pläne bei der Kolumbus-Landung und findet überhaupt so manches diebische Vergnügen. „Levendis“ ist das griechische Wort für jemanden, der Vergnügen am Leben hat.

20) Mephisto in Onyx (1993)

Der Telepath Rudy Pairis lässt sich von einer alten Flamme, die jetzt Staatsanwältin ist, dazu überreden, sich einen mutmaßlichen Killer anzusehen, der in der Todeszelle sitzt. Hat dieser Henry Lake Spanning tatsächlich die scheußlichen Morde begangen, für die er auf den elektrischen Stuhl kommen soll? Nur ein Telepath wie Rudy könnte die Wahrheit herausfinden. Rudy erlebt zu seinem Leidwesen eine böse Überraschung: Auch der Killer ist ein Telepath…

Mein Eindruck

Die Novelle wird in jenem Hard-boiled-Ton erzählt, der am besten zum Thema passt wie ein Film der Schwarzen Serie zu den Vorgängen im Chicago der 1930er oder dem L.A. der 1940er Jahre. Man denke an Hammett und Chandler. Der abgeklärte Rudy erscheint dem Leser, als könnte er mit allem Bösen unter der Sonne fertig werden. Umso größer sind Überraschung und Suspense, als sich der Killer als Rudy ebenbürtig erweist.

„Mephisto in Onyx“ ist eine effektvoll und stilsicher erzählte Serienkiller-und-Telepathen-Story, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Novelle wurde 1994 mit dem Bram Stoker Award der Horror Writers of America ausgezeichnet und ist dem Horrorautor Dean R. Koontz gewidmet.

21) Vorwort und Nachwort von Sascha Mamczak

Der Herausgeber der Heyne SF-Reihe stellt den Autor und dessen Werdegang vor, insbesondere die Eigenheiten, die Ellison charakterisieren. Natürlich läuft alles auf eine Verteidigung des Autors und das Lob seiner Werke hinaus. Zugleich sollte aber klar sein, dass mit diesem Buch wieder mal eine jener mittlerweile raren Storysammlungen vorgelegt wird, die umso löblicher ist, als Ellisons Werke immer mehr den Stempel „politisch inkorrekt“ aufgedrückt bekommen haben.

Die Übersetzung

S. 242: „die Steine, aus der die Festung erbaut war.“ Etwas stimmt hier nicht. Bei genauerer Beachtung der deutschen Grammatik erkennt man auch, was es ist. Korrekt muss es heißen: „die Steinen, aus DENEN die Festung erbaut war.“

S. 575: „Tuch, das um seinen großen Zehn geknotet war“. Nein, hier ist nicht die Zahl zehn gemeint, sondern ein hundsgewöhnlicher Zeh.

S. 137: Achtung, jetzt geht’s um Mathematik! Wer ist gut im Kopfrechnen? Gefragt sind Vics Alter und die Jahreszahl des Erzählpunkts. Der Autor gibt genaue Hinweise – die aber wohl vom Übersetzer verhunzt wurden.

A) „Er war 1948 gedreht worden, also vor 68 Jahren.“ 1948 + 68 = 2016.

B) „Der dritte Film war 1992 gedreht worden, 27 Jahre vor meiner Geburt.“ 1992 + 27 = 2019. Ah ja. Die Gegenwart soll also vor Vics Geburt liegen? Wie kann er dann von ihr erzählen? Etwas muss hier, mathematisch gesehen, schiefgelaufen sein.

Bedauerlich, dass ein so offensichtlicher Fehler in die Endfassung der definitiven deutschen Ellison-Anthologie Eingang gefunden hat.

Unterm Strich

Wollte ich die Lektürereihenfolge empfehlen, die der Ellison-Neuling abhaken sollte, würde ich mit „Hilflos Wind und Wellen ausgeliefert“ anfangen und dann mit „Jeffty ist fünf“ weitermachen, das ein wesensverwandtes Thema aufgreift. Beide Erzählungen verarbeiten trivialmythen, erst die europäischen der Schauerliteratur, wie sie von den Universal Studios in ihren Monster-Klassikern verarbeitet wurden – dann die Superhelden-Mythen der Comics.

Auch „Ein Junge und sein Hund“ ist eminent lesbar – und hat ebensoviel mit Film zu tun wie die beiden vorher genannten Erzählungen. Hier macht sich wohl der Drehbuchautor Ellison bemerkbar. Seine Novelle „Mephisto in Onyx“ ist seit 20 Jahren nicht mehr in deutschen Landen gedruckt worden, soweit ich informiert bin, und immer noch eminent spannend.

Umso bedauerlicher finde ich es daher, dass zwei recht bekannte und bei uns übersetzte Erzählungen keinen Eingang in die Auswahl gefunden haben: 1) Scherben (Shattered Like a Glass Goblin, 1968); und 2) Catman (vgl. „Kontakte“ bei Bastei-Lübbe). Auch der oben erwähnte schwere Rechenfehler belegt, dass an dieser Collection nicht alles Gold ist, was glänzt.

Für SF-Sammler ist das Buch natürlich trotzdem ein absolutes Muss.

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Broschiert: 672 Seiten
Info: Originaltitel: Best of Collection; aus dem US-Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453315570

www.heyne.de