Mo Hayder – Die Sekte

Auf einer einsamen Insel realisiert ein fundamentalreligiöser Fanatiker groteske ‚Auslegungen‘ der Bibel, bis ihn ein neugieriger Reporter aufstört, endgültig in den Wahnsinn treibt und den Plan eingibt, durch ein furioses Finale unvergesslich zu werden … – Der vierte Roman der für ihre bizarren, meist sexuell unterfütterten Mordszenarien bekannten Autorin ist ein gut erzähltes Garn mit deutlichen Horror-Anleihen, das in seiner zweiten Hälfte auszufransen beginnt aber gute Unterhaltung bietet.

Das geschieht:

Pig Island ist eine kleine Insel vor der Küste Westschottlands. Hier soll ein gabelschwänziges Ungeheuer umgehen. Die abergläubischen Einheimischen auf dem nahen Festland machen dafür die „Gemeinde für Psychogenes Heilen“ verantwortlich, die vor Jahren das Eiland käuflich erwarb und sich seither strikt von der Außenwelt isoliert hat. Sektenunwesen und satanische Riten werden den 30 Siedlern nachgesagt, und wenn die Strömung landwärts geht, schwemmt sie oft grässlich zerstückelte Schweinekadaver an den Strand.

Weil der Druck auf die „Gemeinde“ stetig stieg, lädt sie den Journalisten Joe Oakes ein. Er hat sich einen Namen als Erforscher angeblich übernatürlicher Phänomene gemacht. Auf ihn wird man hören, hoffen die Inselbewohner, die natürlich abstreiten, dass auf Pig Island Seltsames oder gar Verbotenes vorgeht. Oakes schlägt ein, denn er ist neugierig, den charismatischen Anführer der Sekte zu treffen. Mit Malachi Dove ist er schon vor Jahren einmal aneinandergeraten und will diesen Konflikt gern publicitytauglich aufleben lassen.

Auf Pig Island wird Oakes jedoch mit einer völlig unvorhergesehenen Situation konfrontiert: Dove hat seine Gemeinde schon vor Jahren verlassen und im Inneren der Insel eine schwer gesicherte Festung errichtet, in der er geheimnisvollen Experimenten nachgeht. Seine ehemaligen Gefolgsleute fürchten ihn, denn in manchen Nächten schleicht der weiter oben erwähnte Gabelschwanz umher.

Oakes gibt nichts auf die Warnungen der Gemeinde. Er verschafft sich Einlass in Doves Domizil. Der Hausherr ist verschwunden. Wie Oakes entdeckt, hat er seine Festung und Pig Island verlassen und ist auf das Festland geflüchtet. Er weiß sehr wohl, wer ihn in seinem Exil aufstören will, und gedenkt sich an Oakes zu rächen …

Die Insel als Ort des Schreckens

Die einsame Insel als Ort des Grauens ist eine Kulisse, die sich bewährt hat, weil der Ort des Geschehens in seiner Isolation eine Eskalation des Grauens plausibel macht. Deshalb wimmelt es in der Literaturgeschichte von Inseln, auf denen sich Seltsames abspielt. Dem Schriftsteller kommt ein solcher Ort entgegen, denn er ist übersichtlich. Das prägt auch für die Figuren. Weil eine Insel allseitig vom Meer umgeben ist, hat der Verfasser das Kommen und Gehen völlig unter Kontrolle. Für den Whodunit-Krimi ist die Insel deshalb ein idealer Ort, wie exemplarisch Agatha Christie 1939 mit „Ten Little Niggers“/„And Then There Was None“ („Zehn kleine Negerlein“/„Und dann gab‘s keines mehr“) unter Beweis stellte.

„Die Sekte“ ist allerdings ein Thriller von Mo Hayder. Sie hat sich mit ihren Romanen den Ruf erschrieben, erschreckende Geschichten mit gleich mehreren doppelten Böden zu verfassen. Deshalb ist das, was wir durch ihre Augen zunächst sehen, niemals das, was sich tatsächlich ereignet. Diesem Credo bleibt sie auch dieses Mal durchaus treu. Trotzdem hat „Die Sekte“ bei den Hayder-Fans für arge Verwirrung gesorgt, denn dieses Buch ist (scheinbar) anders.

Beginnen wir mit dem Titel: Der lautet im Original „Pig Island“, was die Handlung wesentlich besser umschreibt als die deutsche ‚Übersetzung‘. Zwar beginnt die Geschichte in der Tat mit einer Sekte, die sich jedoch rasch als reiner Aufhänger für eine gänzlich anders verlaufende Story entpuppt und sehr bald höchst blutig von der Bildfläche verschwindet. Es ist Pig Island, die Insel, die unsere Geschichte prägt, und (zunächst) vom Wahnsinn eines Mannes erzählt, der einst eine Sekte führte, sich jedoch längst von ihr getrennt hat und eigene Pläne verfolgt. Pig Island wird zum Symbol für den Ursprung des Bösen, das dort geboren wurde. Die Insel bleibt so präsent, als die Handlung sie noch vor der Hälfte des Romans verlässt.

Wahnsinn in Isolation

Typisch für Hayder ist es der menschliche Wahnsinn, der als Katalysator für das Geschehen wirkt. Malachi Dove hat den Verstand verloren, als er feststellen musste, dass der von ihm propagierte Glaube, von dem er ehrlich überzeugt war, nur ein Hirngespinst ist. Für diese Katastrophe hat er einen Schuldigen gefunden: Joe Oakes, der ihm vor vielen Jahren als Journalist eine empfindliche Niederlage bereitet hat. Oakes hat sich in Doves wirrem Hirn zur persönlichen Nemesis entwickelt. Als er auf Pig Island auftaucht, erreicht Doves Irrsinn ein neues Niveau. Er verlässt die Insel und bereitet auf dem Festland seine Rache als apokalyptisches Fanal vor.

Sehr raffiniert wirkt diese Story in der Zusammenfassung nicht. Sie ist allerdings als großes Täuschungsmanöver inszeniert, das die Leser mit einbezieht. Zur Erinnerung: Nichts ist bei Hayder, wie es zu sein scheint. Das wahre Monster ist nicht Malachi, und es zelebriert seine Rache an der Welt so raffiniert, dass Hayder es uns erst auf den letzten Buchseiten enthüllt. Leider wirkt dieser Twist ziemlich konstruiert. Es muss noch eine Überraschung kommen, denn das erwarten wir von einem Hayder-Roman. Die Autorin liefert sie uns, doch ihre Auflösung überzeugt nicht wirklich und wirkt wie eine Pflichtübung.

Nichtsdestotrotz passt „Die Sekte“ in Hayders Bibliografie. Es gibt erneut verstörende Momente, in denen diverse Dachschäden und Perversionen sehr plakativ zur Schau gestellt werden. Selbstverständlich reitet Hayder ausgiebig das für sie reservierte Steckenpferd, was bereits im Impressum der Widmungs-Hinweis auf die „Encyclopedia of Unusual Sex Practises“ ankündigt.

Emotion = Untergang

Für die Handlung bzw. für die Tarnung des eigentlichen Plots ist Hayders Entscheidung wichtig, die Story aus zwei Perspektiven zu erzählen. Diese Aufgabe übernehmen Joe und Alexandra Oakes, ein Ehepaar am Ende aller Gemeinsamkeiten. Joe ist ein Kind der Arbeiterklasse, das sich dort stets wohlgefühlt hat und sowohl beruflich als auch privat eher handelt als nachdenkt. Alexandra hat unter ihrem Stand geheiratet und ist im Laufe der Jahre so unzufrieden mit dem status quo geworden, dass sie sich in eine Romanze mit ihren Chef, einem berühmten Arzt, hineingesteigert hat, entlassen wurde und sich in psychiatrischer Handlung befindet. Sie ist keineswegs geheilt, ihre seelische Verwirrung wird durch die Pig-Island-Ereignisse noch verstärkt und läutet katalytisch den zweiten Teil der Tragödie ein.

Unfreiwillige Dritte im Bunde ist Angeline, die Malachis prominentestes Opfer wurde. Ihr tragisches Schicksal erregt Oakes‘ Mitleid, in das sich freilich Eigennutz und eine unkontrollierbare Obsession mischen: Angeline ist der lebende Beweis für seine Pig-Island-Story, die er in einen True-Crime-Bestseller umgießen will. Dafür wird er Angelines Vertrauen verraten und sie in der Öffentlichkeit bloßstellen. Außerdem fasziniert ihn die außergewöhnliche Behinderung, mit der Angeline geschlagen ist. Wie immer geht die Liebe – oder Begierde – bei Hayder seltsame Wege. Dass er Angeline gewaltig unterschätzt, wird Oakes erst klar, als es zu spät ist und Pig Islands wahres Monster und Opfer sich an denen gerächt hat, die es hassten, fürchteten und manipulierten.

Nur kurz lässt sich Malachi Dove selbst persönlich blicken. Seit jeher ist es ein kluger Zug, Bösewichte im Hintergrund zu belassen. So müssen sich auch in „Die Sekte“ die Leser aus bruchstückhaften Informationen ihr eigenes Malachi-Bild zusammensetzen, das stets eindrucksvoller ausfällt als die Realität: Schurken sind weder überlebensgroß noch genial, sondern primär deshalb erschreckend, weil sie die gesellschaftlichen Normen nachdrücklich ignorieren. Sobald sie ihre Übeltaten ‚erklären‘, erhebt die Banalität ihr langweiliges Haupt.

Letztlich kann „Die Sekte“ als schnell und schlüssig erzählte, nicht gerade elegant geplottete Unterhaltung überzeugen. Dass ein allzu komplexer Unterbau eine Geschichte ruinieren kann, hat Hayder mit „Tokio“ unter Beweis gestellt – einem Roman, der mit historischen, politischen und moralischen Grundsatzfragen auf realer Basis quasi hysterisch überfrachtet war, weshalb die Lesbarkeit weitgehend auf der Strecke blieb. Dies kann man der „Sekte“ nicht vorwerfen. Die Abgründe der menschlichen Seele bleiben dieses Mal überschaubar. Eine Steigerung des Grauens war selbst Hayder nicht mehr möglich. Sie hat die Notbremse gezogen und den Schrecken wieder begreifbar gemacht. Vielleicht ist sie dabei ein wenig zu theatralisch (oder filmisch?) aber nicht langweilig geworden!

Autorin

Mo Hayder (geb. 1962) hat als Schriftstellerin einen idealen Leumund zu bieten: einen kunterbunten Lebenslauf. Demnach hat sie die Schule mit 15 Jahren verlassen und sich u. a. als Barmädchen, Wachschutzfrau, Filmemacherin, Hostess und Englischlehrerin durchgeschlagen, wobei sie einige Jahre im asiatischen Ausland verbrachte. Zwischendurch hat sie an der American University in Washington DC Film und Kreatives Schreiben an der englischen Bath Spa University studiert.

Sie hat offensichtlich gut aufgepasst, denn schon mit ihrem Romandebüt („Birdman“, dt. „Der Vogelmann“) schaffte sie den Durchbruch. Diverse Buchpreise folgten, der Ekelfaktor stieg und erreichte 2004 in „Tokio“ seinen Höhepunkt. 2006 folgte mit „Pig Island“ (dt. „Die Sekte“) ein von der Kritik und den Lesern nicht mehr so enthusiastisch begrüßtes aber ungeachtet seiner Qualitäten von der Werbung gepushtes Werk.

Privat lebt Mo Hayder mit ihrem Lebensgefährten und einer gemeinsamen Tochter im englischen Bath. Über ihr Werk informiert diese Website.

Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: Pig Island (New York : Bantam Press/Transworld Publishers 2006)
Übersetzung: Rainer Schmidt
http://www.randomhouse.de/goldmann

eBook: 945 KB
ISBN-13: 978-3-641-13834-9
http://www.randomhouse.de/goldmann

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