Robert A. Heinlein – Die Invasion

Vom sechsten Mond des Saturn wollen schleimige Parasiten, die ihre Opfer übers Rückenmark ‚fernsteuern‘, die Erde erobern. Wackere US-Agenten sagen ihnen den Kampf an und setzen schließlich zum Gegenschlag im All an … – SF-Klassiker, der vor kaum verhohlener Invasions-Paranoia aus der Ära des Kalten Krieges nur so trieft. Ansonsten ein merkwürdig sprunghafter, d. h. spannender aber absolut unlogischer Reißer, der nostalgisch amüsiert und mit einigen guten Detaileinfällen unterhalten kann.

Das geschieht:

Im schönen US-Staat Iowa landen heimtückische Invasoren aus dem Weltall: schleimige, schneckenähnliche Parasiten, die sich ihrem menschlichen Wirt zwischen die Schulterblätter setzen, das Rückenmark anzapfen und die Hirnsteuerung übernehmen. Aus einem freien Bürger wird ein Sklave – eine entsetzliche Vorstellung für jeden guten US-Amerikaner!

Glücklicherweise gibt es in diesem großartigen Land eine gute Spionageabwehr; so geheim, dass nicht einmal der eigene Geheimdienst über ihre Existenz informiert ist. Starke Männer und auch Frauen arbeiten unermüdlich rund um die Uhr für die Freiheit der Heimat. Weil ihnen nicht das Joch schwächender Gesetze aufgezwungen wurde, wie es liberale Freidenker und andere verdächtige Zeitgenossen gern fordern, können sie allein effektiv der schleichenden Bedrohung entgegentreten.

Die Agenten Elihu und Mary reihen sich unter Leitung des unbarmherzig tüchtigen Andrew Nivens (Elihus Vater) in die Reihen der Verteidiger ein. Die Invasoren haben inzwischen Verstärkung aus dem All bekommen. Sie attackieren vor allem den Präsidenten und den Kongress, um so Amerika von oben her zu erobern. Aber die Verteidiger schlafen nicht. Als Elihu von einem Parasiten übernommen wird, kann man ihn fangen und aushorchen. Die Fremden scheinen eine Art Kollektivintelligenz zu sein; sie wollen oder können nicht verhandeln, sondern sind darauf geprägt, ihre Opfer zu übernehmen. So müssen die Menschen sie entweder vernichten oder untergehen.

Immerhin gelingt es, die Heimat der Unholde zu identifizieren: Auf Titan, dem sechsten Mond des Planeten Saturn, hausen sie. Dumm nur, dass es der Mensch so weit hinaus in den Weltraum bisher nicht geschafft hat. Jetzt wird er es versuchen, denn es droht der Tag, an dem die Erde von den Eindringlingen unterworfen worden ist …

Sie kommen! Was tun?

Die Invasion aus dem All ist eine Schreckensvision, die den Menschen begleitet, seit ihm die Existenz unendlich vieler Welten bewusst wurde. Was von weit draußen kommt, ist fremd, damit verdächtig und quasi zwangsläufig eine Gefahrenquelle: Seit jeher projiziert der Mensch seine eigenen Motive auf potenzielle Besucher aus anderen Welten. So ist „The War of the Worlds“ (1898, dt. „Krieg der Welten“), DER SF-Invasionsklassiker von Herbert George Wells (1866-1946), durchaus als sozialkritisch verkappte Kritik zu lesen: Hier sind es zur Abwechslung einmal imperialistische Marsianer, welche die Kolonie Erde ausbeuten wollen.

Auch Robert A. Heinlein möchte mehr aus eine spannende Abenteuergeschichte aus der (nahen) Zukunft vorlegen. Allerdings kann man ihn ganz gewiss kein liberales Denken vorwerfen. Heinlein war ein strikter Befürworter „demokratischer Diktatoren“. Eine mehrheitlich gewählte Regierung: gut und schön und ein Indiz für freie Bürger, aber in der Krise sollten doch besser nur einige wenige Spezialisten das Sagen haben. In unserem Fall führt das zur Existenz einer Spionageabwehr, die vor besagten Bürgern sorgfältig geheim gehalten wird (auch wenn sie dafür mit ihren Steuern bezahlen dürfen). Auch Heinleins abfällige Schilderung einer Kabinettssitzung, in der ein rasches Handeln gegen die Invasoren zu Tode debattiert wird, bis unsere markigen Helden die Schwatzbude aufmischen, sagt viel über sein chronisches Misstrauen gegenüber dem (verweichlichten) Establishment aus.

Kalte Krieger mit heißen Waffen

So muss es angeblich sein in dieser Welt, denn die Fechter für Frieden & Freiheit sind von erbarmungslosen Feinden umzingelt. Falsche Rücksicht und Pardon dürfen nach Heinlein nicht gegeben werden. Die eigentlichen Puppenspieler spinnen ihre Intrigen ohnehin nicht auf Titan, sondern im sowjetischen Kreml zu Moskau: US-Invasions-SF der 1950er und 60er Jahre ist stets auch die verschlüsselte Warnung vor dem roten, roboterhaften Feind, der die westliche Welt dem Sozialismus unterwerfen will. Der Kalte Krieg der Gegenwart wurde auch in der Unterhaltungsliteratur der Gegenwart geführt.

„Watch the Skies!“ heißt es denn sehr deutlich im Kinoklassiker „The Thing“ (1951; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“). Weitere Warner waren John Wyndham („The Midwich Cuckoos“; 1957, dt. „Kuckuckskinder“) Algis Budrys („Who?“; 1958, dt. „Zwischen zwei Welten“) oder Jack Finney („The Body Snatchers“; 1952, dt. „Die Körperfresser kommen“); alle diese Romane wurden verfilmt, nicht selten sogar mehrfach.

Rücksicht ist Schwäche

Als Geschichte ist „Die Marionettenspieler“ ein zwiespaltiges Vergnügen. Dies ist keiner von Heinleins Romanen für die Jugend, die mit heute nur schwer erträglicher Penetranz junge Leser zu kleinen Eierköpfen mit militärischen Qualitäten erziehen sollten. Hier geht es ‚erwachsen‘ und erst recht rüde zur Sache.

An sich sind flottes Tempo oder dramaturgisch begründbare Gewalt einem simplen Unterhaltungsroman förderlich. Heinlein hält sich nicht einmal mit einer Vorgeschichte auf. Er springt sogleich in die Handlung, die er mit simplen Mitteln vorantreibt. Seltsame logische Risse im Gewebe irritieren den Leser dabei sehr. Was sind das eigentlich für (armlose) Invasoren, die Raumschiffe bauen können und sich doch umständlich als Parasiten durchschlagen müssen? Ist es wirklich nötig, befallene Mitbürger vorsichtshalber mit der Strahlenpistole „niederzusengen“?

Dass ein ordentlicher Stromschlag oder ähnliche ‚Anregungen‘ in den USA sehr beliebt sind, um verstockte Gefangene (= Terroristen) zum Reden zu bringen, ist dagegen 1 : 1 aus der Realität übernommen. Denn merke: Der Feind schläft nie, und er hat keine Skrupel, die du folglich ebenfalls überwinden solltest!

Die Bedeutung der Hierarchie

Robert A. Heinlein ist gewiss kein Schriftsteller, der jemals seine Zustimmung dem politisch korrekt denkenden Zeitgeist geschenkt hätte. Das hatte er auch gar nicht nötig. Die meiste Zeit seines Lebens gehörte er dem Lager der Rechtskonservativen an, die seit jeher davon überzeugt sind, im Alleinbesitz des Schlüssels für das Paradies auf Erden zu sein.

1951 hatten sie politisch, wirtschaftlich und vor allem auch kulturell in den USA das Sagen. Die Konsequenz stellt Heinlein uns in seinem Mikrokosmos der „Puppenspieler“ vor: Junge, starke Menschenkinder füllen flink und ohne Fragen zu stellen Befehle aus, die ihnen kluge Leitbullen erteilen. Andrew Nivens, genannt „der Alte“, ist das Paradebeispiel des Heinleinschen „Führers“, der keineswegs faschistoid, sondern im Namen des gesunden Menschenverstandes auf seine Oberhoheit pocht.

Nivens würde sich niemals hinter seinen Untergebenen verstecken. Ihnen mutet er nur zu, was er selbst zu geben bereit ist. Freilich ist das stets mehr als man für menschenmöglich und vor allem -würdig halten würde. „Der Alte“ handelt nach der Maxime: Was sein muss, muss eben sein. Rücksicht kennt er um der Sache willen nicht. Er grämt sich um jeden Agenten, den er in einen Todeseinsatz schickt, hat aber nie Skrupel, das zu wiederholen. Der eigene Sohn ist davon nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Den jungen Elihu fasst der Vater erst recht hart an, denn mehr als dessen Tod im Einsatz fürchtet er den Verdacht der Bevorzugung oder Vetternwirtschaft.

Junge Helden an der Leine

Elihu selbst ist das perfekte Produkt seiner autoritären Erziehung. Fast blindwütig stürzt er sich in jede Gefahr, wenn ihm „der Alte“ (= das System) den Befehl dazu gibt. Muckt er mal auf, erteilt ihm Nivens Senior umgehend eine hochmoralische Lektion, die den Rebellen beschämt nachgeben lässt. Seine skrupellose Manipulation durchschaut er, aber er akzeptiert sie, denn Schmerz und Demütigung lassen sich ertragen, solange man sie für die gerechte Sache, sein Land oder sonstige andressierte Ideale erleidet.

Mary ist eine interessante Figur. Zwar tanzt sie genauso nach der Pfeife des „Alten“ (Wer sind eigentlich die wahren „Puppenspieler“ in dieser Geschichte …?), aber sie ist eine für die Entstehungszeit dieses Romans erstaunlich emanzipierte Person. Sie bringt den Helden nicht den Kaffee, sondern agiert an der Front mit – eines der verblüffenden Details, die mit dem Steinzeit-Weltbild des angeblichen Science Fiction-Visionärs Heinlein versöhnen.

Handlung im logischen Nirwana

Wann spielen die „Marionettenspieler“ eigentlich? Unsere Agenten jagen mit „Flugwagen“ durch die Gegend, später geht es auch ins All; es muss also irgendwann in einer nahen Zukunft zur Sache gehen. Andererseits schildert Heinlein Figuren in Umgebungen und Situationen, die selbst 1951 bereits altmodisch gewirkt haben müssen. Das mag daran liegen, dass spießbürgerlich geglättete Gesellschaften stets extrem rückständig wirken.

Insgesamt erschöpft sich der Unterhaltungswert im Miterleben eines nostalgisch angestaubten SF-Garns. „Die Marionettenspieler“ ist eine lohnende Lektüre für jene, die ein Standardwerk des Genres kennenlernen möchten. Ansonsten ist Heinlein wohl kein liebenswerter Zeitgenosse aber ein fähiger Schriftsteller gewesen. Er versteht sein Handwerk und überrascht immer wieder mit stimmungsvollen Szenen (sehr gelungen ist z. B. die Darstellung des ‚besessenen‘ Elihu Nivens) und (s. o.) originellen Einfällen.

Autor

Auf die an dieser Stelle übliche Kurzbiografie wird verzichtet. Robert Anson Heinlein (1907-1988) vorzustellen wäre in Kürze ohnehin unmöglich, und man kann a. a. O. des Internets leicht bereits existierende Infos über Leben und Werk finden. Die Quintessenz lautet: Heinlein gehörte ein halbes Jahrhundert zu den Größen der Science Fiction. Seine Karriere begann im „Goldenen Zeitalter“ noch vor dem II. Weltkrieg. Was die SF heute geworden ist, verdankt sie zu einem guten Teil diesem Mann. Fast dreißig Jahre blieb er einer ihrer Schrittmacher; dann begann ein unaufhaltsamer, trauriger Niedergang, aber das ist eine andere Geschichte.

Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: The Puppet Masters (New York : Doubleday 1951)
Übersetzung: Margaret Auer
http://www.randomhouse.de/heyne

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